Deus Ex: Invisible War
getestet von Heiko Schuster
Im Jahre 2000 landete eines der wohl ungewöhnlichsten, aber auch herausragendsten Spiele der PC-Geschichte in den Regalen. Mit einem nie da gewesenen Mix aus Action und Rollenspiel überraschte Deus Ex sämtliche Kritiker. Selbst in Nicht-Spielerkreisen sorgte es wegen seines Inhaltes und kulturellen Anspruches für Aufsehen. Sogar eine Theateraufführung im Staatstheater Kassel war geplant, scheiterte jedoch an Publisher Eidos, der lieber Columbia Pictures die Rechte für einen Film übertrug. Die Dreharbeiten an diesem Film wurden allerdings im Mai 2004 aus unbekannten Gründen eingestellt.
Sci-Fi Thriller
Deus Ex spielt in einer düsteren Zukunft unserer Realität und ist ganz klar im Bereich des Cyberpunk angesiedelt. Die Terror-Organisation NSF holt zum großen Schlag aus und das ausgerechnet während der Stunde der größten Not für die Menschheit. Der "Graue Tod", ein sehr gefährlicher Virus, hat bereits fast die gesamte Welt erfasst. Medizin, dass sogenannte „Ambrosia“ ist sehr knapp und nur den Reichen und Mächtigen vorbehalten. Kein Wunder also, dass ausgerechnet das „Ambrosia“ das Ziel der Terroristen ist. Überhaupt ist alles auf der Erde knapp geworden. Selbst die Wasserversorgung ist keine Selbstverständlichkeit mehr, in den einst so strahlenden und mächtigen USA. Von der Freiheitsstatue sind nur noch Trümmer übrig und die Städte sind zu einzigen Slums verkommen.
Der Auftrag scheint einfach: in der Rolle des nanotechnisch verbesserten Agenten J.C. Denton sollen Sie die Terroristen besiegen und die gestohlene Medizin zurückholen. Doch schnell kommen erste Zweifel an ihrem so ehrenvollen Auftraggeber, der UNATCO, auf. Stehen Sie wirklich auf der richtigen Seite?
Was relativ harmlos mit einem Einsatz auf Liberty Island beginnt, entwickelt sich bald zu einem wahren Sci-Fi-Thriller, wie er selbst in einem Roman oder Kinofilm nicht besser erzählt werden könnte. Keine Frage, Story und Atmosphäre sind die größten Stärken von Deus Ex. Der Spieler wird in ein Geflecht aus Lügen, Intrigen und Korruption verwickelt. Das Spiel greift einige aktuelle Verschwörungstheorien auf, die nahtlos miteinander kombiniert werden und eine der vielschichtigsten und besten Handlungen ergeben, die mir jemals in einem PC-/Videospiel untergekommen ist. Die Story hätte, trotz der Cyberpunk-Welt, ebenso gut vom "Thriller-König" Dan Brown sein können, so spannend und hervorragend ist sie inszeniert. Hier weiss man bald wirklich nicht mehr, wem man überhaupt noch trauen kann. Zum Schluss gipfelt die Geschichte in einem wahren philosophischen Dilemma, indem der Spieler über das Schicksal der gesamten Welt entscheiden muss. Philosophisches Dilemma deswegen, weil keine der drei zur Wahl stehenden Möglichkeiten das klassische Happy-End bietet. Sokrates und Platon hätten sich hier richtig austoben können. Mir jedenfalls viel die Wahl ziemlich schwer und am Ende hängt es ganz vom moralischen und ethischen Verständnis des Spielers ab, welche der Lösungen die Richtige ist.
Die Implantate
Standardimplantate
Licht: die Bezeichnung spricht wohl für sich
Infolink: "Standleitung" zu ihrem Auftraggeber
IFF: Integriertes Freund-Feind Informationssystem
Schädelimplantate
aggressives Defensivsystem: zerstört feindliche Raketen
Spionagedrohne: erkundet die Umgebung
Augenimplantate
Zielerfassung: verbessert die Treffsicherheit und liefert Infos
Sichterweiterung: Sie können weiter gucken
Armimplantate
Kampfkraft: effektieverer Einsatz von Nahkampfwaffen
Mikrofibralmuskeln: erhöht die Kraft
Torsoimplantate
Energieschild: verringert Feuer-, Elektrizitäts- und Plasmaschaden
Umgebungsresistenz: Schutz vor Strahlung
synthetisches Herz: verbessert alle Implantate
Energiezirkulator: senkt den Energieverbrauch
Regeneration: heilt Wunden
Aqualunge: erhöht die Lungenkapazität
Subkutanimplantate
Tarnfeld: macht Sie für Feinde und Kameras unsichtbar
Radartransparenz: Sie sind auf dem Radar nicht sichtbar
ballistischer Schutz: Schutz vor Schuss- und Stichwaffen
EMP-Schild: schützt Sie vor EMP-Waffen
Beinimplantate
Tempoerhöhung: Sie laufen schneller
lautloses Gehen: effektiveres Schleichen
Action-RPG
Deus Ex ist auch deshalb so besonders, weil es ein Mix aus Ego-Shooter und Rollenspiel ist, ohne dass eines der beiden Genres zu kurz kommen würde. In bester Shooter-Manier kämpfen Sie mit Waffen wie einem Sturmgewehr, einem Präzisionsgewehr, einer Miniarmbrust oder einem Kampfmesser gegen ihre Gegner. Dabei sammeln Sie Erfahrungspunkte, mit denen Sie zahlreiche Fähigkeiten wie den Umgang mit speziellen Waffenarten, die Taucherqualitäten oder die Hackerfähigkeiten verbessern. J.C. ist dabei kein vorgegebener Charakter. Zu Beginn des Spiels müssen Sie ihn erst einmal „erstellen“. Sie wählen aus fünf verschiedenen Gesichtern und verteilen ihre ersten Erfahrungspunkte auf die Fähigkeiten. Wie in einem guten Rollenspiel können Sie natürlich nicht alle Fähigkeiten, von denen ihnen insgesamt elf zur Verfügung stehen, optimal ausbauen, wodurch Sie sich spezialisieren müssen. Gute Hacker zum Beispiel umgehen einfach Passwortabfragen von Computern und Sicherheitsterminals und knacken Sicherheitssysteme mit den praktischen Multitools. Auch ihre Kampfweise können Sie beeinflussen. Der geübte Nahkämpfer schleicht sich leise an Wachen heran und erledigt sie dann mit dem Kampfmesser, während der Artillerist lieber zu Schweren Waffen wie dem Raketenwerfer greift.
So bleibt die Charakterentwicklung ganz ihnen überlassen. Ob J.C. Denton nun eine skrupellose Kampfmaschine á la Terminator ist oder ein lautloser Spion, ist ihre Entscheidung. Oder lieber doch ein futuristischer Hacker? Ganz egal, alles ist möglich.
Neben den Fähigkeiten haben Sie auch die Möglichkeit, verschiedene Nanoimplantate in vorgegebene Slots einzubauen und aufzurüsten. Pro Slot gibt es dabei verschiedene Implantate, von denen Sie aber nur eines nutzen können. So haben Sie zum Beispiel bei den Armen die Wahl zwischen einem "Kampfkraft-Implantat" und den „Mikrofibralmuskeln“. Dabei sollten Sie darauf achten, dass die Implantate immer zu ihren Fähigkeiten passen. Das Implantat "Kampfkraft" verbessert etwa ihre Fähigkeiten im Nahkampf, wodurch Sie das Kampfmesser, den Schlagknüppel oder die Brechstange deutlich effektiver einsetzen können. Die „Mikrofibralmuskulatur“ hingegen erhöht ihre Stärke, was sich beim Umgang mit Schweren Waffen wie dem Raketenwerfer deutlich bemerkbar macht, da J.C. ihn nun besser halten kann. Neben den drei Standardimplantaten (Infolink, IFF, Licht), bietet das Spiel die Möglichkeit, insgesamt achtzehn weitere Implantate in neun Slots einzubauen, von denen sich viele in vier Stufen weiter aufrüsten lassen. Damit die Implantate auch funktionieren, müssen sie mit natürlich auch mit Energie versorgt werden. Dies geschieht über Bioelektrische Zellen, die Sie immer wieder erneuern müssen. Dies ist quasi das "Mana" von Deus Ex.
Selbst die Waffen lassen sich weiter aufrüsten. Mit Erweiterungsmodulen erhöhen Sie z. B. die Reichweite oder Präzision ihrer Waffe. Auch ein Schalldämpfer lässt sich montieren, der gerade auf dem Präzisionsgewehr sehr gute Dienste leistet, wenn man mal mehrere Gegner aus der Entfernung ausschalten möchte.
Viele Wege führen zum Ziel
Für beinahe jedes Problem gibt es in Deus Ex mehrere Lösungen. Wenn Sie z.B. in ein abgeschlossenes Labor eindringen wollen, um dort etwa ein neues Nanoimplantat zu erbeuten, haben Sie die Möglichkeit entweder gewaltsam dort einzudringen, indem Sie die Tür einschlagen oder Sie suchen einfach einen passenden Schlüssel. Vielleicht lässt sich die Tür aber auch über ein Sicherheitsterminal von einem anderen Raum aus öffnen. Wenn die Tür per Codetafel gesichert ist, gibt es aber auch noch die Möglichkeit das Sicherheitssystem mit Hilfe eines Multitools zu umgehen. Egal wie Sie an ein Problem herangehen, Sie können nichts falsch machen. Dennoch sollten Sie ihre Vorgehensweise gut überlegen, denn jede ihrer Aktionen nimmt Einfluss auf das Spielgeschehen. Wenn Sie etwa im UNATCO-Hauptquatier auf die Damentoilette gehen, bekommen Sie dafür später von ihrem Vorgesetzten einen kleinen „Anschiss“. Tatsächlich ist es so, dass man das Spiel komplett schaffen könnte, ohne einen einzigen Schuss abzufeuern. Dafür müsste man aber wirklich jede Möglichkeit, die das Spiel bietet, perfekt ausnutzen können. Am Ende der Story bietet ihnen Deus Ex drei verschiedene Möglichkeiten das Spiel zu beenden. Alle drei Optionen sind sehr unterschiedlich und es lohnt sich, alle gesehen zu haben.
Insgesamt drei Mal habe ich Deus Ex nun durchgespielt, jedesmal mit der selben Begeisterung wie zuvor. Als ich es vor ein paar Jahren das erste Mal spielte, habe ich des öfteren so ziemlich alles in die Luft gesprengt oder weggeballert was mir in die Quere kam. Das zweite Mal habe ich überwiegend nach Lüftungsschächten, unterirdischen Katakomben und Geheimgängen gesucht und mich so an den meisten Wachposten vorbeigeschlichen. Und dieses Mal habe ich mich fast nur auf meine großen Computer- und Elektronikfähigkeiten verlassen, um Kameras und Selbstschussanlagen auszuschalten, verschlossene Türen zu öffnen und die gefährlichen Robots zu deaktivieren, bzw. Sie vor ihrer Deaktivierung erstmal ihre eigenen Soldaten ausschalten zu lassen. Auf diese Weise kann man oft den direkten Weg nehmen, ohne auf großen Widerstand zu treffen.
Realitätsnähe
Das Schöne an alle dem ist, dass es nie aufgesetzt oder künstlich wirkt. Stets hat man das Gefühl in einer echten Zukunftsversion unserer Realität zu sein. Dies liegt vor allem an der großen Komplexität, die im Nachfolger „Invisible War“ leider zum Teil heraus genommen wurde. Die meisten Schauplätze wie New York und Paris sind ihren realen Vorbildern nachempfunden und jede Situation des Spiels fühlt sich echt an. J.C. Denton entwickelt sich nicht nur in seinen Fähigkeiten und Implantaten immer weiter, sondern auch charakterlich. Zu keinem Zeitpunkt wird er zu einer einfachen und platten Actionfigur, sondern bleibt eine sehr starke Persönlichkeit, die sich bis zum Schluss immer weiter herauskristallisiert.
Deus Ex bietet darüber hinaus einen beeindruckenden Umfang an Literatur zur Nanotechnologie. Diese Wissenschaft wird über E-Mails, Büchern, Notizen oder Zeitungen dem Spieler näher gebracht und ziemlich genau erläutert. Diese Medien dienen auch dazu, die Spielwelt wirklich real und lebendig erscheinen zu lassen. So kann man Zeitungsartikel zur politischen Lage oder sonstige Nachrichten aus der Welt nachlesen, in E-Mails oder Notizen findet man Nachrichten von Leuten in großer Not an ihre Liebsten. Häufig weiss man bereits, dass dieses die jeweils letzte Nachricht war, die sie geschrieben haben, was einiges zur düsteren und beklemmenden Atmosphäre beiträgt. Neben solcher wissenschaftlicher Fachliteratur und persönlicher Nachrichten findet man häufig auch Auszüge aus klassischer Literatur von z.B. Shakespeare oder Goethe. Gerade dieser intelektuelle Anspruch wurde sehr viel gelobt.
Harte Action-Kost
Die Bedienung unterscheidet sich kaum von Spielen wie Half Life und Unreal, ist aber wegen des großen Umfanges und der vielen Funktionen oft etwas umständlich. Sie spielen aus der Ego-Perspektive und steuern mit Maus und Tastatur. Die Implantate werden über die Funktionstasten F3 bis F12 aktiviert und deaktiviert. Im Kampf kostet dies oft ein paar entscheidende Sekunden, wenn ich mal wieder zuerst gucken muss, mit welcher Taste ich das richtige Implantat aktiviere oder aber erstmal die richtige Funktionstaste finden muss. Die größten Schwächen liegen aber klar in der veralteten Grafik, die auf der alten Unreal-Engine basiert und der deutschen Lokalisation. Mit einer deutschen Sprachausgabe ist Deus Ex nämlich nicht erschienen. Lediglich deutsche Untertitel sind enthalten. Dafür lässt sich jedes Gespräch mit einem Druck auf F2 nochmal nachlesen, falls man etwas nicht verstanden oder mitbekommen hat. Wer dem Englischen aber einigermaßen mächtig ist, wird sich daran nicht stören, denn die englische Sprachausgabe ist sehr stimmig und trägt viel zur Atmosphäre bei. Außerdem wurde die deutsche Version nicht „entschärft“, wodurch – wie ich finde zurecht – keine Jugendfreigabe der USK erteilt wurde. Mit dieser Entscheidung, die deutsche Version zu lassen wie sie ist, haben Ion Storm und Eidos genau das Richtige getan, denn eine „Entschärfung“ hätte sicher einen Großteil der grandiosen Atmosphäre zerstört. Allerdings sind die Kämpfe auch auf dem einfachsten Schwierigkeitsgrad teilweise recht knackig, wodurch Deus Ex nicht unbedingt für Einsteiger geeignet ist.
Fazit
Der Vorgänger von "Invisible War" stellt seinen Nachfolger trotz deutlich schwächerer Technik in den Schatten. Durch die vielen Möglichkeiten und verschiedenen Wege das Spiel zu lösen, ist der Wiederspielwert sehr hoch und dank der Komplexität ist Deus Ex nicht nur was für Action-Fans. Auch Fans von Rollenspielen kommen durchaus auf ihre Kosten. Einziger großer Wermutstropfen bleibt die fehlende deutsche Sprachausgabe. Wer sich also nicht an der altbackenen Grafik stört, den erwarten viele Stunden Spielspaß und pure Spannung. Hohe Suchtgefahr!
Links:
:: "Deus Ex" bestellen
:: Test: Deus Ex 2 - Invisible War
:: Deus Ex Fanseite
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