Inhalt & Kritik
von Thomas Harbach
Auch wenn Don Siegel es ihm nachhinein bedauert, dass der Regiedebütant Totten schließlich aufgrund der Konflikte mit Richard Widmark das Handtuch geworfen, seinen Namen von der Produktion genommen und Don Siegel schließlich den Film fertig gestellt hat, ist der 1969 entstandene Western „Death of a Gunfighter“ ein klassischer Siegel- Film. Er nimmt sehr viele Motive aus dem wenige Jahre später entstandenen „Dirty Harry“ vorweg und ist im Grunde der ultimative letzte Edelwestern. Der Sheriff stirbt nicht mehr im Zuge seiner Pflichterfüllung, seine Gegner sind nicht mehr Schurken, vor denen die Stadt zittert und die er schließlich in einsamer stoischer Beharrlichkeit tötet, bevor er ein neues Leben beginnen kann – „High Noon“-, in „Frank Patch- Deine Stunden sind gezählt“ sind die Gegner des Sheriffs die vordergründig so ehrbaren Bürger, für die der lebende Anachronismus den Fortschritt und damit den Kapitalismus behindert. So ist es auch kein Wunder, dass am Ende die in ihrer Loyalität so flexible Klasse des Bürgertums aus dem Hinterhalt den Sheriff erschießt. Hätte das Drehbuch Richard Widmark ein wenig zugänglicher charakterisiert – die Hochzeit mit seiner Lebensgefährtin kommt im Grunde zu spät und wirkt unnötig pathetisch -, wäre der vorliegende Western sicherlich zu einem nihilistischen Klassiker des Western Genres geblieben. So unterstreicht „Death of a Gunfighter“ seine Stärken und Schwächen, wirkt aber nicht geschlossen und vor allem in einigen wichtigen Punkten nicht entschlossen genug. Trotzdem verdient der Film nicht den ersten Alan Smithee als Regisseur Credit. Es passt allerdings zu Hollywoods Geschichte, das der erste Film, dem die „Ehre“ zu teil geworden ist, ausgerechnet ein Western ist. Der erste Film der Geschichte ist ebenfalls ein Western gewesen und hat eine neue Ära eingeleitet. „Death of a Gunfighter“ möchte am liebsten diese Ära der harten stoischen Revolvermänner beenden. Nicht umsonst findet sich das Automobil in zwei elementaren Schlüsselszenen wieder. Der reiche Bürgermeister oder Vorsitzende des Stadtrats – in Bezug auf die politische Ämter ist der Film sehr schwammig – fährt mit seinem Automobil noch ein wenig überfordert in die Stadt, verschreckt einen Cowboy – dem er nach dem klassischen rechts vor links den Vorritt nimmt – und stellt den Wagen vor seinem Amt stolz, aber auch erleichtert, die Fahrt überlebt zu haben ab. Am Ende des Films stirbt der Richard Widmark Charakter ausgerechnet neben dem geparkten Wagen. Diese Symbolik ist ein bisschen sehr platt, macht aber die Intention des Drehbuchs und des überforderten Regisseurs deutlicher.
Mit Filmen wie „Der Mann, der Liberty Wallace erschoss“ und „Spiel mir das Lied des Todes“ ist 1967 bzw. 1969 der Niedergang des Western eingeläutet worden. Die Idee der Produzenten des vorliegenden Films ist es gewesen, einen klassischen Pulproman namens „Patch´s Law“ mit John Wayne in der Hauptrolle zu inszenieren. Dieser lehnte ab, um einige Jahre später allerdings im klassischen Showdown mit Gangstern unter der Regie Don Siegels – hier schließt sich spätestens der Kreis – in „The Sheriff“ in seiner letzten Rolle, vom Krebs gezeichnet zu brillieren. Mit Richard Widmark – dem die Rolle in dieser Form nicht gänzlich gefallen hat – konnten die Produzenten einen Schauspieler an Land ziehen, der die Zerrissenheit der Zeit, die ungewöhnliche Aufbruchstimmung der Bürgerschaft verachtend und an alten, nicht immer gerechten Idealen hängend besser verkörperte als jeder andere zu diesem Zeitpunkt agierende Schauspieler. Lee van Cleve wäre noch ein interessante Alternative gewesen, ein Mann, der sich äußerlich der neuen Zeit angepasst hat, um hinter dem Rücken mit den alten Geschichten weiterzumachen. Richard Widmark dagegen verkörpert den Typus stoischer alter Esel, der mit der Waffe in der Hand und bodenständiger Logik das Gesetz des Stärkeren verteidigt. Dabei kennt er mit seinen zwanzig Jahren in der kleinen Stadt und dem Dienst auf Lebenszeit jedes Geheimnis der Stadtväter. ZU vielen hat er geschwiegen, seine Opposition aber immer verachtend im Auge behalten. Mit dem Einzug der industriellen Zivilisation – wieder stellvertretend durch den Bau eines kleinen Bahnhofs symbolisiert – und dem Verschwinden der großen Banditen ist Patch Zeit abgelaufen. Auch wenn die Stadt mit ihren Kneipen/ Bordells immer Reif für eine größere Schlägerei oder ein Duelle volltrunkener Männer sein sollte. Patch soll weg. Als er die Auflösung seines Vertrages ablehnt, wird er für die Stadtväter zur Persona Non Grata. As dann auch noch ein alkoholisierter Rancher ihm in den Rücken schießen will, weil er ein Verhältnis zwischen seiner Frau und dem Marshall vermutet, bricht der Damm. Patch schießt den Mann in Notwehr nieder. Er bringt den schwer Verwundeten in den Saloon, legt ihn auf den Kartentisch. Dort wird er an seinen Verletzungen langsam sterben und den Hass der Bevölkerung auf Patch lenken. Das langsame Sterben ist der Katalysator für die folgenden Ereignisse, die Patch mit einer einzigen Geste verhindern könnte. Er müsste seinen Stern ablegen und die Stadt verlassen. Hier übernimmt der Film die Handlungsstruktur von „High Noon“. Nur dreht das Script die Schraube noch einen Deut fester an. Es kommt kein Zug aus einer anderen Stadt – der Countysheriff ist ein alter Freund und Schüler von Patch. Dieser prügelt ihn aus der Stadt -, die Gefahr entsteht im Inneren, im Schmelztiegel dieser ach so sauberen und doch von innen verfaulten Siedlung.
Totten selbst ist ein erfahrener TV- Westernregisseur gewesen. Seine Hauptarbeit ist „Bonanza“ gewesen. Darum ist „Death of a Gunfighter“ auch routiniert, ein wenig flach, aber niemals unterinteressant inszeniert worden. Er hat ein Auge für einfache Kompositionen und nicht den Drang, die Szenen zu überfrachten. Mit Don Siegel hat schließlich ein ökonomischer Regisseur das Ruder übernommen. Es lässt sich heute nicht mehr feststellen, wer welche Szenen gedreht hat, aber das Gesamtbild ist stellenweise nicht harmonisch – insbesondere der den dunklen, guten Plot negierende Humor stört die durchgehende Atmosphäre beträchtlich. Auf der anderen Seite hat das Team Totten/ Siegel oft mit Symbolen gearbeitet. Der betrunkene Rancher stirbt in der Kneipe, Patch muss durch die Kirche – hier findet dessen Beerdigung statt – gehen, um schließlich vor dem Rathaus direkt danach erschossen zu werden. Dabei durchschreitet er den Schatten des Kirchturmkreuzes. Im Gegensatz zu den klassischen Westerncharakteren durchschreitet er das Paradies, um dann in der Hölle zu landen. An einer anderen Stelle ist er gezwungen, einem jungen Mann, der versucht hat, ihn ebenfalls aus Rache zu seinem Vater zu töten, dessen Geheimnis zu offenbaren und die eigentliche Tat damit ad absurdum zu führen. Die klassischen Handlungen des Westerns finden in diesem Film ebenfalls statt, es fehlt ihnen aber die tiefere Bedeutung und die Symbolik wird nicht selten auf den Kopf gestellt bzw. als falsche Hommage an charismatisch erscheinende Egomannen entlarvt. Das beginnt schon in den ersten Momenten des Films. Eine der vielen Huren teilt ihren Freier mit, dass er sich sputen soll, zu seiner Frau zurückzugehen, bevor der Sheriff herausfindet, dass er die letzten drei Tage mit Alkohol und Frauen verbracht hat. Dabei hat der Alkohol schon seine Libido zerstört. Er schlägt die Hure und stellt sich vor, dass Patch ein Verhältnis mit seiner Frau hat. Die beiden kennen sich aus der Zeit vor dieser unglücklichen Ehe. ER beschließt, seine Mannesehre mit dem Gewehr wieder herzustellen und Patch hinterrücks zu erschießen. Die Katastrophe nimmt seinen Lauf auf einem Missverständnis heraus. Viele andere Ereignisse entstehen ebenfalls aus Missverständnissen und Feigheit heraus. Die Bürgerschaft versucht Patch erst mit einer falschen Anschuldigung aus der Stadt zu jagen, als das nicht funktioniert, will man ihn mittels eines unerfahrenen, rachsüchtigen jungen Mannes töten, bevor er schließlich aus dem Hinterhalt von allen Bürgern regelrecht in Stücke geschossen wird. Das Missverständnis zwischen dem alt gedienten Sheriff und den aufrechten Bürgern wird niemals ganz geklärt. Hier versucht sich der Film zwar auf einer psychologischen Ebene, aber insbesondere die Argumentation der Stadtväter wirkt fast hilflos. Im Zuge des Fortschritts ist es ihnen genauso wenig an alkoholisierten Ranchern und Ex- Cowboys gelegen wie an einem stoisch schießwütigen – keine seiner Handlungen unterstreicht diese These – Marshall. Es scheint nur so zu sein, dass sie das kleinere Übel aus der Stadt haben möchten, während das größere Übe noch Geld bringt.
„Death of a Gunfighter“ versucht diesen Übergang in Bilder zu fassen. Beim ersten Duell schießt Patch als erstes die elektrische Glühbirne aus, um seinen Vorteil weiterhin nutzen zu können. Diese brennt in einem Pferdestall, sicherlich ein Kompromiss des Drehbuchs als Realität. Kaum hat der Film die beiden extremen Positionen etabliert, beginnt er sich zurückzulehnen und dem Zuschauer die einzelnen ehrbaren Bürger vorzustellen. Lena Horne spielt die Hure mit dem goldenen Herzen. Sie ist in Patch verliebt, er heiratet sie schließlich aus einer Laune und einer Geste heraus. Sie ist vielleicht trotz der guten schauspielerischen Leistung in einer stereotypen Rolle noch die Figur, die modernes Geschäft und klassische Motive – in den alten Western durften sie nur tanzen – verbindet. Der Salon Besitzer Lester Locke dagegen ist ein moderner Geschäftsmann. Er weiß, was sein Geschäft florieren lässt und was ihn stört. Störungsquelle Nummer eins ist Patch, der jegliche Unruhe verhindert und die betrunkenen Kunden in ihre Schranken weißt. Locke – eine schmierige, aber überzeugende Darstellung von Carroll O´Connor – ist kein Mann der Tat, er lässt machen. Als er schließlich erkennt, dass seine Helfershelfer zu unfähig und zu feige sind, greift er selbst zur Waffe und wird von Patch schwer verwundet aus den Tierställen in die Gefängniszelle gezogen. Andrew Oxley spielt den Zeitungsverleger dieser kleinen Stadt, der auf der einen Seite Angriffe gegen Patch fährt, auf der anderen Seite aber ein schreckliches Geheimnis mit sich führt. Er verkörpert die zynische Selbstbeweihräucherung der Medien, die sich der Illusion hingeben, auf ihren Seiten die Wahrheit und keine Ansichten zu schreiben. Ivan Stanek verkörpert schließlich das Kapital. Politisch agiert er im Hintergrund, er hat seine Strohmänner, die er bezahlt. Er will, dass die Stadt ohne Rücksicht auf Verluste aufblüht, damit die Immobilienpreise und vor allem die Grundstückspreise an Wert gewinnen und er noch reicher wird. Obwohl der Film sich auf Richard Widmark in seiner guten Rolle konzentriert, er den Film dominiert, ist die Entwicklung der Nebenfiguren über die stereotypen Klischees hinaus einer der Plupunkte des Films. Der Zuschauer hat das Gefühl, wirklich in dieser Stadt zu leben und zähneknirschend hilflos die Entwicklungen zu verfolgen.
Auch wenn der Spannungsbogen durch den aus heutiger Sicht unnötigen Humor immer wieder unterbrochen wird, lassen Totten/ Siegel die Handlung sich natürlich entwickeln. Über einen kurzen Zeitraum kumuliert die aufgestaute Antipathie der einzelnen Parteien gegeneinander in einer Woge aus Gewalt. Die einzelnen Charaktere folgen ihren inneren Zwängen. Insbesondere Widmark mit seinem an mehr als einer Stelle verletzt wirkenden Charakter, der mit Unverständnis und Sturheit auf die sich ändernden Zeiten zu reagieren versucht, trägt den Film. Er bemüht sich, nach außen die Fassade des Unangreifbaren zu mimen, in den wenigen Gesprächen mit seiner Geliebten zeigt er aber auch, wie sehr ihn das Verhalten des Stadtrats verletzt. Er kann aber nicht anders. Er muss seine Aufgabe bis zum letzten Augenblick erfüllen. Auf diesem letzten Gang weiß der Zuschauer allerdings nicht, ob er wirklich gegen den Stadtrat vorgehen will oder einfach seinen Stern vor ihnen in den Staub wirft. Diese plottechnisch elementare Erläuterung wird dem Leser verweigert. Vielleicht wollte das Drehbuch auch das tragische Element des Heldenmordes nicht über strapazieren und für den Zuschauer aus einer schwierigen eine unerträgliche Situation machen. Mit sanfter Manipulation und einer gewissen Verklärung der Fakten des Wilden Westen – diese Aufarbeitung ist schließlich den wenigen in den siebziger Jahren entstanden Filmen auferlegt – nehmen der Film und damit auch der Zuschauer die Position Frank Patchs ein. Sie folgen diesem ganz bewusst nicht sympathisch, aber charakterfest angelegten Mann – er ist der einzige Mann des Films – auf seiner letzten Mission, durch seine letzten Tage. Als der Zuschauer schließlich erkennt, dass das Töten nicht durch die Abtrennung der alten Zöpfe aufhören kann, beginnt der Zuschauer die Motivation der Stadtväter zu verstehen, kann und soll sie nicht akzeptieren. Diese Ambivalenz neben einer großartigen Riege alt gedienter Westernschauspieler negieren die wenigen Schwächen des Films. Nicht immer wirkt die Inszenierung gänzlich überzeugend, nach dem guten Auftakt wirkt insbesondere der Mittelteil des Films ein wenig zu schleppend, zu theatralisch überzeichnet, bevor das Tempo bis zum nihilistischen Showdown deutlich wieder angezogen wird. Einige der Dialoge und die sexuellen Anspielungen – insbesondere zwischen dem jugendlichen Gehilfin des Marshalls und einem frühreichen hübschen Mädchen sind derartig platt und auffällig inszeniert, das der Zuschauer das Gefühl hat, der Regisseur wünschte sich das junge Mädchen zwischen seine Lacken – sind überzeichnet und reißen den Zuschauer immer wieder aus diesem ansonsten unterhaltsamen, sehenswerten Übergangswestern, dessen Wurzeln noch zum alten Genre gehören, dessen Botschaft ungewöhnlich modern und zynisch ist.
Im Vergleich zu einigen älteren Filmen ist das letterboxed- Bild des vorliegenden Films ein wenig schwächer. Die Farben sind überzeugend und realistisch, insbesondere die Wiedergabe ist bei den helleren, im Sonnenlicht spielenden Szenen ein wenig unscharf. Insbesondere bei den totalen Aufnahmen fehlt im Hintergrund ein wenig die Detailschärfe. Das kann zum einen an der Vorlage liegen, zum anderen allerdings auch an der Inszenierung. Insbesondere Totten als Fernsehregisseur hat sich bei seinen Arbeiten auf den Vordergrund aus budgettechnischen Gründen konzentrieren müssen. Darum bleibt die Frage offen, ob mehr Detailreichtum im Hintergrund vielleicht auch auf den Kompromiss beim Budget hingewiesen hätte. Beide Monotonspuren sind sehr gut. Insbesondere die englische Originalspur mit einer ausgewogenen Balance aus im Vordergrund gesprochenen Dialogen und sehr gutem Raumklang überzeugt. Leider gibt es keine deutschen Untertitel für diese Spur, es lohnt sich aber trotzdem, auf diese zu wechseln. Das präsentierte Ambiente wird besser und überzeugender abgerundet. Die Bildergalerie umfasst 18 Tafeln, unter anderem auch die deutschen Ausgangfotos. Der Trailer konzentriert sich auf die Actionszenen und vernachlässigt jegliche Charakterentwicklung. Richard Oehmann macht in seinem vierseitigen Booklet den Film schlechter als er ist. Leider geht er mehr auf die Entstehung des Pseudonyms Alan Smithee als die wirkliche Arbeit von Totten und Siegel an dem Film ein. Es empfiehlt sich, erst den Film zu sehen und dann das Booklet zu lesen.
|