Inhalt & Kritik
von Thomas Harbach
In den sechziger Jahren gehörte das amerikanische Fernsehen noch nicht zu den Orten, an denen populäre und bekannte Schauspieler ihre Karrieren mehr oder minder abrupt beenden ließen. Don Siegel gehörte 1967 zu einer kleinen Gruppe von immer stärker nach vorne drängenden Filmemachern, welche insbesondere dem Western einen Schub gegeben haben. Sam Peckinpah wäre als weiterer Name zu nennen. Insbesondere Peckinpah und Siegel haben ihr Handwerk bei den unzähligen populären amerikanischen TV- Westernserien im Grunde von der Pieke auf gelernt. Während sich Peckinpah in seinen folgenden Kinofilmen mehr und mehr mit dem Demontage des Mythos Western auseinandersetzte - in „The Wild Bunch“ werden eine Handvoll Gangster in ihrer letzten Schlacht zu Helden der Stunde - verschrieb sich Siegel, weniger der Dekonstruktion klassischer Westernheldentypen als dem Phänomen des einst stolzen und jetzt gebrochenen Mannes. Kaum deutlicher wird diese psychologische Auseinandersetzung mit dem Mann hinter der Waffe in seiner letzten Fernseharbeit, dem hier vorliegenden „Stranger on the Run“. Siegel bestand darauf, den Streifen trotz eines begrenzten Budgets an Originalschauplätzen zu drehen. Henry Fonda übernahm den Part des Ben Chamberlains, eines Alkoholikers und Ex- Sträflings, der einem Zellengenossen einen Gefallen tut und plötzlich dem Bahnmarshall Vince McKay gegenübersteht. Chamberlain soll nach der Schwester des Zellengenossen informieren, einer jungen schönen Frau, die anscheinend in dieser kleinen, vom Bahnhof und der Eisenbahn dominierten Gemeinde nicht nur verschiedenen Männern des Kopf verdreht hat, sondern in Schwierigkeiten mit einem allzu stürmischen Verehrer geraten ist. Die ersten Minuten wirken wie ein Ramek von Preston Sturges herausragendem „Bad Day at Black Rock“. Henry Fonda als Alkoholiker stört den aufgezwungenen Frieden der Gemeinde mit seinen Fragen. Niemand will ihm bei der Suche nach der jungen Frau helfen, obwohl alle etwas über sie wissen. Im Gegensatz aber zu Sturges verbürgt Siegel das Geheimnis nicht vor seinen Zuschauern. Die Frau ist zusammengeschlagen worden, weigert sich aber gegenüber dem bestechlichen Marshall, den Täter zu nennen. Als Chamberlain ihren Aufenthaltsort endlich herausfindet, ist die junge Frau inzwischen erschossen worden. Chamberlain kommt als einziger Mann zumindest für die Gesetzeshüter in Frage und wird verhaftet. Zweimal helfen ihm Bewohner des Dorfes, sowohl der Verhaftung zu entkommen als auch nach seiner Flucht. Zynisch gesprochen, Henry Fonda dürfte - bis zu diesem Zeitpunkt in seiner Karriere - sowieso nicht der Mörder sein. An diesen beiden Stellen arbeitet Sigels Drehbuch die Motivation der einzelnen Figuren nicht überzeugend genug heraus. Die größte Hilfe erfährt Chamberlain von einer attraktiven Farmerwitwe - dargestellt von Anne Baxter -, deren Sohn sich natürlich dem Sheriff und seiner Posse auf der Jagd nach Chamberlain anschließt. Die finale Konfrontation ist im Vergleich zu anderen Western dieser Epoche kein klassisches Duell, sondern von Seiten McKays der Versuch, alle Spuren durch rücksichtsloses Vorgehen zu beseitigen. Auch im spannenden Schlusskampf funktioniert Siegels Film an entscheidenden Stellen nicht. Mit Henry Fonda verfügte er über einen charismatischen Star, der von Beginn an begriff, dass er als heruntergekommener Alkoholiker weder eine Duell mit Waffen noch Fäusten gegen den jüngeren McKay gewinnen kann. Aus diesem Grund haben sich Fonda und Siegel entschieden, dass finale Duell anders, aber nicht weniger effektiv zu gestalten. Davor hat der Regisseur allerdings eine unglaubwürdige Sequenz gesetzt, in welcher sich die fragwürdigen Hilfsmarshalls nicht nur selbst erschießen, sondern vor allem im Vorübergehen auch eine Beichte hinsichtlich der ermordeten jungen Frau ablegen
Obwohl plottechnisch sehr geradlinig und teilweise packend inszeniert, ist es sinnvoller, sich dem Streifen über die Protagonistenebene zu nähern. Es gibt in dem ganzen Film keine Helden. Nur Chiffren und Stellvertreter der Ikonen, welche der Western wenige Jahre vorher noch vergöttert hat. Dabei geht Don Siegel nicht immer direkt vor. So liest einer der Schurken die Pulpheftromane, in denen andere Halsabschneider wie Wild Bill Hickock vergöttert werden. Siegels Western des Jahres 1885 ist inzwischen so weit, dass die eigenen Legenden nicht mehr mit der Waffe, sondern der Schreibmaschine verfasst und vervielfältigt werden. Henry Fonda selbst als Ben Chamberlain ist zu Beginn des Streifens ein jammervolles, Mitleiderregendes Subjekt, dass für einen Schluck billigen Whiskeys fast alles macht. Im Verlaufe des Films stellt er sich seinen inneren Dämonen, zeigt sich hilfsbereit und später nach einer Rasur und einem Haarschnitt, neuen Kleidern und einigen guten Mahlzeiten wieder als aufrechter, wenn auch nicht Ehrfurcht erweckender Mann. Er wächst mit einer Aufgabe, die er niemals übernehmen wollte. Er leidet unter Selbstvorwürfen - er gibt sich die Schuld an der Ermordung seiner Frau, weil er nicht rechtzeitig eingegriffen hat - und kann die Dämonen seiner Vergangenheit nicht ablegen. Er ist kein Revolvermann oder Schläger, im Grunde ein Durchschnittsbürger, der durch einen einzigen Augenblick der Unachtsamkeit aus der Bahn getragen wird. Ihm gegenüber steht mit McKay ein Opportunist. Er kommt aus einfachsten Verhältnissen und hat sich bei der Eisenbahn zum Bezirkmarshall hochgearbeitet. Sein Ziel sind die Villen der Reichen. Irgendwann einmal ist er vom Pfad des Gesetzes abgekommen. Seine Truppe besteht aus Mördern und Verbrechern, welche er mit Mühe unter Kontrolle hält. Die beiden einzigen Frauencharaktere des Films sind die einsame, attraktive Witwe und zumindest impliziert die Hure, welche sich mit ihren Bemerkungen und Drohungen in Lebensgefahr bringt. Auch wenn die kleine Siedlung bis in Mark verdorben ist, will Sheriff McKay nichts anbrennen lassen. Die Karriere ruft. Das ausgerechnet der Alkoholiker Chamberlain ihm zweimal entkommt und Hilfe bei einigen wenigen Mitbürgern findet, geht ihm gegen den Strich. Als auch noch ein regulärer US Marshall aus der nächsten Stadt kommt, sieht er sich unter Zugzwang und beginnt brutal vorzugehen. Auf der einen Seite der kranke Alkoholiker, der seinen letzten Rest Ehre zusammenkratzt, um ein letztes Mal einen Mann darzustellen, den er Zeit seines Lebens nicht verkörpert hat. Auf der anderen Seite der Vertreter des Gesetzes, korrupt bin ins Mark und vor allem nur der Handlanger des Kapitals, der Eisenbahn. Diese warnen ihn gleich zu Beginn, dass er - wenn er Erfolg hat - befördert werden kann, dass sich aber niemand um seine Methoden kümmert und sollte es zu klagen kommen, wird niemand ihm Rückendeckung geben. Ihm Grunde ist McKay der Verlierer des Spieles, der sich an einer Macht berausacht, über die er nicht verfügt.
Ganz auf das Duell der beiden charismatischen Männer - schauspielerisch drückt Henry Fonda allerdings Michael Parks an die Wand - wollte Siegel dann nicht vertrauen. Fonda zeigt zu Beginn einige wenige Züge, welche später auch in “Es war einmal im Wilden Westen” einließen sollten, aber Siegel fügt noch die übertriebene Heroisierung der Revolvermänner hinzu. Anne Baxters Sohn muss erkennen, dass es zum Schießen mehr als einen Fingerdruck bedarf. Er erkennt am Ende des Films, dass der Hilfssheriffstern, welcher ihm gegeben wird, nicht nur mit Blut befleckt ist, sondern ein Mal der Schande in einer aus den Fugen geratenen Welt ist. Es gibt weiterhin eine Gruppe von Outlaws, die sich an McKay für einen Mord rächen wollen und die bei Kugelhagel bis auf einen Farbigen erschossen werden. Freundschaft über Rassenbarrieren hinweg gegen die unterdrückende Obrigkeit wird zwar nur impliziert, ist aber deutlich zu erkennen. Siegels gebrochene Helden halten sich lieber an andere “Gesetzesbrecher” - selten ist in einem Western dieser Begriff derartig ambivalent verwandt worden - als an der Gesetz. Im Vergleich zu einen einigen seiner anderen Filme, die er zur gleichen Zeit dreht, ist “Ein Fremder auf der Flucht” nicht allzu brutal oder gar nihilistisch. Dafür ist seine Botschaft derart zynisch und trieft vor blanken Hohn, dass man sich den Streifen aus den späten sechziger Jahren nicht wegdenken kann. Don Siegel propagiert im vorliegenden Film den freien Willen des Individuums. So ist es in erster Linie die entschlossene Witwe, die sich gegen den Willen der Bahnmarshals stellt und als einzige ihrem Druck standhält. Mit Anne Baxter hat eine solide Schauspielerin diese über weite Strecken sehr interessant gezeichnete Rolle übernommen. Am Ende des Films fehlt Siegel allerdings der Mut, die Geschichte konsequent zu Ende zu zeichnen. In einer der wenigen rückseligen Szenen offenbart Anne Baxter ihre Gefühle für Henry Fonda, der sich noch ein wenig geißeln muss, bevor er die zweite Chance seines Lebens ergreift. Jeglichen Regierungsorganen misstraut der Regisseur. Es ist vielleicht zu weit hergeholt, das Geschehen auf den ausbrechenden Vietnamkrieg zu übertragen, viel explizierter ist die Schraube der Macht zu erkennen. Um sich die Hände nicht zu schmutzig zu machen, werden willige Helfershelfer zweifelhafter Reputation engagiert, die - falls etwas schief geht - sofort fallen gelassen werden. Eine Vorgehensweise, die im Grunde zeitlos ist. Siegels politische Weltanschauung ist weiterhin dunkel und grimmig. Für ihn ist die Erschließung des Westens ein notwendiges Übel gewesen, dass zu wenig Männer und zu viele Schurken herausgefordert hat. Auf der anderen Seite hält er nichts von der Selbstgeißelung des Mannes, sondern fordert von seinen brüchigen Charakteren, sich nicht nur der Vergangenheit zu stellen, sondern die Zukunft mutig in Angriff zu nehmen. Erst wenn der Mann sich selbst hilft, kann ihm geholfen werden. Ohne diese kritischen Ansätze ist “Ein Fremder auf der Flucht” eher bodenständig bieder inszeniert. Die budgettechnischen Beschränkungen zeigen sich im Positiven wie Negativen. Positiv gesehen mußte sich Siegel auf eine Handvoll solider Schauspieler mit zwei Stars - Baxter und Fonda - konzentrieren und die Kargheit der Sets trägt zu der emotionalen Leere seiner Figuren bei. Negativ fehlt dem Film an einigen wichtigen Stellen - das Duell in den Bergen - das Geld, um die Szenen abwechselungsreicher und packender zu inszenieren. “Ein Fremder auf der Flucht” zeigt Siegel noch in einer frühen Phase seiner Karriere, als er Themen entwickelte, die sich durch sein ganzes Werk insbesondere in den siebziger Jahren zusammen mit Clint Eastwood ziehen sollten. Alleine aus diesem Grund trotz einiger Schwächen ein sehenswerter Film, in welchem Henry Fonda als trinkender Vagabund vor allem zu Beginn eine überraschend nuancierte Darstellung präsentiert.
Koch Media hat den Film im Rahmen seiner “Classic Western Collection” als weltweite DVD Erstveröffentlichung präsentiert. Insbesondere bei allein stehenden Fernsehfilmen sind die Amerikaner nicht so präsent. Die Bildqualität ist angemessen, an einigen Stellen wirken die Farben ein wenig verblasst und in Ehren ergraut. Die deutsche Tonspur rauscht ein wenig, es empfiehlt sich nicht nur wegen der besseren Authentizität auf die englische Spur auszuweichen. Die Synchronstimmen sind teilweise ein wenig zu emotionslos und steif. Neben der Galerie mit Werbematerial gib es noch ein vierseitiges Booklet, in welchem insbesondere auf Siegels Filmwerk und seine Anfänge im Fernsehen pointiert und fundiert eingegangen wird.
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