Inhalt & Kritik
von Thomas Harbach
In seinem ausführlichen und informativ geschriebenen Booklet zählt Arild Rafalzik insgesamt zehn Verfilmungen des weltberühmten Cooperstoffs auf. Darunter alleine vier aus Deutscher Produktion. Das Michael Mann 1992 mit seiner ultimativen Verfilmung den Stoff für jeden Nachfolger oder auch Vorgänger geprägt hat, soll hier außer acht gelassen werden. Das Budget der amerikanischen Produktion im Vergleich zu der hier vorliegenden Harald Reinl Verfilmung aus dem Jahre 1965 ließ es zu, an den Originalschauplätzen zu drehen und die Veränderung der Natur im Kontext mit der menschlichen Niederträchtigkeit in beeindruckenden Bildern zu komponieren. Der einzigen anderen Film, dem bis ins kleinste Detail ein ähnliches Kunststück gelungen ist, ist John Bormanns “Excalibur”. Nach dem überraschenden Erfolg des “Schatz am Silbersee” (1962) begann der europäische Western aufzublühen. Deutschland schob unter der Produktion Atze Brauners “Old Shatterhand” hinterher, in Italien folgt ein Jahr später Sergio Leones “Für eine Handvoll Dollar”. Das Italo- Western war geboren, während man in Deutschland angesichts der Karl May Verfilmungen von den Krautstreifen zu sprechen begann. Die Constantin wollte im Fahrwasser des “Schatz im Silbersee” gleich die “Lederstrumpfgeschichten” verfilmen und sicherte sich die Titelrechte. Um ganz auf die sichere Seite zu wechseln, schob das Studio noch eine Karl May Verfilmung hinterer und plante dann unter der Regie des erfahrenen Harald Reinls mit einer Erstbesetzung von Götz George, Harald Juhnke und Loni von Friedl “Der letzte Mohikaner”. Als sich die Dreharbeiten mehr und mehr verzögern, sprangen Reinl einige Stars ab und schließlich mußte er sich mit Joachim Fuchsberger, Dan Martin in der Rolle des Unkas, Anthony Steffen und seiner Frau Karin Dor begnügen. Sowohl Fuchsbeger als auch Karin Dor haben schon mehrmals mit Reinl gearbeitet. Um das Stoff überhaupt realisieren zu können, verlegte das Drehbuch die Handlung von den fünfziger Jahren des 18. Jahrhunderts und dem Unabhängigkeitskrieg der Amerikaner gegen die Franzosen und Briten in die sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts. Weiterhin verzichtete man auf die dichten Wälder des amerikanischen Ostküste und verlegte die Handlung in die endlosen steinigen Weiten des Westens, in diesem Fall Alamrias. Das sowohl die Mohikaner als auch die Irokesen in diese Gebiete nicht passen, ist vielleicht die kleinste Verbiegung der originellen Geschichte. Viel schlimmer ist der Auftakt des Films, in welchem Unkas durch die Ermordung seines Vaters gleich zum letzten Mohikaner wird. Die Irokesen haben seinen Stamm zusammen mit einer rücksichtslosen Bande weißer Cowboys ausgelöscht. Sein einziger Freund bleibt Falkenauge - in den ursprünglichen Texten der Titelheld des zweiten Buches “Lederstrumpf” -, gespielt von Anthony Steffens. Die Irokesen haben sich den weißen verpflichtet. Gemeinsam wollen sie - hier nähert sich die Geschichte mit Coopers Text - einen kombinierten Gold und Munitionstransport überfallen, welcher auch die beiden Tochter des Kommandanten Munro beschützen soll. Während Munro mit seinen Truppen im Fort eingeschlossen wird, versuchen die Banditen erst dem Offizier Hayward die Beute abzunehmen, später die beiden Töchter. Zusammen mit Unkas und Falkenauge unter einer Reihe waghalsiger Aktionen führen die drei sehr unterschiedlichen Helden schließlich Vater und Töchter wieder zusammen. Leider verfügen inzwischen die Banditen über den Sprengstoff und wollen lieber alle töten als klein beizugeben.
Um kein Risiko einzugehen, hat Harald Reinl “Der letzte Mohikaner” als klassische Karl May Geschichte inszeniert. Die Entwurzelung des jungen Unkas führt ihn noch stärker in die Arme seines weißen Freundes. Auch wenn Winnetou in einigen wichtigen Szenen seine Apachen um sich versammeln konnte, hat er meistens als Einzelgänger agiert. Die Verbrüderung ist auch inszenatorisch so stark an “Winnetou!” angelehnt, dass der Leser mit anderen Namen durchaus an eine Vorgeschichte glauben könnte. Auch die Verbrüderung der schurkischen Indianer mit den Banditen ist direkt aus “Der Schatz im Silbersee” übernommen. Ein charismatischer Anführer, - Stelio Candelli - , welcher seinen Verbündeten nicht traut und am Ende im Augenblick des Triumphs seine bitterste Niederlage erleidet. Wie oft sind die Schurken schließlich von einer Übermacht Soldaten oder Siedlern oder guten Indianern umzingelt worden, um dann den Tod und nicht das Zuchthaus zu wählen? Mit Magua - Ricardo Rodriguez machte das beste aus seiner eher eindimensionalen Rolle - verfügt der Film über einen weiteren soliden Antagonisten, welcher erst in seiner Sterbeszene an Charisma gewinnt. Natürlich kann er nicht mit Michael Manns gebrochenen und von Hass zerfressenen Charakteren mithalten, aber insbesondere für einen Streifen der sechziger Jahre bemüht sich Harald Reinl, insbesondere seinen Schurken Motive zu implizieren. Die Helden der Geschichte leiden eher unter den sehr gestelzten Dialogen des Drehbuches. Wenn Joachim Fuchsberger schließlich der einen Tochter Munros erläutert, dass er zukünftig mit ihr sein Leben verbringen möchte und sich aus dem Militärdienst verabschieden wird, ist dieser Heiratsantrag so umständlich und unnatürlich formuliert, dass selbst vor vierzig Jahren im Kino zumindest geschmunzelt worden ist. Daniel Martin in der Rolle Unkas hat es vielleicht noch am einfachsten. Seine Figur ist deutlich Action orientier und dynamischer angelegt als sein Blutsbruder Falkenauge. Er arbeitet sich im Verlaufe des Streifens sehr gut in seine Figur herein und wenn sich Unkas und Magua schließlich zum letzten Duell gegenüberstehen, gelingt es Reinl mit schnellen Schnitten und einer sehr guten Kulisse die ganze Tragödie eines untergehenden Volkes in kraftvolle Bilder zu fassen. Am Ende des Films weicht das Drehbuch noch einmal entscheidend und nicht unbedingt positiv vom originalen Text ab. Während sich Unkas am Ende der Coopergeschichte und vor allem auch der Michael Mann Verfilmung mit dem Gefühl der Einsamkeit und inneren Leere auseinandersetzen muss, negiert Reinl mit seinem nihilistischen Ende diese latent vorhandenen Züge. Handlungstechnisch hat Reinl von Beginn an den Fehler gemacht, sich mehr auf Joachim Fuchsberger zu konzentrieren und sowohl Falkenauge als auch Unkas eher in unbedeutende, aber in regelmäßigen Abständen die Situation rettende Nebenfiguren abzudrängen. Wahrscheinlich um von den Ähnlichkeiten seiner Karl May Adaptionen abzulenken. Aber diese Verschiebung der Perspektive lässt den Film insbesondere zu Beginn unnötig hektisch und oberflächlich wirken. Anthony Steffan stand bei “Der letzte Mohikaner” noch am Anfang seiner nicht immer erfolgreichen Filmkarriere. Nur einen Streifen hat er drei Jahre vorher gedreht. Kurz darauf begann der Höhenflug des Italo- Westerns mit seinen unzähligen “Django” und “Sartana” Imitaten und hier konnte Steffen teilweise unrasiert und deutlich finsterer schauend mehr überzeugen als in der eindimensionale Rolle des Falkenauge, den das Drehbuch noch mehr als Unkas auf einen Stichwortgeber reduziert. Das die Frauenrollen - Karin Dor und Marie France - eine bunte Mischung aus Wunschträumen und Klischees sind, kann sich der Zuschauer vorstellen. Auf der einen Seite wollen sie unbedingt einen tapferen Mann ihr Eigen nennen, auf der anderen Seite ist zumindest Cora eine Meisterschützin. Auch hier reicht der Schatten von Madelene Stowe sehr weit.
Akzeptiert der Zuschauer allerdings “Der letzte Mohikaner” als eine weitere sinnfreie Westernadaption in der Tradition der Karl May - Filme, wird er zumindest großartig unterhalten. Die Kulissen im spanischen Almaria sind eindrucksvoll. Zu den Höhepunkten des Streifens gehört die Felsensprengung und die Steinlawine, welche sich auf das darunter liegende Fort hinunterwälzt. Das man rechtzeitig einen ausreichend langen Tunnel gegraben hat und Teile des Forts diese Naturkraft überstehen, gehört wieder ins Reich der May´schen Fabel. Auch die Massenszenen sind von Harald Reinl optisch innovativ inszeniert und zeigen das Millionen Budget, über welche die Regisseure zu Beginn der Westernwelle noch verfügten. Im Verlaufe der nächsten Jahre wird es deutlich weniger werden. Handlungstechnisch wird der Zuschauer auf einem gehobenen Niveau aus bekannten Versatzstücken gut unterhalten, viele Ideen werden erst in späteren May Verfilmungen wiederholt, aus heutiger Sicht ist aber die Wirkung dieses im Grunde erst dritten deutschen Nachkriegswestern schwer zu verstehen. Die Schauspieler gehen nicht unbedingt in ihren eher eindimensional angelegten Rollen auf. Im Vergleich allerdings zu vielen Karl May Verfilmungen findet der teilweise kindische Humor nur in Person des Koches - Kurt Großkurth in einer sehr typischen und leider für den talentierten Schauspieler wieder viel zu klischeehaft kleinen Rolle - statt und lässt den Film deswegen nicht über Gebühr altern. Die Stuntmen leisten in den verschiedenen Actionszenen ganze arbeit, es wird geschossen und gestorben, was das Zeug hält. Reinl bemüht sich, die einzelnen Sequenzen so abwechselungsreich wie möglich zu inszenieren und nutzt die Weiten der spanischen Felsenwüste sehr zu Gunsten des Films. Weiterhin hat der Zuschauer in dieser Qualität und so jung, strahlend überzeugende Schauspieler wie Fuchsberger oder Karin Dor schon lange nicht mehr gesehen. Peter Thomas “Raumpatrouille Orion” stimmige Musik unterlegt einen unterhaltsamen Streifen, in welchem Harald Reinl insbesondere das Tempo sehr hoch hält und zumindest zu Beginn verschiedene unabhängig scheinende Handlungsebenen sehr routiniert nebeneinander ablaufen lässt. Erst später simplifiziert Reinl für den sehr langen Showdown die Handlung und reduziert insbesondere die beiden wichtigsten Figuren - Unkas und Falkenauge - auf Stichwortgeber. Davon kann sich der Film in seinen letzten, im Grunde effektivsten Szenen nicht mehr erholen und eine Sterbeszene, welche an Winnetous Tod im dritten Teil ohne Frage heranreichen könnte, verläuft im Nichts. Mit einer besseren schauspielerischen Leistung Daniel Martins und etwas mehr Sorgfalt Reinls seinen wichtigsten Protagonisten gegenüber hätte aus “Der letzte Mohikaner” ein Meilenstein des deutschen Western werden können. So bleibt ein ereignisreicher, nicht immer logischer, aber zumindest solide unterhaltsamer Streifen, der von Koch Media in einer exemplarischen Weise restauriert worden ist. Das beginnt mit dem Bild im richtigen 2.35:1 Format. Die Farben sind kräftig und überzeugend, Bildstörungen sind beseitigt worden und der Zuschauer kann nicht glauben, dass es sich um einen mehr als vierzig Jahre alten Film handelt. Das Tonformat Dolby Digital 2.0 stimmt Peter Thomas sehr schönen Soundtrack exzellent mit den Hintergrundgeräuschen und den Dialogen ab. Diese wirken vielleicht an einigen wichtigen Stellen ein wenig zu leise, aber insgesamt eine hervorragende Leistung, die alleine den Kauf der DVD wert ist. Zu den liebevoll gestalteten Extras gehört das reichhaltig bebilderte Booklet mit sehr vielen Hintergrundinformationen über die Dreharbeiten, die einzelnen Schauspieler und eine Auflistung aller “Der Letzte der Mohikaner” Verfilmungen Neben dem Originaltrailer hat das Team noch eine geschnittene Szene in Italienisch aufgetrieben, welche aber nicht unbedingt für den geradlinigen Plot wichtig ist. Die Bildergalerie mit insgesamt neunzig teilweise sehr seltenen Motiven gehört inzwischen zum Standard der Koch Media Produktionen. Neben der 30 Minuten langen Super 8 Fassung - hier lässt sich am ehesten erkennen, wie gut dieser Streifen digitalisiert und restauriert worden ist - gibt es noch ein Interview mit dem Komponisten Peter Thomas. In diesem geht er nicht nur auf die Arbeit an “Der letzte Mohikaner” ein, sondern lässt seine ganze Karriere sehr angenehm und niemals arrogant Revue passieren. Ein kleiner Streifzug durch den Kino- und Fernsehfilm. Die Extras schließen eine empfehlenswerte Präsentation auf hohem Niveau ab.
|