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12 Monkeys


Kritik

von Winni Hagenkötter

Die Vorlage des 1995 entstandenen Films "12 Monkeys" lieferte mal nicht ein Roman, sondern ein gerade mal 28 Minuten langer avantgardistischer französischer Kurzfilm aus dem Jahr 1962 mit dem Namen "La Jetée". Der Film, der in Deutschland "Am Rande des Rollfelds" heißt, wurde von dem Franzosen Chris Marker inszeniert und besteht nur aus Musik, Stimmen und einzelnen schwarzweißen Bildern, einem vertonten Fotoroman ähnlich - eigentlich genau das Gegenteil des Filmsynonyms Bewegte Bilder.

Die Regie bei "12 Monkeys" hatte Terry Gilliam, bekannt geworden mit Filmen wie "Jabberwocky", "Time Bandits" und natürlich "Brazil" und "König der Fischer". Obwohl er keinen Einfluss auf die Besetzung oder das Drehbuch hatte, trägt "12 Monkeys" unverkennbar seine Handschrift. Besonders die Röhren, Kabel und Maschinerien der Zukunftswelt sind offensichtlich "Brazil" entlehnt. Auch die Kameraarbeit erinnert stark an vorherige Gilliam Filme, was darauf zurückzuführen ist, dass er seinen alten Freund Roger Pratt in die Produktion einschleusen konnte. Der hatte bereits bei "Die Ritter der Kokosnuss", "Brazil", "König der Fischer" und "Die Abenteuer des Baron Münchhausen" mit Terry Gilliam zusammengearbeitet.

Auch ließ es sich Gilliam, der eigentlich auf ständigem Kriegsfuß mit den Studios stand, nicht nehmen, seinen mangelnden Einfluss auf das Drehbuch durch eine ungebremste Interpretation desselbigen wettzumachen, was durch die permanente Abwesenheit der beiden Autoren, das Geschwisterpaar Janet und David Peoples, stark erleichtert wurde.

Der deutlichste Unterschied zu "Brazil" ist aber, dass "12 Monkeys" kein Independentfilm ist, sondern eine waschechte Hollywoodproduktion mit einem Budget von immerhin 30 Millionen Dollar ist. Im anderen Falle hätten Bruce Willis als James Cole, Brad Pitt als durchgeknallter Jeffrey Goines und Madelein Stowe als charmante Psychiaterin kaum ihre Verträge unterschrieben. Wiewohl Brad Pitt, als er seinen Vertrag unterschrieb, noch billig zu haben war, denn der Erfolg seines vorherigen Filmes "Interview mit einem Vampir" stellte sich gerade erst ein.


"12 Monkeys" ist kein leicht verdaulicher Film, der nur oberflächliche Action und wilde Ballereien liefert. Bruce Willis darf zwar auch hier manchmal den harten Actiontypen raushängen lassen, aber eigentlich geht es um eine feingewobene Story mit gut gezeichneten Charakteren. Denn selbst die zunehmend psychisch labile Seite des James Cole schafft Bruce Willis mit Bravour darzustellen. Wie James Cole selbst ist der Zuschauer anfangs verwirrt über die Geschehnisse, mit der Zeit glaubt man zu verstehen, was tatsächlich passiert - oder passiert ist. Um sich am Ende des Films zu fragen: hab ich den Film jetzt eigentlich verstanden?

"12 Monkeys" macht es dem Zuschauer allerdings auch nicht einfach, denn er strotzt nur so von Andeutungen, sich ständig wiederholenden Motiven und einer fast allgegenwärtigen Klaustrophobie.
So begegnet man in dem Film extrem selten Kameraeinstellungen die irgendeine Form von Weite ausdrücken. Alles ist geschlossen, die Räume, die Häuser, die Städte, die Welt - ja selbst das Leben ist in sich geschlossen und natürlich auch die Zeit. Der Film geht über lange Strecken der Frage nach, ob man aus der Zeitlinie ausbrechen kann. Kann Cole seinen bereits als Kind vorhergesehenen Tod verhindern? Der Film gibt eine definitive Antwort: würde er als älterer Mann nicht sterben, könnte er sich als Kind nicht sterben sehen und würde ein anderer Mensch, welcher nicht im Gefängnis landet, auf Zeitreise geschickt wird, um vor sich selbst zu sterben. Etwas das passiert kann gleichzeitig nicht nicht-passieren - ein Zeitparadoxon.

Das Thema der sich wiederholenden Motive soll die Geschlossenheit unterstützen und den Zuschauer zweifeln lassen, ob Cole nicht vielleicht doch nur einfach geisteskrank ist. Es macht fast Spaß, sich den Film sofort ein zweites Mal anzusehen, nur um zu sehen, was sich so alles wiederholt. Nur ein paar Beispiele.
Die Wissenschaftler sitzen an einer langen Tischreihe, so wie die Psychiater bei der Befragung von Cole.
Der Bär, vor dem sich Cole im ausgestorbenen Philadelphia erschreckt, macht im Jahre 1996, obwohl ausgestopft, immer noch eine gute Figur.
Das Kaufhaus existiert in der Gegenwart wie in der Zukunft, und auch scheinen die kaufbaren Dinge dort über die Zeitebenen miteinander verbunden zu sein.
Die Sache mit den Florida Keys und den Hawaii-Hemden scheint eine merkwürdige Form von Eigenleben zu führen.
Und irgendwie mag man nicht mehr an Zufall glauben, wenn klar wird, dass die Geschichte von "12 Monkeys" in Philadelphia und Baltimore spielt - so wie der Film, den Cole und Railly in einem Kino bei einer Verschnaufpause auf ihrer Flucht vor der Polizei sehen: "Vertigo" - ein Hitchcock-Krimi-Klassiker, in dem es um ein mörderisches Verwirrspiel mit einem Mann geht, der unter Höhenangst leidet.

Natürlich mag es auch sein, dass das alles keine besondere Bedeutung hat und alles reine Zufälle sind. Wenn einem aber gesagt wird, dass Terry Gilliam die Filmcrew fast zur Verzweiflung getrieben hat, weil eine ihm enorm wichtige Einstellung zwei Tage lang nicht ordentlich klappen wollte, denkt man darüber wohlmöglich anders.

Welche Einstellung? Als in der Zukunft Cole, nackt auf einem Stuhl sitzend, sich selbst Blut abnimmt, sieht man gleichzeitig in der rechten Bildhälfte schemenhaft hinter einer Milchglasscheibe einen Hamster im Laufrad...