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Dune - Der Wüstenplanet


Filmkritik

von Roman Möhlmann

Die filmische Adaption des klassischen und weltweit erfolgreichen "Dune" - Stoffes aus der Feder von Kultautor Frank Herbert kann auf eine ähnlich turbulente Vorgeschichte wie die "Herr der Ringe" - Verfilmungsversuche zurückblicken. Im Laufe der 70er Jahre blieben viele Ansätze auf der Strecke, selbst "Alien" - Macher Ridley Scott wurde einmal als Betreuer des Projekts "Dune" gehandelt. Doch über Ansätze kam man aus drehbuch- und produktionstechnisch bedingten Unstimmigkeiten nie hinaus. Doch Produzent Dino DeLaurentiis ließ von seinem Vorhaben nicht locker und verpflichtete "Elefantenmensch" - Regisseur David Lynch (heute bekannt v.a. durch "Twin Peaks", "Blue Velvet" und "Lost Highway"), der ein gewaltiges Kinoprojekt organisierte und fast 45 Millionen Dollar verpulverte, bis sein Werk es in einer etwa 130 Minuten langen Fassung im Jahre 1984 auf die große Leinwand schaffte.

... um weit hinter den Erwartungen zurückzubleiben, finanziell und inhaltlich.
Was war geschehen?

Regisseur Lynch hat sich eine fast nicht zu meisternde Last aufgebürdet: Herberts "Duniversum" ist keine leicht aufnehmbare Gute-Nacht-Geschichte, es ist der (in Romanform noch um einen ganzen Zyklus erweiterte) Entwurf einer archaischen Zukunftsvision voller machtpolitischer Ränkespiele, ökonomisch und auch ökologischer Verquickungen und zahlreicher spiritueller Elemente, versetzt mit einer Fülle eigener Sprachkonstruktionen. Da bedarf es mehr als einer einleitenden Erzählerstimme aus dem Off, auch wenn Lynch sich vielerorts sichtlich bemüht, der Tiefe der Vorlage gerecht zu werden.

Nächstes Problem: Die filmische Adaption musste ja auch dem Herbert-unkundigen Kinogänger zugänglich gemacht werden. Der war Anfang der 80er aber das verspielte und inhaltlich weitaus simplere "Star Wars" - Universum aus George Lucas' Feder gewöhnt, mit schwer atmendem Erzbösen, kleinen Robotern, vielen Laserschießereien und kämpfenden Teddybären. Diese Eindrücke waren mit Herberts Zukunftspanorama wenig kompatibel. Einen intellektuellen Maßstab in Sachen Science Fiction hatte uns Ende der 60er bereits Stanley Kubrick mit seiner "2001" - Odyssee an die Hand gegeben, und im Fernsehen kannte man noch die liebenswerte alte Kirk-Crew im geordneten "Star Trek" - Universum. Das einzige, was den Zuschauer auf das gänzlich abgehobene, fremde Universum des "Dune" - Kosmos hätte vorbereiten können, war der Industrial Look des Klassikers "Alien", ein SciFi-Streifen, der seine Faszination aber primär aus den Mitteln eines anderen Genres bezog, dem Horror.

So musste Lynch sich um die schwierige Präsentation eines stilistischen Mittelwegs bemühen, darüber hängend das alte Damoklesschwert aller Literaturverfilmungen: Die Erfüllung der Wünsche des Mainstream-Consumers und des Romankenners gleichermaßen.

Und nun schwankt "Dune" zwischen großem Science - Fiction - Politthriller, einer Menge bizarrer, symbolhafter Fantasy-Esoterik, einer mythischen Märchenhaftigkeit, verkappten Actionszenen und eingestreuten Off-Kommentaren, die uns die Gedanken der hippiehaft philosophierenden Protagonisten näher bringen sollen.

Inhaltlich funktioniert dies selten ganz, die Story um den "Spice" - Machtkampf und Pauls messianisch überfrachteter Werdegang entwickelt sich mal schleppend, mal zu rapide, und selten ausgeglichen. Die erste Filmhälfte mag Romankenner aber in Sachen Adaption noch zufrieden zu stellen, in der zweiten Hälfte entfernt sich Lynchs Interpretation merklich von Herberts Vorlage, um schließlich einer eigenen symbolbehafteten Auflösung zu frönen.

Als archaisch-feudale Zukunftsvision, abgekoppelt von der literarischen Vorlage, kann der bemühte Streifen aber vielfach punkten: Lynch offeriert dem Zuschauer eine erdrückende visuelle Kraft, zelebriert durch eine Vielzahl beeindruckender Kulissen und detailliert hergerichteter Lokalitäten, bemerkenswerter Kreaturschöpfungen (die Navigatoren und die Sandwürmer) und passenden Kamerakompositionen. Daneben agiert eine namhafte Darstellerriege um Kyle MacLachlan, Linda Hunt, Jürgen Prochnow, Max von Sydow und anderen, die aber nicht richtig zueinander zu finden scheint. Es gelingt selten, den an sich bedeutungsschwangeren Personenkonstellationen Leben einzuhauchen, zu sehr verhaftet sind die Macher in ihrem religiös-mythischen Überbau, der Sympathien und Identifikationen erdrückt.

Was soll ich nun abschließend zu David Lynchs "Dune" sagen?
An diesem Streifen scheiden sich noch heute die Geister. Für viele gehört er zu den größten Meisterwerken anspruchsvoller Science Fiction, andere sehen in ihm einen netten, aber nicht vollkommen gelungenen Versuch, wieder andere zerreißen ihn buchstäblich in der Luft und konstatieren pure Langatmigkeit und überholte Effekte als Quintessenz des Sandwurmepos.

Ich persönlich mag den Film, wenn ich ihn auch nie zu einem gelungenen Kinoerlebnis stilisieren könnte. Lynchs "Wüstenplanet" - Interpretation lebt v.a. von seiner visuellen Opulenz und der Einbettung neophilosophischer Gedankenspielchen in ein Quasi-mittelalterliches Zukunftsszenario. Zu den Figuren findet man praktisch nie, und der tiefere Zugang zu Handlungen und Motivationen der gezeigten Abläufe bleibt dem Zuschauer aufgrund zu großer Fremdartigkeit meist verwehrt. Und dennoch liegt gerade in dieser Fremdartigkeit und bewussten Mystifizierung mancher Mainstream-kompatibler Inhalte des Films der eigentliche Reiz dieser filmgewordenen SciFi-Esoterik-Saga.

Eines kann mit Sicherheit festgestellt werden: Lynch hat sich viel Mühe gegeben, dem Stoff einen Platz in der Filmgeschichte zu sichern, und er hat es geschafft, wenn auch die eigentliche Qualität umstritten bleibt. "Dune" gewinnt sicher an Gunst, wenn man ihn als eigenständiges Werk der Science Fiction betrachtet, allerhöchstens inspiriert von Herberts Vorlage, als autarkes Zukunftsmärchen mit vielen Experimenten, abseits der Prämissen einer reinen Literaturverfilmung.

Hinweis zu den Fassungen:
Die etwas über 130 min. laufende Kinofassung ist die von Regisseur David Lynch autorisierte Fassung, auch wenn er sich offenbar oftmals nicht zufrieden mit dieser Variante zeigte. Die 3-Std.-Fassung basiert auf einer TV-Ausstrahlung, in der viel vorher nicht zu sehendes Material gezeigt wird, das dem Film zumindest zum Teil weitere erzählerische Tiefe verleiht, von vielen aber auch streckenweise als langweilig empfunden werden könnte. Von dieser Fassung hat Lynch sich distanziert, als Regisseur wird daher das in solchen Fällen gängige Synonym "Alan Smithee" verwendet. Der Film ist hier TV-like nur im 4:3-Vollbildformat zu betrachten, außerdem können einige fehlende Effektfertigstellungen (unzureichendes Nachkolorieren der Fremen-Augen etc.) beobachtet werden.

Übrigens versuchte sich 1999/2000 Regisseur John Harrison in Form einer dreiteiligen TV-Miniserie erneut an dem Stoff.