Inhalt & Kritik
von Thomas Harbach
John Sturges ist sicherlich neben Anthony Mann, natürlich John Ford und schließlich Howard Hawks einer der Regisseure, der dem Western neue Impulse in den fünfziger Jahren gegeben hat. Über seinem Werk steht in erster Linie die hervorragende Neuinterpretation Akira Kurosawas „Die sieben Samurai“ in „Die glorreichen Sieben“. Mit „Das Geheimnis der fünf Gräber“ hat Sturges einen Western geschaffen, dessen Struktur sich eher dem Mystery anlehnen könnte. Dabei versucht er, Strukturen seines herausragenden Films „Bad Day al Black Rock“ zu übernehmen. In beiden Filmen geht es um ein Geheimnis der Vergangenheit, das aufgrund des beharrlichen Stehvermögens eines Mannes schließlich gelöst werden kann. In „Bad Day at Black Rock“ dient der in schwarz gekleidete Spencer Tracy als Bildnis des schlechten Gewissens der Bevölkerung einer kleinen Stadt. Der Fremde Tracy erkundigt sich nach einem Mann namens Komoko, niemand will ihm antworten oder den Mann kennen. Eine Spirale des Misstrauens und schließlich der Gewalt entsteht, an deren Ende Spencer Tracy das furchtbare Geheimnis dieser entlegenen Siedlung erfährt. Gleichzeitig offenbart er seine Mission, der Zuschauer ist überrascht und schockiert, die Bewohner der Kleinstadt werden ein Leben lang mit ihrer Schuld leben müssen. Eine Möglichkeit der Sühne wird ihnen nicht gegeben. Mit einem ähnlichen Geheimnis fängt der ein Jahr später gedrehte Western „Backlash“ an. Ein Mann – Richard Widmark - trifft eine Frau – Coral Reed – bei einer ausgebrannten Ruine eines Wohnhauses, an einem Grab, auf ihn wird geschossen, er tötet den Attentäter, es ist der Hilfssheriff. Niemand kennt das Motiv des Täters. Erst in den nächsten Minuten stellt sich heraus, dass sie beiden Protagonisten auf der Suche sind. Widmark sucht seinen Vater, Reed ihren Mann. Beide sind zusammen mit drei anderen Männern von Apachen in einem Goldreservoir umgebracht worden, die Armee konnte nur noch die Leichen begraben, drei Männer sind identifiziert worden, zwei nicht. Richard Widmark ist der Meinung, dass es noch einen sechsten Mann gegeben hat, der seinen Vater auf dem Gewissen hat. Carol Reed dagegen ist schnell überzeugt, dass Widmarks Vater das Massaker entweder nur überlebt oder sogar initiiert hat. Das Misstrauen zwischen zwei Menschen, die sich trotz der Unbillen auf grotesk überzeichnete Weise – er ein Macho, so trägt schwarze Lederhandschuhe, zu Beginn ein komplett schwarzes Kostüm, hohe Stiefel und verfällt doch dem ersten Mann, der sie rau und abweisend behandelt – vertrauen müssen und lieben lernen.
Ein brutaler Auftakt, Sturges schneidet den Film sehr hart, lässt dem Zuschauer nicht die Zeit, die unterschiedlichen Charaktere kennen zu lernen. Ganz bewusst verzichtet der routinierte Regisseur auf jegliche Exposition. Wie in „Bad Day in Black Rock“ spielt die Geschichte nicht nur in einem extrem kurzen Zeitraum, obwohl handlungstechnisch nicht so isoliert, gibt es keine Hilfe von außen. Ordnungskräfte stehen auf der Seite desjenigen, welcher bereit ist, den höchsten Preis zu zahlen oder sterben hilflos im Staub vor ihrem Büro. Mit einfachen Fingerzeigen reduziert Sturges die Spur der Zivilisation auf das Überleben, der Mann ist sich selbst der nächste.
Im Laufe der Ereignisse wird das „Geheimnis der fünf Gräber“ immer unwichtiger werden. Im Grunde erfährt der Zuschauer nichts mehr vom eigentlichen Schicksal der fünf Menschen, welche auf Gold gehofft hatten. Ihre Legende ist allerdings auf einer Lüge aufgebaut. Während Reed und Widmark davon ausgegangen sind, dass sie nach Gold gesucht haben, ist ihr eigentliches Ziel ein Geldtransport der Südstaatentruppen gewesen, eine Kriegskasse, welche in den Wirren der letzten Tage des Bürgerkriegs dort verloren gegangen ist.
Solche Zweideutigkeiten gehören zu einer unterhaltsamen Geschichte, die sich in erster Linie von einem Plotzwist zum anderen handelt. Keiner der Protagonisten meint es bis zum dramatischen, aber nicht sonderlich überraschenden Ende wirklich ehrlich. Ob Carol Reed Richard Widmark wirklich liebt oder ihren Ehemann schützen möchte – sollte er der überlebende sechste Mann sein – ist eine der Fragen, die ihre Figur umgeben. Richard Widmark ist fest entschlossen, diesen Überlebenden zu töten. Wie wird er reagieren, als ihm klar wird, dass es sich um seinen Vater handelt – den er seit seiner Geburt nicht mehr gesehen hat und dessen einziges Lebenszeichen ein Brief an seine Mutter gewesen ist, eine pathetische Geste, welche unglaubwürdig wirkt - ? Wird er ihn töten? Wen könnte er mit dieser im Grunde nutzlosen Geste rächen? Richard Widmark gehört zu den großartigen Schauspielern, die sich auf beiden Seiten des Gesetzes gut ihren Rollen anpassen können. Hier wirkt er ein wenig zu alt, um in einem moralischen Dilemma keine vernünftige oder konsequente Entscheidung treffen zu können. Der Zuschauer braucht einen Protagonisten mit einer Vergangenheit. Widmark war im Bürgerkrieg Soldat und wahrscheinlich auch Offizier des Südens, kein Held, sondern ein Mann mit einem gesunden Überlebensinstinkt, ein Patriot wider Willen, ein intelligenter Soldat, weil er sein Überleben vor aus seiner Sicht dumme Befehle gestellt hat. Die Rache am Mörder seines Vaters ist für ihn für ihn zu einem roten Faden geworden, an dem er sein im Grunde kärgliches Leben entlang zieht. Wie viele Soldaten kann er mit dem Frieden wenig anfangen, er empfindet keine Freude an der Gewalt, er weiß sie dosiert, aber effektiv einzusetzen. Sie folgt ihm wie ein Schatten. Viel interessanter ist Carol Reeds Charakter. Sie ist ebenfalls eine Frau mit einer Vergangenheit. Der Zuschauer erfährt über sie relativ wenig. Sie hart ist hart, fast zynisch, aber auch liebevoll. Das Leben hat sie gezeichnet und trotzdem hat sie als einzige Figur den Mut, immer wieder aufzustehen und von neuem anzufangen. Mit dieser Einstellung ist sie allen anderen Protagonisten einen notwendigen Schritt voraus. Der Zuschauer erwartet, dass sie beim obligatorischen Showdown – siehe „12 Uhr mittags“ – auch zur Waffe greift, dieses Klischee erspart Sturges seinen Zuschauern, wenn er auch bei der Auflösung des nur auf den ersten Blick wirklich komplexen Plots einen fadenscheinigen Ausweg sucht. Obwohl Richard Widmark in den letzten Minuten immer wieder mit der moralisch schwierigen Entscheidung konfrontiert wird, seinen bösartigen Vater zu erschießen, um unschuldigere – niemand ist wirklich rein in diesem Film – Menschen zu schützen, wird sie ihm letzt endlich abgenommen. Der Zuschauer bleibt überrascht, fast enttäuscht zurück. Neben Widmark und Reed spielen eine Reihe von interessanten guten Schauspielern mit. So übernimmt der eigentliche auf Gangsterrollen spezialisierte Barton MacLane den Part des Stichwortgebers. Ein ehemaliger Sergeant der Nordstaatenarmee. Zusammen mit Richard Widmark – ehemalige Feinde, aber auch als Soldaten Profis, die ihre Antipathien wenn es die Mission erfordert, ausschalten können – muss er die Pferde der Apachen verjagen, welche die kleine weiße Gemeinschaft zu Beginn des Films jagen. Auf dieser Mission wird MacLane natürlich tödlich verwundet, kann nur einen letzten Hinweis auf den in diesem Fall fünften Mann geben. Trotz seiner kleinen Rolle agiert er sehr überzeugend, mit der richtigen Mischung aus Ironie und „Feigheit“ versehen. John McIntire spielt schließlich den geheimnisvollen Frank Bonniwell, der aus dem Nichts heraus mit 60.000 Dollar in Gold einen neuen Farmerkrieg heraufbeschwören möchte. In Filmen wie „Winchester 73“ und „The Far Country“ hat er die obligatorischen Bösewichter perfekt gespielt, hier wirkt er zu Beginn ein wenig hölzern, zu wenig schmierig, um Richard Widmark wirklich auf seine Seite ziehen zu können. Aber mit seinem charismatischen Auftreten nimmt der Zuschauer ihm die Verschlagenheit und Bösartigkeit jederzeit ab. William Campbell spielt Johnny Cool, einen jungen aufstrebenden Revolverhelden, der seine Fähigkeiten an jedem Mann ausprobieren möchte, welcher ihn schief ansieht. Das fast klischeehaft übersteigerte Bild Billy the Kids. Er stirbt im Dreck, sein kurzes Leben weggeworfen. Es sind diese Momente, welche John Sturges wie kaum ein anderer Regisseur beherrscht. Mit einem kurzen Kameraschwenk demontiert er die aufgesetzte heroische Fassade seiner Protagonisten, entlarvt sie als Chiffren in einer gewalttätigen Welt. Während die älteren Protagonisten im Bürgerkrieg das Abschlachten kennen und fürchten gelernt haben, versuchen die Halbstarken sich die Hörner mit nutzlosen Duellen und jugendlich falschem Machogehabe abzustoßen. Um diesen Kontrast zwischen den früh gealterten Ex- Soldaten und der neuen Generation der Revolvermänner besser darstellen zu können, hat Sturges wahrscheinlich auf den älter wirkenden Richard Widmark zurückgegriffen, der als „Sohn“ auf den letzten Metern in Bezug auf den Gewissenskonflikt nicht überzeugen kann, den größten Teil des Films aber mit seiner fast melancholischen unaufdringlichen Art beherrscht. Ansatzweise wird kurze Zeit später Clint Eastwood dessen Art der Darstellung für seinen Mann ohne Namen interpretieren, aber nicht mehr neu erfinden.
Betrachtet der historisch interessierte Zuschauer den Film fast fünfzig Jahre nach seinem Entstehen, wird erkennbar, wie stark insbesondere der frühe Italo- Western durch ihn beeinflusst worden ist. Neben den beeindruckenden Naturaufnahmen – in dieser wunderschöne digitalisiert restaurierten Fassung wirkt der Film wie bei seiner Premiere, farblich hervorragend, naturalistisch überzeugend- einer kargen Wüstenlandschaft eine fast klassisch zu nennende Rachegeschichte – allerdings basierend auf einer Lüge -, ein stoischer Nobody auf einer einsamen Mission, eine Geschichte, in welcher das Gesetz seines Daseinsberechtigung verloren hat. Alles Elemente, die kaum ein Jahrzehnt später in Italien ein populäres Genre prägen sollten. Aber Sturges möchte nicht nur eine Rachgeschichte erzählen, sein Film ist wie ein Krimidrama strukturiert. Immer wieder erfährt Widmark falsche und richtige Details aus der Vergangenheit, welche ihn in seiner Quest bestärken. Sehr subtil, manchmal mit bissigem Humor unterlegt geht das Drehbuch vor. Leider kann es diesen exzellenten sequentiellen Aufbau nicht bis zum obligatorischen Ende durchhalten. Auf den letzten Minuten verliert sich der Film in Schießereien, die emotionale Spannung wird durch den Kampf am Ende des Films nicht entladen. Auch wenn Richard Widmark schließlich am Ende der Suche dem sechsten Mann gegenüber steht, verflacht die Dramatik, es fehlt die finale Katharsis. Insbesondere das „Ödipus“- Motiv, von dem Filme Kritiker sprechen, beschränkt sich auf einige wenige Dialoge, machohaft übersteigert und seltsam steif. Vergleicht man die Dialoge zwischen Carol Reed und Richard Widmark – insbesondere im Original und hier wird auf die doppeldeutige Szene verwiesen, in welcher sie seine Schulter operiert und er nicht mehr in der Lage ist, seine „Pflichten“ zu erledigen – sowie Widmark und McIntire, wirken die ersteren erotisch aufgeladen, pointiert, doppeldeutig und vor allem überzeugend, wenn auch machohaft überzeichnet. Die Dialoge mit seinem Vater beschränken sich auf den Austausch von Floskeln, sind hohle Phrasen.
In „Das Geheimnis der fünf Gräber“ sind alle klassischen Elemente des amerikanischen Western vorhanden. John Sturges bemüht sich mit einer exzellenten Riege von Schauspielern, eine überzeugende Atmosphäre aufzubauen und die Spannung hochzuhalten, ohne jeden Moment auf eine Schießerei oder einen Überfall zurückgreifen zu wollen oder zu müssen. Trotz einer Reihe von inhaltlichen Ungereimtheiten gehört der Filme nicht zuletzt aufgrund seiner latent kritischen Haltung und dem zumindest angedeuteten Hinterfragen einer verzweifelten Mission zu den besten Western der fünfziger Jahre. Koch Media hat den Film in einer exzellenten Version neu auf DVD veröffentlicht. Neben dem Originalkinotrailer findet sich eine Galerie mit zum Teil seltenem Werbematerial wie Ausgangfotos, dazu ein kurzweilig geschriebenes Booklet, das allerdings mehr über die Karriere John Sturges als seine Motive in diesem Film informiert.
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