Kritik
von Andres Koberstein
Was hätte man aus dem Budget, den Sets, dem Cast und dem effektiven Score von Trevor Jones alles machen können. Dass lediglich ein unterdurchschnittlicher Film entstanden ist, der nur vom zugkräftigen Namen Jack the Rippers profitiert, ist darauf zurückzuführen, dass der Film an zwei gravierenden Schwächen krankt:
Erstens stellt From Hell so ziemlich alles auf den Kopf, was wir über Jack the Ripper wissen, und sucht sich die schlichtweg bescheuertste Erklärung aus, die jemals ein vom Alkohol benebelter Möchtegernautor aufgestellt hat. Zugegeben, der Film will gar nicht realistisch sein und damit auch nicht den Anspruch erheben, richtig zu liegen, aber wenn das nicht der Fall ist, dann möge man doch bitte die Finger von einem Thema lassen, das die Menschen selbst über hundert Jahre später noch immer so sehr fasziniert. Nicht, dass dieser Film Fragen aufwirft und den Zuschauer zum Grübeln bringt, ob es so wie gezeigt gewesen sein könnte; vielmehr versucht er, eine historisch unmögliche, logisch abstruse und dramaturgisch geradezu lächerliche \"Was wäre wenn\"-These eines Comics zu erklären – welche wiederum auf nichts anderem als der Fantasie des Autoren zu basieren scheint. Der Comic von Moore und Campbell strickt sämtliche historisch überlieferte Fakten ganz nach Gusto um, lässt die 90% davon, die From Hell seiner Existenzberechtigung berauben würden, unter den Tisch fallen und widerspricht damit so vielen Punkten, die längst geklärt und bewiesen sind, dass man ihn streng genommen schon der Fantasy zurechnen müsste, weil er mit den wahren Begebenheiten nichts mehr zu tun hat. Die Cinema bezeichnete diese Fantasy-Plotte seinerzeit übrigens amüsanterweise als \"atemberaubende und verblüffend plausible Reise in die Vergangenheit\", aber das nur am Rande.
*SPOILER-ALARM*
Vor allem gehört Abberlines im Kontext unpassendes (und für den Film gänzlich überflüssiges) zweites Gesicht ebenso dazu wie die Story von der im Wochenbett gestorbenen Frau oder sein ach so melodramatisches Ableben (das sogar in zwei Versionen gefilmt wurde – und keine hat mit dem historischen Abberline das Geringste zu tun), des Weiteren Mary Kelleys mal eben umgeschriebenes Leben, damit sie sich als Love Interest eignet, im Grunde das knallhart umgedichtete Leben aller Huren, die sich außerhalb des Films nicht mal vom Sehen gekannt haben, die arg an den Haaren herbeigezogene Auflösung und das ärgerlich konventionelle \"Ach nein, was für eine Überraschung!\"-Hollywood-Ende.
*SPOILER-ENDE*
Zweitens ist der Film zu inkonsequent, weil er durch seine viel zu moderne und aufgesetzte Machart sehr viel Atmosphäre verschenkt. Die Hughes scheinen sich immer wieder gefragt zu haben, wie die Wachowskis Jack the Ripper wohl in Szene gesetzt hätten, weil sie unbedingt etwas Neues, nie Dagewesenes erschaffen wollten. Diese Motivation ist an jeder Stelle des Films ganz klar offensichtlich, und damit entfernt sich From Hell mit jeder Minute, in der er in seiner eigenen abstrakten Pseudokunstverliebtheit schwelgt, weiter und weiter vom wahren Jack the Ripper und damit vom wahren Horror. Die Faszination, die von Jack ausgeht, ist ungebrochen, aber rührt sie nicht vielmehr daher, dass wir uns vorstellen, wie es wohl wäre, hätten wir damals alles mit eigenen Augen verfolgt? Nun, so hat es jedenfalls nicht ausgesehen. Zu einer historischen Thematik passen die stilisierten, absichtlich künstlich ausgeleuchteten Kulissen ebenso wenig wie die MTV-Ästhetik mit den hippen Farbfiltern und Kamerasperenzchen, und die Auswahl der viel zu hübschen, sauberen, gesunden, gebildeten und sympathischen Mary Kelley, die mit der historischen Mary Kelley nur noch den Namen und nichts, aber auch wirklich gar nichts gemeinsam hat, tut ihr Übriges. Alles, von den Schauspielern über die Beleuchtung bis zu den Sets, wirkt wie am Reißbrett durchprogrammiert und koste es was es wolle auf \"modern\" getrimmt. Sicher, das London in From Hell ist düster und schmutzig, aber es ist eine sehr künstliche, abstrakte Düsternis, und sehr künstlicher, abstrakter Schmutz – gewiss hübsch anzusehen, was die Set-Designer da auf die Beine gestellt haben, aber in etwa so gruselig wie eine Star-Wars-Episode. Angesichts der Tatsache, dass man sich des Mythos Jack the Ripper angenommen hat, heißt das im Endeffekt: Thema verfehlt.
Fazit: Jack the Ripper fasziniert, weil sein Tun und seine Vorgehensweise so unbegreiflich waren, er ist unheimlich, weil wir uns nicht in ihn hineinversetzen können. From Hells Jack the Ripper mag alles Mögliche sein, nur: Unheimlich ist er sicher nicht.
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