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Sen to Chihiro no kamikakushi


Filmkritik

von Susanne Picard

Was eigentlich sehr normal und alltäglich anfängt, entpuppt sich schon bald als die japanische Antwort auf “Alice im Wunderland” und so weiß die werte Rezensentin gar nicht, wo sie eigentlich bei diesem Feuerwerk der Phantasie anfangen soll. Zunächst vielleicht noch einmal die Erklärung des Begriffs Anime. Ein Anime ist die japanische Bezeichnung für einen Zeichentrickfilm, der in Japan eine völlig andere Entwicklung genommen hat als in Hollywood. Im Fernen Osten ist diese Form des Films nicht ausschließlich für Kinder gedacht, er ist möglich für jede Form der Erzählung, vom Endzeit-Splatter bis hin zu Pokemon.

Entsprechend weit rangiert auch die Qualität dieser Filme; bekannt sind sie in Europa und Hollywood deshalb meist als Schrott, weil hier natürlich oft die weniger anspruchvollen und billiger produzierten Werke ankommen, Sachen wie “Yu-Gi-Oh” oder “Pokemon”. Bei Produktionen aus dem Hause Ghibli jedoch kann man diese Maßstäbe nicht anlegen. Die "großen" Filme aus diesem Studio werden sehr aufwendig produziert und keinesfalls billig hergestellt, meist wird jedes Bild ("Cel") einzeln gezeichnet und gemalt und dann erst in die Hintergründe eingefügt.

Lange fanden besonders diese Produktionen aus dem Haus Ghibli im Westen keinen Verleih - und als sie dann endlich einen hatten (Buena Vista), traute der sich nicht, die Werke in die Kinos zu bringen. Kein Wunder, möchte man sagen, wenn man “Chihiros Reise” erst gesehen hat - selbst so erfolgreiche und hinreißende Produktionen wie “König der Löwen” oder “Aladdin” können mit der Qualität, die Studio Ghibli produziert, nicht mithalten. Spätestens auf halber Strecke geht ihnen die Luft aus, so detailliert und künstlerisch sind die Hintergründe Miyazakis gemalt, mit soviel Geschmack und Phantasie werden Settings aufeinander abgestimmt und so sehr zieht einen die allgemeingültige Geschichte in ihren Bann.

Die Nachteile des Films selbst fallen angesichts dieser Pluspunkte nicht weiter ins Gewicht. Sie sind überhaupt für "Westler" sehr viel größer als für Japaner selbst, basiert der Film doch auf der japanischen Mythologie und dem japanischen Denken. Dessen sollte man sich vor dem Sehen bewusst sein - viele Kritiker auch in Deutschland qualifizierten in völliger Unkenntnis dieser Tatsache (so offensichtlich sie auch scheinen mag!!) den Film als "Sammelsurium seltsamer und kindischer Einfälle" ab. Dabei ist es nunmal so, dass Japans offizielle Religion (der Shinto) Millionen Götter aufweist; Drachen gleichzeitig eine menschliche Form annehmen können und Flussgeister sind; im japanischen Denken die Arbeit einen anderen Stellenwert einnimmt als im europäischen und so weiter. Nimmt man diese Dinge hin, entfaltet der Film eine durchaus auch für Akademiker annehmbare intellektuelle Ebene. So betrachtet ist der amerikanische Titel “Spirited Away” auch sicher treffender gewählt als der Deutsche: “Chihiros Reise ins Zauberland”.

Was die Animationsqualität angeht - die schwankt ähnlich wie “Mononoke Hime” immer wieder. Man darf allerdings auch mit Fug und Recht behaupten, dass die Geschichte, so man sich auf sie einlässt, so viel Charme entfaltet, dass etwaige Mängel nicht ins Gewicht fallen und man schon sehr genau hinsehen muss, wenn man echte Fehler entdecken will. Findet man sie allerdings, hat man auch wieder das Gefühl, dass man angesichts der Liebe, mit der Figuren und Bilder gestaltet sind, kleinlich ist.

Insgesamt kann man sagen: Wer sich auf “Chihiros Reise” nicht einlassen mag, der hat in seinem Leben sicher etwas verpasst.