Kritik & Inhalt
von Thomas Harbach
Die Reklame mit dem "Infernal Affairs" Trio Andrew Lau, Alan Mak und Felix Chong rückt ihren neuen Thriller „Confessions of Pain“ sehr nahe an die Meilensteine dieser Trilogie heran, obwohl die Thematik als auch die Theatralik in eine andere Richtung zielen. Aus dem klassischen Gangsterkino hat Regisseur Andrew Lau die Hingabe und Leidenschaft, die Einsamkeit und das Ehrgefühl, die Angst und Verzweifelung und schließlich den Verlust und Gewinn entnommen und in einen schlanken, optisch sehr ansprechend inszenierten Thriller übertragen, dessen Plot in erster Linie als Makulatur für seine vielschichtigen, komplexen, aber nicht gänzlich befriedigenden Charaktere dient. Nicht umsonst lautet der Originaltitel des Films „Sad City“ und die elegische, düstere Handlung spiegelt sich in den überwiegenden und erdrückenden Nachtaufnahmen dieser kalten, im Neonlicht strahlenden seelenlosen City wieder. Der Handlungsbogen beginnt an dem Weihnachtsabend 2003 und trotz der entsprechenden Musik, der dekorierten Büros und der künstlich fröhlichen Stimmung ahnt der Zuschauer, das insbesondere am Fest der Liebe abgrundtiefe Ängste und zerplatzte Hoffnungen einsame Menschen zu Verzweifelungstaten treiben. Mit einem interessanten Parallelschnitt, dessen Sinn der Zuschauer erst nach der ersten intensiven Actionszene verstehen wird, eröffnet Lau das Geschehen.
Der Polizist Lau Ching Hei (Tony Leung Chiu-wai) hat zusammen mit seinem Freund und Partner Bong (Takeshi Kaneshiro) einen dreifachen Frauenmörder observiert und schließlich bei offener Tat gestellt. Hei schlägt den Täter mehrmals mit einem messingverzierten Kerzenständer, als er ein weiteres Opfer in dessen Wohnung findet. Als Bong heimkommt, findet er seine langjährige Lebenspartnerin nach einem Suizid sterbend vor und erfährt auch, dass sie kurz vorher abgetrieben hat. „Confessions of Pain“ stellt diese beiden extremen Szenen fast kommentarlos gegenüber. Es gibt keine Entschuldigungen für die Polizeigewalt und keine Erklärungen für den Selbstmord. Gleich von Beginn an zeigt er die Stärken und Schwächen seiner beiden wichtigsten männlichen Protagonisten, wobei insbesondere Tony Leung anfänglich gegen seine eher distinguierte Figur spielt.
Drei Jahre später hat sich vieles verändert. Bong hat den Dienst quittiert und arbeitet nun als nicht lizensierter, aber mit Bauernschläue und einer gesunden Portion Rücksichtslosigkeit gesegneter Privatdetektiv, wenn er sich nicht gerade dem Alkohol hingibt, an dessen Sucht er mittlerweile hemmungslos verfallen ist. Zu Beginn des Films hat er sich noch geweigert, Alkohl zu trinken. Erst ein Auftrag von Heis Ehefrau Susan (Xu Jinglei) zieht ihn aus seiner Lethargie. Ihr Vater Chow Yuan-sing und sein Diener wurden grausam ermordet. Ein hohes Barvermögen ist gestohlen worden, obwohl die Männer als chronisch misstrauisch gelten und es keine Einbruchsspuren gibt. Zumindest einer der Eindringlinge könnte bekannt gewesen sein, wie der Zuschauer im Gegensatz zu den Charakteren weiß. Inspektor Tsui Wing-kwong führt die Ermittlungen, da Hei selber aufgrund seiner angeheirateten Verwandschaft zu den Verdächtigen gehört. Zwar findet man schnell zwei ebenfalls tote Junkies als mutmaßliche Täter, doch ihr Unfall wirkt seltsam gestellt. Bong beginnt mit Hilfe seines Freundes Hei zu ermitteln.
Das Erstaunliche an „Confession of Pain“ ist die Leichtigkeit, mit welcher der Regisseur den eigentlich packend extrapolierten Krimifaden aufgibt. Im Gegensatz zu den Charakteren wissen die Zuschauer sehr früh dank geschickter Überblendungen, wer der Täter ist. Am Ende der Ermittlungen ist die Identität des Täters für die gebrochenen Ermittler eine bittere Überraschung, für die außen stehenden Betrachter leider nicht und damit nimmt sich der Film im Grunde alles seiner Effektivität. Die Frage nach dem Motiv wird in einer komplexen Rückblende erläutert, wirkt aber teilweise zu labil konstruiert und kann in seiner Dramatik nicht gänzlich überzeugen. Vor allem hätte man die Aufklärung der Motive cineastisch deutlich effektiver und spannender gestalten können und müssen. Bong ist bei seinen Nachforschungen weder unter Zeitdruck noch macht es sonderlich viel Sinn, ihn in öffentlichen Archiven blättern zu sehen. Der weitere Weg bis hin zu den frustrierenden Schlussszenen dieser Auflösung ist für den Film ein steiniger sich stetig wiederholender Anstieg, in dem ein Charakter mit seiner Tat konfrontiert wird. Er leugnet diese, wird schließlich von den Beweisen überführt und beginnt mit Hilfe weiterer Informationen die Tat zu rechtfertigen. Eine solche Szene darf in einem Film nur einmal verwendet werden, danach hat sie ihre die Handlung treibende Kraft verloren. Andrew Lau vertraut zu sehr dem Charisma seiner Figuren und wiederholt diese Vorgehensweise mehr als einmal zu oft. Dadurch wirkt der Film trotz aller guten Ideen, auf die im Folgenden noch eingegangen werden soll, theatralisch und in Bezug auf den Plot statisch.
Während die Inszenierung im neuen Noir-Stil wenig mit Laus Meisterwerken zu tun hat, ist „Confession of Pains“ in Bezug auf seine Ambivalenz zwischen Gut und Böse auf dem gleichen Niveau wie die Gangsterstreifen eines Ringo Lams oder John Woos in den achtziger Jahren und teilweise Laus eigenem „Infernal Affairs“. Es gibt nur Grautöne und irgendwann müssen sich die einzelnen Figuren ihrem Schicksal ergeben und sich ihrer eigenen Vergangenheit stellen. In „Confession of Pain“ entflieht einer der Hauptprotagonisten im Alkohol dieser erdrückenden Vergangenheit, während sein Freund sein ganzes Leben in den Dienst der brutalen Ereignisse seiner Vergangenheit stellt. Der eine wird schließlich am Ende des Films aus seinem Trauma erwachen, der andere endgültig in ihm versinken und alles verlieren. Aber im Grunde hat er überhaupt nicht gelebt, sondern nur gewartet. Diese düstere Botschaft impliziert Andrew Lau mehr als das er sie ausspricht. Der Streifen ist voller Anspielungen, leicht zu übersehenden Details und einer guten Schauspielerriege, die mit kleinen Gesten und Andeutungen ihre Figuren die notwendige Tiefe geben. Da Andrew Lau auf verschiedenste Ansichten und Perspektiven zurückgreift, wird aus dem Streifen schnell eine Reise ins Innere der Charaktere und damit gleichbedeutend in das dunkle Herz einer insbesondere westlichen Zuschauern im Grunde unzugänglichen Stadt.
Eine Studie einer verwirrenden Welt der Verbrechen und gebrochener Menschen, in denen die Unterschiede zwischen "richtig" und "falsch" auf Anhieb nicht zu erkennen sind und die Beziehungen der Personen undurchschaubar und vor allem distanziert aussehen. Dabei hängen Alle und Alles miteinander zusammen und der Film nutzt sein Potential auf der charakterlichen Ebene deutlich effektiver und stringenter als in Bezug auf den Kriminalfall. Insbesondere Tony Leung hat die undankbare Aufgabe, den unzugänglichen, distanziert bis arroganten Polizisten zu spielen, der sich Sorgen um seinen Freund macht und gleichzeitig mit der eigenen Vergangenheit zu kämpfen hat. Bong dagegen ist der sympathische Verlierer, der durch ein grausames Ereignis aus der Bahn geworfen worden ist. Auch wenn er stellenweise seine Darstellung als Alkoholiker deutlich übertreibt, hat er die Sympathien des Publikums. Je näher Bong der Auflösung des Verbrechens kommt, um so mehr muss er sich mit seiner eigenen dunklen Seite auseinandersetzen, die Wunden heilen lassen und sein Leben in den Griff bekommen. Diese typisch klischeehafte Rückverwandlung des Verlierers zum eher klassischen Helden, der am Ende auch noch die Frau bekommt, wirkt in der Zusammenfassung eher altbacken und klischeehaft, dank Takeshi Kaneshiros solider schauspielerischer Leistung und vor allem einem in dieser Hinsicht überzeugendem Drehbuch gehört seine Figur zu den Höhepunkten „Confessions of Pain“. Die beiden Frauenfiguren dienen in erster Linie als Katalysatoren und Stichwortgeber- sie sind attraktive Erscheinungen und müssen sehr viel emotionalen Schmerz der einzelnen Protagonisten abfedern, aber sie treiben weder die Handlung voran noch geben sie dem Film wichtige charakterliche Impulse. Diese Vorgehensweise entspricht allerdings auch Laus Fokus, den Zuschauern die Gefühllosigkeit der beiden Freunde zu zeigen, mit denen sie vordergründig die gleiche Fährte verfolgen. Die Ziele scheinen die Gleichen zu sein, die Intention ist eine gänzlich andere. Teilweise wirkt dieses Vorgehen allerdings technisch überambitioniert und hinterlässt zu sehr den bitteren Nachgeschmack einer komplex konstruierten Geschichte. Das schlägt sich auch wieder in den Charakteren nieder, die trotz ihrer interessanten Hintergrundgeschichten manchmal gehemmt wirken. „Confession of Pain“ macht allerdings nicht den Fehler, sich nur auf die Figuren zu konzentrieren. Auch wenn der Krimiplot durch die frühe und unnötige Identifizierung des Täters und den gleich zu Beginn begonnenen Spannungsbogen sein Potential nicht ausschöpft, hält er die Aufmerksamkeit des Zuschauers über weite Strecken. Außerdem zitiert Andrew Lau immer wieder aus der Thrillergeschichte, wenn eine Hommage an „Bei Anruf Mord“ integriert wird oder die Verfolgungsjagden an die waghalsigen Aktionen des überdrehten Hongkong Kinos der achtziger Jahre erinnern. Über die zum Teil konventionellen Vehikel des Krimikinos mit seinen Polizeiaktionen und Verhören, seinen mittels modernster Technik gut unterstützten Nachforschungen und schließlich seiner klassische Rachemotive umfassenden Auflösung hinaus begeistert „Confession of Pain“ das Auge nicht zuletzt aufgrund seiner interessanten Kamerawinkel, seiner zum Teil hektisch kompromisslos geschnittenen Passagen, dem Ineinanderfließen von unterschiedlichen Parallelsträngen und schließlich der immer wieder aufgeworfenen und nur selten befriedigend beantworteten Frage nach Schuld und Sühne. Was aber Ende fehlt ist die emotionale Eruption, die in einem klassischen Film zur reinigen Katharsis führen sollte. Hier wäre der Rückgriff auf klassische Actionmomente und eine dramatische Dreierkonfrontation das sinnvollste handlungstechnische Element gewesen. In so weit ist „Confession of Pain“ der teilweise gelungene Versuch, das Thrillergenre auf eine erzähltechnisch höhere Ebene zu führen. Nicht alles gelingt, nicht alles wirkt wirklich überzeugend, aber nicht selten gehört die Kinowelt den Mutigen, welche den ersten Schritt wagen. Mit einem etwas weniger durch gefeilten Drehbuch - ein Widerspruch in sich – und vor allem ein wenig mehr Action bei gut gezeichneten Charakteren wäre „Confession of Pain“ ein herausragender Film geworden.
Die DVD Präsentation von Gallileo ist sehr gelungen. Das Bild ist scharf und insbesondere die künstlichen Nachtfarben sind sehr überzeugend. Der Kontrast ist minimal und die Schwarzwerte sind satt. Die Tonspuren sind sowohl in Dolby Digital 5.1 Track als auch im einfach Surrund 2.0 Ton vorhanden. Die deutsche Synchronisation ist gut gelungen, die koreanische Tonspur ist gut untertitelt. Neben dem Making Off findet sich noch ein Musikvideo. Leider wird das Making Off im Grunde unter anderen Titeln dreimal wiederholt und wird deswegen etwas monoton. Der Blick zur Pressekonferenz gibt keine neuen Informationen. Dazu eine Trailershow mit anderen Veröffentlichungen, welche die technisch gelungene Präsentation des Films zufrieden stellend abrundet.
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