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Agnes und seine Brüder


Inhalt

von Holger Lodahl

Regisseur Oskar Roehler erzählt die Geschichte von den Brüdern Hans-Jörg, Werner und Agnes - die allein sich zu den Brüdern zählen darf, weil sie einmal ein Mann war.

Jeder der drei Geschwister hat sein Leben völlig anders gestaltet: Der Älteste, Werner, hat sich ein Familienleben aufgebaut, mit allem, was einen Familie so braucht: Eine schöne Frau, zwei heranwachsende Söhne, ein großes Haus mit sorgsam gepflegten Garten und eine Karriere als Grünen-Politiker, der sich als Ziel die Durchsetzung des Dosenpfandes gesetzt hat.
Hans-Jörg ist Angestellter in einer Universitätsbibliothek. Sein Leben wird einzig durch seine in Sexsucht endende Leidenschaft bestimmt, die seinen Beruf und seinen Blick für wahre Freundschaft oder Pflicht trübt.
Agnes veränderte ihr Leben so abrupt, dass sie ihr Geschlecht wechselte, um als Frau ihren Weg zu gehen und auf diese Weise ihr Glück zu finden.

Gemeinsamkeiten der drei sucht man als Zuschauer fast vergeblich. Einzig der Besuch beim Vater scheint sie zu verbinden, doch selbst dieses Ereignis endet noch während der Fahrt im Streit, so dass Hans-Jörg buchstäblich auf der Strecke bleibt und den Vater erst zum Ende des Filmes auf zerstörerische Weise zu Gesicht bekommt.

Der Besuch zeigt, wo die Wurzel allen Übels liegt: Hans-Jörg beschuldigt seinen Vater des sexuellen Missbrauchs, Agnes ist eindeutiges Lieblingskind des Vaters, die Mutter existiert nur als Mythos und soll in Stammheim ums Leben gekommen sein. Werner und sein Erzeuger haben sich nicht mehr viel zu sagen - vielleicht sind sie sich trotz der offensichtlichen Unterschiede zu ähnlich, und als Ältester hat Werner die Ereignisse der Kindheit zu bewusst mitbekommen, um sie zu bewältigen.

Die Wege und die Leben der drei Brüder trennen sich nach Apfelkuchen, Kaffee und Streit und werden während der Filmhandlung nicht wieder vereint.

Stattdessen lernt der Zuschauer die Absurditäten der Protagonisten näher kennen:

Werner sieht sich mit der Einführung des Dosenpfands am Ziel seiner Karriere, während ihn seine Frau mit Liebesentzug quält und seine Kinder ihm jeglichen Respekt verweigern.
Hans-Jörg sieht sich mehr und mehr gefangen in seiner Sexsucht. Er hat nur noch Augen für die so leicht gekleideten Studentinnen, vernachlässigt seine Arbeit und konzentriert sich auf Masturbation - teils vor Pornos, teils vor Gucklöchern auf der Damentoilette.
Nachdem er von einer Studentin hingehalten und ausgenutzt wurde, sucht er seinem Drang in einer Selbsthilfegruppe Herr zu werden, durch die er in die Pornoszene gerät und ausgerechnet dort sich in seine Partnerin verliebt. Letztlich macht er einen gewaltigen und gewalttätigen Schritt der Befreiung, der erstaunlich unbeachtet bleibt.
Agnes lebt ein Leben der Demütigung: Auf verachtenswerte Weise wird sie von ihrem Freund vor die Tür gesetzt. Sie sucht Halt in der Nachtclubszene und in der Vergangenheit, die in Form einer alten Liebe auftaucht, und durch deren Scheitern sie ihren letzten Stoß in das Verderben bekommt.

(Vorsicht, Spoiler!)
Am Ende des Filmes gehen die Wege der Brüder noch weiter auseinander als zu Anfang: Agnes stirbt teils an gebrochenen Herzen, teils an den Folgen ihrer Operation; Hans-Jörg muss nach dem Mord an seinem Vater mit seiner neuen Liebe die Flucht ins Ausland wagen; und Werner und seiner Frau nähern sich nach der gemeinsamen Sorge um den Sohn wieder an und blicken in die gemeinsame Zukunft.