Kritik
von Robert Fies und Roland Austinat
Sie dachten, mit der Gentechnik seien die letzten Geheimnisse des Lebens gelüftet? Falsch gedacht! Denn der wahren Natur des Lebens wird erst die Bioätherik gerecht, die Wissenschaft von der spirituellen Energie. Denn alles Leben auf der Erde trägt diese Energie in sich. Ohne sie wäre es verloren. Und wenn ein Wesen stirbt, kehrt die Energie zu Gaia, dem spirituellen Kern der Erde, zurück, um wieder in neu geborene Lebewesen einzufließen. Nein, Sie sitzen nicht in der Bekehrungsstunde der neuesten Modesekte - Sie sitzen im Kino. Willkommen in der bunten Welt von "Final Fantasy"!
Aus diesem außergewöhnlichen Ansatz erwächst eine Sciencefiction-Story von altem Schlag. Dass diese Geschichte so auch aus einem Computerspiel hätte stammen können, ist keineswegs ein Zufall: Der Regisseur Hironobu Sakaguchi ist eigentlich der kreative Kopf hinter der gleichnamigen japanischen Rollenspielserie, deren zehnter Teil kürzlich in Japan erschienen ist. Der Titel "Final Fantasy" und der Firmenname "Squaresoft" lösen unter Rollenspielkennern abwechselnd tiefe Ehrfurcht und hohe Begeisterung aus. In Japan gehen am Erscheinungstag eines neuen Teils regelmäßig Zigtausende von Krankmeldungen ein, und auch in den USA und Europa genießt die Serie spätestens seit dem siebten Teil, der für Sonys Playstation und den PC erschien, Kultstatus. Inhaltlich hat der Kinofilm allerdings bis auf einige philosophische Anleihen nichts gemeinsam - schließlich entfaltet auch jedes der Rollenspiele eine eigenständige, in sich geschlossene Welt mit eigenen Charakteren und ohne inhaltliche Rückbezüge. Im Gegensatz zu "Tomb Raider" gibt es im Film auch so gut wie keine Anspielungen auf die Spiele - selbst traditionelle Erkennungsmelodien fehlen völlig.
Auf echte Menschen - sprich Schauspieler - ist jedoch auch der Kinofilm nicht angewiesen, denn er wurde komplett im Computer erzeugt - mit Haut und Haar. Allein die 60.000 einzeln animierten Haare der Hauptfigur Aki Ross verschlangen ein Fünftel der gesamten Produktionszeit. Während wir durch Filme wie "Toy Story" oder "Jurassic Park" bereits an Darsteller und Sequenzen aus dem Computer gewöhnt sind, macht "Final Fantasy" erstmals richtig ernst und verwendet für einen Abend füllenden Spielfilm computeranimierte Figuren. Selbst die Ähnlichkeit des männlichen Hauptcharakters Gray Edwards mit Ben Affleck ist angeblich rein zufällig. Dass die 200 auf Hawaii stationierten Grafiker ihren Job gut gemacht haben, bewies nicht zuletzt Tom Hanks, der um seinen Berufsstand bangte: "Ich weiß nicht, was wir Schauspieler dagegen tun können", sagte er. "Diese Entwicklung ist wohl nicht aufzuhalten."
Trotzdem: Gute Grafiken sind nicht alles, und auch bei 138 Millionen Dollar Produktionskosten und modernster Technik bleiben die Figuren noch immer ein bisschen puppenhaft. Dass dann auch noch die Hälfte der wenigen Charaktere stereotypisch und austauschbar erscheint und ohnehin mehr gesichtslose Aliens und Soldaten in geschlossenen Schutzanzügen die Szenerie dominieren, nimmt dem Film viel von seiner Menschlichkeit. Der Verlauf der Geschichte ist außerdem bis auf das wirre Ende recht vorhersehbar und für erfahrene Sciencefiction-Veteranen nicht unbedingt besonders innovativ.
Und dennoch bleibt "Final Fantasy" ein äußerst mutiges und außergewöhnliches Kinoereignis. Der exotische philosophische Ansatz um die Natur des Lebens ist nicht gerade auf das an Hollywood-Kost gewöhnte westliche Publikum zugeschnitten, und obwohl das manchen Zuschauer abschrecken dürfte, verleiht es dem Film eine besondere Note. Außerdem sieht "Final Fantasy" vom Anfang bis zum Ende so höllisch gut aus, dass man sich am liebsten jede Szene als Hintergrundbild für den Desktop wünschen würde. Wer also einen Sinn für Action-geladene, bombastische Bilderfluten hat und sich für asiatisch-ungewöhnliche Weltanschauungen begeistern kann, darf diesen Film auf keinen Fall verpassen. Freunde des europäischen Autorenfilms könnten von der Geschichte jedoch enttäuscht sein.
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