Inhalt & Kritik
von Thomas Harbach
Nicht in, aber insbesondere in Hongkong sind erfolgreiche Kinofilme schließlich in Endlosserien verbraten worden. Im Falle von „Election“ macht die Fortsetzung Sinn. Im ersten Teil von Johnies Tos dunklere Triadenserien ist Lok schließlich für zwei Jahre zum neuen Anführer gewählt worden. Im Gegensatz zu den Ältesten der Triaden konnte der Zuschauer in dem nihilistischen und durch seine distanzierte, teilweise semidokumentarisch gewählte Erzählstruktur dessen Morden folgen. Diese zwei Jahre sind zu Beginn der Fortsetzung um. Und nach den alten Gesetzen muss ein neuer Anführer gewählt werden. To macht nicht den Fehler, der Prämisse des ersten Teils zu folgen, sondern nutzt sie als Katalysator, um den starken Kontrast zwischen der inzwischen ad absurdum geführten Tradition der Triaden und der Gegenwart aufzuzeigen. Ganz bewusst diente der erste Teil als Einführung. Der Zuschauer verfolgte mit Staunen den im Grunde selbstzerfleischenden Auswahlprozess. Demokratie in Triadenform und viel Blut konnte man den Film nennen. Das es inzwischen nicht mehr nur um das Geldverdienen und die Kontrolle des Geschäfts geht, sondern um persönliche Eitelkeiten, hat To deutlich herausgestellt. Die Fortsetzung ist auf den ersten Blick deutlich brutaler – insbesondere das Umdrehen von Loks Leibgarde gehört zu den brutalsten und nihilistischen Szenen des Kinos -, stromlinienförmiger und augenscheinlich weniger aufregend. Aber die subversiven Untertöne sind kräftiger und könnten im Falle eines dritten Teils den Untergang der traditionellen Triaden unter dem Einfluss der mindestens ebenso rücksichtslosen und inzwischen kapitalistisch orientierten chinesischen Verbrecherorganisationen bedeuten. Wie der erste Teil besteht allerdings Tos Inszenierungsstil aus unterkühlten Bildern und unsympathischen opportunistischen Charakteren. Der Zuschauer soll und darf keine elegische Gangstersaga wie „the Godfather“ oder Martin Scorseses Gangsterfilme erwarten. Coppola baute insbesondere durch den Beginn des Films mit der Hochzeitszeremonie eine manipulierende Sympathieebene zum Zuschauer auf. „Election 2“ endet zwar mit der Ankündigung, dass Jimmy Vater wird, aber zu diesem Zeitpunkt hat man sich zu weit von den Figuren entfernt.
Dabei ist Jimmy die einzige Figur in diesem Spiel, die durch Intrige fast zur Kandidatur gezwungen wird. Der hübsche, smarte und geschäftstüchtige Jimmy – Louis Koo – verdient ein Vermögen mit seinen Raubkopien. In China will er eine neue Fabrik mit Autobahnanschluss bauen. Dazu muss er allerdings, wie man ihm schnell deutlich macht, ein führendes Mitglied der Triaden sein. Also tritt er gegen Lok an. Dieser will die Tradition brechen und zum zweiten Mal hintereinander wiedergewählt werden. Dazu müssen nicht nur einige Tabus gebrochen werden, schnell stellen die beiden Kontrahenten fest, dass sie sich gegenseitig töten müssen. Und das ist laut den Statuen ebenfalls verboten.
Im Vergleich zu Ringo Lams oder John Woos Gangsterepen finden hier keine rasanten Schusswechsel statt. Die bevorzugte Waffe ist die Machete. Sowohl Jimmy als auch Lok sind beim Erreichen ihrer Ziele rücksichtslos. Ihre Motive sind allerdings sehr unterschiedlich. Während Lok nicht mehr auf die Macht verzichten möchte, sieht Jimmy in der Wahl die einzige Möglichkeit, sein Geschäft zu expandieren. Im Grunde interessieren ihn die Triaden nicht, nach zwei Jahren sieht seine Zukunftsplanung vor, den Drachenkopf ohne Widerstand weiterzugeben. Nur Lok steht ihm im Wege. Ganz bewusst zeichnet To das Duell dieser charakterlich sehr unterschiedlichen Typen als intellektuelles Schachspiel mit Menschen als Figuren. Sie bewegen ihre Vertrauten mit einer eiskalten Logik durch die Straßen Hongkongs, drohen mit Verstümmelung und Mord, entführen Schlüsselfiguren oder legen manchmal selbst Hand an einen notwendigen Unfall. Das lässt den Film fast lethargisch erscheinen. Oft führen die Planspiele auch nicht zu einer blutigen, brutalen Auseinandersetzung, sondern in Dialogen und oberflächlichen Gesprächen. Diese lösen aber nicht die bestehenden Konflikte auf, sondern bringen den Zuschauer wieder näher an das Geschehen heran. Unabhängig von der Erwartungshaltung des Zuschauers, mit welcher Johnnie To teilweise geradezu meisterlich spielt, nimmt man dieser Triadenwelt ab, wie sehr die Gefahr und die Brutalität ihr ständiger Begleiter sind. Gleich zu Beginn des Films wird ein Triadenmitglied auf offener Straße aus dem Hinterhalt angegriffen und getötet. Aus dem fahrenden Auto wie in einem Dokumentarfilm inszeniert To die Szene. Die Passanten und Geschäftsbesitzer sind überrascht und schockiert. Aber für sie ist es eine andere Welt, zu der sie keinen Zutritt haben und wahrscheinlich auch keinen Zutritt möchten. Ehre und Moral spielen nur noch bei den Treffen der Alten eine Rolle. Mit bissiger Ironie zeigt To immer wieder den Unterschied zwischen ihren absurden Wunschvorstellungen und ihrer Schönfärberei der eigenen Vergangenheit und dem brutalen Machtspiel, das durch die Straßen Hongkongs tobt. Es geht darum, die Wahl zu gewinnen. Dabei wird jede Möglichkeit ge- oder missbraucht, um den entscheidenden Schachzug zu machen. Insbesondere Jimmy verwandelt sich vom intelligenten Geschäftsmann zu einem abscheulich brutalen Killer, um Loks Leute loyal zu machen. Die Veränderung spiegelt sich weniger in seiner stoisch distanzierten Miene wider, sondern in seinem Gebaren. Hätte To Jimmy nur einen Hauch sympathischer oder menschlicher gemacht, wäre „Election 2“ ein unerträglicher Film geworden. In diesem Film gibt es keine Grauzonen mehr, keine Faszination der Familien, Tos Botschaft ist eindeutig und dunkel.
Und vernichtend. Im ersten Teil ging es in erster Linie darum, wie brutal und entschlossen die Männer das Spiel spielten. In der Fortsetzung bestimmt das Spiel die Regeln. Im ersten Teil endete die Auseinandersetzung, als Lok seinem Widersacher eigenhändig den Schädel einschlägt. Ein Schicksal, das sich in der Fortsetzung wiederholen wird. „Election 2“ endet nicht mit einem Akt der Gewalt, To geht boshaft einen Schritt weiter. Der Kreis schließt sich für Jimmy auf einer überraschenden Note. Im Zuge der Auseinandersetzung und der Wahl gewinnt er und erreicht sein Ziel. Um plötzlich erkennen zu müssen, das er selbst in dieser Auseinandersetzung nur wie ein Hund dem Köder gefolgt ist, um die wahren Herren des Spiels am Ende des Films kennenzulernen. Folgt er deren Wünschen, wird er ein Leben lang ein gehorsamer Gefolgsmann oder Sklave der chinesischen Triaden sein. Diese haben mit subversiver Intelligenz alle Parteien gegeneinander ausgespielt. Das sich politische, soziale und ökonomische Komponenten eher zu einem ungenießbaren und nicht mehr gut abgestimmten Dialogbrei vermischen, steht auf einem anderen Blatt. Für den Augenblick entzieht To nicht nur seinem Protagonisten, sondern vor allem seinem Publikum in Hongkong den Boden und dreht das Rad der Zeit vor das Jahr 1997 zurück, als die Angst der Wiedervereinigung mit China allgegenwärtig gewesen ist. Tos Botschaft ist klar, deutlich und nicht zu überhören: Egal wie der Status der Kronkolonie politisch oder triadentechnisch ist, China hat die Macht übernommen und wird jeden Gegner rücksichtslos vernichten. Es ist sicherlich eine doppelte Ironie, das mit Jimmy ausgerechnet die Person von dieser neuen Entwicklung betroffen ist, die noch Hongkongs aufstrebenden und kapitalistischen Geist vertritt. Im Vergleich zum ersten Film hat Jimmy an Einfluss und Charisma gewonnen. Die alten Triadenmitglieder respektieren ihn, weil er sich auf das Geldverdienen im Graubereich konzentriert. Jimmy geht es in erster und wahrscheinlich einziger Linie darum, Geld für seine zukünftige Familie zu verdienen und sich für seine zukünftigen Kinder eine goldene Zukunft auszumalen. Ihn interessiert weder die Macht noch die Ehre, sondern nur das Geld. Am Ende wird ihm nur das Geld bleiben. Auch wenn To seinem Protagonisten am Ende des Blutbades einen Augenblick des Glücks schenkt, bleibt ihm Zuschauer der Eindruck hängen, als wäre es der letzte Sonnenschein seines Lebens. Als Jimmy den Kampf gegen Lok aufgenommen hat, verlor er sein bisheriges Leben.
Der erste Streifen lebt von der Auseinandersetzung zwischen Lok und seinem Konkurrenten Big D. Ganz bewusst hat To hier über weite Strecken die Erwartungshaltung seines Publikums erfüllt. Beide stellten klassisch- klischeehafte Inkarnation des selbstverliebten Triadenmitglieds dar. Big D war arrogant, aufbrausend, in seinem Inneren unsicher, Lok die klassische Inkarnation eines Simon Yam Charakters: cool, charismatisch und aggressiv. Der Zuschauer mochte diese Figuren vielleicht nicht, aber sie waren ihm aus unzähligen Gangsterstreifen vertraut. Teilweise bis auf die ungewöhnlich distanzierte Inszenierungsweise konnte man sich wie auf einer Zeitreise in den achtziger Jahre und die erste Blütezeit des modernen Hongkongkinos vorkommen. Bis To im wahrsten Sinne des Wortes den Teppich unter den Zuschauern wegzog und Lok als falsch, brutal und hinterhältig entlarvte. Die klassischen Begriffe wie Familie und Ehre lösten sich innerhalb weniger Minuten auf der Leinwand in Nichts auf. Solange To mit den Klischees und Erwartungen der Zuschauer spielte, solange war „Election“ ein unterhaltsamer Film. Erst in der zweiten Hälfte wurde er zu einem dunklen nihilistischen Streifen. In der Fortsetzung gibt es diese vertrauten Szenen nicht. Der Film ist von Beginn an dunkel und nihilistisch. Die wenigen vertrauten Gesichter in den Nebenrollen bemühen sich, das Szenario ein wenig aufzuhellen, doch für jeden Lichtstrahl hat To eine dunklere Wolke in der Hinterhand. Insbesondere seine Schauspieler hat To sehr gut im Griff. Es erscheint weniger, als das sie die Rollen spielen, sondern leben. Der oft störende kindliche asiatische Humor findet sich nur in einer Szene wieder und wirkt auch hier bedrückend als befreiend. Technisch gesehen bemüht sich To um eine sehr unauffällige, aber intensive Inszenierung. Seine Kamerafahrten und teilweise Perspektiven sind aber sehr gezielt gewählt und bringen den Zuschauer näher an das Geschehen heran als er es sich vielleicht wünscht. Dieser karge Ansatz ist für Anhänger des Hongkongkinos gewöhnungsbedürftig, aber passt zu der Botschaft dieses Films.
Was gegen „Election 2“ als Meisterwerk spricht, ist seine lethargische, fast langweilige Erzählstruktur. Nuanciert und detailliert, immer wieder den Eindruck vermeidend, einen Spielfilm zu inszenieren schleppt sich das morbide, aber faszinierende Geschehen dahin. Unterbrochen von teilweise sehr nuancierten und pointierten Dialogen und immer wieder schockierenden Gewaltszenen. Obwohl der Film nur knappe neunzig Minuten lang ist, kommt er dem Zuschauer viel länger, intensiver und teilweise allerdings auch langweiliger vor. Da er sich nicht mit den Protagonisten identifizieren kann und soll, fehlen ihm oft die Bezugspunkte. Das macht „Election 2“ zu keinem sehr einfachen Film. Aber „Election 2“ ist ein ungewöhnlich reifer, dunkler, ernsthafter Streifen, der sich von den romantisch pathetischen Themen des Heroic Bloodshed und der Verbrüderung deutlich abhebt und die Triadenmitglieder als eiskalte, rücksichtslose, opportunistische und herzlose Verbrecher behandelt, die sie auch sind. Und diese Botschaft hämmert „Election 2“ in die Zuschauer hinein.
Das Bild wirkt teilweise ein wenig blass, im Vergleich zu den stilisierten Gangsterfilmen eine unnötige Aufhellung, da es Johnnie To ja um ein realistisches, aktuelles Gangsterbild geht. Aber diese Aufhellung zeichnet im Grunde viele Hongkongproduktionen seit vielen Jahren aus. Das verwendete Filmmaterial könnte eine Erklärung bieten. Ansonsten ist das Format sehr gut ausgewählt, die Farben sind sauber und die Kontraste scharf. Insbesondere die Nachtszenen sind sehr überzeugend. Wie naturalistisch die Farben sein können, sieht man am Ende beim Blick über die scheinbar endlosen Reisfelder mit den tief stehenden Nebelwolken.
Der Ton ist sehr gut gelungen. Es wird eine Originaltonspur mit deutschen Untertiteln angeboten, welche zu bevorzugen ist. Insbesondere bei den Massenszenen hat man sich Mühe gegeben, die Stimmung durch eine gute Mischung aus Vor- und Hintergrundgeräuschen des Films noch zu verstärken. Zu den Extras gehört ein kurzes Making Off und ein kombiniertes Interview mit Johnnie To und Simon Yam. Diese bieten einige weitere Informationen über den Film, ihnen fehlt aber die kritische Komponente, die To in seinen Produktionen so gerne anspricht. Ergänzt werden die Extras durch einige Trailer und Texttafeln.
|