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Filmwelt


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Ein Haufen verwegener Hunde


Inhalt & Kritik

von Thomas Harbach

Die Reklame für Enzo G. Castellaris Kriegesabenteuer aus dem Jahr 1977 lautete: „ Was auch immer das dreckige Dutzend machte, machen sie noch dreckiger!“. Zynische Stimmen sprachen dagegen eher davon, das das Budget dieses italienischen Films eben nur für die Hälfte der dreckigen Dutzends reichte: fünf Deserteure, die zusammen mit einem eingeflogenen amerikanischen Spezialisten schließlich unter Opferung ihres Lebens zu wahren Helden werden. Nicht nur die Ankündigung Quentin Tarantinos, im nächsten Jahr ein Remake oder eine Hommage auf diese im Grunde absurden Kriegsfilme drehen zu wollen, hat das Interesse an diesem sehr kurzlebigen Subgenre zwischen Italo- Western und Papp- Science Fiction wieder geweckt. Das Medium DVD macht es möglich, dass diese oft mit primitiven Mitteln und unter Missachtung jeglicher Konventionen gedrehten Filme im Vergleich zu den oberflächlich glatten und inhaltsleer konzipierten Hollywoodwerken der Gegenwart wieder eine Renaissance erleben und oft in einer Qualität veröffentlicht werden, die sie seit ihrer Erstausstrahlung nicht hatten. Koch Media legt mit „Ein Haufen verwegener Hunde“ eines der besseren Machwerke dieser deutsche Soldaten fressenden Filme auf. Für die Kinoverwertung ist der Film inklusiv der Videoveröffentlichung um über zwanzig Minuten Dialog und eine lustige Sequenz in einem von der Totenkopf- SS geleiteten Luxusgefängnis gekürzt worden. Im Original – wobei die amerikanischen Schauspieler auch italienisch synchronisiert worden sind – mit entsprechenden deutschen Untertiteln sind diese Sequenzen wieder eingefügt worden. Bezeichnend ist, dass sie das Abenteuer Krieg im Grunde mehr negieren als der flotte Zusammenschnitt interessanter, intensiver und nicht immer logischer Actionsequenzen suggeriert. Auch wenn die Bezüge zu Filmen wie „The Guns of Navarone“ und vor allem „das dreckige Dutzend“ spürbar sind, hat das mit alternden Stars besetzte Vehikel „Die Wildgänse kommen“ – auch vor kurzem in einer schönen Doppel- DVD bei e-m-s erschienen – erst die Welle von Kriegsabenteuern kurz vor dem Aufflammen der „Star Wars“ Woge ermöglicht. Nicht unbedingt mit einem großartigen Budget ausgerüstet, konnte Enzo Castellari aber auf sein bewährtes Team zurückgreifen. Die Ausrüstung ist nicht unbedingt teuer gewesen. Es gibt keine Panzer im Film, die eine Flugsequenz ist geschickt aus einem anderen Kriegsfilm übernommen worden und die Jeeps und Lastwagen stehen mehr als das sie fahren. Dazu hat es einen reichhaltigen Fundus an Uniformen und militärischer Handausrüstung in den italienischen Studios befunden. Und eine abgeschiedene Bahnstrecke inklusiv Bergen, Wäldern und einer sprengbereiten Brücke dürfte den größten Teils des Budgets verschlungen haben. Das der letzte und einzige Trickeffekt nicht überzeugend daherkommt, zeigt, wie sehr der Regisseur auf echten Realismus während der Dreharbeiten Wert gelegt hat. Hier springen noch die im Grunde B- Prominenten wie Fred Williamson auf Züge und nicht der unbekannte Stuntman. Dabei ist die zugrunde liegende Geschichte ganz bewusst sein einfach gestrickt worden. Eine Gruppe von Deserteuren und Verbrechern soll von einem amerikanischen Gefangenenlager abtransportiert werden. Die Soldaten sind alles andere als begeistert, den Abschaum der Kompanie eine Art Ehrengeleit zu geben. Die Gruppe setzt sich aus sehr unterschiedlichen Charakteren zusammen. Bo Svenson ist der einzige Offizier. Er wird später das Kommando über die Gruppe übernehmen, er ist der erste, der sich wieder an seine vaterländische Pflicht erinnert und zustimmt, die Selbstmordmission zu übernehmen. Anfänglich ein wenig steif und distanziert angelegt, gewinnt sein Charakter im Vergleich zu anderen Mitgliedern der Gruppe sehr schnell an Tiefe. Er versucht sich zumindest den Anschein zu geben, ein zivilisierter Soldat zu sein. Insbesondere zu Beginn – als das Ziel noch die Schweiz und ein freies Leben im Land der Schokoladen ist – ist er wichtig für die Gruppendynamik und hält die unterschiedlichen, zum Teil sehr exzentrischen Charaktere im Lot. Wenn er sich schließlich am Ende des Films opfert, geschieht das aus Überzeugung und nicht irgendwelchem Pathos. Tony – Peter Hooten in einer unglücklich angelegten Rolle – ist ein Mörder, Nick – Michael Pergolani – als Dieb hat zumindest zu Beginn des Films die Lacher auf seiner Seite. Als Ein-Mann- Tante- Emma- Laden ist sein Charakter manchmal sehr konträr zu der dunklen Handlung, sorgt an einigen Stellen eher aufgesetzt für das Comic Relief, bildet aber einen guten Kontrast zu den anderen, eher eindimensional angelegten Charaktern. Am Ende des Films versucht er die Kameraden mit einer wilden Motorradfahrt durch das Gelände zu warnen. Eine deutliche Hommage an Steve McQuenns Klassiker „The Great Escape“. Der Feigling Berle – Jackie Basehart – entpuppt sich bis zu seiner einzigen wichtigen Szenen als Opportunist, während Fred Williamson in seiner Rolle in erster Linie an der Zigarre ziehen kann und die Muskeln spielen lässt. Die unfreiwillige Befreiung und den Beginn ihrer Odyssee gelingt den Deutschen, welche den Konvoi aus der Luft angreifen. Nachdem sie in die französischen Berge geflohen sind, müssen sie sich mit einer Handvoll nackter junger Mädchen in einem Bergbach auseinandersetzen – das Bild der nackten blonden (!) schönen mit dem Maschinengewehr in der Hand findet sich aus verschiedenen Perspektiven auf dem Backcover und dem Booklet wieder. Sie treffen in Person Raimund Harmstorfs auf einen deutschen Deserteur. Seine sympathische Rolle ist viel zu klein angelegt und er kann sein schauspielerisches Talent überhaupt nicht zur Geltung bringen. Schließlich werden sie von Amerikanern in deutschen Uniformen bedroht. Diese schießen Harmstorf von hinten nieder. Die Rache folgt auf den Fuß. Wie sie aber erst später erkennen werden, haben sie ein amerikanisches Spezialkommando eliminiert. Der französische Widerstand verwechselt sie mit dem Kommando und führt sie in ihr Lager. Hier trifft ein Mitglied auf eine schöne Krankenschwester – die aparte Tochter des Schauspielers William Berger - , so dass die Liebe zumindest für einen Moment und im rührseligen Schlußbild eine Rolle spielt. Leider treffen sie auch auf das einzige echte Mitglied dieses Spezialkommandos, das nicht begeistert ist, für eine Selbstmordmission nicht auf ein eingeübtes Team, sondern eine Handvoll Deserteure zurückgreifen zu müssen. In einer cineastisch sehr guten, aber unlogischen Idee sollen sie aus einem alten fahrenden Zug – welch ein Zufall, das einer der verwegenen Hunde seinem Freund beim Lokomotivfahren einmal zugesehen hat! – das Leitsystem der neuen V2 Raketen stehlen. Hier nimmt der Film ungewollt James Bond artige Züge an. Mit der systematischen Steigerung der Prüfungen überwindet das clever geschriebene Drehbuch einige Schwächen anderer Kriegsfilme. Diese konnten nach einer schier endlosen Odyssee durch Feindesland nur noch eine müde Endschlacht anbieten, hier finden sich die atemberaubenden Stuntsequenzen dicht gedrängt im langen, packenden Showdown.
Ende der sechziger Jahre inszenierte Hollywood eine Reihe teurer Kriegsabenteuerproduktionen. Mit dem Vietnamkrieg kam dieses zweifelhafte Subgenre zum Erliegen und Filme wie „The Deer Hunter“ oder „Apocalypse Now“ setzen sich mit dem Vietnamkrieg auseinander. In erster Linie ging es um zerbrochene Soldaten in einem inzwischen technisiert und anonym gewordenen Krieg. Das Männer in den Krieg zogen, um wie große Kinder Abenteuer zu erleben und die Feinde wie Tontauben von den Dächern schießen, hatte man lange nicht mehr auf der Leinwand gesehen. Nicht zuletzt aus diesem Grund wirkt Castellaris Film deutlich älter als die dreißig Jahre, die er auf dem Buckel hat. Das Sterben wird hier bis auf wenige zu kurze Sequenzen wieder auf spektakuläres Umfallen reduziert. Beide Seiten erschießen die Feinde mit Vorliebe aus dem Hinterheld, von hinten oder werfen Handgranaten. Es geht um das nackte Überleben in einem inzwischen chaotisch gewordenen Krieg. Es wäre eine Farce, von einem harmlosen Vergnügen zu sprechen, aber die Lächerlichkeit und Unglaubwürdigkeit des Plots verhindert, daß der Zuschauer die Handlung wirklich ernst nehmen kann oder ernst nimmt. Die Actionsequenzen sind für das vorhandene Budget wirklich sehr gut. Im Grunde findet alle fünf Minuten ein ausgedehntes Schusswechsel statt. Bedenkt man auch noch, dass der Film im Jahre 1944 spielen sollte, ist es von Beginn erstaunlich, wie gedankenlos hier auf beiden Seiten mit der wertvollen und knappen Munition umgegangen worden ist. Insbesondere der Hintergrund dieser Schusswechsel ist immer wieder interessant gestaltet worden. Vor den ausgebrannten Wracks diverser Fahrzeuge, in einem Bahnhof, auf einem fahrenden Zug, die Befreiung aus einem alten Schloss inklusiv einer James Bond ähnelnden Fluchtsequenz. Kein Duell ist wie das andere. Erst der Überfall auf den Zug offenbart einige Wiederholungen. An manchen Stellen ist Castellari einfach gezwungen worden, die gleichen Szenen aus leicht veränderten Perspektiven zu verwenden. Da die gesamte Sequenz sehr gut inszeniert und mittels schnell wechselnder Standorte und Schnitte einen rasanten Eindruck hinterlässt, fällt diese Schwäche weniger ins Gewicht. Am Ende wird die Distanz zum Western mit einem schnellen Spurt überwunden. Denkt man sich die Uniformen weg, könnte es sich durchaus um einen klassischen Zugüberfall durch weiße Banditen handeln. Diese bedenklichen Tendenzen negiert Castellari in einer sehr effektiven Szene. Beim Überfall der Partisanen auf den Zug nutzt er Zeitlupensequenzen – sehr gut integriert – um das sinnlose Sterben auf beiden Seiten zu unterstreichen. Aus dem Abenteuer ist für einen Moment eine vielleicht übertriebene Spiegelung historischer Realitäten geworden. Leider verlässt der Film diesen Pfad sehr schnell wieder und kehrt zum klassischen Wild West Milieu zurück. Der Plot ist allerdings sehr gut von Filmen wie „The Dirty Dozen“ kopiert worden. Die größte Ähnlichkeit weißt er wahrscheinlich mit dem schon 1969 entstandenen „Hell commandos“ Jose Luis Merinos auf. Ein direkter Vergleich der beiden Streifen wäre sicherlich interessant. Die Liebesgeschichte ist ebenfalls nicht sonderlich überzeugend. Und wenn einer der Helden von dem jederzeit um die Ecke lauernden Tod spricht, um die schöne Krankenschwester ins Bett zu kriegen, wird dieser machohafte Eindruck auch nicht durch den abschließenden Kuss vor den brennenden Trümmern des Zuges negiert. Es sind eben Männer wie im Bilderbuch, die hier agieren. Die Verschiebung der einzelnen Charaktere nach einem durchaus interessanten Auftakt zu widerspruchslos agierenden Schablonen nimmt dem Film in der zweiten Hälfte ein wenig an Tiefe, diese wird oberflächlich durch die Actionsequenzen ausgeglichen. Wenn es aber ans Sterben der einzelnen Helden wider Willen geht, wirkt nicht jede Szene wirklich ergreifend. Auch wenn charakterliche Entwicklung in einem italienischen Low Budget Film ein Widerspruch in sich ist, hätte Castellari nach dem soliden Auftakt die einzelnen sehr unterschiedlichen Protagonisten weiter ausbauen können. Insbesondere in Bezug auf das Schauspielerpotential, das ihm für diesen Film zur Verfügung gestellt worden ist. Udo Kier in einer guten Nebenrolle und Michael Constantin als der Partisanenanführer bilden einen guten Kontrast zu dem halben Dutzend Antihelden.
Sieht der Zuschauer von den vertrauten einige drehbuchtechnische Schwächen ausgleichenden Gesichtern ab, sind alle Charaktere im Grunde eindimensional angelegt und werden deutlich überzeichnet. Aber wie im Comic möchte man hier keine grübelnden Zweifler sehen, sondern Über-Männer und ihre entschlossenen Taten. Und davon findet sich reichlich im Film. Ganz bewußt verzichtet Castellari auf den klassischen Kriegsjargon, hier wird gesprochen wie einem die Schnauze gewachsen ist. Nicht zuletzt wird damit eine ähnlich surrealistische Atmosphäre erzeugt wie in asiatischen Filmen wie „Golden Queen Commando“. In diesem asiatischen „Remake“ wird die Absurdität auf die Spitze getrieben, in dem eine Gruppe von schönen Mädchen auf eine Selbstmordmission in einem Niemandsland geht, das durchaus einer Kriegszone des Zweiten Weltkriegs ähneln könnte. Die Parodie ist in dem asiatischen Nachahmer unabsichtlich. Das Castellari allerdings das Geschehen auch nicht sonderlich ernst genommen hat, verdeutlicht er in einer Szene, in welcher der Selbstzerstörungsmechanismus der deutschen V2 Rakete mit einem Bleistift an der richtigen Stelle unterbrochen wird. Spätestens ab diesem Moment entfällt jegliche Diskussion über politische Korrektheit. Castellari zieht in diesem unterhaltsamen, nicht unbedingt niveauvollen, aber überzogenen Kriegsabenteuer alle Register des Spaghetti Actionkinos. Mittels grandioser Übertreibung erhält der Film eine einzigartige, bizarre Atmosphäre. Unabhängig von jeglicher Logik zelebriert der Abenteuerfilm eine Art Sandkastenkrieg mit wenigen Szenen, die dem Zuschauer die Wirklichkeit des Zweiten Weltkriegs vor Augen halten. „Ein Haufen verwegener Hunde“ ist erst in zweiter Linie eine moralische Geschichte. Wie mehrmals am Ende des Films betont wird, können auch Deserteure und Verbrecher einen Funken Ehre im Leib spüren und ihrem Vaterland einen wichtigen Dienst erweisen. Warum sie diese Gefühle nicht vorher gespürt haben, wird nicht hinterfragt. Vielleicht sind es ihre Amoralität, ihre Undiszipliniertheit und schließlich ihr Unwillen, sich einem korrekten Vorgesetzten zu unterstellen, welche diese – mit einer heißen Nadel gestrickten - Aktion letzt endlich zu unter großen Verlusten einem Erfolg machen. Die Schauspieler agieren sehr gut zusammen und geben diesem rasant inszenierten Kriegsabenteuer eine nicht zu leugnende Faszination. Teilweise bizarr, teilweise befremdlich, aber wie bei seiner Erstaufführung sechsundneunzig Minuten Action… vor allem politisch vollkommen unkorrekt…

Koch Media zeigt mit der schönen Veröffentlichung zum wiederholten Mal, was man aus einem alten Film mittels digitaler Technik alles herausholen kann. Im richtigen Format 1,85:1 sind die Farben satt und naturalistisch. Die Schärfe ist ausgezeichnet. Insbesondere Fehler und Defekte des Mutterbandes sind ausgemerzt worden. Die Restauration gehört zu den Spitzenleistungen der letzten Zeit. Die Tonspuren dagegen klingen ein wenig blechern, latent ausgeleiert. Die nicht deutsch synchronisierten Passagen sind sehr gut untertitelt worden. Es empfiehlt sich allerdings, die Szene auf dem Schlosshof des zu einem SS- Stützpunkt umgewandelten italienischen Schlosses möglichst im Original zu sehen. Wie Christian Kessler in seinem mit sehr spitzer Zunge geschriebenen Booklet erwähnt, ist das Deutsch einfach nur herrlich. In einem ernst gemeinten Kriegsfilm wäre spätestens hier die Mission der gebrochenen Helden mangels Sprachkenntnissen zu Ende gewesen. Für die Veröffentlichung hat Koch Media neben der etwas kurzen Bildergalerie – nur zwei Poster und drei Aushangsätze, keine Bilder hinter den Kulissen, sowie dem italienischen Kinotrailer noch ein exklusives Making Off produziert. Wie bei den Sergio Sollima Veröffentlichungen des gleichen Hauses ist es faszinierend, insbesondere Castellari von den Dreharbeiten erzählen zu hören. Wie in seinen Interviews ist er eine sympathische Persönlichkeit, die mit viel Einfaltsreichtum und einem ungeheuren Improvisationstalent aus dem Nichts heraus unterhaltsame Filme geschaffen hat. Es ist allerdings schade, dass insbesondere die noch lebenden Schauspieler wie Fred Williamson nicht zu Wort kommen.