The Descent - Abgrund des Grauens
von Susanne Picard
Ja, solchen Horror möchte man im Kino öfter sehen. In letzter Zeit allerdings gelingt das nicht sonderlich gut, zuviele danebengegangene Horrorstreifen durfte man in den letzten beiden Jahren im Kino "bewundern", die nur auf Schockeffekte setzten. Und in denen auf zu traditionelle und damit vorhersehbare Art möglichst viele Menschen auf möglichst grausame Weise um die Ecke gebracht wurden (Schleim und Blut inklusive). Nun, das könnte man auch - meinte man es böse - The Descent vorwerfen. Doch hier wurde in gekonnter Manier Gore und Psychoschrecken vermengt und damit ersterem eine Grundlage gegeben, getreu dem Motto: Angst sollte man nur vor den eigenen Abgründen haben. Das erlebt man in letzter Zeit viel zu selten. Zu routiniert sind Schauspieler und Regisseure, sie meinen, gerade im Horrorgenre sollte doch wohl gelten: Was einmal funktioniert hat, sollte immer funktionieren. Nun, das mag für Dramen oder Komödien gelten, aber Angst hat man nun mal nur vor dem Unbekannten. Was man kennt, erzeugt eben keine Furcht.
Die Schauspielerinnen bringen die Angst, die einem im absoluten Dunkel ergreifen kann, in der Tat glaubwürdig rüber, jeder von ihnen ist der Schrecken anzumerken vor dem, was wohl in der Tiefe auf sie warten könnte. Ein Grund dafür ist sicher, dass sich Regisseur Neil Marshal den "Scherz" erlaubte, keiner seiner Protagonistinnen das wahre Aussehen des Schreckens zu verraten, auf den sie im Höhlenlabyrinth treffen. So ist die Angst in den Gesichtern sicher echt. Marshal verstärkt diesen Effekt (auch und besonders für den Zuschauer), nämlich die Angst vor dem, was alles einen Schritt weiter lauern könnte, damit, dass er die Protagonistinnen weitgehend im absoluten Dunkel agieren läßt. Nur Fackeln, manchmal eine Kamera mit Nachtsichtfunktion und Taschenlampen erhellen die grenzenlose Schwärze ein wenig und immer nur auf ein paar Meter. Schon danach lauert das absolute Unbekannte, schon der nächste Schritt kann im Nichts enden.
Und wer nicht gespoilert werden will und ohne Hints genießen will, wie die Lösung auf das, was da auf der Leinwand auf einen zuzukommen verspricht, aussehen könnte, sollte hier wegen akuter Spoilergefahr nicht weiterlesen. (Doch auch die Neugierigen seien getröstet: Der Film bedient sich Mechanismen, die den Schrecken nach einer kurzen Beschreibung nicht unbedingt auslöschen). Dieser Film beginnt erfrischend anders als die meisten Horrorfilme nicht mit einer Idylle, sondern mit einem Unfall: Eine der sechs Freundinnen, Sarah, wird in einen Autounfall verwickelt, in dem sie auf grausame Weise sowohl ihren Mann als auch ihre Tochter verliert. Ihre Freundinnen versuchen die Extremsportlerin zu trösten, indem sie sie auf eine Höhlentour einladen. Joona, Holly, Rebecca, Beth, Jessica und Sarah machen sich also auf zu einem echten Weiberwochenende.
Aber wie das mit Höhlen so ist, sie sind wie die Berge, man will sie erforschen und gerne der Erste sein. So auch hier: Die Truppe macht sich mitsamt perfekter Ausrüstung und mit Feuereifer mitten in die Appalachen auf und läßt sich in eine nur duch einen Krater zu betretende Höhle hinab. Die Appalachen, aha! mögen Freunde des Genres jetzt sagen und richtig, irgendwie ist es meist dieser Gebirgszug, der besondere Geheimnisse zu bergen scheint. Scheinbar haben die Damen aber die einschlägigen Filme nicht gesehen, und so macht man sich frohgemut auf, die Höhle zu erforschen, auch, als man feststellt, eigentlich ist es gar nicht die, die man sehen wollte. Macht nichts, Höhle ist Höhle und was könnte da besser sein als eine, die man noch nicht kennt? Macht die ganze Sache doch erst recht spannend. Doch schon bald stellt sich heraus, in der Mädel-Gruppe herrscht nicht nur eitel Sonnenschein, sondern da hat jede der Ladies durchaus auch ihre eigenen Zicken. Und es ist ja bekannt, dass solche Zicken besonders in Extrem-Situationen ausbrechen und zu Hindernissen werden. Als Sarah dann in einem sehr engen Durchgang steckenbleibt und hinter ihr der Gang auch noch zusammenbricht und damit der Rückweg versperrt ist, wird es brenzlig.
So wird aus dem Titel The Descent (auf deutsch: der Abstieg) nicht nur der Höhlenabstieg in eine Tiefe des Gesteins, die keine der Frauen trotz aller Erfahrung und Abgebrühtheit absehen kann, sondern auch ein Abstieg in die Psyche von einer von ihnen, die kaum eine Möglichkeit sieht, sich gegen ihre inneren Dämonen zur Wehr zu setzen. Tiefer und tiefer geht es hinab und obwohl alle Damen hoffen, sie könnten mit dem Durchgang durch die Tiefe wieder an Höhe gewinnen und vielleicht doch das Tageslicht wiederfinden, geraten sie doch immer tiefer ins Innere der Appalachen. Ganz so, wie das manchmal eben auch ist, wenn man Trauer oder jedes andere beliebige negative Gefühl bewältigen will, mit dem man sich auseinandersetzen muß.
So, wie sich das eben auch für einen intelligenten Horrorfilm gehört.
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