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Das Geheimnis von Schloss Monte Christo


Inhalt & Kritik

von Thomas Harbach

Unter dem Kinotitel „Das Geheimnis von Schloss Monto Christo“ legt E-M-S einen weiteren Film aus dem Gefolge des goldenen Zeitalters des italienischen phantastischen Films – und wenn man ehrlich ist mit den sehr schönen Italo- Western eines Sergio Leones des gesamten italienischen populären Films – zwischen 1957 und vielleicht 1968 vor. Im Jahre 1970 erschien die italienisch- spanische Koproduktion unter verschiedenen Titeln auf den Leinwänden, in Italien als „Das Schloss mit den brennenden Türen“, in Spanien dagegen unter dem poetisch schönen, aber kurzen Titel „Ivanna“, dem Namen der Protagonistin. Obwohl nicht zuletzt dank des manchmal begnadeten, dann wieder schluderigen spanischen Regisseurs nJose Luis Merino das Ambiente eindeutig spanisch aussieht, ist der Film in Italien gedreht worden und nimmt eine Reihe von Ideen und Ideologien des italienischen Kinos in sich auf, ohne sie wirklich weiter zu entwickeln. So hat der Zuschauer von Beginn an den Eindruck, einen Film zu sehen, der als siebenunddreißig Jahre sein muss. In den USA und Deutschland auf um die achtzig Minuten gekürzt, legt E-M-S in bekannter Manier eine vollständige Fassung mit den damals geschnittenen Passagen in italienisch – obwohl die Mundbewegungen der Schauspieler suggerieren, dass einige nicht diese Sprache auf dem Set gesprochen haben – mit deutschen Untertiteln vor. Da die ursprünglichen deutschen Dialoge schwülstig, steif und unnatürlich wirken, empfiehlt es sich, den ganzen Film im Original mit Untertiteln anzuschauen. Das Bildformat von 4:3 wirkt allerdings falsch, nicht selten fehlen am Rand Schauspieler oder wichtige Ereignisse werden im wahrsten Sinne des Wortes durchgeschnitten, insbesondere die B- Filme Italiens oder Spaniens konnten zumindest durch gute Kompositionen des Geschehens die Aufmerksamkeit von ihren oft armseligen Sets ablenken.

Anfang des 20. Jahrhundert geschehen in einer kleinen Gemeinde mehrere grausame Morde. Die Dorfbewohner verdächtigen den verschrobenen Baron Janos Dalmar, da die Morde erst seit dem Tod seines Bruders Igor begannen. Aus Angst vor dessen Präsenz und seinen riesigen Hunden – eine direkte, aber effektlose Hommage an den Grafen Zaroff und Mario Bavas „Black Sunday“ – schweigen sie aber und meiden die Umgebung des Schlosses wie die Pest. Auch die Polizei zeigt zumindest zu Beginn des Films kein Interesse an der Aufklärung möglicher Verbrechen. Zu den arg konstruierten Passagen gehört schließlich ein Versuch, das Geschehen im Schloss zu durchleuchten, der vor dem mächtigen Schlosstor kläglich im Nichts endet. Es sind solche Szenen, die den Film in erster Linie auf eine vernünftige Laufzeit bringen, die aber die intime und intensive Atmosphäre im Schloss unterbrechen und den Zuschauer aus dem Kreislauf von Verführung, Versuchung und Sadismus herausholen.

Dalmar selbst hat sich ein Labor in seinem Schloß eingerichtet und lädt die wunderschöne Chemikerin Ivanna Rakowsky ein, für ihn zu arbeiten. Die attraktive Erna Schüler verkörpert nur scheinweise einen neuen Frauentyp für das italienische Kino. Sie ist attraktiv, blond, zeigt sich in ihrem eigenen Zimmer nackt. In diesem Zusammenhang gibt es gleich mehrere interessierte Zuschauer, wobei einmal unverkennbar lesbische Gelüste einer bisexuellen Hausangestellten genauso betont werden wie der nur als Silhouette zu erkennende Spanner, dessen Geheimnis jeder Zuschauer schon beim ersten Auftritt kennt. Dazu kommt zumindest zu Beginn des Films ein erkennbares Selbstbewusstsein und eine nicht zu leugnende Intelligenz. Erst im Laufe der Handlung wird sie sich unbewusst, aber erkennbar erregt in die Rolle einer weiteren Gespielin des Grafen einreihen, der seine Frauen wie Hemden wechselt. Allerdings hat der attraktive Graf anscheinend auch eine unwiderstehliche Wirkung auf Frauen, denn selbst der Dorfarzt stellt nach der Untersuchung der getöteten und verstümmelten Frauenleichen fest, dass diese zu Lebzeiten freiwilligen Sex hatten. Mit einem schmierigen Lächeln auf den Lippen.

Schon bei ihrem Eintreffen vermittelt ihr die ablehnende Haltung der Dorfbewohner und der Angestellten des Barons ein ungutes Gefühl. Doch der Baron überredet die engagierte Chemikerin zum bleiben, indem er ihr von seinen Plan erzählt, seinen toten Bruder mit Hilfe eines Elixiers wieder zum Leben zu erwecken. Dieser ist bei einem Experiment am ganzen Körper verbrannt worden und an seinen Verletzungen gestorben. Jetzt liegt der Körper anscheinend eingetrocknet in einer Konservierungsflüssigkeit in einer alten Badewanne mitten in dem abgeschlossenen Experimentierzimmer. Von der ersten Nach an quälen Ivanna Alpträume von einer verbrannten Gestalt, die sie in einer Folterkammer quält. Den ersten Alptraum schiebt sie auf eine vergiftete Milch. Der Zuschauer sieht sie nackt auf einer Streckbank – ihr Geschlecht ist allerdings in jeder Szene sehr geschickt verdeckt, nur die prallen Brüsten mit den steifen Warzen zeigen deutliche Zeichen der Erregung, als wenn diese Prozedur geheime Lüste in der jungen Frau erweckt – und die Stimme eines Wahnsinnigen flüstert ihr in der Tradition des „Phantom der Oper“ zu, dass er sie liebt und immer beschützen wird. In diesen Sequenzen geht Merino mit sehr wenig Subtilität an seinen Film heran, der aufmerksame Zuschauer kann sich aus den Mosaiksteinchen die Lösung sehr früh zusammensuchen und leidet in der zweiten Hälfte des Films unter dem langsamen Aufdecken des „Geheimnisses von Schloss Monte Christo“, das es einen Flügel in dem alten Gemäuer gibt, den sie nicht betreten darf und die weiteren Morde an ihr bekannten Frauen aus dem näheren Umfeld des Schlosses lassen jedoch in Ivanna den Verdacht aufkommen, daß der Baron ihr das wahre Ziel seiner Experimente verheimlicht. Natürlich macht sie sich auf die Suche und gerät natürlich in Todesgefahr.

Merino selbst hat die Problematik eines nicht ausreichenden Drehbuchs für einen Spielfilm erkennt und einige Elemente aus dem populären spanischen Kino als Füllstoff integriert. So findet sich ein Verweis auf die unzähligen Werwolflegenden, die Paul Nashy in der gleichen Zeit in einer scheinbar endlosen Kinoserie verarbeitete. Dieser Hinweis ist nicht nur unnötig, die Erläuterung im Film selbst ist unglaubwürdig und hätte man sich auf einen kranken Menschen, dessen Seele durch ein Experiment für immer geschädigt ist, konzentriert, der zwischen seinen Leidenschaften und seinem Leiden hin und her gerissen wird, wäre der Film effektiver und wahrscheinlich dramatischer gewesen. So wird insbesondere das Ende derartig überzeichnet, das es unfreiwillig komisch wirkt und viele gute Ansätze negiert. Spätestens hier erkennt man die Nachteile einer italienisch- spanischen Produktion, denn beide Lager haben versucht, ihre ureigenen Stärken – in Spanien die Werwolflegende, in Italien die gotische Atmosphäre, die geheimnisvollen Schlösser und spätestens seit Ricardo Freda die undurchsichtigen mit einem Hauch der Perversität belasteten Gutsherren – in den nicht sonderlich komplexen Plot zu integrieren. Und mehr als einmal stehen sich diese Intentionen einfach im Wege.

Weiterhin bemüht er sich, lang und breit die experimentellen Möglichkeiten im Labor des Barons zumindest theoretisch zu diskutieren – im Grunde nur eine Basis, auf der sich der Kampf Mann gegen Frau aufträgt – ohne die Charakter der Experimente über das Wiederbeleben hinaus auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen. Hier hätte man auch die Suche der Alchimisten nach dem Stein der Weisen einflechten können. Das die Ausstattung des Labors eine nicht zu leugnende Ähnlichkeit mit den Frankenstein- Filmen des Hammerstudios hat – die verfügten allerdings über keine Badewanne für den leblosen Körper – ist mehr als ein Zufall. So versucht sich „Das Geheimnis von Schloß Mone Christo“ auch in diesem Bereich, unentschlossen und im Grunde eine im Nichts auslaufende Spur, da zu viel zu früh schon offenbart wird. Hier wäre es sinnvoller gewesen, weiterhin mit Silhouetten und Stimmen aus dem Off zu arbeiten als eine verbrannte Hand – deutlich ist der Gummiüberzug zu erkennen – zu zeigen, die gerne nackte und wehrlose Frauen anfasst oder durch ein Guckloch spannt. Der Film lebt allerdings von seinen Charakteren, auch wenn Eva Schurer im Verlauf der Handlung der Offensivverführung des Grafen mit ihrer Mischung aus Arroganz und Charme erliegt, gehört sie zusammen mit Barbara Stelle zumindest in diesem Film zu den Ausnahmen von klassischen Klischee der schönen, wehrlosen Frau. Die Dialoge finden auf der gleichen Ebene statt, sie lässt sich insbesondere zu Beginn des Films von seiner schroffen Art nicht schockieren, sondern gibt sie ihm im gleichen Maße zurück und erweckt so sein Interesse. Wenn sie ihm später von den S/m- Alpträumen berichtet, scheint sie weniger der sexuelle Punkt zu schockieren, sondern indirekt zeigt sie ein nicht zu leugnendes Interesse an diesem schmerzhaften Vergnügen, sollte es den Neigungen des Grafen entsprechen. Es ist dieser offene, aber nicht explizierte Umgang mit erwachsener Sexualität auch die Haushälterin und das Dienstmädchen haben Affären mit dem Grafen und stehen seinen Gelüsten devot willig zur Verfügung, wie man aus Augenaufschlägen und eifersüchtigen Ausbrüchen immer wieder deutlich erkennen kann -, der dem Film wahrscheinlich in seiner Kinoexistenz die Freigabe für unter 18 Jahre verwehrte.

Was den Film neben den Charakteren und Schauspielern – erwachsene, schöne Frauen und keine vorlauten Kinder, die vorgeben, reifer zu sein als ihre Körper zeigen – auch heute noch sehenswert macht, ist die einzigartige Atmosphäre. Die Sets und die wenigen Außenaufnahmen sind stimmig, sie zeigen ein Italien oder Spanien im 19. Jahrhundert, in der sich Kirche, Wissenschaft und Volksaberglaube eine Art Wettrennen um die Seelen insbesondere der einfachen Menschen liefern. Dank des originalen Schlosses und den schönen Kostümen können einige Schwächen im Budget gut überspielt werden. Merino konzentriert sich auf wenige Sets, die er immer wieder aus verschiedenen Perspektiven zeigt und damit effektiv ausnutzt. Dabei gelingen ihm einige außergewöhnliche Szenen in der Tradition Mario Bavas. Wenn die Protagonisten nachts durch die langen, unbeleuchteten Gänge des Schlosses schleicht, zeigt die Kamera sie aus einem unnatürlichen Winkel, der es den Zuschauern ermöglicht, die wichtigen Informationen im Gegensatz zu Eva Schurer aus den Schattenspielen zu entnehmen. Mit einfachen Mitteln erzeugt er hier eine Spannung, die länger anhält als es der Zuschauer für möglich hält und deutlich besser wirkt als die vielen kurzen Zwischenschnitte auf das vermeintliche Monster, das sich natürlich als gequälte, geschundene menschliche Kreatur herausstellt, dessen Tod die Protagonisten von schwerer Schuld befeit. Das im Mittelpunkt dieses langsamen Films im Grunde eine Liebesgeschichte steht, in der zwei sehr unterschiedliche Menschen verschiedene imaginäre als auch reale Hindernisse aus dem Weg räumen müssen, um glücklich zu werden, macht den Film trotz einiger Längen zeitlos und insbesondere die überzeichneten Horrorelemente sowie das im Kern nicht vorhandene Geheimnis lenken nicht sonderlich von dieser Liebesgeschichte ab. Im Gegensatz zu insbesondere den Hammerfilmen wirkt der Film in Bezug auf seine Protagonisten fast zu freundlich und aus den insbesondere zu Beginn fast klischeehaft eindimensional gezeichneten Figuren werden im Verlaufe der unterhaltsam inszenierten Handlung reife und sympathische Charaktere. Nicht zuletzt aus diesem Grund sollten sich insbesondere Fans des europäischen phantastischen Kinos der sechziger und siebziger Jahre diese ungekürzte Fassung – der Film gewinnt durch die integrierten Passagen, er wirkt nicht mehr so übertrieben hektisch geschnitten und lässt sich Zeit, eine stimmige Atmosphäre aufzubauen, wenn auch die Handlung insbesondere in der ersten Hälfte des Films sich viel zu langsam und vorhersehbar entwickelt – ansehen. E-M-S hat sich bemüht, den Film zu restaurieren. Die Farben sind kräftig, allerdings sind die wieder eingefügten Szenen weicher und die Farben ein wenig grünstichig, als wenn ein altes SECAM Master verwendet worden ist. Es wäre allerdings schön gewesen der DVD ein Booklet beizufügen, in dem etwas mehr über diese einzigartige italienisch- spanische Produktion zu lesen gewesen wäre.