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X-Men


Filmkritik

von Andreas Koberstein

Einst war Comic-Verfilmungen dasselbe Schicksal beschieden wie Videospiel-Verfilmungen: Das Genre schien mit Qualität unvereinbar zu sein. Für Videospielumsetzungen gilt das leider immer noch, doch Tim Burton hatte bereits 1989 mit seinem Batman den Fluch gebrochen und eine Comic-Adaption abgeliefert, die auch jenseits des zwölften Lebensjahres genießbar war – bis dahin nahezu unvorstellbar. Spawn, Catwoman, DareDevil, Fantastic Four & Co. beweisen, wie selbstverständlich so richtig übler Genre-Bockmist noch heutzutage ist, doch Burtons Batman war ein kommerzieller wie auch künstlerischer großer Wurf. Mit dem dritten und vierten Teil bemühte sich Joel Schumacher hingegen erfolgreich, Burtons Erst- und Zweitling vergessen zu machen, und man hatte annehmen dürfen, dass das Thema \"erträgliche Comic-Verfilmungen\" damit wieder für zehn Jahre vom Tisch sein würde. Wenn, ja, wenn da nicht Bryan Singer gewesen wäre...

Der Versuch, die kindlich-simplen Larger-than-Life-Geschichten und schlimmstenfalls gar die in einem Realfilm einfach nur albern wirkenden Strampelanzüge vom Comic in einen Film zu transportieren, geht in aller Regel nach hinten los. Schon das Konzept von \"Superhelden\", die allesamt über diverse Kräfte verfügen, welche sich mit genetischer Mutation nicht mehr erklären lassen, kann sehr leicht extrem lächerlich wirken. Die Problematik wird nicht gerade einfacher, wenn man obendrein in zwei mageren Stunden ein ganzes Ensemble solch ausgefallener Gestalten vorstellen und jedem einzelnen Mitglied genug Screentime und Szenen verschaffen muss, um die Existenz der jeweiligen Rolle zu rechtfertigen. Bryan Singer hat sich also nicht gerade die am einfachsten umzusetzende Comicserie ausgesucht, und dementsprechend hätte aus X-Men mit einer anderen Besetzung leicht eine Videopremiere werden können. Patrick Stewart und Ian McKellen verleihen ihren Rollen allein durch Präsenz und Charisma den dringend nötigen Glanz und dem Film damit ein ganz anderes Prestige, als wenn unbekannte Darsteller aus der dritten Riege verpflichtet worden wären. (Obwohl Magneto gut damit beraten wäre, sich spätestens für den dritten Teil einen anderen Schneider zu suchen – alberne Superschurkenhelmchen aus Plastik stehen nicht jedem.) Halle Berry und Famke Janssen gibt das Drehbuch dagegen nicht viele Gelegenheiten, sich schauspielerisch hervorzutun, doch immerhin lässt ihre Bekanntheit nicht so schnell den Verdacht aufkommen, dass der Film bestens ohne sie funktioniert hätte und sie nur ihres hübschen Äußeren wegen gecastet worden sind. Die sonst vielgelobte Anna Paquin leistet dafür nur Dienst nach Vorschrift und schafft es somit weder, durchgehend zu überzeugen, noch, jedem Zuschauer schnell ans Herz zu wachsen, wie es Singer gern gehabt hätte. Über die kläglichen Helfershelfer des Bösewichts breiten wir besser den Mantel des Schweigens – mit Ausnahme von Rebecca Romijn-Stamos, deren Körpersprache ihrer Rolle zumindest das gewisse Etwas verleiht.

Die geheime Zutat, die zum Erfolg von X-Men maßgeblich beigetragen hat, heißt daher wohl Hugh Jackman. Wenn man sich ansieht, wie klischeehaft – man könnte auch wohlwollender \"klassisch\" sagen – die Rolle angelegt wurde, fragt man sich natürlich, wer nicht nur ungestraft damit davonkommen könnte, ohne dem Zuschauer ein genervtes Stöhnen zu entlocken, sondern wer gar darin überzeugen könnte. Jackman ist sie wie auf den Leib geschrieben. Er erinnert hier nicht zufällig sowohl optisch als auch vom Spiel her stark an den jungen Clint Eastwood, und wo sich viele andere Schauspieler lächerlich gemacht hätten, erledigt der Australier den Job mit links und lässt es auch nicht an wohldosierter Selbstironie fehlen. Glücklicherweise hat er inzwischen bewiesen, dass er vielseitiger ist, als es Eastwood seinerzeit war, und läuft somit nicht Gefahr, auf den mürrisch-schweigsamen Machotyp festgelegt zu werden.

Da X-Men ganz klar auf Jackmans Logan zugeschnitten ist, gelingt es Singer leider keineswegs, dem Zuschauer vorzugaukeln, dass er die eine oder andere Rolle dem Drehbuch nicht etwa nur dem Fandom zuliebe aufgepropft hat. Zwar erfüllt Prof. Xavier wie in der Comicvorlage die Rolle des weisen Mentors, doch Rogue dient hier lediglich als Prinzessin in Not und Jean Grey als Love Interest, während Cyclops und Storm kaum mehr als Staffage darstellen. Vielleicht wäre X-Men der Vorlage entsprechend besser als Ensemblefilm anstatt als One-Man-Show mit Sidekicks angelegt worden, denn man hätte den Streifen ebenso gut \"WOLVERINE... featuring some of the X-Men\" nennen können. Andererseits wäre Singer damit im Nachhinein betrachtet der große Erfolg wohl verwehrt geblieben.

Besetzung und Rollengewichtung wären also abgehandelt – doch was hat der Film denn sonst noch Schönes zu bieten? Dass er existenzielle Fragen aufzuwerfen vorgibt, ist Singer nicht als Verdienst anzurechnen, denn die Thematik der Vorurteile gegen und der Angst vor Mutanten wurde lediglich aus der Comicserie übernommen, wo sie weit ausführlicher und effektiver behandelt wurde. Im Rahmen eines bunten Unterhaltungsfilms erwartete man im Jahr zwei vor Spider-Man keine tiefere Auseinandersetzung mit diesen Themen, und so hat die gesellschaftskritische Tünche bereits gereicht, die Kritiker von einer intelligenten und erwachsenen Comic-Verfilmung sprechen zu lassen. Als Letztere kann X-Men selbstredend nicht darauf verzichten, vorlagengemäß etwas dicker aufzutragen, was die von den Fans herbeigesehnte Superheldenaction betrifft. Die Gesetze der Physik werden gern gedehnt bis gebrochen (etwa, wenn ein Schlag gegen Wolverines Kopf, der ihn fünfzehn Meter durch die Luft fliegen lässt, ihm jedoch eigentlich eher den Schädel vom Rumpf hätte trennen sollen), aber so sind sie halt, die Comic-Verfilmungen. Viel auffälliger ist, dass X-Men tricktechnisch und in Sachen Action nicht so stark auf die Pauke haut, wie man eigentlich hätte erwarten dürfen. Die Gründe dafür sind vielleicht beim Budget zu suchen, aber unterm Strich darf man sich darüber freuen, dass die zwischenmenschlichen Szenen überwiegen und dem Publikum eine endlose Action-und-Effekte-Orgie erspart bleibt. Das ist umso begrüßenswerter, als die Actionsequenzen teilweise zu unterhalten wissen, aber nichts darstellen, was man nicht schon woanders spannender inszeniert gesehen hätte.

Fazit: Als anspruchslose und vorhersehbare seichte Popcorn-Unterhaltung ist X-Men ganz okay. Neben seinen größtenteils unterirdischen Genrekollegen wirkt Singers Leinwand-Comic jedoch wie der Pate und darf damit als guter Genre-Vertreter gelten. Die Mängel sind unübersehbar, aber die Weichen sind gestellt.