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Die Unglaublichen - The Incredibles


Kritik

von Mario Rössel

Nach all den Superhelden, die im Moment die Kinoleinwände bevölkern, wurde es endlich Zeit, dass sich auch die Animationsfilmemacher daran versuchten, ihre eigenen Superhelden aus dem Computer zu zaubern. Brad Bird und Pixar Animation Studios, bekannt durch "Das große Krabbeln", "Die Monster AG" oder "Findet Nemo", nahmen die Herausforderung an. Das Studio hat dabei - ohne groß um den Brei herum zu reden - wieder einmal sich selbst übertroffen.

Aber halt! War hier gerade die Rede von einem Superhelden-Film? Das ist nur teilweise zutreffend für "Die Unglaublichen". Denn in erster Linie ist es ein James Bond-Film. Und wer die neusten Bond-Filme der letzten Jahre verschmäht hat, der sollte sich diesen Animationsspaß auf keinen Fall entgehen lassen, denn er bietet alles, was man von den guten alten Bond-Filmen her kennt. Die geheimnisvolle Schöne, die unseren Helden in die Falle lockt. Der Oberbösewicht mit seinem teuflischen Plan. Natürlich versteckt sich der Bösewicht auf einer weit entfernten tropischen Insel und hat in seinem Unterschlupf so manch modernen technischen Schnickschnack eingebaut. Und den Guten steht natürlich ein Tüftler - hier eine Schneiderin namens Edna Mode - zur Seite, damit jede Mission ein voller Erfolg wird. Nicht zuletzt die Musik und die Gestaltung der Welt, die aussieht wie die Zukunft aus dem Blickwinkel der 60er Jahre, tragen dazu bei, sich in die guten alten Bond-Zeiten zurückgesetzt zu fühlen. Hollywood sucht noch nach einem neuen James Bond - Pixar hat ihn längst gefunden.

Die Macher servieren uns somit aber nicht nur eine tolle Geschichte, mit tollen Bildern und einem gigantischen Soundtrack, sondern auch äußerst sympathische Charaktere. So mancher Blockbuster könnte sich hier eine Scheibe abschneiden, denn der Film nimmt sich sehr viel Zeit, uns die Hauptakteure des Geschehens vorzustellen. Ähnlich der "Spiderman"-Filme wird uns auch hier gezeigt, dass es schwierig ist, ein normales Leben zu führen, wenn man selbst äußergewöhnlich ist. Wie soll man, wenn man Jahre lang für das Gute gekämpft hat, plötzlich bei einer Versicherungsanstalt die Kunden über das Ohr hauen? Soll man am Abend einfach die Füße hochlegen, während dort draußen in der Welt so viel Unrecht geschieht? Und auch wenn man eine unglaubliche Familie hat, so füllt einen ein normales Leben doch nicht aus, wenn so viel mehr in einem steckt.

Helen, ehemals Elastigirl, kommt von allen Helden noch am besten mit ihrer Rolle als Familienmutter zurecht. Aber selbst die Kinder haben trotz und gerade wegen ihrer Superkräfte einige Schwierigkeiten. Nur ungern unterdrückt Flash seine läuferischen Fähigkeiten und spielt in der Schule den Lehrern so manchen Streich. Violetta sind ihre Kräfte beinahe peinlich. Sie wäre lieber ganz normal wie all die anderen Teenager in ihrer Klasse. Seit alle Superhelden in Ungnade gefallen sind, ist es auch gefährlich, diese Superkräfte zu zeigen. Schnell hat man eine neue Identität und lebt durch das "Superhero Relocation Program" an einem anderen Ort. Geradezu befreiend ist es deshalb für unsere Helden, als sie die Gelegenheit bekommen, ihre Kräfte zum Wohle der Menschheit einzusetzen, um noch einmal die Welt zu retten.

"Die Unglaublichen" wartet dabei auch mit interessanten Nebencharakteren auf. Da wäre Bob Parrs alter Freund Frozone, mit dem er abends heimlich noch ein paar kleine Heldentaten verbringt, Parrs Chef in der Versicherungsanstalt namens Mr. Huph, der ihm tagsüber das Leben zur Hölle macht, und natürlich die kleine aber bissige Edna Mode, die für die Superhelden die Kostüme schneidert und wohl eine der populärsten Figuren des Filmes wird, denn sie dominiert jede Szene, in der sie zu sehen ist. Das erstaunlichste daran ist auch, dass der Regisseur selbst in der englischen Fassung diese Figur sprach.

Die anderen Charaktere wurden ebenfalls mit interessanten Stimmen versehen, und die deutsche Version wartet dabei mit einigen Überraschungen auf. Craig T. Nelsen ("The District") verlieh im Original Mr. Incredible eine sanfte aber auch Respekt einflößende Stimme. In der deutschen Version sprach Markus Maria Profittlich die Hauptrolle des Filmes, eine äußerst passende Besetzung. Vergleicht man einmal das Aussehen der Trickfilmfigur mit dem Komiker, so stellt man doch erhebliche Gemeinsamkeiten fest. Niemand geringere als Oscar-Gewinnerin Holly Hunter verlieh Helen ihre englische Stimme, in Deutschland war es die erfahrene Synchronsprecherin Katrin Fröhlich. Kaum wieder zu erkennen sowohl im Englischen als auch im Deutschen sind die Stimmen von Frozone, gesprochen von Samuel L. Jackson und Kai Pflaume, die den "Coolsten" der Charaktere Leben einhauchten. Natürlich muss sich hier die deutsche Stimme dem englischen Original geschlagen geben, aber wer Herrn Pflaume als Verkuppler von Sat.1 kennt, wird überrascht sein, wie gut sein Frozone dennoch ist.

Zwei Volltreffer landete die deutsche Synchronisation aber wieder einmal bei den Nebencharakteren. Der schleimige Chef Mr. Huph wurde hier von Komiker Herbert Feuerstein gesprochen. Wenn man die Trickfilmfigur zum ersten Mal sieht, erübrigt sich jede Erklärung, warum Feuerstein die Idealbesetzung ist. Und die auf Pro7 "Blondes Gift" versprühende Barbara Schöneberger ist auch eine perfekte Wahl für die schöne Auftraggeberin Mirage. Leider ist aber auch dieses Mal so mancher Wortwitz in der deutschen Version verloren gegangen.

Wer nun glaubt, dass bei so viel Charaktertiefe Langeweile aufkäme, der irrt. Regisseur und Drehbuchautor Brad Bird präsentiert uns eine spritzige und interessante Geschichte, die voller Gags ist. Wie bei visuellen Effekten darf man es aber auch mit den Gags nicht übertreiben. Und so unterstützen in diesem Film die lustigen Szenen die Story und die darin agierenden Charaktere und existieren keineswegs ihrem Selbstzweck wegen. Oftmals bekommt man auch die besten und lustigsten Szenen eines Filmes bereits im Trailer gezeigt. Doch auch dies trifft nicht auf "Die Unglaublichen" zu. Der erste Teaser, in dem Mr. Incredible vergeblich versucht, um seinen etwas umfangreicheren Körper einen Gürtel zu schnallen, wurde eigens als Teaser produziert und ist im Film selbst gar nicht zu sehen. Aber keine Angst, die Lachmuskeln werden richtig gut trainiert.

Dafür musste sich Pixar aber mächtig ins Zeug legen. "Die Unglaublichen" ist nicht nur der längste Animationsfilm, den das Studio je produziert hat, es ist auch der komplexeste. Zum ersten Mal musste man bei Pixar menschliche Figuren glaubwürdig darstellen. Hierzu entwickelte das Team neue Techniken, um Muskeln, Haut, Haar und Kleidung so realistisch wie möglich zu animieren. Man ging sogar soweit, echte Kleidungsstücke im Computer zu "schneidern" und sie den Figuren anzulegen. Nichtsdestotrotz sehen die Menschen im Film nicht wie echte Schauspieler aus, sondern - angemessen - wie lebendig gewordene Comic-Figuren mit überzeichneten Körperproportionen. Ganz anders verhält es sich aber mit den Wolken, mit Wasser und Feuer im Film, die realistischer kaum sein könnten.

All das, und natürlich die Tatsache, dass es sich bei "Die Unglaublichen" um einen Film sowohl für Erwachsene als auch für Kinder handelt, macht das Abenteuer zu einem Heidenspaß für die gesamte Familie. Beunruhigend ist nur, dass das Studio mit jedem Film die Latte ein wenig höher legt. Und während der nächste Streifen des Animationsstudios, der den Namen "Cars" trägt, bereits in Arbeit ist, fragt man sich nachdenklich: Kann es denn noch besser werden?