Matrix
von Andreas Koberstein
Was ist die Matrix? Diese Frage hat uns 1999 dank der gelungenen Werbekampagne nicht weniger beschäftigt als Neo. Halten wir es mit dem Highlander-Leitspruch "Es kann nur einen geben" und stellen uns vor, das miese Reloaded- und das katastrophale Revolutions-Sequel hätte es nie gegeben, denn nur als eigenständiger Film nimmt Matrix den ihm gebührenden Platz in der Filmgeschichte ein. Dieses Werk entwickelt einen ganz eigenen visuellen Stil, angefangen bei den Farbfiltern, die sämtlichen Szenen, die in der Matrix spielen, einen kalten, leicht unwirklichen, jeweils graugrünen oder schmutzig gelblichen Touch verleihen. Die atmosphärisch hervorragenden Set-Designs tragen ebenso ihren Teil dazu bei, den Zuschauer in die Matrix eintauchen zu lassen, wie die elegante Bildsprache – Kameraarbeit, Schnitttechnik und natürlich die berühmten Stunts und SFX wissen noch immer zu gefallen. Matrix fährt eine (mit Ausnahme von Keanu Reeves) überwiegend charismatische Besetzung auf, ist spannend, stylisch, in sich logisch aufgebaut und leistet sich keinen einzigen Handlungs- und nur einen Logikfehler. Die sehr interessante, originelle und wohldurchdachte Story wartet dank des Metaplots um die Prophezeiung mit einigen reizvollen Wendungen auf und strotzt nur so vor mal offensichtlicher, mal tief verschachtelter Symbolik, die Anlass zu so manch interessantem Gedankenspiel auf und auch jenseits der Leinwand gibt. Unterm Strich leistet sich Matrix also bis auf eine Ausnahme in keinerlei filmischer Hinsicht irgendeine Blöße. Sicher, bei zwei, drei Stunts wird doch sehr deutlich, dass mit Drähten gearbeitet wurde, weil die Flugbahnen der Körper physikalisch nicht sehr überzeugend ausgefallen sind, doch insgesamt beeindrucken die Stunts heute wie vor sechs Jahren.
Auch die sozialkritischen Betrachtungen, die sich durch weite Strecken des Films ziehen, bergen viele Ansätze für interessante Überlegungen: so z.B. der Umstand, dass auf der Seite der anonymen, gesichts- und identitätslosen Maschinen Programme wie Agent Smith ihre Individualität (durch die wir eigentlich unsere Menschlichkeit definieren) durch die Interaktion mit der Matrix, insbesondere mit den Menschen darin, erreichen. Smith erträgt die "Realität" der Matrix nicht und will sie verlassen – der Agent entwickelt in seinem Programm nicht vorgesehene egoistische Wünsche für seine eigene Existenz und nähert sich dadurch der Menschlichkeit an, die er doch so sehr verabscheut. Man durfte gespannt sein, inwiefern das im zweiten und dritten Teil thematisiert werden würde, doch leider wissen wir inzwischen, dass die Wachowskis entgegen ihrer eigenen Behauptungen weder über ein drei Filme umfassendes Konzept noch über so viel Phantasie wie ein durchschnittlicher Filmfan verfügten. Bei all den vielen Überlegungen, die der Matrix-Plot anbot, durfte man erwarten, dass die Folgefilme ebenfalls mit so intelligenten Drehbüchern aufwarten würden. Das Schlimmste, was die Sequels demzufolge erreicht haben, war, den Zuschauer zu desillusionieren, denn wohl kaum ein Matrix-Fan ist in den vier Jahren bis zur ersten Fortsetzung auf dümmere und einfallslosere Theorien gekommen als die beiden federführenden Brüder. All das, was in Matrix angerissen, aber nicht thematisiert, erläutert, aber nicht gezeigt wurde, hatte zur "Glaubwürdigkeit" des Films (so man bei SF davon sprechen kann) beigetragen. Dass Matrix so und nur so funktionierte, scheint niemandem egaler gewesen zu sein als den Wachowskis, sobald Warner mit vielen grünen Scheinen für die Sequels lockte. Ganz als ob ein David Copperfield während seiner Darbietung plötzlich sämtliche Vorhänge beiseite reißt und dem Publikum zeigt, wie simpel seine Kunststückchen eigentlich aufgebaut sind, zerrten die Brüder ans Tageslicht, was aus gutem Grund im Dunkeln gelassen worden war, und entzauberten so ihren Mythos. Deshalb wäre man vielleicht gut damit beraten, die Fortsetzungen als inoffizielle Fan Fiction zu betrachten.
Da Matrix für sich allein betrachtet den Wachowskis in fast jeder Hinsicht so fabelhaft gelungen ist, fällt übrigens ein eigentlich nebensächlicher Filmfehler umso störender ins Auge: Es heißt, um die Matrix auf einem Bildschirm darzustellen, müssten die Bildwandler zu viele Informationen decodieren – doch Cypher meint, er betrachte die codierte Matrix mühelos und nehme den Code gar nicht mehr wahr. Dieser Code wird in den Zahlen 0-9 und japanischen Katakana-Zeichen dargestellt, und zwar in Millionen von Bildpunkten, in denen sich die Symbole in Sekundenbruchteilen ändern. Cypher meint also, das alles in Millisekunden lesen zu können, was eigentlich nur ein Computer verarbeiten könnte – und dazu soll ja kein Computer in der Lage sein...
Sei's drum: Matrix ist ein Film der Oberliga, der als einer der wenigen bis zum Erbrechen beworbenen Streifen seinem Hype mehr als gerecht wird. Ohne die Sequels, die einen sehr bitteren Nachgeschmack hinterlassen haben, wäre er in seinem Genre nahe der Perfektion anzusiedeln gewesen. So aber reicht's "nur" zu einem Meilenstein des SF-Kinos.
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