Crying Freeman - der Sohn des Drachen
von Andreas Koberstein
Christophe Gans (damals noch ein Newcomer, der seinen mit diesem Film erworbenen Ruf mittlerweile mit dem Pakt der Wölfe ausbauen konnte) verfilmte 1995 einen in Nippon sehr beliebten Manga – als Franzose gewiss ein Sakrileg in den Augen der Japaner. Allein durch die Herkunft des Filmstoffes erklärt sich, dass es der Film mit der Art Realismus, die wir aus amerikanischen Filmen kennen, nicht allzu genau nimmt. Und selbst mit der ist es ja schon oftmals nicht weit her. Die Action, so sie denn stattfindet (und davon gibt es weniger, als der Ruf des Films vermuten lässt), ist stark stilisiert. Dabei lässt Gans es beispielsweise unter den Tisch fallen, warum zehn aus allen Rohren feuernde Statisten den keine zwanzig Meter entfernten Burschen ums Verrecken nicht treffen, während dieser mit jedem Schuss einen Gegner abräumt und mit einem einzigen Sprung fünf Meter hoch und zehn Meter weit kommt. Das geschieht aber auf so demonstrativ überzogene Weise, dass auch dem mangaunkundigen Zuschauer klar wird, dass Crying Freeman gar nicht realistisch sein will. Er möchte lediglich eine recht simpel gestrickte Geschichte erzählen und dabei gut aussehen. Faszinierend dabei ist, dass Gans den Geist der Vorlage in den Film hinüberrettet, dass also diese unschuldige Naivität, die vielen japanischen Filmen innewohnt, erstaunlicherweise nicht lächerlich wirkt. Der Film zeigt Klischee um Klischee, wie wir sie x-mal in zahllosen US-Filmen gesehen haben, weil deren Autoren nichts Besseres eingefallen war, aber dieser Film meint sie ernst.
Die Schauspieler waren hier insofern gefordert, dass sie eine alles andere als komplexe, vielmehr geradlinige und sehr stilisierte Geschichte typisch fernöstlichen Strickmusters auf westliche Weise erzählen mussten. Und das ohne tiefschürfende Dialoge, sondern größtenteils mit Blicken und Körpersprache, und das gelingt überraschenderweise ausgerechnet dem Hauptdarstellerduo ganz ausgezeichnet. Überraschend deshalb, weil Mark Dacascos auf Grund seiner Kampfkünste in so manchem B-Actioner üblerer Güteklasse (und leider auch in der Titelrolle der seriellen Grabschändung von "The Crow") herumgeturnt ist, so dass man ihm eine aussagekräftige Rolle wie die des Freeman nicht unbedingt zutrauen möchte. Zwischen ihm und der außerordentlich hübsch anzusehenden Julie Condra Douglas entwickelt sich auf dem heimischen Bildschirm eine glaubwürdige Chemie, und so soll es nicht verwundern, dass Julie nach diesem Film dem Schauspiel entsagt hat, um sich ganz um ihre Familie zu kümmern, und seither Julie Condra Dacascos heißt. Des weiteren geben Yoko Shimada und Masayo Kato ein charismatisches, manipulatives und brutales Yakuza-Paar ab, Byron Mann legt eine solide Vorstellung als eiskalter Killer hin, obwohl gerade seine Dialoge in jedem anderen Film lächerlich gewirkt hätten, Tchéky Karyo gefällt als korrupter Cop, und wo immer Japaner mitspielen, ist Mako sowieso dabei.
Fazit: Crying Freeman ist weder so philosophisch noch so bedeutungsschwanger, wie ihn manche Hardcore-Fans gerne sehen möchten. Aber wenn man sich mit der simplen, aufs Grundlegendste reduzierten Denkweise anfreunden kann, erlebt man anderthalb sehr unterhaltsame, teils sogar faszinierende Stunden.
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