KingKong und die weiße Frau
von Susanne Picard
Wer kennt ihn nicht, den Riesenaffen, der sich aus Liebe für die hübsche, blonde Schauspielerin Anne dazu bringen lässt, das Empire State Building hinaufzuklettern, um dort von Doppeldeckerflugzeugen abgeschossen zu werden? Die Szene aus dem Horrorfilm von 1933 ist so bekannt, dass es bislang - im Gegensatz zu dem sonst so kopierfreudigen Genre - nur wenige Nachverfilmungen beziehungsweise Neuinterpretationen des Stoffes gab.
KingKong - The Eighth Wonder of the World (so der Originaltitel von 1933) war in vielerlei Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung. Vor 70 Jahren sorgte er für Panikattacken unter dem Publikum, das kaum mit der Tatsache fertigwurde, dass ein Riesengorilla Menschen fraß und zertrat. Für heutige Menschen natürlich kaum nachvollziehbar. Dennoch: Kein geringerer als Peter Jackson möchte es aufs Neue probieren, nachdem das einzige Remake von 1976 weder an den Kassen, noch im Gedächtnis des Publikums tiefe Spuren hinterließ.
Die Handlung ist - so würde man heute sagen - typisch für den Beginn der Dreißiger Jahre, als in Hollywood keinerlei zensorische Beschränkungen für den Inhalt existierten Den damaligen Zuschauerreaktionen auf Kinog Kong ist es zu verdanken, dass in Hollywood eine Zensur geschaffen wurde, die künftig dafür sorgen sollte, dass es nicht wieder zu Massenpaniken kam.
Carl Durham, ein drittklassiger Regisseur von Pseudo-Dokumentarfilmen, will auf einer Insel in der Südsee einen Bericht über ein geheimnisvolles Wesen namens Kong drehen. Aber, so interessant ein solcher Tatsachenbericht wäre - Sex sells, das galt auch schon Anfang der Dreißiger Jahre, und so liest Durham auf der Straße die hübsche Ann Darrow auf. Sie soll ihm helfen, den Film interessant zu gestalten. Aber auf der Insel läuft dann alles ganz anders, als sich Durham das gedacht hatte. Das geheimnisvolle Wesen stellt sich als haushoher Riesenaffe heraus und entführt Ann in den Dschungel. Als Schiffs- und Filmcrew gemeinsam aufbrechen, Ann aus den Händen der Bestie zu befreien, entdecken sie einen Urwald, in dem es noch Dinosaurier gibt, unter anderem einen ausgewachsenen T-Rex. Als es dem Kameramann Bruce Cabot gelingt, sie zu befreien, läuft der Riesengorilla im Dorf der Eingeborenen Amok. Aber es gelingt Durham, den Affen mittels einer Gasbombe außer Gefecht zu setzen und nach New York zu bringen, wo er ihn in einem Kino - Kinos waren damals noch Theaterhäuser mit Bühnen - ausstellen will. Die Presse ist begeistert - und das folgende Blitzlichtgewitter bringt Kong so aus der Fassung, dass er ausbricht, Ann entführt und auf das damals höchste Gebäude der Stadt klettert. Dort setzt er, angegriffen von mehreren Doppeldecker-Flugzeugen Ann erst ab, bevor er, von unzähligen Maschinengewehrkugeln getroffen, schließlich in die Tiefe stürzt.
Die im Film benutzte Tricktechnik war Anfang der Dreißiger Jahre revolutionär. Erst einmal wurde das im Film verwendete Stopmotionverfahren benutzt. Bei einer vollbeweglichen King-Kong-Puppe, die etwa 45 Zentimeter hoch war, wurde jede Bewegung einzeln fotografiert und dann zu einem Trickfilm zusammgeschnitten. Das Verfahren war erst wenige Jahre zuvor entwickelt worden - und zwar 1925 für den Film Lost World, in dem eine Expedition eine urzeitliche Dinosaurierkolonie entdeckt. Bei King Kong wurde das Verfahren von Erfinder Willis O'Brien perfektioniert und erstmals mit der sogenannten Rückprojektion kombiniert. Damit konnte man erstmals Trickszenen und Realfilm beinahe nahtlos ineinander fügen. Damals kam das den nicht vorhandenen Sehgewohnheiten des Publikums entgegen - keiner hatte derartige Tricks vorher gesehen und daher dürfte der Film in etwa die Wirkung gehabt haben, die Spielbergs Jurassic Park Anfang der Neunziger Jahre auf das Publikum hatte.
Ob Jackson eine Wiederholung der Sensation gelingen wird? Man darf gespannt sein. Bislang war es schwierig, die charmante Atmosphäre älterer Filme wieder erfolgreich auf die Leinwand zu bringen. Ein gutes Beispiel war da Sky Captain and The World of Tomorrow, der zwar hervorragende Kulissen und eine brillante Besetzung aufwies und der auch die Handlung auf die Vierziger Jahre abzustimmen wusste, aber dem dennoch das gewisse Etwas fehlte, das die Abenteuerfilme der Dreißiger Jahre so vergnüglich und aufregend werden liess. Tatsache ist, Filme atmen den Zeitgeist, aus dem sie entstehen - und allein, dass sowohl Filmemacher wie Zuschauer nicht den gleichen Blickwinkel haben wie ihre Pendants vor 70 Jahren dürfte eine Neuverfilmung des Themas nicht leicht machen. Wer erschrickt in den Zeiten von Jurassic Park oder dem Kettensägenmassaker schon vor einem Riesengorilla?
Trotzdem ist und bleibt die Urfassung der Story um den Riesenaffen ein filmgeschichtlicher Meilenstein. Auch wenn die Monster aus heutiger Sicht nach dem aussehen, was sie sind - niedliche Puppen - vielleicht macht genau das den Charme der alten Verfilmung aus. Man muss es mögen, aber dann ist KingKong der Alte ein Heidenvergnügen.
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