Ich habe King Kong gemacht, weil es cool ist!
von Susanne Döpke
Mit der Neuverfilmung des Klassikers King Kong schuf der Regisseur Peter Jackson mit Produktionskosten von rund 200 Millionen Dollar nicht nur den bisher teuersten Film der Geschichte, er erfüllte sich damit auch einen Kindheitstraum. Als Neunjähriger sah er den Film von 1933 zum ersten Mal im Fernsehen und seitdem beschäftigte er seine Phantasie. Für ihn war seit dem klar, dass er Filmemacher werden wollte. Bereits im Alter von 12 versuchte er mit selbst gebastelten Pappmodellen und der Videokamera seiner Eltern seine eigene Version zu drehen. King Kong war dabei ein bewegliches Drahtgestell mit dem Schal seiner Mutter als Fell, bei seinem Empire State Building, das ja nur von vorne zu sehen sein sollte, wurde effizient auch nur die Vorderseite bemalt. Trotzdem war es ein etwas zu ehrgeiziges Projekt für einen Zwölfjährigen. 1995 versuchte er es wieder, aber das Studio drehte ihm den Saft ab und so wandte er sich der Verfilmung seines anderen Traumprojekts, der Tolkienschen „Herr der Ringe“-Trilogie zu.
Die besondere Faszination des Stoffs beschreibt Jackson als die Traurigkeit und die Emotionen, die der Film in ihm ausgelöst hat. Er habe am Ende des Originalfims geweint, weil es ein sehr starker, tragischer Stoff ist. Dabei geht es nicht nur um das Mitgefühl, das man für den Affen entwickelt. Man versteht, dass der brutale Furchteinflößende Gorilla ein Herz, eine Seele hat. Gleichzeitig erkennt man, dass der Mensch bei allem was mysteriös ist, was wundervoll ist, die Gewohnheit hat, es auszubeuten und das Geheimnis zu lüften um es so zu zerstören. Sobald King Kong auf den Menschen traf, war sein Schicksal besiegelt. Die Geschichte des Riesenaffen ist nach Jacksons Meinung eines der großen Märchen unserer Zeit und steckt voller Metaphern, versteckter Bedeutungen und Mystik.
Jackson hatte keine Angst, den Mythos King Kong durch sein Remake zu zerstören. Immerhin war er bereits mit Jeff Bridges in der Hauptrolle schon einmal in den 70er Jahren neu verfilmt worden. Dabei tun sich Parallelen zu seinem vorigen Projekt, der Verfilmung der “Herr der Ringe“-Trilogie auf. Auch hier hatten die Fans Angst, dass durch die Verfilmung Tolkiens Werk Schaden nehmen konnte, zumal das Werk als unverfilmbar galt. Durch seine sehr einfühlsame Herangehensweise und vorsichtigen Umgang mit den Originalstoffen schaffte es Jackson aber, diese Ängste größtenteils zu zerstreuen. Auch bei King Kong ist das nicht anders.
Die weiße Frau
Jackson interpretiert die Figur der Ann Darrow moderner als das Original. Während sich dort die Schauspielerin Fay Wray den Titel erste Scream-Queen der Filmgeschichte redlich verdiente, wollte Jackson weg von der weißen Frau in der Opferrolle. Für seine Hauptdarstellerin Naomi Watts legte er mit seinem Drehbuchteam, bestehend aus seiner Frau Fran Walsh und Philippa Boyens, Ann Darrow als eine starke, intelligente Frau an, die weiß wie sie sich durchzuschlagen hat. Das kommt besonders in der Szene zum Ausdruck, nachdem Kong Ann vor den T-Rex Dinos rettet. Sie erkennt, dass sie bei Kong größere Überlebenschancen hat, als allein im Dschungel und entscheidet sich bewusst, mitzugehen. Sie wird nicht von dem Affen ständig neu verschleppt. Hier wird ganz sanft die Brücke gebaut, wie Ann eine Beziehung zu dem Riesengorilla aufbaut. In die Falle, den Affen als zu menschlich darzustellen tappt Peter Jackson dabei allerdings nicht. Kong behandelt Ann nicht gerade sanft und sein größtes Amüsement ist es, Ann umzuschubsen. Ihre im Varieté erlernten Jongliertricks beeindrucken ihn wenig.
Naomi Watts hatte im Gegensatz zu Jackson Angst der Figur nicht gerecht zu werden, weil es sich um eine Ikone der Filmgeschichte handelt. Trotzdem akzeptierte sie die Rolle, ohne das Drehbuch zu lesen, weil das Angebot von Peter Jackson kam. „In Amerika nennen wir so etwas einen ´No-Brainer`.“, also einen Film, den man ohne nachzudenken annehmen muss. Trotzdem ist die nötige körperliche Stärke nicht zu unterschätzen. „Wir haben sechs Monate gedreht, drei davon nur im Dschungel. Ich musste dauernd rennen und springen, während eine Gruppe Stuntmen die Hand von King Kong spielte. Manchmal war es sehr frustrierend, weil meine körperlichen Kraft meinem Willen unterlegen war.“
Die Aussicht auf die Arbeit mit dem Greenscreen hat sie zunächst sehr beunruhigt, aber nachdem Jackson ihr erklärt hatte, dass ein Schauspieler anwesend sein würde, mit dem sie interagieren könne, war sie beruhigt. Sie nennt Andy Serkis’ Darstellung atemberaubend und fügt hinzu, dass sie ohne ihn kaum ein ehrliches Gefühl vor der Kamera gezeigt hätte können.
Das Gesicht des Affen
Andy Serkis ist der Mann hinter dem Affen. Nach dem Gollum in “Der Herr der Ringe“ erweckt Serkis den Riesengorilla zum Leben und setzt damit ein Benchmark für Motion Capture Performances. Laut eigenem Bekunden, hat er inzwischen so lange Zeit im Motion Capture Anzug verbracht, dass er fast vergessen hatte, wie es ist eine richtige Rolle, neben King Kong die des Smutje Lumpy, zu spielen. „Tod durch CGI!“ lacht Serkis. Andererseits ist er der erste Star einer neuen Art der Schauspielerei.
Die Expertise in andere Wesen zu schlüpfen kommt natürlich nicht über Nacht. Serkis hat dafür auch große Vorarbeit geleistet. Zwei Wochen lang studierte er in Ruanda Berggorillas in freier Wildbahn, weitere drei Monate im Londoner Zoo. Als die Dreharbeiten erst einmal angefangen hatten war er in bei jeder Szene mit Kong am Set, also öfter, als alle anderen Charaktere. Bei jeder einzelnen Nahaufnahme, bei der Ann King Kong ansieht, lieh er dem Gorilla sein Gesicht und seine Augen. Dabei war er noch nicht einmal im Bild. Seine Arbeit ging im Anschluss an die Dreharbeiten am Set weiter. Er stellte im Motion Capture Anzug die Bewegungen und die Mimik des Riesenaffen nach. Allein im Gesicht hatte Serkis 130 Marker, nach denen die Computeranimateure später Kongs Mimik lebendig werden ließen.
King Kong musste also genauso gut sein, wie jeder andere Schauspieler am Set. Das ist ein großes Lob, wenn man bedenkt, dass Hauptdarsteller Adrien Brody für “Der Pianist“ den Oscar bekam, Naomi Watts für “21 Gramm“ Oscar nominiert war und Jimmy-Darsteller Jamie Bell, der durch “Billy Elliot“ bekannt wurde fast jeden britischen Nachwuchspreis abgeräumt hat. Für seine Darstellung hätte Serkis nach Meinung von Jackson auch einen Oscar verdient. Er meint aber, dass die verleihende Akademie wohl noch nicht so weit ist, diese Leistung entsprechend zu würdigen.
Eine von King Kongs größten Szenen wurde hauptsächlich von den Animateuren gestaltet. Beim Kampf mit dem T-Rex steuerte Serkis die Mimik bei, um die Dramatik zu verstärken. Hier zeigt sich auch das Limit des Motion Capture Verfahrens, denn viele der Kletterbewegungen und für Gorillas typischen Verhaltensmuster sind für einen Menschen gar nicht durchführbar. Trotzdem musste Serkis die gesamte Szene im Special Effects Studio nachstellen. Dabei wurden die Dinosaurier von zwei Stuntmen mit riesigen Polstern dargestellt, die er auch ziemlich furchterregend fand. Insgesamt wurde bei den Motion Capture Aufnahmen, so Serkis, hauptsächlich damit experimentiert, wie viel Mensch und wie viel Gorilla in diese Szene sein sollte, was funktionieren würde. Auf der Leinwand konnte er seine Entscheidung für mehr Mensch oder mehr Menschenaffe wieder erkennen. Auch seine Frau zeigte sich bei der Premiere in New York überrascht, weil sie viel von der Mimik ihres Ehemanns beim größten Affen der Filmgeschichte wieder erkannte. „Ob das jetzt ein Kompliment ist, weiß ich nicht“, grinst Serkis. Er glaubt, weil Menschen und Gorillas zu 97 Prozent die gleiche DNS haben, machen die die 3 Prozent wohl das Geheimnis von King Kong aus.
Ungewöhnliche Besetzung
Die Möglichkeit, dass seine Karriere durch die Arbeit an einem Blockbuster Schaden nehmen könnte, kam Adrien Brody gar nicht in den Sinn. „Ich habe 17 ½ Jahre gearbeitet, bevor überhaupt jemand auf mich aufmerksam wurde. Jetzt hatte ich die Chance, die Hauptrolle in einer großen Studioproduktion zu spielen.“ Er hat sich eher über diese technischen und technologischen Herausforderungen der Arbeit an einem solchen Film gefreut. Auch für ihn stellte sich die Frage, die Rolle anzunehmen, also nicht. Jackson hätte sicherlich auch jeden x-beliebigen Actionstar gewinnen können, aber der Charakterdarsteller stand ganz oben auf seiner Liste. Er wollte eine starke Figur schaffen, keinen typischen Helden, aber durchaus in Lage ist, über sich selbst hinauszuwachsen.
Der eher als Comedian bekannte Jack Black verdankt die Rolle wohl Jacksons Kindern. „Als wir den Film schrieben sahen unsere Kinder ganz oft den Film ´School of Rock`. Wir wurden also ständig Jack ausgesetzt und mit ihm infiziert.“ So kam Black also auf die Agenda. Die Figur Carl Denham ist ein Regisseur der 30er Jahre. Im Hinterkopf hatte das Team um Jackson eine Art jungen, skrupellosen Orson Welles, der besessen von seinem Film ist und nur ein einziges Ziel vor Augen hat. Die Rolle zu besetzen war nicht leicht, weil diese Qualitäten schwer auf die Leinwand zu bringen sind. Am Ende fiel die Wahl auf Black. Von Filmemacher Denham Parallelen zu Jackson zu ziehen gelingt jedoch nur teilweise. Laut Jack Black teilen beide die Leidenschaft für Filme, ansonsten wäre Jackson ganz anders. „Denham schert sich nur um seinen Film, nicht um seine Filmcrew.“, sagt Black. „Jeder auf dem Set mag Peter, weil er sich um die Schauspieler und die Crew kümmert.“
Auch der deutsche Schauspieler Thomas Kretschmann kann das voll und ganz unterschreiben. Der Darsteller des Captain Englehorn war begeistert davon, wie freundlich er am Set willkommen geheißen wurde. Vor der Arbeit an einem so großen Projekt war er sehr nervös. „Der erste Tag war der schlimmste, das ging aber allen so.“ Dann war es aber auch vorbei. Er nennt die Arbeitsatmosphäre geradezu familiär. Seinen Kollegen Brody kannte er schon aus “Der Pianist“ und er freute sich heimlich darüber, dass er ihm in King Kong schon wieder das Leben retten kann. Brody witzelt sogar: „Ich mache keine Filme mehr ohne Thomas, das steht in meinem Vertrag.“
Peter Jackson hat noch keinen neuen Vertrag und erst auch mal keine neuen Pläne für ein Filmprojekt. Nach zehn Jahren Arbeit an zwei großen Filmprojekten freut er sich darauf, den neuen Film der Öffentlichkeit zu übergeben, wie er sich ausdrückt. Er habe jetzt alles getan und hoffe, dass der Film dem Publikum gefällt. Persönlich freut er sich auf eine Pause, um die Batterien wieder aufzuladen und Zeit mit der Familie zu verbringen. Irgendwann würde er dann anfangen an neuen Ideen und Projekten zu arbeiten.
Das Geheimnis seines Erfolgs kennt er selbst nicht: „Keine Ahnung. Ich mache Filme, weil ich sie selber sehen möchte, nicht weil sie vielleicht erfolgreich sein könnten.“ Diese sehr persönliche, egoistische Herangehensweise wird aber vom Publikum durchaus honoriert. Wenn man sich “Heavenly Creatures“ anschaut, bemerkt man bereits die Parallelen zu seinen folgenden Projekten. Jackson beherrscht den Stoff, den er verfilmt und das aus dem FF. Aus diesen gründlichen Nachforschungen und Erforschungen des Stoffs und der Charaktere entspringen die Jackson-typischen glaubwürdige Figuren und eine im künstlichen Filmgeschäft seltene kreative Authentizität. Vielleicht entspringt das seiner eigenen Authentizität. „Ich mache eigentlich keine Filme für andere Leute. Wir haben Kong gemacht, weil es echt cool ist: Dinosaurier, eine verlassene Insel…“ schwärmt er in einem fort. Seine Begeisterungsfähigkeit überträgt sich auch auf der Leinwand nach dem Motto: Was dem Filmfan (Jackson) gefällt, findet auch das Publikum gut - frei nach Shakespeare: As you like it.
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