King Kong
von Susanne Picard
New York, 1933. Die Großstadt in den USA. Die Wirtschaftskrise der Dreißiger Jahre und der Glamour, den die Stadt damals trotz allem hatte, halten sich noch die Waage - damals wurde Amerika zu der Legende des Zwanzigsten Jahrhunderts, die es lange geblieben ist. Mittendrin ist Anne Darrow, die Varieté-Tänzerin, die froh ist, wenn der etwas schmierige Filmregisseur, der ganz offenbar immer vor der Pleite steht, ihr in einem kleinen Diner ein Mittagessen ausgibt. Als er ihr eine Hauptrolle in seinem aktuellen Film verspricht, der auch noch in Singapur (Gipfel der damaligen Exotik!) gedreht werden soll, schlägt sie ein: Los geht die Fahrt in unbekannte Weiten und die weißen Flecken auf der Landkarte. Und nicht nur Anne wünscht sich am Ende der Fahrt, die kleine Südseeinsel Skull Island wäre auch weiterhin ein so weißer Fleck auf der Landkarte geblieben...
Peter Jackson hat es bewiesen: Die Geschichte von King Kong, dem Riesenaffen und der New Yorker Glamour-Tänzerin Anne Darrow ist aktuell wie eh und je. Und damit auch eine weitere Diskussion, ob Peter Jackson wirklich ein Genie oder nur ein genialer Kopierer ist. Das zu entscheiden, ist wahrlich nicht einfach. Auf den ersten Blick scheint es leicht, beide Filme zu vergleichen - immerhin fügt Jackson seiner neuen Version außer einigen noch spektakulären Szenen nur sehr wenig eigenständiges hinzu. Auch wenn seine Version mit 187 Minuten beinahe doppelt so lang ist wie die alte Fassung von 1933, vieles ist gleich geblieben. Sogar Teile des Dialogs der Drehbuchschreiber Edgar Wallace und Merian C. Cooper hat der Neuseeländer übernommen. Außerdem inszeniert er die bekannten Bilder mit allen Mitteln der modernen Tricktechnik einfach neu. Und da scheiden sich an der neuen Fassung auch die Geister der Kritiker.
Ist Jackson also einfach nur ein Held der neuen postmodernen Kinokultur, die alle Geschichten sowieso schon erzählt hat und sich daher nur auf eine Bebilderung und Neuinszenierung der altbekannten verlegt hat, das dafür aber mit alten Mitteln? Oder ist vielleicht das auch schon eine Aussage für sich? Darüber mag man streiten. Fest steht allerdings, dass diese modernste Fassung der alten Geschichte von der Schönen und dem Biest ein Film um seiner selbst willen ist. In jeder Sekunde kann man sehen: Hier war ein Liebhaber am Werk und selten war das einem Film so anzumerken wie diesem. Auch wenn man als Zuschauer sagen mag, eine halbe Stunde weniger hätte das Filmerlebnis sicher kaum geschmälert - man genießt dennoch jede Sekunde und hat streckenweise Längen einem Film und seinem Regisseur wohl nie so gern verziehen wie hier.
Und Jackson bietet mit seiner Crew wirklich alles auf, was es nur in dieser Geschichte um den Gegensatz von Glanz, Glamour und düsterer Urzeitwesen auf unentdeckten Inseln so aufzubieten gibt. Jedes Monster der Filmgeschichte scheint hier aufzutauchen: Bissige Vampirfledermäuse, riesige Kakerlaken, Dinosaurier in allen Varianten, riesige Blutegel, Tausendfüßler, Skorpione, Kannibalen, die Menschenopfer zelebrieren, widerliche Wirtschaftsbosse, eklige Filmregisseure und skrupellose Kapitäne machen die Welt unsicher und schließlich stellt sich heraus, dass der Affe noch der menschlichste von allen ist. Denn auch das schafft Jackson trotz aller reinen Abfilmerei und der Lust am Grusel, die man ihm ja auch schon bei seinem Meisterwerk Herrn der Ringe vorwarf: geradezu große Momente der Rührung zu schaffen. Der Moment, in dem Anne und Kong über einen zugefrorenen See im Central Park schlittern und der Riesengorilla den Winter entdeckt, ist ebenso kitschig wie amüsant und anrührend und hat etwas - ja, Zartes.
Kurz: Der Zuschauer wird mitgerissen. Wer sich nicht durch die kleinen großen Momente mitnehmen läßt, wie einen traurigen Kong im Sonnenuntergang, der wird sich durch die Actionmomente im Dschungel mit seinem Urzeitmonstern hingerissen fühlen oder vielleicht auch durch die virtuos animierte echte CGI-Kulisse des New Yorks der Dreißiger mit seinen Suppenküchen, dem Broadway auf seinem Höhepunkt und dem atemberaubenden Panorama des Big Apples vom Empire State Building aus gesehen.
Und das will ja auch erst mal geschafft sein - zu oft ging dieses Experiment, die Filmatmosphäre vergangener Zeiten ins neue Jahrtausend zu übertragen, schon schief. Hier gelingt es nicht zuletzt deshalb, weil Jackson nichts anderes tut, als zu kopieren. Und das so spannend, dass man jede Sekunde der 187 Minuten genießt.
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