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Kathryn Janeway setzte sich an ihren Arbeitstisch und griff nach einem Datenblock. Sofort warf sie ihn wieder zurück und sprang unruhig auf. Seitdem Chakotay und Seska sie nach den missglückten Fluchtversuchen zurückgelassen hatten, war sie unruhig in ihrem Quartier auf und ab gegangen. Immer wieder hatte sie die Ereignisse der letzten Stunden überdacht. Die kritische Phase war noch nicht vorbei, und sie versuchte, Fehler oder Gefahren, die sie vielleicht bisher übersehen hatte, zu finden. Doch im Augenblick saß sie hier fest und konnte nichts anderes tun als warten.
Warten war ihr schon immer am schwersten gefallen.
Die Tür fuhr zischend auf, und Chakotay trat ein. Den Türmelder zu bedienen oder um Erlaubnis zum Eintritt zu bitten, hielt er anscheinend für unter seiner Würde. Janeway hatte von diesem Chakotay inzwischen auch nichts anderes erwartet. An ihm vorbei konnte sie einen kurzen Blick auf den Wachposten erhaschen, der vor ihrer Kabine stand, bevor sich die Tür wieder schloss.
"Nun, Janeway?" sagte er. Seine Zufriedenheit war mit Händen zu greifen. "Was soll ich jetzt mit Ihnen anfangen?" Er trat weiter ins Zimmer und setzte sich ungefragt an den Arbeitstisch.
"Sie sitzen auf meinem Stuhl", erwiderte sie ruhig. Sie wollte sich nicht einschüchtern lassen.
Chakotay lachte und lehnte sich demonstrativ bequem zurück. "Und was wollen Sie dagegen tun?" fragte er höhnisch. "Mich herauskippen?"
Janeway gestattete sich ein leichtes Lächeln. "Ich meinte nicht diesen Stuhl. Ich meinte den auf der Brücke", sagte sie. Sie verschränkte die Arme vor der Brust. "Und ich werde sie herauskippen!"
Chakotays Grinsen zuckte unsicher. Janeway fürchtete einen Moment, zu weit gegangen zu sein. "Das ist eindeutig die Ankündigung einer Meuterei", meinte er dann. "Ich sollte sie als solche behandeln und ein Exempel an Ihnen statuieren."
"Nach Ihnen", erwiderte Janeway ungerührt. "Oder wollen Sie bestreiten, dass Sie es waren, der mit den Meutereien gegen seine Kommandantin angefangen hat?"
Er sprang vom Stuhl auf und stürzte auf sie zu. Janeway zuckte zusammen, wich jedoch nicht einen Schritt zurück. Heftig stieß er mit dem Finger nach ihr, während er sie anschrie.
"Wie können Sie es wagen, so mit mir zu sprechen? Ihre Pläne sind vereitelt, zwei Offiziere liegen Ihretwegen im Sterben, und Sie wagen es, mir Vorhaltungen zu machen? Ich habe nicht gegen Sie gemeutert! Sie waren unfähig, uns nach Hause zu bringen! Sie haben die Phalanx des Fürsorgers zerstört und uns damit vom Weg nach Hause abgeschnitten, bloß damit die Kazon sie nicht ausnützen konnten, was sie, wären wir nicht hier gewesen, sowieso getan hätten! Sie konnten nicht einmal den altersschwachen Fürsorger zwingen, uns zurück zu schicken! Glauben Sie, ich hätte nichts besseres zu tun, als 75 Jahre lang den Rückweg zu suchen? Was glauben Sie, warum ich mich dem Maquis angeschlossen habe? Um 70.000 Lichtjahre von meiner besetzten Heimat entfernt den Forscher zu spielen? Ich werde im Kampf gegen die Cardassianer gebraucht! Glauben Sie nicht, jeder hier an Bord könnte mit den nächsten Jahren etwas Sinnvolleres anfangen? Aber Sie mussten sich in einen Konflikt einmischen, der uns überhaupt nichts angingen, und uns damit ins Exil schicken!"
Chakotay hatte sich verausgabt. Er schnaufte. Janeway war etwas verwirrt. Sie hatte diesen so fremden Chakotay hassen gelernt für das, was er der Voyager und ihrer Besatzung angetan haben musste. Für das, was er, Louis’ Berichten zufolge, der Kathryn Janeway dieses Universums angetan haben musste. Für das, was er ihr angetan hatte. Plötzlich aber merkte sie, dass hinter seinem Tun keine reine Bosheit lag. B’Elanna hatte Unrecht: Sein Ziel war noch immer das gleiche wie ihres. Nur wollte er es jetzt unbedingt erreichen, was auch immer der Preis sein mochte, und da unterschied er sich sowohl von B’Elanna als auch von Janeway. Ihm war die Macht, ein Schiff in dieser Extremsituation zu befehligen, zu Kopf gestiegen. Er hatte den Sinn für die Verhältnismäßigkeit der Mittel verloren. Janeway erinnerte sich an die Berichte über Chakotay von der Akademie. Sie erkannte, dass er diesen Sinn nicht verloren hatte. Er hatte ihn nie gehabt.
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