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SF & Phantastisches


"Empfänger"

von Michael Bertschik


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Die Klingel drücken. Warten. Auf die Geräusche von drinnen achten, nochmal kurz den Text durchdenken.
Die Tür geht auf. Eine abgehärmte kleine Frau, untere Mittelklasse, die Armut ist nicht ganz deutlich sichtbar wie sonst so häufig. Sie erkennt die Abzeichen auf der Schulter. Wahnsinn, das Gesicht! Sie weiß Bescheid - es fehlen jetzt nur noch die Details. Gut, die bekommt sie jetzt.

"Frau Merckx?"

Jetzt zunehmende Blässe in ihrem Gesicht, man merkt ihr an, dass jetzt ihr Mund trocken wird. Ein Standardfall. Wie schön!

Sie nickt wortlos. Die Augen werden groß, die Pupillen weit. Banges Erwarten des Unvermeidlichen. Sie soll erlöst werden.

"Ich habe eine schlechte Nachricht für Sie. Vor einigen Stunden ist Ihr Mann bei einem Magnetbahnunfall ums Leben gekommen. Es tut mir wirklich aufrichtig leid..."

Jetzt die Pause, ihre Reaktion abwarten. Was wird sie tun? Hemmungslos heulen? Oder still schweigen? Wohl letzteres.

Ja, sie schweigt. Der Kloß in der Kehle ist geradezu sichtbar. Ein Standardfall - ein Musterbeispiel eines "Empfängers". Weiteres Vorgehen: Sie an ihrer Schulter, an ihrem Unterarm berühren. Die eigene Hand muss warm und trocken sein - dank Antitranspiranz ist sie es. Ihre Trauer ist toll!

"Wollen wir nicht reingehen? Wir sollten uns setzen und uns unterhalten..."


Ein wirklich klassischer Fall. Zuerst relativ gefasst, später dann doch in Tränen ausgebrochen. Da muss man dann schweigen, die Empfänger in den Arm nehmen, sanft streicheln. Die einzige Arbeit, die KIs nicht tun können - sie verstehen die Gefühlswelt von Menschen zu schlecht, können die Körpersignale nicht richtig deuten. Ein toller Job, weil einzigartig - der einzige, der noch ausschließlich von Menschen ausgeübt wird.

Dabei reagieren Menschen auf schlechte Nachrichten gar nicht wirklich komplex. Tatsächlich gibt es grob zwei Arten: Gefühlsausbruch oder Gefasstheit - manchmal passiert beides, getrennt durch eine kleine Zeitspanne.

Todesnachrichten sind die besten. Der Schock der Empfänger ist erregend deutlich zu lesen! Nicht selten hat die Erregung der Überbringer die Wirkung eines Orgasmus.

In letzter Zeit waren die Nachrichten vom Verlust des Jobs oder Herabstufung in der medizinischen Ethikordnung leider zahlreicher. Diese verflixten KIs vernichten den Menschen, indem sie ihm seine Arbeit abnehmen! Dabei definiert sich der Mensche über seine Arbeit... Was heißt das für uns Überbringer? Egal.

Überbringer sind ausgewählte Menschen. Sie besitzen ein überragendes Einfühlungsvermögen, herausgefunden durch KIs im Jugendalter mit standardisierten Tests. KIs können Überbringer finden - ihre Arbeit aber nicht machen. Gut.

Es gab Versuche, KIs zu trainieren. Leider versagten sie in der Praxis, die Empfänger wurden sehr oft handgreiflich - überdurchschnittlich oft. Gut.

Ein mäßiger Tag heute - KIs machen ihren Job sonst gut, wenig Unfälle der Magnetbahnen und Hyperschallflugzeuge durch Bedienungsfehler. Daher dadurch nur wenig Tote. Schlecht.

Wirklich gute Tage sind die mit Naturkatastrophen, die nennenswert viele Menschen töten. Da müssen Überstunden gemacht werden - und sie werden gerne gemacht. Ganze Familien werden ausradiert, ihre Angehörigen sind besonders erschüttert. Und Prognosen erwarten ein stetiges Ansteigen von Naturkatastrophen. Goldene Zeiten!


Es klingelt an der Tür. Wer kann das sein? Überbringer erwarten keinen Besuch, sie sind der Besuch!

"Herr Bredig?"

Ein Überbringer! Er sieht gut aus, macht seine Sache bisher sehr professionell. Leicht gesenkter Blick, betroffen. Klassisches Vorgehen. Ein Profi.

"Ja."

Ganz locker bleiben. Einen "gefassten Empfänger" abgeben.

"Ich habe keine gute Nachricht für Sie. Im Rahmen des weiteren Ersatzes menschlicher Arbeitskraft durch KIs werden jetzt auch KIs als Überbringer eingesetzt."

Er reicht die Hand zum Gruß, sie ist warm und trocken - wohl ohne Antitranspiranz.

"Ich bin Ihr Nachfolger."

Ein Profi.


© Michael Bertschik

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