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Oder anders ausgedrückt: Treue ist der Mangel an Gelegenheiten. David hatte sich immer für sehr treu gehalten. Kein Wunder: Er hatte niemals vor der Wahl zwischen zwei Frauen gestanden. Eigentlich war er sogar immer froh gewesen, wenn er überhaupt eine Frau gefunden hatte. So war die Treue bei ihm auch niemals eine Tugend gewesen, sondern stets nur aus der Situation erwachsen. Vielleicht hätte er sich anders verhalten, wenn er bei Frauen begehrter gewesen wäre. War er aber nicht.
Nun war David aber in ein Alter gekommen, das ihn für Frauen attraktiver und interessanter gemacht hatte - vor allem für jüngere Frauen, die auf reifere Männer abfuhren - so wie Jenny Elvers auf Heiner Lauterbach. Die Frau, die ein Auge auf ihn geworfen hatte, hieß Laura, eine blonde Schülerin mit Drogenproblemen. Aber dennoch: Sie hatte eine blühende Phantasie, die David immer aufs neue fasziniert hatte. Sie nahm Dinge wahr, für die andere Leute blind waren. Sie nannte es Visionen. Für David waren es Halluzinationen, und jetzt - als David am Fenster seines seltsamen Motelzimmers über Laura nachdachte - fiel es ihm wieder ein. Laura hatte oft etwas von einer verschwundenen Autobahn erzählt, einem geheimnisvollen Ort, an dem merkwürdige Dinge geschahen, wo seltsame Dämonen zu Hause waren. Laura hatte ihm erzählt, sie wäre schon oft auf dieser verschwundenen Autobahn gefahren, und David hatte es alles als Phantasien einer achtzehnjährigen Schülerin abgetan, wahrscheinlich auch hervorgerufen durch ihre Drogensucht, die sie vor David niemals verheimlicht hatte.
David hatte Laura in einer Bar kennengelernt, die sich Zum Roten Krokodil nannte. Laura hatte dort als Barfrau gearbeitet. Ein seriöser Job, wenn man bedenkt, daß Laura beinahe auf dem Kiez als Prostituierte gelandet wäre... Katrin war zu dieser Zeit gerade essen gewesen. Geschäftsessen. Seit einigen Monaten hatte Katrin nur noch Sinn für ihre Karriere gehabt, und durch das Geschäftsessen hatte sie sich einen großartigen Aufstieg versprochen: Die Übernahme der Chefredaktion einer eigenen, neuen Frauenzeitschrift bei Gruner & Jahr. Für den eher karrierescheuen David, der froh war, wenn sich an seinem Arbeitsplatz für ihn nichts veränderte, Grund genug, sich tüchtig zu besaufen. Von Freunden hatte er den Tip bekommen. Die Kneipe, so hatten sie gesagt, hätte erst kürzlich in Altona eröffnet. Also war David hinaus nach Altona gefahren und war in diese Bar gegangen, ein gemütlicher Szene-Schuppen, mit lauter, dröhnender Musik zwar, aber die Leute waren einfach locker drauf gewesen und das Bier - gemessen an Hamburger Verhältnissen - recht billig.
Laura stand hinter dem Tresen, und je mehr Bier David konsumiert hatte, desto attraktiver wurde sie für ihn und desto weniger merkte er, daß sie mit ihm flirtete - und er mit ihr bald auch.
Laura war auch ohne Alkoholeinfluß ein sehr attraktives Mädchen - nicht ganz Davids Altersklasse, aber dafür jung, frisch und sehr hübsch. Sie hatte langes, blondes Haar, strahlend blaue Augen, einen großen, runden Busen und eine schmale Taille. David konnte sich nur sehr dunkel an die erste Nacht in Lauras Einzimmerwohnung erinnern. Doch schon damals hatte er gespürt, daß Laura etwas ganz besonderes war. Hatte er sich zunächst nur für ihr Äußeres interessiert, so fing langsam auch ihr Wesen an, ihn mehr und mehr zu faszinieren - vor allem, weil sie zu ihm bald ein derartiges Vertrauen faßte, daß sie ihm Dinge anvertraute, die sie sonst noch nie einem Menschen erzählt hatte. Doch je mehr er von ihr erfuhr, desto rätselhafter wurde sie ihm. Ihr Verhältnis wurde immer intensiver und wuchs über das einer rein sexuellen Beziehung weit hinaus. Er bekam weite Einblicke in Lauras Welt, doch er war trotzdem weit davon entfernt, sie in allen Facetten zu verstehen. Schließlich schob er alles, was Laura ihm erzählt hatte, auf ein psychisches Trauma und die Wirkung stark halluzinogener Drogen, die sie regelmäßig zu sich nahm.
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