Ein wahrer Erlebnisbericht
von Susanne Picard
Erster Tag
FedCon XI also.
Na, Besucher bin ich ja schon einmal gewesen auf einer FedCon. Zumindest einen Tag, auf der zehnten ihrer Art, im letzten Jahr. Mehr als einen Tag wollte ich nicht mitmachen, mir war das zu verrückt.
Aber dieses Mal, bei der FedCon XI, habe ich Glück: Ich kann bei Annies Verkaufsstand für Merchandise mithelfen, und bin dafür die ganzen drei Tage dabei. Blick hinter die Kulissen inklusive, denn ich würde gern darüber berichten und das anders als meist darüber gesprochen wird. Und hier also das Ergebnis.
Eher eine spontane Entscheidung – vorhin erst dachte ich, ich muß ja ganz schon bekloppt sein, meinen Urlaub mit so einem Blödsinn zu verschwenden.
Aber naja, nun hab ich’s versprochen. Und irgendwas muß ja an dieser Veranstaltung dran sein. Ist ja immerhin die größte ihrer Art Europas.
Um acht Uhr abends bin ich also mit Annie verabredet, auspacken. Als ich beim Maritim Bonn ankomme, stehen an der Terrassentür eines Salons rauchend und englisch tratschend zwei Frauen - eine ein bißchen pummelig, klein mit Brille, etwa Mitte vierzig. Die andere etwas jünger als ich, also Ende 20. Aus dem Rest des Raums (im richtigen Leben ist es einer der Konferenzräume des Maritim und neben Stuck und Spiegeln behängt mit einem Kronleuchter neben dem anderen) höre ich nur Deutsch und Holländisch – also frage ich die beiden am Eingang nach Annie. Und siehe da, die Pummelige ist die Gesuchte. Sie wirft ihre Zigarette ins Gebüsch und winkt mir grinsend zu. Hey, you must be Susie, great, just in time! Gerade haben Antje (das andere Mädel am Eingang, sie ist aus Holland) und ihre Schwester Enie Annies Kisten aus dem Transporter geladen. Na, dann mal los. In dem riesigen Raum mit dem Marmorboden stehen jetzt Tische mit weißen Tischdecken herum, auf denen die Händler ihre Ware stapeln, dekorativ aufbauen oder sonstwie präsentieren können und Annie, die mir versichert, sie hat immer den besten Tisch direkt neben der Außentür, zeigt mir ihre Kisten. Tja, und dann öffnen wir die Schatztruhen: Ordner mit Starfotos und deren Autogrammen (please, there’s some stickgum somewhere, could you stick them on the mirror behind the table? So the fans can see, what they can get? – Klar. Klettern auf Maritim-Edelstühlen war schon immer mein liebstes), kleine Plastikwannen voller Postkarten (nicht nur StarTrek, sondern auch Buffy the Vampire Slayer, Bilder von Angel, dem Vampir mit der Seele und vor allem hunderte Karten vom Herrn der Ringe). Die Buffy-Karten bitte nach vorn! Anthony Stuart Head ist immerhin einer der Stargäste dieser Con. Eine Kiste ist voller T-Shirts, ein paar mit Karikaturen von StarTrek und anderen Fantasy-Serien bedruckt (Xena und Gabrielle behaupten von sich, sie seien die Sisters of NO mercy), die meisten aber mit Herr der Ringe-Motiven. Annie versichert mir, die Shirts mit Saurons feurigem Schlitzauge sind ihr die liebsten, der Vergleich mit anderen (weiblichen) Körperteilen springt ihr auf entzückende Weise ins Auge. Ich muß kichern. Cooler Vergleich – warum bin ich nicht selbst draufgekommen?
Die nächsten Tage versprechen lustig zu werden.
Okay, weiter. Puzzles, ungefähr 100 Magneten, Basecaps, Mousepads, hunderte Schlüsselanhänger (die mit Buffy und besonders Giles nach vorn bitte!), nochmal Karten, Film-Plakat-Karikaturen mit SouthPark-Figuren (Okay, das von „Kenny – Die Hard – over and over again!“ ist witzig!!). Die Lesezeichen haben völlig verhedderte Anhänger – drollig übrigens, am besten ist der kleine Milleniumfalke an dem Bild von Han Solo und die kleine Metallschlange an dem von Grima Schlangenzunge! Coole Sache, das. – und müssen geordnet werden. Annie verliert schon bald die Geduld damit, also mach ich’s.
Irgendwann sind wir dann fertig.
Antje und Enie haben Hunger, und ich bestelle für sie, Annie und die anderen Amerikaner eine Pizza. Deutsch verstehen sie alle ein wenig, aber mit einem italienischen Pizzabäcker ist das selbst Antje und Enie nicht geheuer. Wir warten also auf die Pizza, während Annie ihr Kleinzeug liebevoll umsortiert.
Nach einer halben Stunde stellt sich heraus, daß ich anscheinend auch Schwierigkeiten mit Italienern in Deutschland habe, denn eine der Pizzen haben die Herren Südländer vergessen – unsere natürlich. Naja, wir bestellen nochmal. Aber Annie hat keine Lust mehr. Aber bevor sie sich in die Hotelbar verziehen kann, taucht Sabine auf, die im richtigen Leben zu meinen besten Freunden zählt und drei Tage eine der sechs Auserwählten sein wird, die den Badge „VIP-Security“ tragen dürfen: Sie hat dafür gesorgt, daß sie das große Los gezogen hat, sie darf den Schauspieler von Buffys Wächter betreuen. Annie schläft mit ihr, drei anderen Helfern und einer Freundin von Sabine aus dem amerikanischen Westen, Kate, zusammen in einer kleinen Suite des Maritim. Als Annie fünf Minuten Zeit hat, erzählt sie mir brühwarm, daß Kate bereits von allen fünf anderen Zimmerbewohnern (außer Sabine natürlich) mit Freuden gehaßt wird: she behaves like a typical american and annoys everyone! And she asked, if she could sleep on the big sofa. No way, it’s reserved for Annie. Since days - would you believe it??
Als Sabine hereinkommt und uns fragt, wie’s läuft, muß ich lachen und erzähle ihr von Saurons Auge. Annie und Sabine verabreden sich schließlich an der Bar und Annie verzieht sich. Nicht, ohne Sabine ebenfalls brühwarm von Kates Ansinnen zu erzählen, auf dem großen Sofa schlafen zu wollen. Kaum ist sie weg, gibt Sabine kleinlaut zu, daß es wohl keine smarte Idee von ihr war, Kate mit ins Zimmer zu nehmen.
Naja. Sowas passiert schließlich, versuche ich sie zu trösten. Besonders so philanthropischen Menschen, wie Sabine nunmal einer ist. Sie verabschiedet sich schließlich, sie hat noch ein paar Sachen zu organisieren. Sie soll morgen gleich zwei der 12 Stargäste zur gleichen Zeit von zwei verschiedenen Flughäfen abholen – schwierige Sache.
Okay, warte ich also mit Enie und Antje weiter auf die Pizza. Wir vertreiben uns die Zeit mit schwatzen. Schließlich kommt die Pizza doch und wir essen schnell – Annie muß mir noch das goldene Armbändchen und den Eintrittsausweis für die Con geben.
Ich überlasse Antje und Enie dem Essen und gehe in die Bar. Annie sitzt dort mit Sue – einer anderen Händlerin, mit der Annie offenbar dick befreundet ist. Man kennt sich seit Jahren von allen möglichen Cons. Annie rührt müde in einem Melon Daiquiri und knabbert an ihren Melonenscheiben. Schließlich taucht Sabine wieder auf, sie hat die Flughafengeschichte noch nicht geregelt, aber sie hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Panik ist eben ihr großer Motivator, wie sie fröhlich zugibt. Im Schlepptau hat sie auch noch Melanie und Tobias, Kollegen und Zimmergenossen von Sabine, Kate und Annie. Außerdem sind da Geli und Marit, zwei Radio-Journalistinnen, die für den gleichen Sender arbeiten, für den Sabine manchmal im richtigen Leben berichtet. Deren erste Con ist es auch nicht, man kennt und liebt sie offenbar. Tobias stöhnt pro forma über den Schedule seines VIP-Gastes und läßt dreimal seinen gesamten Stapel Papiere fallen. Alle gehören schon seit Jahren zur VIP-Security und freuen sich, daß es morgen schon wieder losgeht. Hm, um ehrlich zu sein – sie stöhnen so demonstrativ darüber, daß man nur annehmen kann, daß sie nichts lieber tun als das, was ihnen die nächsten Tage bevorsteht.
Ich sitze eigentlich nur dabei und höre amüsiert zu, während Melanie sich ein paar Strawberry Margaritas gönnt, Annie einen weiteren Melon Daiquiri und der Rest ein großes Bier nach dem anderen.
Es ist immer interessant, Gruppendynamik zu beobachten. Diese Gruppe hier kennt sich und ist ganz eindeutig aufeinander eingespielt. Akzeptiert werde ich zunächst nur, weil Annie mir ein Kölsch bringt und Sabine mit mir ein paar Insider-Witze reißt, was jeder registriert und zunächst mal als Garantie reicht, daß man zumindest in meiner fremden Gegenwart kein Blatt vor den Mund nehmen muß. Während alle noch alte Con-Geschichten aus den letzten Jahren aufwärmen, tauchen Richard Arnold und Marc B. Lee auf, der eine Berater des Erfinders von StarTrek, der andere einfach Fan und langjähriger Besucher, der sich mittlerweile in den Stab hochgearbeitet hat. Zusammen mit Marc wärmt Melanie alte Erinnerungen an eine Stargästin auf, die sich wegen ihrer Dummheit als besonders schwierig erwiesen hat. Der Name der Lady erinnert an das englische Wort für Wahnsinn und Melanie hat den bleibenden Eindruck, daß sich der Name auf das Gemüt der Dame niedergeschlagen hat.
Mir tut’s um eins schließlich leid, daß ich die letzte Bahn kriegen muß. Aber jetzt oder nie. Ich stehe also auf und verkünde, daß ich gehen muß. Sabine starrt mich überrascht an und fragt, warum. Sie muß daran erinnert werden, wie spät es schon ist und Melanie meint so neutral wie möglich, daß in der Suite eben weiter kein Platz war. Sabine geht nicht darauf ein, sagt aber auch nichts weiter. Die Arme, denke ich. Ich spreche mit Annie noch ab, daß ich am nächsten Tag gegen 11 da sein soll und mache mich auf die Socken.
Zweiter Tag
Ich komme durch den Terrasseneingang in den großen Salon, in dem zu meiner Überraschung schon einiges los ist. Sollte die Con ihre Pforten nicht erst um 12 öffnen? So stand es jedenfalls im Programm. Und im Con-Heft, das jeder bekommt, auch. Aber naja. Annie meint, doesn’t matter, sie schmeißt ihren Stand ja sonst auch allein. Na gut – es stellt sich sowieso schon bald heraus, daß sie ganz froh sein kann, jemanden am Stand zu haben, der Deutsch spricht. Die meisten sprechen sie auf Deutsch an, das sie zwar ansatzweise verstehen kann, aber nicht spricht. Ich dolmetsche ein bißchen, mache es mir dann auf einem der Stühle bequem und lasse mir von Annie die Preise erklären, die sie auf all ihre Sachen geklebt hat. Auf den meisten steht noch ein Preis in englischen Pfund – sie war vorher auf einer kleineren Con in England. Im Zweifelsfall, so erklärt sie mir, den Pfundpreis mal anderthalb und etwas drauf, damit was in der Kasse bleibt. Okay, da sie einen Taschenrechner hat, dürfte das nicht so schwer sein. Immerhin habe ich acht Jahre an einer Kinokasse gesessen und habe auch im richtigen Leben als „Redakteurin für Unternehmenskommunikation“ mit schwierigen Kunden zu tun. Da werde ich ja wohl mit Con-Publikum fertig werden.
Ich mache es mir erneut bequem und betrachte die Menge. Die Menschen, die an unserem Stand vorbeikommen, sind samt und sonders gutgelaunt. Die meisten tragen ein Plastik-Armbändchen mit „FedConXI“ –Aufdruck in Gold, was bedeutet, daß sie die ganzen drei Tage da sein werden. Sie betrachten neugierig, was jeder Stand zu bieten hat – offenbar sind sie mit der Absicht hergekommen, viel bis sehr viel Geld auszugeben. Auch wenn die meisten nicht nach einem dicken Bankkonto aussehen. Alle tragen mit Stolz und gut sichtbar die mit Eintrittsausweis und Armband ausgegebene Umhängetasche mit Programmheft, Gutscheinen und dem ganzen anderen am Eingang erworbenen Kram, viele den Ausweis an einem Band um den Hals.
Viele der Besucher tragen eine StarTrek-Uniform, davon die meisten eine der Serie Next Generation, und hier auch wieder die meisten in blau. Das ist in allen StarTrek-Serien die Farbe für die wissenschaftlichen Mitarbeiter in StarFleet, Ärzte und Forscher. Ein paar tragen auch kommandorot, aber kaum einer das Gold der technischen Sektion. Ungefähr die Hälfte der Uniformierten hat sich Spitzen an die Ohren geklebt. Die Augenbrauen rasiert und zu den Schläfen nachgezogen hat sich allerdings nur einer. Mutig, mutig, aber dafür sieht er auch stilecht aus. Ein paar ganz kesse Mädels haben sich in eins der Kleidchen gezwängt, die in der ersten Season von TNG und der Classic-Serie aktuell waren. Eins der Kleidchen, natürlich blau, verleiht dem Ausdruck Po-Manschette eine völlig neue Bedeutung. Meine Anmerkung zu Annie: „Wow, that’s what I call short!“ Sie kichert. Die Anzahl der kleinen Knöpfe am Kragen, an der man den Rang erkennen soll, ist nur selten geringer als zweieinhalb, was dem Rang eines Lieutenant-Commanders entspricht. Also keine Fähnriche oder Rekruten. Ich fühle mich spöttisch an den Kindergarten oder die Grundschule erinnert, in der jede Spielgruppe von kleinen Jungs nur aus Räuberhauptmännern, Generälen und Indianerhäuptlingen besteht. Wie soll ein gedachtes Raumschiff funktionieren, wenn es keine Technikfähnriche gibt? Immerhin dürften Chief O’Brien und Geordi LaForge auch einmal so angefangen haben.
Aber ich zucke innerlich mit den Achseln. Warum soll man sich seinen Rang nicht aussuchen dürfen, wenn man es kann?
Irgendwann bittet mich Annie, ihr einen Kaffee zu holen. Sie drückt mir fünf Euro in die Hand, ich soll mir auch einen mitbringen. Gerne doch. Besonders Annie scheint den Kaffee nötig zu haben, sie hat mit Sabine, Melanie und den anderen bis nachts um drei gefeiert, jetzt hat sie – auch aus anderen regelmäßigen Gründen - Kopfschmerzen, es geht ihr nicht gut. Klingt nach einer klasse Party, vielleicht sollte ich mich nächstes Jahr auch im Maritim einmieten? Sie sagt mir heute noch einmal, was sie mir schon gestern angeboten hat, ich kann gern ein bißchen auf der Con herumstreifen, wenn es am Stand nicht zu eng wird.
Aber im Moment reicht mir erst mal der Kaffee und daß ich mich ein bißchen in den Händlerräumen umsehen kann. Ich verspreche Annie, daß ich in einer halben Stunde mit dem Kaffee wieder da bin und mache mich auf die Socken, um mir ein Bild von dieser Con zu machen. Ich habe mir von Annie das Programmheft geliehen, aber heute interessiert mich eigentlich nichts so recht. Die Stars dieser Con gehören eher zu den unbekannteren. Kein William Shatner, Captain der klassischen Serie, kein Leonard Nimoy als Vorzeige-Vulkanier (der vor ungefähr 15 Jahren, seiner Rolle müde, das Buch „I’m not Spock“ schrieb, um diese Meinung mit einem zweiten Buch namens „I am Spock“ wieder zu revidieren) und auch kein Patrick Stewart. Letzterer, Mitglied der Royal Shakespeare Company in England, schauspielert lieber auf Theaterbühnen und übernimmt andere Rollen. Die Namen der anderen Stars, besonders derjenigen, die heute an diesem ersten Tag der Con auftreten, interessieren mich nicht so sehr wie die Fans, die wahrscheinlich noch an meinem Stand vorbeikommen werden.
Aufgebaut sind neben all dem Merchandise auch ein Stand der anderen großen StarTrek Fan Convention, die sich nach einem Shuttle der alten Enterprise (ohne ein verdammtes A, B, C oder D!!) nennt. Offenbar ist die FedCon so groß, daß man dem konkurrierenden kleinen Bruder die Werbung gönnt, denke ich mir. Außerdem gibt es Stände des sponsornden Verlags, der Paramount und der UIP, die die StarTrek-Filme weltweit vertreibt und die Gelegenheit nutzt, die DVD des letzten StarTrekFilms Nemesis zu promoten. Die UIP leistet sich den Luxus, mit Hostessen zu werben, die schicke, hellblaue Kostümchen tragen statt den schwarzen T-Shirts und abgetragenen Jeans des Con-eigenen SecurityStaffs. Damit wirken sie ein bißchen fehl am Platz. Ich erinnere mich an mein Praktikum bei der 20th Century Fox, bei der die UIP und ihr gelangweilter und beinahe verständnisloser Umgang mit dem Zugpferd StarTrek eins der liebsten Lästerthemen war.
Alles in allem ist die Stimmung gelassen, bei Gästen, Besuchern, Fans und Personal scheint eine Art aufgekratzte Routine zu herrschen. Eigentlich angenehm, keiner ist unfreundlich und keiner ist gereizt. Aber Annie hat mir schon vorher gesagt, daß der Freitag immer sehr entspannt ist und erst der Samstag hektisch wird.
Zurück im Händlerraum sehe ich die verrücktesten Sachen. Nicht nur Raumschiffmodelle, alte, wahrscheinlich schon ausverkaufte Bücher zur Serie, sondern auch Kompendien mit Sternenkarten, Planetenlisten (aha, Cardassia ist ein Planet der Klasse M, wie Breen auch), Uniformen, DVD’s, Videos, Postkarten, Actionfiguren, Becher aus Quark’s Bar, die unten viel breiter sind als oben (wie trinkt man daraus? Bleibt nicht die Hälfte des Ractaccinos in der Tasse?), klingonische Stirnimitate, vulkanische Ohren, bajoranisch geriffelte Nasenaufsetzer, Poster, Puzzles, T-Shirts, einer hat Sitzkissen mit Buffy-Aufdruck, Buffy-Uhren, Schlüsselanhänger, Jedi-Lichtschwerter aus Leuchtplastik, Fotos, Autogramme, Hochzeitsbilder von Commander Riker und Deanna Troi, andere Hochzeitsbilder von Lieutenant Commander Worf, dem Klingonen und Jadzia Dax, sehr martialisch im roten Kleid mit Stahlbesatz, wieder Autogramme, diesmal unter Glas, Kartenspiele, Fotos zum Signieren und so viel anderer Kram, daß man völlig den Überblick verlieren könnte.
Ich bin froh, daß ich den Überblick über Annies Stand behalten kann und besorge den Kaffee, eins fünfzig pro Tasse. Nicht grade billig, aber naja.
Ich balanciere also den Kaffee in den Händlerraum zurück und stelle ihn Annie hin, die gerade mit dem Aufpasser an der Terrassentür schwatzt. Sie grinst mich an, schnappt sich ihre Zigaretten und drängelt sich an Markus vorbei nach draußen, der ihr bereitwillig die Tür offenhält.
Ich unterhalte mich kurz mit Markus und frage ihn ein bißchen aus. Macht das Spaß, zwei Stunden an einer Stelle zu hocken und Türen zu bewachen? Aber er ist stolz, daß er hier sitzen kann, an einem Band den magischen „Security Staff“-Ausweis und mit dem Con-Staff-T-Shirt. Immerhin muß er nichts für die Con zahlen, und er ist wichtiger als die anderen paar tausend Besucher dieser Con.
Lange kann ich leider nicht mit ihm reden. Eine etwas nervöse Frau, vielleicht Ende 20 und im wirklichen Leben sicher Sachbearbeiterin oder Kindergärtnerin – sie macht einen so freundlichen und netten Eindruck – spricht mich an. Zuerst kann ich mir keinen richtigen Reim darauf machen, daß sie so zappelig ist. Vielleicht ist es aber auch nur die Tatsache, daß eigentlich jeder dieser Fans, die an unserem Stand vorbeikommen, diese bestimmte Aufgeregtheit verströmt, hier sein zu können. Sie ist von den Sachen an Annies Stand ganz begeistert und kann sich nicht entscheiden: Lieber das beidseitige Puzzle mit dem Elb Legolas und dem Waldläufer Aragorn? Oder vielleicht doch lieber drei Magneten? Aber da ist ja noch das T-Shirt, das sie auch gern hätte... Sie verspricht, morgen wiederzukommen, für heute hat sie ihr Geld schon ausgegeben. Sie jammert, daß sie hier jährlich viel zu viel Geld läßt. Dabei möchte sie doch nächstes Jahr nach Neuseeland! Sie muß einfach an die Stellen, an denen der „Herr der Ringe“ gedreht wurde. Und sie wird nur mit der Maschine von NewZealand Airlines fliegen, die als Airline to Middle Earth mit Elijah Wood als Frodo auf dem Rumpf wirbt. Aber wie soll sie das bezahlen, wenn sie jetzt schon wieder so viel Geld auf dieser Con läßt in den ganzen drei Tagen? So spöttisch wie möglich und freundlich wie nötig antworte ich auf ihr Seufzen, daß es doch eine einfache Lösung gebe – einfach nur einen Tag auf diese Con? Das reiche doch auch. Sie starrt mich so entsetzt an, daß ich mich beunruhigt frage, ob ich vielleicht doch etwas zu ironisch war. Aber das war es gar nicht: Sie platzt schon mit der Antwort heraus. „Aber das hier sind doch die einzigen drei Tage im Jahr, an denen ich so sein kann, wie ich wirklich bin!“, sagt sie aus tiefstem Herzen.
Jetzt ist es an mir, sie anzustarren.
Fröhlich verabschiedet sich die Kindergärtnerin und verspricht, morgen komme sie mit ein bißchen Geld wieder und freut sich dann schon auf das Puzzle.
Schneller, als ich mir vorstellen kann, ist es sieben, Annie entläßt mich, was ich dankbar annehme. Gestern nacht habe ich die Bahn verpaßt und bin zu Fuß in die Stadt gelaufen. Jetzt bin ich fix und fertig und denke düster an den nächsten Tag, denn Sabine hat mich auf die übliche Mitarbeiter-Party Samstag abend eingeladen und der Tag dürfte lang werden.
Dritter Tag
Und wieder komme ich später, als ich eigentlich geplant habe. Blöde, aber irgendwie habe ich die Zeit falsch eingeschätzt, und außerdem will mich der Con-Staff-Mensch an der Terrassentür nicht hier hereinlassen. Meine Laune sinkt. Warum nicht? Gestern war es doch auch kein Problem? Ich reagiere verständnislos. Er hat doch das goldene Armband und meinen Ausweis gesehen? Erst als ich Annie winke und der Typ sieht, daß sie fröhlich zurückwinkt, werde ich eingelassen, nicht ohne die brummelnde Mitteilung, daß ich ja auch durch den Haupteingang hätte gehen können wie alle anderen auch.
Ich finde das etwas albern, versuche aber, es zu vergessen und wende mich Annie zu.
Als erstes entschuldige ich mich, daß ich schon wieder später bin als gedacht, aber Annie meint grinsend, solange ich ihr am Sonntag morgen den Stand aufmache, hat sie kein Problem. Peinlich, aber dafür habe ich ihr Frühstück mitgebracht – einen Amerikaner. Sie muß lachen, als ich ihr erkläre, was das ist. Antje steht auch am Stand, sie hat eine Tüte Schokoladeneier, noch von Ostern und hält sie mir unter die Nase. Willst du auch eins? White, milk or pure chocolate? Ich nehme pure, was Annie bösartig mit dem Kommentar versieht, of course pure, she’s German! Ich muß lachen und sehe mich gleich darauf in der Menge um, während Annie und Antje eifrig Umsatzzahlen austauschen. Mehr Besucher als gestern sind es eigentlich nicht. Die Stimmung scheint aufgeregter zu sein und nicht mehr so gelassen, aber nicht gereizt, eher fröhlich. Außerdem sehe ich eine Menge Verkleidungen, nicht mehr nur die üblichen StarTrek-Uniformen. Und heute sind sie wesentlich phantasievoller: Zwei Frauen haben sich als Guinan verkleidet, einschließlich der riesigen Tellermützen. Darth Vader wandert mit vier StormTroopers schwer atmend durch die Massen und lüftet an der Terrassentür stöhnend seinen Helm. Es ist doch etwas heiß darunter.
Eine Truppe hat sich in Armeeuniformen geworfen, mitsamt Ausrüstungsgürteln und Panzerwesten, auf den Taschenumschlägen Namen wie Professor Danny Jackson, Commander Carter, Lieutenant Jackie O’Neill und Teal’kala. Knarre am Gürtel eingeschlossen. Teal’kala trägt die Attrappe einer elektrischen Goa’uld-Panzerfaust, der Stab bestimmt 2 Meter lang, die Spitze liebevoll aus Goldpapier und Styropor geformt. Die ganze Zeit, in der ich noch diese Gruppe bewundere (erstaunlicherweise haben sie bei uns keinen von Annies Magneten mit der SG1-Truppe gekauft), heult es dumpf und leise im Hintergrund vor sich hin. Ich frage mich, was das ist, geht jetzt gleich die Sprinkleranlage los? Aber da sehe ich’s schon, es ist ein Zylon vom Kampfstern Galactica. Starbuck und ein anderer Pilot begleiten ihn, erstaunt sehe ich, daß Starbuck bestimmt über fünfzig ist. Naja, die Serie ist ja mittlerweile auch 30 Jahre alt. Wo haben die nur die Uniformen her? Wie selbstgenäht sehen die nicht aus.
Besonders beeindruckend ist ein Bodybuilder, der sich in Leder gegürtet hat, so, daß man mehr oder weniger freien Blick auf seine Muskelpracht hat. Damit gleicht er wohl seine eher spärliche Größe von etwa 1,75 aus, denke ich ironisch und frage mich, welchen Held er wohl darstellen will.
Ich beschließe, mir am Spätnachmittag den Kostümwettbewerb anzusehen.
Inzwischen ist es fast Mittag, Annie fragt, ob sie sich noch eben etwas zu essen holen kann, bevor ich zum Panel der Schauspielerin von Deanna Troi aus StarTrek – The Next Generation gehe. Klar, keine Sache. Sie stiefelt los, während ich mich auf das Panel freue. Marina Sirtis wollte ich schon immer mal auf der Bühne sehen, Sabine hat vor ein paar Jahren in einer Mail an mich als einzigen Kommentar über sie geschrieben, sie wolle nicht über Marina reden. Ich will mich selbst davon überzeugen und mich gerade auf den Weg machen, da kommt Isa vorbei, eine Freundin von mir und Sabine. Sie hat Sven mitgebracht, ihren Freund. Isa hat Sabine vor kurzem eine Gefallen getan und die hat sich damit bedankt, ihr Eintrittskarten gekauft zu haben. Beide freuen sich, mich zu sehen und kommen gleich mit.
Im Hauptsaal – der MainBridge, wie es im Katalog heißt – ist Miss Counselor schon mitten dabei, die Menge zu unterhalten. Zwischen den Stuhlreihen und auf dem Balkon über der Halle stehen vier oder fünf Standmikrofone, an denen die Fans ihre Fragen loswerden können. Und die Filmcounselor zieht wirklich eine gute Show ab. Auch das hatte Sabine mir schon gesagt, aber es ist wirklich lustig, es selbst mitzuerleben.
Man hört Marina gern zu, sie hat eine tiefe, samtige Stimme und einen wunderbaren Oxford-Akzent, der sich auch in den Jahren in Amerika, in denen die Serie produziert wurde, nicht abgeschliffen hat. Sie weiß sich auszudrücken und um ehrlich zu sein, es ist nicht wichtig, was sie erzählt, man hört ihr automatisch zu, so lebendig schwatzt sie drauf los. Charisma hat sie also. Sie erzählt, was die Fans hören wollen: Ob sie ein Problem damit hatte, daß die Enterprise zweimal von ihr zu Schrott gefahren wurde (ja, hatte sie, sie hat es nur auf Anweisung des Produzenten getan und aus keinem anderen Grund, jawohl! Im richtigen Leben, so sagt ihr das jedenfalls ihr Mann immer wieder, ist sie eine gute Autofahrerin!), warum sie in jeder Situation in der Serie hohe Absätze trägt (und wie oft sie das auch bereut hat), daß sie manche Stunts selber macht (und auch das regelmäßig bereut, aber sie muß ja ihr Image als Kamikazepilotin ausgleichen!) und daß sie nicht wie der fragende Fan glaubt, daß Worf ein Problem gehabt hat, daß Deanna Troi Commander Riker statt ihn geheiratet hat in StarTrek X.
Sie erzählt auch eine Geschichte, von der man nicht so recht glauben kann, ob sie ernstgemeint ist, nett ist sie jedenfalls und gehört vielleicht zu so einer Veranstaltung dazu: Sie erzählt, daß man sich am Set immer sehr locker benommen hätte, bis auf die Tage, an denen die Frau des StarTrek-Erfinders dabei gewesen wäre. Die spielte auch eine unregelmäßige Rolle und ihr Mann sah ihr bei den Aufnahmen immer zu. Nachdem man am Anfang noch eine Heidenangst gehabt hätte, ob man bei Falschbenehmen vielleicht gefeuert würde, hatte diese Angst irgendwann keiner mehr. Denn er hätte immer still an der Seite gesessen und nur Augen für seine Frau gehabt.
Rührend! Marina zerdrückt ein Tränchen und im Saal herrscht andächtige Stille. Ich möchte spontan applaudieren – das nenne ich geschickt eine Stimmung erzeugt, die alle Beteiligten haben wollen und wegen der sie hier sind.
Aber sie kommt schon bald wieder auf das zurück, weshalb sie hier ist: Den Fans Rede und Antwort stehen. Der Bodybuilder von vorhin ist jetzt dran, und bevor er fragen kann, fragt Marina irritiert, was er trägt – oder besser nicht trägt? Wer sei er – so einer hätte doch in StarTrek nicht mitgespielt? Er antwortet nicht ohne Stolz, daß er den Scorpion King darstellt. Deanna rutscht heraus, daß der Schauspieler really bad gewesen sei und bevor sich sein Imitat darüber ärgern kann, sagt sie schnell, sei ja auch egal, er solle doch einfach drauflos fragen.
Schließlich muß sie die Bühne räumen, der Veranstalter erinnert sie an die folgende Autogrammstunde. Ich mache mich ebenfalls fertig zum Gehen und lasse Isa und Sven erst noch sitzen. Ich will mir vielleicht noch ein gebrauchtes Buch kaufen, denn Annie hat sich den Nachmittag freigenommen. Sie will baden, Freitag haben sie schon wieder gefeiert (ich brauche nächstes Jahr wirklich ein Hotelzimmer im Maritim), und ein bißchen schlafen, denn Kate und die anderen sind den ganzen Nachmittag unterwegs und sie hat das Zimmer für sich. Ein Buch finde ich nicht (nur eins, das zwar interessant, aber entschieden zu teuer ist für seinen Zustand), also flitze ich schnell noch los, um mir in der Hotellobby einen Film für meine Kamera zu kaufen. Als ich wieder durch den Eingang in den FedCon-Bereich gehen will, werde ich aufgehalten. Mein Ausweis und das goldene Bändchen, das ich dem Mädchen mit dem ConStaff-T-Shirt unter die Nase halte, reichen offenbar nicht. Nach einer Weile Diskutieren finde ich sogar heraus, was sie stört – ich habe das Bändchen nicht um mein Handgelenk gebunden. Ich fasse es nicht. Aber als ich sie mit einem Kopfschütteln stehen lassen will (was soll das denn auch? Das ganze ist mir zu albern), stellt sich mir der ConStaff von der Terrassentür heute morgen in den Weg und besteht darauf, daß ich das Bändchen umbinde. Ich tippe mir an die Stirn, entscheide dann aber, daß es die Sache nicht wert ist. Ich denke an das Gespräch mit Türwächter Markus: wenn sie das für so wichtig halten, sollen sie das haben. Ich drücke ihm meinen Ausweis und den Film in die Hand und binde das Bändchen so locker ums Handgelenk, daß ich es jederzeit wieder herunternehmen kann.
Aber er ist zufrieden.
Ich bin ganz froh, daß ich dem Besucherchaos entkommen kann und verziehe mich genervt zu meiner Zeitschrift hinter den Stand. Meine zugegeben unvernünftige Wut beruhige ich mit dem Wissen, daß der ConStaff ja sicher auch nur das tut, was er gesagt bekommt – vielleicht gibt es bei Mißfallen nächstes Jahr keinen Job mehr. Sei es ihnen also gegönnt. Okay! Nach einer Weile habe ich alle Kokosnüsse von meiner Palme heruntergeworfen und komme, wieder halbwegs beruhigt, zu dem Schluß, daß ich diese Veranstaltung einfach nicht so ernst nehmen kann – und muß - wie die, die es von Rechts wegen tun müssen.
Der Nachmittag vergeht schnell, Isa und Sven lassen sich schon bald wieder sehen, Sven, der Computerfreak, hat sich ein StarWars-Skizzenbuch gekauft und Isa findet die ganze Veranstaltung „nur faszinierend“ – ihr Lieblingsausdruck. Beide deponieren unter meinem Tisch ihren Rucksack und packen fröhlich ihre mitgebrachten Butterbrote aus. Ich selbst begnüge mich mit einem Apfel, Hunger habe ich keinen.
Ich sitze noch nicht lange da, da löst die nette Kindergärtnerin von gestern ihr Versprechen ein und hüpft voller Vorfreude auf meinen Stand zu. Heute trägt sie eine TNG-Uniform. Blau natürlich. Ob ich das Puzzle noch habe? Aber ja. Und dann hätte sie gern noch einen Magneten vom Herrn der Ringe und zwei Lesezeichen mit Anhänger. Welcher Magnet könnte wohl einem Siebenjährigen gefallen? Ich habe keine Ahnung, insbesondere, weil sie mir sagt, daß ihr kleiner Neffe auf Orks steht. Komisches Kind. Orks hat Annie aber keine. Naja. Ich empfehle Baumbart, den Baumhirten, obwohl die Orks den ja eher plattgemacht hätten. Aber die Kindergärtnerin entscheidet sich für Gandalf den Zauberer. Okay, soll sie haben. 56 Euro beträgt schließlich die Summe, die sie heute bei mir läßt. Ich kann mir andere Verwendungsmöglichkeiten für eine solche Summe vorstellen, aber sie ist glücklich.
Annie ist schon wieder um halb sechs da. Was ist los, sie wollte doch bis halb sieben schlafen? Sie guckt mich genervt an. Dreimal dürfe ich raten, wer oder was gestört habe? Ich seufze mitleidig. Höchstwahrscheinlich Kate! Richtig. Nachdem sie gestern alle verrückt gemacht hat, indem sie die Hotelrezeption dazu bewegen wollte, 6 Schlüsselkarten statt dreien auszugeben, mit denen die 6 Bewohner bislang auskommen mußten, hat sie ihr Vorhaben mit vielem Getöse umgesetzt. Eigentlich eine sehr nette Idee, der bei dem Beschäftigungsgrad der Zimmerbewohner geradezu rührend gedacht ist. Aber gerade hat Kate Annie die ganze Geschichte so lange wieder und wieder erzählt, daß an Schlaf nicht mehr zu denken war. Aber immerhin hat Annie in Ruhe baden können und ist jetzt einigermaßen guter Dinge. Sie meint, vielleicht kann sie sich später noch eine Runde aufs Ohr hauen.
Okay, dann kann ich mir ja jetzt den Kostümwettbewerb ansehen. Isa und Sven haben mir netterweise einen Kaffee und Suppe vorbeigebracht, also habe ich auch etwas Warmes gegessen und es geht mir auch besser.
In der großen Halle stellen wir fest, daß wir Karten für die Empore haben. Schade, wir hätten gern unten gesessen. Na gut, wir suchen uns auf der Empore einen guten Platz, denn nach dem Kostümwettbewerb soll direkt der heimliche Stargast der Con auftreten: Anthony Stuart Head.
Es geht schon bald los, Marc B. Lee von vorgestern abend präsentiert gekonnt wie ein Boxring-Moderator die Moderatorin des Kostümwettbewerbs. Nach fünf Minuten frage ich mich, welchen Rang das Mädchen, das in einem T’Pol-Kostüm atemberaubend gut aussieht, in der heimlichen FedCon-Hierarchie einnimmt, um diesen Job zu bekommen, denn einfaches, monotones und gelangweiltes Vom-Blatt-Ablesen ist kein Grund, jemanden zum Moderator zu machen. Sie ist - zumindest für diesen speziellen Job - völlig ungeeignet. Aber ein paar der auftretenden Gäste sind das Zuschauen wert: die StarGate-Gruppe rund um Commander Jackie O-Neill, ein sehr guter Ferengi-Händler mit riesigen Ohren, der Scorpion King. Dann tritt die Gemeinschaft des Rings auf und singt schwungvoll Pretty Woman für eine Elbin, die kokett auf die Bühne tanzt. Das Publikum tobt. Lwaxana Troi (leider nicht überkandidelt genug und ohne rosa Perücke!) tritt auf und gibt Isa und mir den Einfall, daß ich nächstes Jahr meinerseits als Lwaxana Troi auftreten könnte – eine Paraderolle für mich, zumal ich so gefahrlos pausenlos von Patrick Stewart schwärmen könnte. Isa ist begeistert, meint allerdings, dann dürfe Mr Homn, Lwaxanas stummer und würdevoller Diener, nicht fehlen. Wir grübeln eine Weile herum und kommen dann auf eine wunderschöne Idee: Der große ruhige Michael, Sabines Freund, wäre ideal. Er interessiert sich zwar nicht die Bohne für die FedCon (wahrscheinlich ist das einzige auf der Welt, für das er sich interessiert, Sabine, das dafür glühend und rührend), aber egal. Er wäre ideal, seine autoritäre und souveräne Ausstrahlung wäre perfekt. Die Vorstellung, ich wirbele mit rosa Perücke über die Bühne und Michael steht mit meinem tonnenschweren Koffer würdevoll schweigend im Hintergrund, läßt Isa und mich wie Hyänen loslachen. Sven hält uns eindeutig für bekloppt.
Aber schon tritt die nächste Gruppe auf: Ein Trupp in Kostümen aus der deutschen Serie Raumschiff Orion aus den Sechzigern. Ich frage mich, ob die Jury, die größtenteils aus den amerikanischen Gaststars besteht, den Humor des Auftrittes gebührend zu würdigen weiß. Als nächstes (und letztes) tritt ein Taelon auf, und bewegt sich geziert. Ich denke mir, daß es für Leni Parker, die Darstellerin des obersten Taelons in der entsprechenden Serie, sicher ein merkwürdiges Gefühl ist, gerade dieser Performance zuzusehen.
Kurz vor acht mache ich mich kurz vom Acker, damit ich Annie noch beim Standaufräumen helfen kann, sie will um acht zumachen. Schließlich will ich noch meine Sachen holen, damit die nicht eingesperrt werden. Außerdem will ich mich noch mit Annie verabreden wegen der Party.
Zurück auf der MainBridge, wie die große Halle während der FedCon heißt, drücke ich Isa und Sven die Taschen in die Hand und flitze zum Rand der Bühne, wo ich Sabine entdeckt habe. Wir verabreden uns um neun in der Hotellobby. Aber jetzt hat sie keine Zeit, sie muß sich um Anthony Stuart Head, genannt Tony, kümmern. Sie himmelt ihn nämlich ein bißchen an, gerade soviel, daß Michael nicht allzu eifersüchtig werden muß.
Die Show, die Tony auf der Bühne präsentiert, ist in meinen Augen nicht ganz gelungen, was mit ihm selbst aber nur zweitrangig zu tun hat. Mir wird einfach nur schnell klar, daß eine solche Selbstdarstellung, wie sie Marina vorhin präsentierte, ganz und gar nicht sein Ding ist. Ist ja auch sympathisch. Der Saal ist nicht so voll wie während des Kostümwettbewerbs, der Applaus nicht ganz donnernd. Eröffnet wird die Veranstaltung mit einem etwas merkwürdigen Film, der Tony in allen möglichen wirklich verfänglichen und eindeutigen Situationen zeigt. Sabine wird mir später erzählen, daß sein einziger lakonischer Kommentar dazu „Steamy!“ lautete, „Heiß!“.
Ansonsten zeichnet sich Tonys Frage-und-Antwort-Spiel eher durch die abstrusen Fragen der meist weiblichen Fans aus. Was für Gedanken sich die Leute machen! Isa und ich sind platt. Die Frage, ob er schon einmal daran gedacht habe, wie es denn mit einem Verhältnis zwischen Rupert Giles und Spike dem Vampir wäre? Sind die beiden nicht sogar latent schwul? Und wenn man Xander gleich noch mit dazu nähme? Zu dritt ist es doch lustiger.
Tony ist offenbar ebenfalls platt. Er kichert verlegen nach jeder Frage dieser Art, bevor er sie beantwortet. Auf der einen Seite will er niemanden beleidigen, auf der anderen weiß er, daß er das alles nicht ernst genug nehmen kann. Ihm fehlt als Engländer vielleicht die pathetische Ader, die man als bedingungsloser StarTrek-Fan nun einmal braucht. Ich spüre ein eindeutiges Gefühl von Solidarität mit ihm. Bei der Frage, ob er auch gern einmal eine Rolle in einer ScienceFiction-Serie spielen wolle, muß er erst wieder eine halbe Minute kichern. Dann redet er sich ein bißchen heraus. Schließlich hat es ihm noch niemand angeboten. Kein Wunder, denke ich, dieser Mann paßt als wunderlicher Gelehrter viel besser. Warum soll er also eine solche Rolle annehmen, die ihm doch keiner abkaufen würde? Er stellt dieselbe Frage, aber mit einer anderen Antwort: Er trage eben nicht gerne „those funny uniforms“. Der Saal erstarrt, während Isa und ich losprusten. Das war gemein. Ich will begeistert applaudieren, aber keiner macht mit. Das nächste, was ich wieder höre, ist, daß Tony sich amüsiert beschwert, daß keiner über seine Witze lacht. Sind sie zu schwer? Das Publikum erstarrt erneut in profunder Verwirrung.
Ich fange an, zu verstehen, was Sabine an diesem Mann so mag.
Tony behilft sich über die letzten Minuten damit, daß er singt. Er hat eine CD mit Songs aufgenommen, die einfach sind, die er aber mit Hingabe interpretiert. Sympathisch, das. Ein Mann, mit dem man sicher Spaß bekommen kann.
Schließlich ist die Veranstaltung beendet, das nächste Panel beginnt, das Isa, Sven und mich aber nicht mehr interessiert. Wir verabschieden uns, nächste Woche werde ich Isa in München wiedersehen.
Ich hole mir an der Bar also ein Kölsch und warte auf Sabine. Die taucht schließlich auf, nachdem sie Stu, der sich wahrscheinlich nach seinem Auftritt erstmal einen Schnaps geben wollte, in sein Zimmer gebracht hat.
Als ich mit ihr an den Rand der Lobby gehe und dabei mein Kölsch trinke, tauchen auch Melanie, Geli und Marit auf. Melanie und Sabine sind froh, daß sie fürs erste Ruhe haben, freuen sich aber mit den anderen auf die Party. Beide beklagen sich beieinander über Kate, dabei erfahre ich mit Grausen, daß der anzügliche Film, der zu Beginn von Tony’s Panel gezeigt wurde, von ihr stammt. Ich verstehe langsam, warum sich alle über sie beschweren! Zwischendurch wird das Gespräch immer ein bißchen dadurch gehemmt, daß Melanie und Sabine den Funkverkehr über ihr Headset abhören. Sie müssen in ihrer Eigenschaft als VIP-Betreuerinnen eben immer erreichbar sein. Melanie vertraut mir an, daß dieser Job manchmal schon nervig ist. Und was macht sie im wirklichen Leben? Sieh einer an: PR-Beraterin und Kundenkontakterin bei einer großen deutschen Messe. Wow. Dieses Wochenende ist für sie also eine gediegene Mischung aus Alltagsflucht und positivem Streß. Sie meint, in ihrer PR-Agentur gilt sie selbst immer als ein bißchen außergewöhnlich, aber hier auf der Con als die Konservative. Ein krasser Gegensatz, der ihr aber zu gefallen scheint. Kann ich mir vorstellen, mich würde es süchtig machen, dieses unbedingte Gemeinschaftsgefühl, das diese Con auch bei so skeptischen Mitbürgern wie mir auslöst. Besonders, wenn man wie sie und Sabine weiß, daß man zur Spitze der Hierarchie gehört. Politisch ist es ja immer unkorrekt, etwas derartiges zu sagen – es impliziert eine Freude an der Macht, die fast überall sonst als widerwärtig gebrandmarkt wird, aber meineserachtens ein so selbstverständlich natürliches Gefühl ist wie das Bedürfnis nach Gemeinschaft. Bevor ich aber fragen kann, ob das bei Melanie genauso ist (wahrscheinlich hält sie mich dann für völlig arrogant, dabei bin ich nur neugierig), fragen Geli und Marit, ob ich Lust habe, bei ihnen eins der altbackenen Brötchen mitzuessen, die sie jetzt zum Abendessen haben werden. Das ist ja supernett! Ich freue mich, denn die beiden sind wirklich klasse. So haben wir also bis halb zwölf eine Menge Spaß, von Geli bekomme ich noch ein Rostocker Schwarzbier geschenkt, das sie im Hotelkühlschrank extra für heute abend aufgehoben hat.
Schließlich ruft Sabine uns an, wir treffen uns in der Lobby und marschieren los. Ihre Suite und die, in der gefeiert wird, liegen am äußersten Ende des Hotels und haben zwei große Dachterrassen.
Der ideale Platz zum Feiern.
Die Badewanne im geräumigen Bad ist mit Eis und den verschiedensten Flaschen gefüllt, Bier, Limo, Cola, Saft und auch ein paar hochprozentigeren Geschichten.
Alle freuen sich offenbar, sich zu sehen, und sind wild entschlossen, miteinander Spaß zu haben. Tony ist da, Leni Parker, die Schauspielerin der Taelon von der Nachmittagsjury des Kostümwettbewerbs, Cirroc Lofton schaut vorbei, Annie, Kate, Tobias, Melanie und eine Menge Leute, die ich nicht kenne. Das macht aber gar nichts, ich schnappe mir ein Bier und schaue mich noch ein bißchen um.
Ich amüsiere mich ein bißchen über Sabine, die sich hier und heute so wohl fühlt wie ein Fisch im Wasser und restlos glücklich wirkt. Sie ist einer der Mittelpunkte und genießt das auf eine gekonnte Art: Sie macht nicht im geringsten einen arroganten Eindruck, im Gegenteil, sie ist voller positiver Gefühle, die sie auch ausstrahlt. Wahrscheinlich ist das das Geheimnis, warum sie eigentlich jeder mag, mit dem sie jemals mehr als 3 Worte gewechselt hat. Ganz klar – sie hat mit dieser Art eine Gabe.
Etwa um halb eins zieht es einen großen Teil der Leute in die Hotellobby zur Besucherparty. Ein Fahrer der Con tritt jedes Jahr als Elvis auf – der Höhepunkt jedes FedCon-Samstags. Unten in der Lobby wird fieberhaft gefeiert und während Sabine und die anderen Leni und Tony zur Bühne schieben, damit sie Elvis richtig bewundern können, taucht Marc auf. Pech für Tony und Leni, denn er kündigt beide mit großem Getöse an, nachdem er mit Elvis zusammen „Heartbreak Hotel“ gesungen hat. Jetzt müssen die beiden singen, aber während Leni das klasse findet (sie ist mindestens ein so großer Anthony Stuart Head-Fan wie Sabine), ist Tony die Situation unbehaglich. Aber es nutzt ihm nichts, und die Fans um mich herum sind begeistert.
So können sie nach dieser Con wirklich sagen, sie haben mit ihren Stars auf Du und Du gefeiert.
Letzter Tag
Ich habe mit Annie ausgemacht, daß ich den Stand um halb zehn aufmache, aber als ich um kurz vor halb zehn auftauche, ist im Händlersaal schon die Hölle los. Ach du liebe Zeit. Aber siehe da, mein Stand ist schon geöffnet, ein Freund von Antje und Enie hat sich meiner erbarmt und die Laken vom Tisch gezogen. Und prompt schon hundert Euro eingenommen. Mir ist das furchtbar peinlich, aber Martin meint, ihm mache das nichts aus. Wir quatschen ein bißchen und schließlich meint er schüchtern, ob ich vielleicht Lust auf die Autogrammstunde habe? Ich sage, daß mich das wirklich nicht interessiere und daß das einzige Autogramm, das ich vielleicht gerne hätte, eines von Ray Park sei, denn dessen Performance als Darth Maul in StarWars I ist mir noch in sehr angenehmer Erinnerung. Er erwies sich als ebenbürtiger Schüler eines Jackie Chan und spielte seine illustren Schauspielergegner in dieser Szene so locker an die Wand, daß sein tragisches Ende einen billigen Schachzug der Regie erforderte.
Davon abgesehen waren seine Bewegungen so ziemlich das tollste, was ich je an einem Mann gesehen habe. Aber das sage ich dem schüchternen Martin natürlich nicht.
Dennoch leuchtet sein Gesicht auf. Dann könne er doch vielleicht meinen Ausweis haben? Denn mit seinem Presseausweis käme er gar nicht erst in den Autogrammraum. Klar, von mir aus. Ich hätte den Ausweis dann nur gern in absehbarer Zeit wieder, man weiß ja nie, wie das mit dem Eintritt ist.
Martin ist völlig glücklich – er macht den Eindruck, er würde mir jetzt alles versprechen. Also gut, viel Spaß! Ich mache es mir also hinter der Auslage bequem, sortiere noch ein bißchen herum, als gehöre der Stand mir und verkaufe so vor mich hin, doch da taucht Antje auf und will neugierig wissen, warum weder Annie noch ich da waren, um den Stand aufzumachen.
Ich erkläre ihr, daß Annie mir gesagt hat, daß alles zwischen neun und zehn okay sei, und sie zuckt mit den Achseln. Egal, Martin hat’s gern getan, und daß ich ihm jetzt die Karte für die Autogramme gegeben habe, macht ihn wohl vollends glücklich. Denn, so verrät mir Antje, Martin ist einer der Organisierer der Utopia, der holländischen Variante der FedCon. Und da er selbst ein so großer StarTrekFan ist, kann er so noch ein paar Autogramme zum Versteigern abstauben und wird bei der nächsten Utopia der King sein. Er ist also wirklich glücklich.
Ich bin erleichtert, denn ich hatte schon ein schlechtes Gewissen, jemanden Wildfremdes an Annies Stand zu lassen. Aber das scheint jetzt Gottseidank gegessen. Antje meint auch, daß Annie wahrscheinlich dasselbe passiert wäre, grinst mir noch einmal zu und verschwindet an ihren Stand zu ihrer Schwester Enie.
Ich mache also das übliche – es mir bequem machen, es bereuen, daß ich kein Hotelzimmer im Maritim gebucht habe (muß ich nächstes Jahr unbedingt tun), lesen und Kunden beobachten.
Die Kostüme sind heute wieder einfacher geworden. Auch das kunstvollste Kostüm, das seltsamerweise gestern nicht am Kostümwettbewerb teilgenommen hatte, taucht leider nicht mehr auf. Ich hätte es wirklich gern fotografiert: Eine aus glänzendem Kupferblech selbst geschnittene und gelötete Goa’uld-Kappe. Meine Bewunderung gestern war grenzenlos: Wieviel Enthusiasmus gehört zu so einem Werk? Eine mindestens 20teilige Kappe in Form eines altägyptischen Horuskopfes zu werkeln? Daß sie paßt und nicht wackelt? Und auch nicht so schwer ist, daß sie alle 3 Sekunden vom Kopf fällt?
Sagenhaft. Dieses Kostüm hätte eindeutig den allerersten Preis in jedem wie auch immer gearteten Wettbewerb verdient.
Schließlich taucht Annie auf. Müde, aber zufrieden und bedankt sich dafür, daß ich den Stand aufgemacht habe. Mir ist so peinlich, daß ich unpünktlich kam, daß ich ihr nicht verrate, daß ich es gar nicht war. Zum ungefähr hundertsten Mal wünsche ich, ich hätte ein Hotelzimmer (oder wenigstens einen Schlafplatz in einer der Mitarbeitersuiten wie Kate – mir gefällt der Gedanke, daß sich die anderen sich über mich vielleicht nicht so aufgeregt hätten. Naja. Einbildung ist auch eine Bildung, schimpfe ich mit mir.).
Aber gut. Während wir noch da sitzen und über die Party in der vergangenen Nacht schwatzen, kommt ein amerikanischer Redakteur auf uns zu, Todd. Er macht einen Film über das Phänomen StarTrek, mit Interviews, Fan-Meinungen und Hintergründen. Sein Zugpferd und Talkmasterin: Denise Crosby, die Enkelin eines berühmten US-Sängers der Fünfziger. Seinerzeit hatte auch sie eine Rolle in StarTrek TNG und hat ihren frühen Ausstieg nach der ersten Season offenbar bitter bereut – sie ist öfter Stargast auf FanConventions und gibt dann auch gern und viel Autogramme. Jetzt dreht sie mit Todds EB-Team in den Händlerräumen und sieht in T-Shirts und Jeans völlig normal aus, so ohne den verbissenen Tasha-Yar-Gesichtsausdruck und die Uniform.
Todd würde gern von Annie wissen, wie sich die deutschen von den amerikanischen Fans unterscheiden. Annie stöhnt, aber sie hat eine knappe Viertelstunde, um sich das zu überlegen. Auch ein Fan, der von Annie ein paar Lord Of The Rings-Kleinigkeiten gekauft hat, soll befragt werden. Das Mädchen trägt ein Kostüm (TNG, kommandorot) und wird gefragt, warum sie den Kram gekauft hat und vor allem, warum sie es hier auf der FedCon tut.
Als Todd und sein Kameramann auftauchen, hat Annie sich ihre Antwort zurechtgerückt: Auf den Cons, besonders der FedCon, gibt es eine Menge Sachen, die Fans in Deutschland sonst nicht bekommen können. Gut, diese Antwort ist für Denise und Todd ausreichend. Das Mädchen antwortet in etwa dasselbe. Annie freut sich, denn sie hat Denise im Gegenzug zu ihrer Antwort Autogramme abschwatzen können, die sie verkaufen kann.
Ich amüsiere mich noch darüber, wie aufgeregt Annie ist, denn so hätte ich sie nicht eingeschätzt, da kommt Sabine kurz vorbei. Tony muß bald zum Flughafen und vorher will sie noch einmal sehen, wie es uns so hinter unserem Stand geht und ob sie recht daran getan hat, uns zueinander zu vermitteln. Die Sache mit Kate setzt ihr zu. Annie und ich versichern ihr, daß es großartig läuft und Sabine ist sichtlich erleichtert. Sie erzählt uns eine witzige Anekdote am Rand: Sie sollte noch grade für einen ihrer VIPs in die Apotheke gehen, Ohrstöpsel besorgen, und als sie das ihren Kollegen erzählte, standen auf einmal noch ein paar andere Sachen auf ihrer Liste: Neben den Ohrstöpseln noch Paracetamol, Kondome und Pfefferminzbonbons. Sie dachte sich nichts dabei, aber als sie diese Einkaufsliste dem Maritim-Apotheker vorlas, war seiner Miene eindeutig zu entnehmen, daß er wüste Orgien nicht billigte. (Und ich nehme mir nächstes Jahr bestimmt ein Zimmer im Maritim.)
Annie und ich lachen uns halbtot, weniger, weil wir den armen Apotheker auslachen, sondern weil diese Geschichte so Sabine-typisch ist: sie hat die Verfänglichkeit der Liste - wie so oft zu spät - erst an der Miene des Apothekers abgelesen, um sich dann über die Situation kaputtzulachen.
Sabine verabschiedet sich dann wieder, Tony muß zum Flughafen und ich möchte gern noch einmal kurz durch die „Kunstgalerie“ streifen – FanArt ist in den Salons Mann, Lenné und Haber zu besichtigen. Als ich in den Salon Lenné komme, haben sich dort Todd und Denise eingefunden und versuchen einer der Künstlerinnen eine Art Interview zu entlocken. Das gestaltet sich offenbar schwierig, denn sie spricht englisch nicht fließend, und schließlich bittet Todd sie, einfach deutsch zu sprechen, da sie zu lange nach den Worten suchen muß. Man kann sie ja später nachsynchronisieren. Aber sie ist so aufgeregt, daß sie weiter auf Englisch radebrecht. Dabei wäre es so einfach: Sie soll nur kurz erklären, warum sie lieber den Androiden Data und General Chang, den Klingonen porträtiert statt ihre Familienmitglieder. Eigentlich will man nur von ihr hören, daß sie StarTrek einfach super findet.
Aber sie bringt vor Aufregung keinen Satz gerade heraus. Da sie aber offenbar die einzige Künstlerin ist, die heute anwesend ist, läßt man sie nicht einfach so gehen. Ich kenne das von meinen Kunden in meinem eigenen Arbeitsalltag und möchte Todd und Denise am liebsten von der Armen wegziehen. Nach 10 Minuten heftigen Bedauerns schlüpfe ich schließlich aus dem Raum, um mir die Kostümausstellung und die selbstgebauten Modelle anzusehen.
Dann schaue ich noch einmal kurz am StarCasino vorbei, wo immer ein paar der Stars sitzen und Autogramme geben und verkaufen. Der Run ist seit gestern etwas abgeflaut, aber Ray Park ist da und läßt sich leutselig mit Fans fotografieren, genauso wie die Darsteller von Buck Rogers und ein Nebendarsteller von StarTrek.
Alles nicht so besonders interessant, außerdem ist meine Autogramm-Ausweis-Ecke ja schon für Martin draufgegangen. Aber das tut mir nicht leid. Zurück im Händlerraum ist Martin selig: auch Annie hat ihm ihren Ausweis gegeben und jetzt hat er alle Autogramme auch für sich selbst.
Annie denkt jetzt langsam ans Abbauen und erklärt mir, was sie vorhat: Sie muß die Ware in drei sorgsam durchdachte Teile teilen: Ein Teil kommt an einen Kollegen, Peter, nach England, einen Teil nimmt sie mit auf eine Buffy-Con in den USA und der letzte Teil geht mit Antje und Enie nach Holland, um von dort verschickt zu werden. Okay, es kann von mir aus losgehen. Fünf T-Shirts mit Saurons, äh, Auge in XL, sieben mit Aragorn in L und so weiter. Beim Zusammenräumen der Sachen schenkt sie mir einen Magneten und ein paar Lesezeichen und ich freue mich - das waren die nettesten Sachen an ihrem Stand.
Zwei Stunden später sind wir soweit: Die letzte Kiste wird zugeklebt. Der Händlerraum ist fast leer, keiner hat so lange gebraucht wie Annie, aber das dicke Ende kommt noch: eine Kiste mit Buffy-Uhren, die sie dem Händler drei Tische weiter zu einem Freundschaftspreis abgekauft hat, ist weg und sie kann sie nicht wiederfinden. Wahrscheinlich hat sie der Händler neben uns aus Versehen eingepackt. Sie ist sauer und erschöpft, was ich gut verstehen kann (und das, obwohl ich kein Zimmer im Maritim hatte, aber dafür nächstes Jahr.). Als ich ihr sage, daß ich mich dann gleich vom Acker machen will, sagt sie, ich solle doch bleiben, sie lädt mich auf die Suite ein und bestellt chinesisches Essen. Gute Idee, diese Zaubersuite will ich doch auch mal von innen sehen. Melanie kommt auch mit, sie kam, bequem im Jogginganzug, schon vor einer ganzen Weile an unseren Tisch und hat beim Packen zugesehen, sich aber wohlweislich nicht eingemischt. Ich gönne es ihr – Chaos hatte sie schließlich schon das ganze Wochenende.
Sie kommt und ißt mit.
Nach der Plackerei der letzten 2 Stunden ist es ein Fest, es sich auf der Couch der Suite bequem zu machen und zu tratschen. Ich höre Melanie und Annie, die sich schon seit fünf Jahren kennen, beim Erzählen zu. Natürlich kommt die Sprache der Reihe nach auf die Suite-Bewohner. Nur bei zweien sind sich Melanie und Annie einig: Sabine und Tobias sind richtige Schätzchen, auch wenn Sabines Bitte, Kate mit hier schlafen zu lassen, ihr einen leichten Punktabzug eingetragen hat. Aber – Annie versucht, es wieder herauszureißen – immerhin hat sie ja mit einer ihrer Empfehlungen ins Schwarze getroffen, insofern: forget the shit. Mit dem Volltreffer meint sie mich und ich freue mich im Stillen halbtot.
Nach dem Essen entspannen wir noch ein bißchen, lassen Melanie noch ein paar pikante Stardetails der letzten Tage erzählen, machen ein paar schmutzige Witze und lachen uns wie die Hyänen die aufgekratzte Anspannung der letzten Tage vom Herzen. Schließlich gehen wir noch auf einen Drink in die Bar, wo ein paar Freunde von Melanie auf sie warten. Wir gönnen uns ein paar bunte Drinks wie einen Peach Daiquiri für Melanie, einen Mango Sling für mich und einen Sex on the Beach für Annie und betrachten die hervorragende Stimmung in der Bar, die aber auch etwas heimeliges und vertrautes hat. Ich sehe über die gutgelaunten Tänzer und Barbesucher und erkenne Freude über gelungene drei Tage, die hier jeder ausstrahlt.
Ich denke nach. Was hat die Leute hierher getrieben, um an so einer Veranstaltung teilzunehmen? Ich sage Caro, Melanies Freundin, daß mir ein solcher Fanatismus, wie ihn hier viele Leute an den Tag gelegt haben, eigentlich unheimlich ist. Sie meint, verständlich, sie sei deshalb auch kein Hardcore-StarTrek-Fan mehr. Am Anfang der Cons, vor ein paar Jahren vielleicht. Ups, denke ich, bin ich wohl mal wieder im Fettnapf gelandet. Selber schuld! Doch Caro scheint es sympathischerweise nicht übel zu nehmen. Sie erzählt, als Gegenstimme gewissermaßen, daß sie schon vor Jahren das erste Mal teilnahm und Melanie erst hier kennengelernt hat. Sie kam aber immer wieder, denn was ihr hier gefiele, ist die gute Stimmung, die für satte dreieinhalb Tage herrscht. Und was noch schön sei – auch die meisten Stars machen mit. Darin muß ich ihr unbedingt recht geben, das eint alle in der Tat, ob sie nun einen VIP-Badge tragen oder nicht. Sie erzählt von einem der Stars, der vor drei Jahren hier in der Bar mit allen saß, auch am Abschlußtag und mit seinen Fans getanzt und getrunken hat. Sympathisch, das muß man ja sagen. Aber eben auch unter den Stars gibt es Menschen, auch und besonders auf der FedCon.
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