FanFazit 30th Anniversary
von Harald Kirchner
Was war geschehen? Meine Freunde schwirrten durchs Hotel Estrel wie ein Teilchenmodell für gasförmige Körper, jeder mit einem Handy oder Walkie-Talkie bewaffnet, die sie entgegen aller Klischees auch anscheinend dringend benötigten.
Für die 30th Anniversary Con hatte ich mich im Gegensatz zu Ihnen als zahlender Gast angemeldet und nicht als Helfer, konnte das Ereignis also vor den Kulissen beobachten und um das Ergebnis vorwegzunehmen, genießen. Über achthundert Menschen hatten sich im modernen und geschmackvollen Hotel in Berlin-Neukölln zusammengefunden, die meisten wahrscheinlich, um Marina Sirtis live zu erleben. Es war eine Con der Premieren: Frank Völzer und Henry Koebsch, die Organisatoren, hatten auf ihrer ersten Con, der ersten in Berlin überhaupt, die Darstellerin der Deanna Troi zu ihrem ersten Berlinbesuch eingeladen. Eine große Erleichterung stand Frank und Henry ins Gesicht geschrieben, als sie uns am Freitag abend die frohe Botschaft Ihrer Ankunft verkünden konnten.
Ihre Panels am Sonnabend und Sonntag wurden mit donnerndem Applaus eröffnet, sie wurde auf Anhieb noch sympathischer, als sie sofort darum bat, den Saal hell zu erleuchten, weil sie ihre Fans sehen wollte. Die bei Next Generation- und Classic-fans gleichermaßen beliebte Schauspielerin (das behaupte ich aus eigener Erfahrung) wurde mit Geschenken überschüttet und beantwortete alle Fragen, ob sie nun Counselor Troi oder Mrs Sirtis betrafen, in erfrischend unpathetischer Offenheit, mit Humor und Charme, falls nötig, mit spitzer Ironie und immer mit einer spürbaren Freude am Erzählen, was sich auf die Fans sofort übertrug. Besonders dankbar reagierte sie auf die Frage nach ihrem Hund (nicht alle ihrer Kollegen teilen ihre Zuneigung zu diesem kleinen Tierchen). Vielleicht hatte die Veranstaltung am Ende auch einen praktische Nutzen für sie, falls sich durch die Con eine Ehefrau für ihren zweitbesten Freund Michael Dorn (nach Terry Farrell) finden läßt, damit sie nicht mehr für ihn kochen muß... Deutlich Iobte sie auf der Closing Ceremony die intelligenten Fragen der Fans und versicherte glaubhaft, gerne wiederzukommen.
Das bestätigten auch William Campbell und Michael Ansara, die beiden altgedienten Klingonen, auch im Privatleben gute Freunde, erwiesen sich quasi als Stars zum Anfassen und packende Erzähler, da sie auf eine Vielzahl von Bühnen-, Film- und Fernsehrollen zurückblicken können. Ansara (alias Kang) ist ein Vollblutschauspieler, seine unvergesslichen Shakespeare-Rezitationen ließen den Saal erbeben; Campbell, der sich in Star Trek als Klingone Koloth und als Trelane einen Namen gemacht hat, wirkt eigentlich wie der nette ältere Herr von nebenan (bloß daß der nicht mit Elvis Presley gesungen hat).
Kein Weltstar, aber für die Ausstrahlung von Star Trek in Deutschland wichtig wie kein anderer ist Martin Hensel. Beim ZDF war er der verantwortliche Redakteur für die Next Generation-Folgen und wirkte seinerzeit auch bei der Erstausstrahlung der Originalserie entscheidend mit. Geduldig, gewissenhaft und ehrlich beantwortete er alle kritischen Fragen nach Schnitten, Sendeplätzen und Synchronisation. Mir wurde das große Vergnügen zuteil, Herrn Hensel vom Flughafen abzuholen, ich könnte ihm stundenlang zuhören. (Falls er meine ungeschickten Schreibversuche lesen so1lte, möchte ich ihn hiermit herzlich grüßen).
Zusammen mit ihm, den Schauspielern, Medienwissenschaftlern und der zuständigen Redakteurin von SATl wurde erstmalig bei einer deutschen Con eine öffentliche Pressekonferenz veranstaltet. Vielleicht lief sie nicht für alle Beteiligten wunschgemäß ab: Die Sat 1 Mitarbeiterin mußte sich von den Fans schwierige Fragen gefallen lassen, mit den Pressekollegen ging man noch härter ins Gericht, wenn man die Berichterstattung über unsere Lieblingsserien verfolgt, erscheint mir das verständlich. Das Verhältnis zwischen Medien und dem Star Trek-Fandom bleibt nach wie vor problematisch, aber vielleicht war dieses Presseevent ja der Anfang eines Dialogs.
Was den Reiz dieser Con ausmachte, waren aber bestimmt nicht nur die großen Stars: René von Bodisco, der kultverdächtige "Captain Norad" Robert Amper und nicht zuletzt die Lost Generation-Crew zeigten in ihren Filmpremieren, daß auch ohne Millionenbudget professionelle und unterhaltsame Star Trek-Filme entstehen können. Die Fans, egal ob mit oder ohne Uniform und Maske, als Videofilmer, Modellbauer oder "Couch Potatoes" sorgten von Anfang an für die richtige Mischung. Frank und Henrys zwanglose Moderation (ohne Teleprompter!), die gute Betreuung und viele kleine Dinge sorgten für eine familiäre Atmosphäre, die kleinere Pannen vergessen machten. Der Zeitplan kam lediglich am Sonnabend ins Schwimmen, weil die Autogrammstunde länger dauerte als erwartet. Vielleicht hätte man sich mehr Pausen gewünscht. Ehrlich gesagt, erscheint es mir fast wie ein Wunder, daß alles derart reibungslos verlief bei dieser Premierencon.
Mir wird sie als Knuddel-Con in Erinnerung bleiben, alle fünf Meter traf man alte oder neue Bekannte wieder, denen es allen gefallen hat. Es mußte ja so kommen: 1998 folgt die Fortsetzung und dann werde ich mich nicht nochmal um die Helfertätigkeit drücken. Ob ich dann auch mit dem Funkgerät in der Hand nervös durch die Gegend hetze?
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