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Zeitschriften / Magazine



Gordon van Gelder (Hrsg.)

The Magazine of Fantasy & Science Fiction 703

rezensiert von Thomas Harbach

Die “September/ October” Ausgabe des “The Magazine of Fantasy & Science Fiction” könnte auch unter dem Aspekt eines Generationentreffens stehen. Viele junge aufstrebende Autoren treffen auf eine Anzahl von Senioren, die teilweise vor mehr als fünfzig Jahren – Richard A. Lupoff – ihre ersten Ablehnungsschreiben vom ersten Herausgeber Boucher erhalten haben. Thematisch handelt es sich in der ersten Hälfte um reine Science Fiction Ausgabe mit einem sehr breiten Spektrum von Themen. Die zweite Hälfte wird von Fantasyideen dominiert, die aber in erster Linie in erzähltechnischer Hinsicht überzeugen können.

Andy Duncan eröffnet die aktuelle Ausgabe mit einer UFO Geschichte. Aber „Close Encounters“ ist viel mehr als eine klassische UFO Geschichte. Eine Reporterin besucht einen alten Mann, der in den fünfziger Jahren jedermann von seiner Entführung durch ein UFO und die Besuche auf der Venus und dem Mars berichtet hat. Jetzt will er von seiner Vergangenheit nichts mehr wissen, auch wenn sie ihn auf ungewöhnliche Art und Weise einzuholen droht. Andy Duncan trifft mit seinem melancholischen Erzählstil und einem sehr starken, persönlichen Ich- Erzähler genau den richtigen Tonfall. Der Autor fordert den Leser förmlich heraus, skeptisch zu bleiben und die Berichte als Phantastereien vor allem angesichts der neueren Erkenntnisse über Venus und Mars anzusehen. Eine starke, sehr gute Schlusspointe rundet eine lesenswerte, emotional überzeugende Geschichte über ein altbekanntes Thema sehr zufrieden stellend ab.

Grania Davids hat ihre schriftstellerische Karriere in den frühen sechziger Jahren an der Seite ihres Mannes Avram Davidson begonnnen. Nach dessen Tod hat sie sich fast zwei Jahrzehnte um dessen literarische Hinterlassenschaft gekümmert, bevor sie mit der zynischen Geschichte „Father Juniper´s Journey to the North“ wieder auf die Seiten dieses Magazins zurückgekehrt ist. Die Christianisierung der Ureinwohner Amerikas steht im Mittelpunkt dieser überwiegend historisch angelegten Geschichte. Erst im letzten Abschnitt zieht die Autorin geschickt den Vorhang vor dem Geschehen zurück und präsentiert ein einziges möglicherweise phantastisches Element, dass die Pater der Kirche in ihrem Weltbild schwer erschüttert. Stilistisch überzeugend und vielschichtig geschrieben ist der ruhige Plotaufbau nicht jedermanns Sache. Es lohnt sich aber bis zum Ende weiter zu lesen. Albert E. Cowdreys „The Goddess“ ist eine zweite eher historische Geschichte, in welcher Glauben und Vorbestimmung eine elementare Rolle spielen, während die phantastischen Elemente eher impliziert und durchaus eingebildet sein können. Zwei junge Männer mit hellfarbiger Haut aufgrund ihrer Mischlingsherkunft treffen sich auf der Überfahrt in den Staaten. Der eine leidet schwer unter der Seekrankheit. Anscheinend hilft nur ein Gebet an die Göttin Kalli, die zukünftig das weitere sehr gut verlaufende Schicksal der beiden Männer beeinflusst, bis eine echte wie herrische Frau in ihr Leben tritt. Cowdrey erzählt diese inhaltlich fast ein Jahrzehnt umfassende Geschichte in ruhigen, fast getragenen Sätzen. Er versucht Stimmung aufzubauen und eine Art göttlichen, allerdings von Menschen umzusetzenden Plan in der Zeit vor dem amerikanischen Bürgerkrieg zu implizieren. Nicht alle Plotelemente harmonieren miteinander und stellenweise wirken wichtige Szenen zu stark konstruiert. Zusammengefasst aber eine solide und lesenswerte, wenn auch nicht gänzlich überzeugende Geschichte.

Chet Arthur ist der zweite Autor, der vor vierzig Jahren seine kurzlebige Karriere im „Magazine of Fantasy & Science Fiction“ begonnen hat. Er verbindet das Westernambiente mit der Geschichte eines Wahrsagers, der prophezeit, dass der aktuelle Sheriff von einem aus dem Himmel kommenden Blitz getötet wird. Der neue Sheriff möchte die Fähigkeiten des interessanten Mannes nutzen, um eine Antwort auf zahlreiche offene Fragen zu erhalten. Die pointierten Dialoge ragen aus dieser lesenswerten, aber etwas phlegmatisch in die Gänge kommenden Geschichte heraus. Chet Arthur verzichtet zu Beginn gänzlich auf übernatürliche Elemente. Der Westernhintergrund ist mit seiner Mischung aus Gewalt, Schmutz und Dreck sehr gut gezeichnet und bildet einen soliden Kontrast zum zufrieden stellenden und jetzt latent phantastischen Showdown.

Ebenfalls zu den Veteranen gehört Richard A. Lupoff mit der dritten Variation seiner „Und täglich grüßt das Murmeltier“ Geschichten: „12:03“. Myron Castleman hat immer noch Probleme mit der Zeit an sich. Er versucht seine Psychiaterin davon zu überzeugen, dass er bestimmte Zeitabläufe immer wieder durchlaufen muss. Vielleicht wirkt die clevere Antwort ein wenig zu sehr konstruiert, aber die von Lupoff benutzten sprachlich symbolischen Bilder sind eindrucksvoll und visualisieren die schwierige Thematik sehr überzeugend. Ken Liu hat spätestens mit dem Gewinn des diesjährigen Nebula Award für die beste Kurzgeschichte bewiesen, dass er einer der talentiertesten Erzähler des Genres ist. Mit „Arc“ greift er das Thema Langlebigkeit/ Unsterblichkeit auf. Wie Lupoff in seiner Zeitschleifengeschichte gelingt Ken Liu ein auf der emotionalen Ebene überzeugendes Bild. Die älteste, dann Lebensverlängender Maßnahmen relativ unsterbliche Frau der Welt blickt auf ihr Leben zurück. Bezeichnenderweise beginnt ihr „Leben“ mit einer sehr frühen Schwangerschaft und sie beendet den unnatürlichen Zustand der relativen Unsterblichkeit mit der Geburt ihres dritten Kindes genau einhundert Jahre nach der Geburt des ersten Kindes. Ken Liu gelingt eine interessante Charakterzeichnung einer nicht unsympathischen Frauenfigur, die von dem von ihr naiv gezeichneten Leben enttäuscht ist und sich in die Droge Langlebigkeit zu stürzen beginnt. Eine der eindrucksvollsten Geschichten einer insgesamt überzeugenden Ausgabe.
Michael Alexander versucht in „Diary from Deimos“ eine bemüht kraftvoll erscheinende in Tagebuchform geschriebene Aufzeichnung eines fiktiven Unabhängigkeitskrieges, der sich an entsprechende historische Vorlagen aus dem Unabhängigkeitskrieg anlehnt. Stilistisch manchmal zu überambitioniert fehlt der Geschichte bis auf die Pointe ein Charakter, der die Aufmerksamkeit des Lesers fesselt. Die wenigen satirischen Elemente wirken nicht gut genug platziert, um den trockenen Inhalt der Geschichte zu beleben. „Theobroma Valentine” aus der Feder Rand B. Lees ist Teil einer aufeinander aufbauenden Serie. Die Patienten einer Psychiaterin jenseits der Erde sind Kakaosüchtig. Die exzentrischen Aliens sind sehr gut gezeichnet, aber plottechnisch kommt die Geschichte über die früh aufgedeckte Pointe zu wenig hinaus, als dass sie überzeugen kann. Vor allem stimmt die Balance zwischen Hintergrundbeschreibungen und Handlungen nicht. Die eigentliche Protagonistin hat mit der Aufdeckung des „Geheimnisses“ wenig zu tun und sie könnte auch ohne Probleme ganz aus der Geschichte gestrichen werden. Der schwächste Beitrag dieser Ausgabe.

Richard Butners „Give Up“ eine der wenigen Science Fiction Geschichten, in denen der futuristisch technische Hintergrund im wahrsten Sinne des Wortes ein MacGuffin für Obsessionen ist. Zu seinem 43. Geburtstag schenkt sich der absolute Durchschnittsprotagonist eine virtuelle Mount Everest Bergbesteigung. Butner lässt offen, ob sich die Technik entsprechend weiterentwickelt hat oder ob es sich vielleicht doch nur um eine selbstzerstörerische Illusion handelt. Dieser Aspekt spielt angesichts der überdurchschnittlichen Charakterisierung des Protagonisten und seiner so langweiligen Umwelt auch keine Rolle mehr. Intensiv und kompakt geschrieben beeindruckt „Give Up“ in erster Linie durch die implizierten Stimmungen.

Eine der stimmungsvollsten Texte dieser Ausgabe ist „Where the summer dwells“ aus der Feder Lynda E. Ruckers. Charlotte fährt mit ihrer Freundin in einem alten Auto ohne Klimaanlage – warum dieser Aspekt so herausgearbeitet wird, ist das Geheimnis der Autorin – in Richtung Süden. Die Freunde, die sie jetzt umgeben, sind nicht die Freunde, die sie in ihrer High School sucht. Die überzeugend charakterisierte weibliche Figur verharrt gedanklich in einer wahrscheinlich eher glorifizierten Vergangenheit, während sich die dunklen Schatten eines nicht erfüllten Lebens um sie zusammenziehen. Stilistisch verführerisch gut geschrieben dringt die Autorin zu selten und dann zu klischeehaft und zu wenig überraschend in das nicht unbedingt interessante Seelenleben ihrer Protagonistin ein.
Der letzte Veteran ist Peter Dickinson mit „Troll Blood“. Maris norwegische Familie erzählt seine Generationen eine Legende, dass Trollblut durch ihre Adern fließt. Nach einer unbestimmbaren Zeit bricht aus einem der Nachkommen das Wesen der Trolle an die Oberfläche. Natürlich handelt es sich dabei um Mari, die als Assistentin eines älteren Professors nach Norwegen zurückkehrt, ein altes Fragment zu vervollständigen sucht und schließlich mit den übernatürlichen Erscheinungen konfrontiert wird. Auch wenn Peter Dickinson dieser Aneinanderreihung von klassisch bis klischeehaften Storykomponenten in erster Linie einen interessanten Handel und überdurchschnittlich gezeichnete Charaktere entgegenhält, liest sich „Troll Blood“ wie Peter S. Beagles moderne Fantasy- Geschichten dank einer Reihe eleganter, wenn auch eher stimmungstechnisch bedingter Wendungen sehr unterhaltsam.
Während Philip di Filippo in seiner lesenswerten Kolumne die fünf Sekunden des Ruhms in den verschiedenen Communities untersucht, analysiert Kathi Maio sehr kritisch die verschiedenen „Schneewitchen“ Adaptionen. Charles de Lints Rezensionen decken wieder ein sehr breites Spektrum ab, wobei der Autor nicht selten nostalgische Erinnerungen vor konstruktive Kritik stellt. Chris Moriarty argumentiert bei seinen Besprechungen kritischer und nachhaltiger. Chris De Vito hat einen der ersten Zeitreiseromane aus dem 19. Jahrhundert wieder entdeckt. Thematisch ein schöner Brückenschlag zu einigen der in dieser Ausgabe gesammelten Kurzgeschichten.

Zusammengefasst ist die September/ Oktober Ausgabe des „Magazine of Fantasy & Science Fiction“ sehr unterhaltsam. Die Qualität der Storys ist insbesondere im Vergleich zu den letzten soliden Nummern überdurchschnittlich. Das Themenspektrum ist sehr breit und insbesondere die älteren Semester können mir originellen und sehr überzeugend erzählten Geschichten punkten. Das Titelbild von Kent Bash für „Close Encounters“ scheint eher ein Klischee zu bestätigen als diese melancholisch überzeugende Geschichte adäquat zu illustrieren.

Gordon van Gelder (Hrsg.): "The Magazine of Fantasy & Science Fiction 703"
Anthologie, Softcover, 256 Seiten
Eigenverlag 2012

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