Buchecke


:: Home
:: Suche


:: 24 (4)
:: Abenteuer (55)
:: Alias (1)
:: Babylon 5 (7)
:: Buffy & Angel (25)
:: Comics (diverse) (17)
:: Die Bibliothek von Babel (30)
:: Fantasy (diverse) (181)
:: Farscape (1)
:: Heftromane (314)
:: Horror (diverse) (168)
:: Komödien (diverse) (2)
:: Krimi (diverse) (59)
:: Literatur (diverse) (26)
:: Mystery (diverse) (102)
:: Perry Rhodan (122)
:: Roswell (4)
:: Sachbücher (103)
:: Science Fiction (diverse) (715)
:: Star Trek (43)
:: Stargate (1)
:: Thriller (61)
:: TV (diverse) (10)
:: Vampire (37)
:: Zeitschriften / Magazine (15)


:: Artikel (6)
:: Interviews (7)
:: Nachrufe (2)


:: Weitere Sendungen


:: SciFi-Forum: Buchecke


Zeitschriften / Magazine



Gordon van Gelder

Magazine of Fantasy & Science Fiction 702

rezensiert von Thomas Harbach

Mit der „July/ August“ Ausgabe präsentiert „the Magazine of Fantasy & Science Fiction“ ein ausgesprochen reichhaltiges Themenspektrum von Fantasy über Science Fiction mit zu einer wissenschaftlich medizinisch unterlegten Horrorgeschichte. Die Qualität der Texte ist durchgehend schwächer als in den letzten beiden herausragenden Ausgaben, wobei viele der Geschichten in erster Linie aufgrund der soliden Erzähltechnisch trotz manchmal zu bekannter und zu stark konstruiert umgesetzter Ideen zumindest lesenswert sind. Im Mittelpunkt dieser Ausgabe steht Kate Wilhelms Novelle "The Fullness of Time", die vor 49 Jahren ihre ersten Arbeiten in diesem Magazin veröffentlicht hat. Wie der Titel schon suggeriert, geht es um Zeitreisen. Um eine besondere Art der Zeitreise, die an eine interessante Variation von Niffeneggers Roman "Die Frau des Zeitreisenden" erinnert. Zwei junge Frauen arbeiten an unterschiedlichen Aspekten einer Dokumentation über einen sensationellen Erfinder, der den größten Teils seines Lebens isoliert auf einem gigantischen Landsitz verbracht hat. Mehrmals hat er spektakuläre Erfindungen rechtzeitig patentieren lassen, die Industriekonzerne in mühevoller Kleinarbeit über Jahre entwickelt haben, ohne dass ihm Werksspionage nachgewiesen werden konnte. Sein Sohn ist ein begnadeter Investmentbänker, der bis zu 18 Monate vorher Trends erkennen kann und keinen einzigen Handel mit Verlust abgeschlossen hat. Der Leser ahnt im Gegensatz zu den überzeugend agierenden Akteuren die Richtung, die Kate Wilhelm mit ihrer lesenswerten Geschichte anpeilt. Kaum hat man sich auf diese auf den ersten Blick bekannte Gedankenspielerei eingelassen, dreht die Autorin den Spieß ein wenig um und führt eine Vielzahl weiterer Nebenkriegsschauplätze ein. Zwei der Kinder des Erfinders haben Selbstmord begangen, andere enge Verwandte sind in der Nervenheilanstalt. Wie die Ich-Erzählerin vom Neffen erfährt, findet in dem abgeschlossenen Landsitz eine Art "Zuchtprogramm" statt, um entweder eine für die Familie typische Art der Krankheit zu isolieren oder Zufallserscheinungen jetzt unter Kontrolle zu bringen. Kate Wilhelm verfügt als Autorin über die Fähigkeit, dreidimensionale und überzeugende Figuren zu kreieren, deren Handlungen in erster Linie von den eigenen nicht immer positiven Erfahrungen bestimmt werden. Vielleicht ist der Mittelteil der Geschichte ein wenig zu sehr auf Zufall aufgebaut und das dramatische Ende zu auffällig konstruiert, aber als Ganzes betrachtet schenkt die Autorin dem teilweise ausgeschriebenen erscheinen Subgenre eine melancholische, aber nicht unbedingt nihilistische Variation.

Herausgeber Gordon van Gelder spricht in der Einleitung zu „Wearaway and Flambeau“ aus der Feder Matthew Hughes davon, dass in verschiedenen Geschichten dieser Sammlung Zauberer auftreten. Das ist bedingt richtig, wobei die einleitende Story zu schwächsten der Sammlung gehört. Mehr texte handeln von Geistern. Der Autor arbeitet das Klischee vom Dieb mit einem Gewissen, der bei einem Einbruch erwischt und zu einer schwierigen weiteren Diebesmission „verurteilt“ worden ist, routiniert und nur wenig inspiriert ab. Das der Zauberbann dem Dieb ungeahnte Möglichkeiten eröffnet, die niemals im Sinne des Erfinders gewesen sind, ist nur eine mäßig überzeugende Variation bekannter Details und lässt die Geschichte ein wenig origineller erscheinen als sie beim kritischen Hinterfragen der Handlung wirklich ist. Michaele Jordans „Wizard“ wäre hier als zweiter Text zu nennen. Nur verbindet er die mystischen Weisheiten des Orients mit einer interessanten wie fragwürdigen Thematik. Ein vierzehnjähriges Mädchen verliebt sich wie unter Zwang in einen jungen Mann, der sich als despotischer „Zauberer“(?) erweist. Das Mädchen muss ihm als eine Art Sklaven dienen, nur die Millionen von Büchern dienen als Ablenkung. Das Ziel ist die Umsetzung der Bibel in musikalische Rythmen. Dazu bekommt sie einen Tag – Zeiten sind in dieser Story wie Schall und Rauch – frei, um in Paris einzukaufen und zu schlemmen, bis ihr Abends zwei Männer durch eine dunkle einsame Gasse folgen. Michaele Jordan stimmt einen schwierigen Zwischenton zwischen modernen Realismus mit rückblickend ausschließlich phantastischen Andeutungen und platonischem devoten Abhängigkeiten an, wobei die Idee eines vierzehnjährigen Mädchens, das quasi ohne sich abzumelden aus der Realität verschwindet, schwierig zu verdauen ist. Obwohl die Geschichte über kein erzähltechnisches Tempo verfügt und das fatalistische Ende konsequent, aber auch vor der eigenen Identität kapitulierend ist, wird der Leser angesichts der charismatisch gefährlichen Persönlichkeit des an einen Teufel erinnernden Zauberers in den Bann der Plots gezogen. „A natural history of autumn“ von Jeffrey Ford verfügt über keinen Zauberer, aber sie asiatische Mythologie, der japanische Glaube/ Aberglaube an übernatürliche Wesen, die durchaus menschlich agieren und regieren können, verbindet diese clevere, mit einer finsteren Pointe ausgestatte Geschichte mit “Wizard“. Auf Einladung seines Chefs nimmt ein hochrangiger wie erfolgreicher Angestellter eine wunderschöne Hostess aus einem Club mit in das in den tiefen Wäldern gelegene Landhaus seines Chefs. Er ahnt nicht, dass es keine reine Vergnügungsfahrt ist und das die Suche der Hostess nach den persönlichen Geschichten über den Herbst mehr als eine Studienarbeit ist. Stimmungsvoll, dunkel mit immer stärker werdenden morbiden Eindrücken und einer überzeugenden, nicht vorhersehbaren Pointe, die auf alten Begriffen wie Ehre und Selbstopferung aufbaut. Ob die Geister real gewesen sind oder nicht, bleibt offen. Zumindest verzichtet Ford auf weitergehende Erläuterungen und verleiht somit seiner Geschichte die richtige exotische Würze. Die abschließende Geschichte „Jack in the Forest of Souls“ von Rachel Pollack erinnert ein wenig in Bezug auf den Protagonisten an Roger Zelaznys „Jack aus den Schatten“ Arbeiten, wo der Jenseitsforscher und professionelle Spieler Jack mit einem gigantischen wie vorhersehbaren Schatten in seiner Vergangenheit eine interessante Figur ist, die nach der Seele einer verstorbenen Frau in der aus einem gigantischen Wald bestehenden Zwischenwelt suchen soll. Der Plotverlauf ist mäßig spannend, die Auflösung vorhersehbar. Zumindest die Rahmenhandlung ist interessant und sollte als Sprungbrett für einfallsreichere Storys genutzt werden.
Albert E. Cowdrys „Hartmut´s World“ ist ein humoristisches Detektivgarn mit Anspielungen auf die „Dracula“ Legenden – das falsche Schloss ist schließlich in die SA versetzt worden – eingebunden in die Suche nach einem verschwunden Jungen. Auch wenn die Dialoge pointiert und amüsant sind, schleppt sich die Handlung im vorhersehbaren Mittelteil deutlich dahin, bevor das Finale alle wichtigen und unwichtigen Protagonisten zusammenführt, um zu stark konstruiert zu enden. Die Protagonisten hätten exzentrischer, ihre Aktionen motivierter beschrieben werden müssen, damit der Text als Ganzes überzeugen kann.
Ein wenig Geduld verlangt Eleanor Arnasons „The Woman, who fooled death five times“. Eine Göttin erschafft eher durch einen Zufall aus ihrem Kot Tod. Tod ist ein halbblindes, naives, einfaches Wesen, dessen Aufgabe es ist, die verstorbenen Seelen in einem Sack einzusammeln und zu Hause die guten Teile in einer Art Himmel zu schicken, während die verdorbenen Teile auf der Erde weiter spuken müssen. Ala narrt den Tod fünfmal, in dem sie ihm erst vorgaukelt, die eigene Schwester zu sein. Erst eine Decke, dann ihren Vogel, ihr Haustier und schließlich ihren Sohn übergibt. Beim letzten Besuch behauptet sie, dass ihre Schwester aus Angst vor dem Tod in Richtung Süden geflohen ist. Natürlich brauchen derartige Parabeln auch eine Moral. Diese wird entgegen der Erwartung der Leser nicht in Form einer „Bestrafung“ präsentiert, sondern in einer Abfolge von kontinuierlichen Prozessen, in denen sich Ala ihren Urängsten widerwillig stellen muss, während der eher naiv agierende Tod zu einem Freund des von Ala in einer der moralisch verwerflichsten Szenen der Geschichte abgegebenen Jungen wird. Stilistisch absichtlich überambitioniert konstruiert benötigt der Leser einige Seite, um sich in die ungewöhnliche Prämisse – ein Tod aus Kot – hineinzuarbeiten, vielleicht den imaginären Ekel zu überwinden, bevor sich eine interessante, lesenswerte, aber inhaltlich auch gegen Ende an der Oberfläche bleibende Geschichte entwickelt.
“The Magazine of Fantasy & Science Fiction“ ist seit seiner Gründung auch ein Hort von satirischen, soziale Fehlentwicklungen extrapolierte oder karikierende Texte. In dieser Schublade muss das Debüt Ken Lius „Real Faces“ gepackt werden. In naher Zukunft verstecken sich mehr und mehr Jobbewerber hinter computergesteuerten Masken, die ihre Abstammung verbergen. So soll in der Theorie jegliches Vorurteil ausgeschaltet werden. Das Gegenteil ist natürlich der Fall. Wie jegliche Individualität wird auch im Grunde ein fairer Wettbewerb ausgeschaltet. Ausgehend von einem typischen Jobbewerberinterview schlägt Ken Liu soziologisch einen sehr breiten Bogen, wobei er manchmal ein wenig bösartig parodierend und entlarvend über das eigentlich interessante Ziel hinausschießt und sich in die Klischees flüchtet, de er zu entlarven sucht. Mit der anfänglich so selbstsicheren Protagonisten, der Karriere im Grunde auch auf einer Farce aufgebaut ist, verfügt die Story über eine solide Identifikationsfigur, die eine gute Brücke zwischen dem Leser und den natürlich anarchistischen, die alte bessere von zwei schlechten Ordnungen herstellenden Kräfte bildet.
Für das Horrorgarn ist „The Afflicted“ von Matthew Johnson zuständig, der diesem Thema tatsächlich neue Impulse verleit. Der Virus befällt alte Menschen als eine Variation von Alzheimer. Sie werden egal ob erkrankt oder noch gesund in spezielle Camps deportiert, wo Ärzte verzweifelt nach ihnen schauen. Eine solide, emotional überzeugende Story, deren offenes Ende als Grundlage für eine längere Arbeit dienen könnte.
Lucius Shepard setzt sich in seiner Filmkolumne mit "John Carter of Mars" auseinander, wobei er mit dem gigantischen kommerziellen wie teilweise künstlerischen Flop ausgesprochen wohlwollend umgeht. Wie manch anderer Kritiker ist er der Ansicht, eine längere Laufzeit von wie geplant drei Stunden hätte dem ganzen Plot gut getan und mehr Zeit für Charakterentwicklung übrig gelassen. Auf der anderen Seite entspricht der visuell eindrucksvoll gestaltete Mars am ehesten Burroughs Originalromanen, was das nostalgische Herz in Shepard höher schlagen lässt, während sich dessen Verstand angegriffen fühlt. Verstärkt stellt der Autor den großen Hollywoodproduktionen Independentfilme gegenüber, die wenig verwunderlich aus künstlerischen Aspekten sehr viel besser wegkommen. Mit "Beats of the Southern Wild" wird ein Streifen rezensiert, der noch in Europa um Aufmerksamkeit kämpfen muss.
Bei den Buchkolumnen wirkt Charles de Lint bei seinem Streifzug durch die Fantasy bzw. Jugendbücher mit Gruselelementen seltsam unentschlossen. Er findet an jedem der vorgestellten Werke nur positive Seiten, wobei teilweise seine Argumente bemüht erscheinen. Michelle West geht bei ihren vier Buchvorstellungen - das Wort Rezension wäre zu viel - kritischer an die Materie heran und arbeitet überzeugender Stärken und Schwächen der vorgestellten Arbeiten heraus. "Curiosities" am Abschluss jeder Ausgabe ist eine Fundgrube für Sammler, da hier kurz und pointiert positiv humorvoll Randerscheinungen des Genres vorgestellt werden. Pat Murphy und Paul Doherty sind weiterhin für die pseudowissenschaftlichen Beiträge zuständig. Unterhaltsam und anschaulich erklären beschreiben sie wissenschaftliche Entwicklungen genauso wie astrologische Vorgänge.
Erstaunlicherweise passt abschließend Ed Valigurskys eher unscheinbares Titelbild zu keiner der Texte und wird im Impressum auch keiner Geschichte zugeordnet. Wie anfänglich geschrieben eine eher durchschnittliche Ausgabe mit zwei allerdings sehr interessanten Höhepunkten: Kate Wilhelms „The Fullness of Time“ und Matthew Johnson ausbaufähiger „The Afflicted“.


Gordon van Gelder: "Magazine of Fantasy & Science Fiction 702 "
Anthologie, Softcover, 252 Seiten
Magazine Publication 2012

Weitere Bücher von Gordon van Gelder:
 - The Magazine of Fantasy & SF 700
 - The Magazine of Fantasy & Science Fiction 701

Leserrezensionen

:: Im Moment sind noch keine Leserrezensionen zu diesem Buch vorhanden ::
:: Vielleicht möchtest Du ja der Erste sein, der hierzu eine Leserezension verfasst? ::