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Zeitschriften / Magazine



Gordon van Gelder

The Magazine of Fantasy & Science Fiction 701

rezensiert von Thomas Harbach

Die Mai/ Juni Ausgabe 2012 Ausgabe des „Magazine of Fantast & Science Fiction“ betont noch mehr als die vorangegangenen Ausgaben eine RĂŒckkehr zu sozialer, aber weniger Hard Science Fiction mit ĂŒberzeugenden Charakteren und interessanten Ideen, die nicht immer ganz zufrieden stellend extrapoliert worden sind. Als Ausgleich des Science Fiction Überhangs greift Herausgeber Gordon van Gelder bei der Themenwahl auf ein sehr breites Spektrum zurĂŒck.

Naomi Kritzer eröffnet den Reigen mit ihrer Geschichte „LibertyÂŽs Daughter“. In ferner Zukunft haben sich vor den USA kleinere Konklaven gebildet, wo die Menschen in einer theoretisch anarchistischeren Zone frei von der Diktatur des Staates leben können. Die sechzehnjĂ€hrige Ich- ErzĂ€hlerin verfĂŒgt ĂŒber ein kommerzielles Organisationstalent, das sie auf der Suche nach einer verschwundenen jungen Frau zumindest kurzzeitig in Schwierigkeiten bringt. Leibeigenschaft, organisiertes Verbrechen und schließlich eine wirtschaftliche dunkle Zukunft werden von der Autorin zu einer kurzweiligen Geschichte verbunden, die sich aber rĂŒckblickend aus einer Reihe von bekannten VersatzstĂŒcken besserer Arbeiten zusammensetzt und deren sĂŒĂŸsaures Ende zwar konsequent, aber auch irgendwie mit einem moralischen Hammer versehen prĂ€sentiert.
Mit der Zukunft der Jugend bzw. der Jugend in der Zukunft setzt sich noch eine zweite Story dieser Ausgabe auseinander: „Grand Tour“ aus der Feder Chris Willrichs. Die Jugendliche Chen Fisher bereitet sich auf den Abflug an Bord eines ĂŒberlichtschnellen Raumschiffs vor. Ihre große Tour, die ihr auf der einen Seite die Wunder der Galaxis zeigen, auf der anderen Seite auch Lebenserfahrung vermitteln soll. Ihre sie ansonsten eher einengende Familie geht ebenfalls auf eine Art Wanderjahr, was die Zeit der Trennung dramatisch von zwölf Jahren auf ein subjektives Jahr reduziert. Chen Fisher lernt rechtzeitig vor ihrem Abflug einen Jungen mit Ă€hnlichen Familienproblemen kennen, so dass Chris Willrich auf das Happy End Motiv setzen kann. Eine handlungstechnisch eher unterdurchschnittlich entwickelte Story, die in erster Linie ihren gut gezeichneten Charakteren vertraut, kritische Zwischentöne aber teilweise ein wenig konstruiert umschifft.
Zu experimentell prĂ€sentiert sich eine andere Science Fiction Story dieser Ausgabe. Pat MacEwens „Taking the Low Road“ ist eine verdrehte Space Opera um gigantische sich paarende RaumwĂŒrmer; Zwillingsschwester, die sich aufgrund einer experimentellen, gefĂ€hrlichen, das Sexleben stimulierenden Droge in die Haare bekommen und eine neue Art, den Durchgang durch ein Wurmloch zu beschreiben. Die einzelnen Facetten wirken eher fragmentarisch, die Figuren sind viel zu oberflĂ€chlich charakterisiert und letzt endlich frustriert das offene Ende mehr als das es den Leser zufrieden stellt. Dale Baileys „Necrosis“ reiht sich auf eine andere Art und Weise in die Reihe schwĂ€cherer Texte ein. Eine „Seuche“, Epidemie scheint ĂŒber Weihnachten auszubrechen. Nur die spĂ€rlich skizzierten Protagonisten erleben, erleiden oder erfahren von dieser Krankheit, deren Symptome frustrierend ambivalent beschrieben worden sind. Auf knapp sechs Seiten ist Bailey unsicher, welche Art von Geschichte er eigentlich erzĂ€hlen wollte. So verpufft die zumindest rudimentĂ€r nicht neue, aber interessant gestaltete Grundidee.
Sogar ohne Außerirdische, deren Motivation an keiner Stelle der Geschichte befriedigend begrĂŒndet worden ist, funktioniert „Thypoid Jack“ von Andy Stewart. Eine perfekte Zukunftswelt, in der Krankheiten eliminiert und die Arbeitsleistung auf ĂŒber einhundert Prozent zynisch gesprochen optimiert worden ist. Wenn Mensch allerdings einmal eine Auszeit braucht, gibt es Spezialisten, die alt bekannte Krankheiten wie die Grippe kĂŒnstlich herstellen und „verkaufen“. Jack ist einer dieser Vermittler von Krankheiten. Sein Wunsch ist es, aus dem Moloch Stadt auszubrechen und aufs Land zu ziehen. Das kostet viel Geld. Ein letzter Auftrag soll ihm die monetĂ€re LĂŒcke schließen. Nur warnen ihn die Außerirdischen vor der attraktiven wie mĂ€chtigen Kundin. Von der ĂŒberzeugenden Grundidee prĂ€sentiert sich „Thypoid Jack“ als intelligente Mischung zwischen Antiutopie und perfiden KriminalstĂŒck mit einem bittersĂŒĂŸen Ende.
Sehr viel melancholischer, aber nicht weniger interessant, wenn auch in der Extrapolation nicht ganz so originell ist „Citi League“ von Mathhew Coradi, in welcher der ErzĂ€hler in einer „perfekten“ Zukunft erkennen muss, dass sein Vater auch seine Erinnerungen wie die zahlreicher anderer Menschen behandelt und entsprechend korrigiert hat. Er beginnt sich zu fragen, was er wirklich erlebt und was von Dritten ihm eingepflanzt worden ist. Matthew Coradi lĂ€st den nicht zuletzt durch die Erinnerungen an zahlreiche dramatische Baseballspiele so uramerikanischen Plot fĂŒr sich sprechen. Er prĂ€sentiert keine zufrieden stellende Lösung, verzichtet allerdings auch ein zu offenes Ende. Die klassische Figur des scheuen Verlierers, der in seiner Arbeit - interessanterweise das Zusammensetzen von manipulierten Erinnerungen - ErfĂŒllung findet und von seiner Umwelt benutzt, aber nicht akzeptiert wird, verleiht dieser unterhaltsamen Geschichte das I- TĂŒpfelchen. Obwohl der Leser nach den ersten Zeilen zumindest den grĂ¶ĂŸten Teil der Pointe vorhersagen kann, liest sich „City League“ dank Coradis ruhigem, aber nicht distanzierten Stil ĂŒberzeugend.

Die letzte Science Fiction Geschichte der Sammlung ist „The ChildrenÂŽs Crusade“, wobei der Titel irritierend ist. Ein Fremder besucht eine abgeschieden liegende Kolonie. William und sein im Sterben liegender Vater nehmen den Mann auf, der keine Informationen ĂŒber seine IdentitĂ€t oder Herkunft preis gibt. In Williams Umgebung sterben die Menschen an einer mysteriösen Krankheit, was das Misstrauen gegen Fremde im Allgemein und Williams Gast im Besonderen verstĂ€rkt. Am Ende dieser sich plottechnisch mehrfach positiv wendenden Geschichte muss William eine schwerwiegende Entscheidung treffen. Stilistisch ansprechend mit vielleicht zu wenig extrapolierten Hintergrund geschrieben gehört das Ende zu den herausragenden StĂ€rken dieser lesenswerten, aber vielleicht ein wenig zu kurzen Story.


In den letzten Jahren hat sich Albert E. Cowdrey mit seinen in einem Post Kathrina New Orleans spielenden Geistergeschichten eine kleine Nische erschrieben haben. „Asylum“ gehört auch dazu, obwohl Geister eher als Faszination denn greifbares Ereignis eine Rolle spielen. Der stringenten Story fehlt aber eine wirklich ĂŒberzeugende Pointe. Selbst der Showdown verlĂ€uft so beilĂ€ufig, so wenig humorvoll subversiv oder aufregend, dass man die wichtigsten fast beilĂ€ufigen eingestreuten Passagen ohne Probleme ĂŒberlesen kann. Mit Willy hat Cowdrey auch eher einen unauffĂ€lligen Protagonisten erschaffen, der wie ein Geist im Wind gleich wieder aus dem GedĂ€chtnis verschwunden ist. Vor allem fehlt diesem Text die melancholische Stimmung, die seine besten New Orleans Geschichten auszeichnete. Querverweise auf das alljĂ€hrliche Mardi Grass Festival sind zu wenig, um AtmosphĂ€re heraufzubeschwören.

Die lĂ€ngste Geschichte der vorliegenden Ausgabe „Maze of Shadows“ aus der Feder Fred Chappells gehört zu einem ErzĂ€hlzyklus um Falco, den angehenden Herren der Schatten. Vorkenntnisse sind nicht unbedingt notwendig, die HintergrĂŒnde werden zufrieden stellend erlĂ€utert und die Figur des Protagonisten ist derartig ambivalent, das sich der Leser im Grunde auf keine Besonderheiten einstellen muss. Falcos Lehrherr Astolfo hat zugestimmt, die SchĂ€tze eines Barons mit einem scheinbar undurchdringlichen Netz aus Schatten zu beschĂŒtzen. Die BemĂŒhungen von Astolfos Dienern Falco und Mutano werden durch einen alten blinden Mann und seine Tochter durchkreuzt, ein Teil der SchĂ€tze gestohlen. Hinzu kommt, das als Ablenkung Mutanos Stimme mit der einer Katze vertauscht worden ist, so dass Falco erst seinem Freund wieder Stimme verleihen und anschließend den Diebstahl aufklĂ€ren muss. WĂ€hrend die Grundidee der Schatten ausgesprochen gut behandelt worden ist, wirkt die PrĂ€misse der vorliegenden Geschichte etwas zu stark konstruiert und verlangt vom Leser eine gewisse Ignoranz den Fakten gegenĂŒber. Als Kriminalstory ĂŒberzeugt der Plot deutlich mehr, Falcos Ermittlungen sind stringent und der Leser verweilt wĂ€hrend der ganzen Entwicklung auf Augenhöhe des Ich- ErzĂ€hlers, was die Spannung deutlich erhöht. Nicht nur umfangtechnisch einer der Höhepunkte der vorliegenden Ausgabe. Chappel erreicht zwar
noch nicht das Niveau Roger Zelaznys, ist aber auf einem guten Weg.

Die regulĂ€ren Kolumnen bilden wieder einen interessanten Reigen. Kathie Maio bespricht drei Außenseiterfilme, die mit OriginalitĂ€t und drehbuchtechnischem Mut gegen ihre teilweise sehr niedrigen Budgets ankĂ€mpfen. Die Autorin stellt klar die VorzĂŒge und SchwĂ€chen der Filme gegenĂŒber, wobei bei Rezension von „The WOman in Black“ sich zu sehr auf den Ex Harry Potter Darsteller konzentriert, anstatt das Werk als Ganzes zu besprechen. Charles de Lint verfĂ€llt bei seinen Besprechungen zu sehr in nostalgische SchwĂ€rmereien und vergisst mehr als einmal, die StĂ€rken der von ihm besprochenen BĂŒcher wirklich ĂŒberzeugend herauszuarbeiten, wĂ€hrend sich James Sallis selbstgefĂ€llig belehrend in langen Zitaten aus den beiden von ihm vorgestellten Romanen verliert. Alleine Paul Di Fillipo rechnet in „What immortal hand“ mit der publizistischen Erbengeneration sehr zynisch ab.

Zusammengefasst ist das Niveau der Geschichten eher durchschnittlich. Stilistisch sind alle Texte ansprechend, die Ideen teilweise sehr originell, aber die AusfĂŒhrung wirkt in zu vielen Geschichten zu einfach, zu stringent mit zu wenig GefĂŒhl fĂŒr eine ĂŒberzeugende Strukturierung und vor allem eine bessere Positionierung der allerdings in allen Texten gut bis ĂŒberdurchschnittlich charakterisierten Protagonisten. Das schöne Fantasy- Titelbild stammt folgerichtig aus der lĂ€ngsten Geschichte dieser Ausgabe „Maze of Shadows“.

Gordon van Gelder: "The Magazine of Fantasy & Science Fiction 701"
Anthologie, Softcover, 264 Seiten
Eigenverlag 2012

Weitere Bücher von Gordon van Gelder:
 - Magazine of Fantasy & Science Fiction 702
 - The Magazine of Fantasy & SF 700

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