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rezensiert von Michelle
Borrmanns "Vampirismus" ist eindeutig ein Buch, das man haben muß, wenn man sich für das Thema interessiert. Der deutsche Sprachraum geht mit dem Mythos "Vampir" recht stiefmütterlich um, man versieht entsprechende Literatur allzu gern vorschnell mit dem Label "trivial". Daher ist auch die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema hierzulande fast nicht vorhanden und interessante Bücher rar. Borrmann versucht mit seinem Buch einen Anfang. Es ist in vieler Hinsicht nicht perfekt, bietet aber dennoch eine sehr kurzweilige und lehrreiche Lektüre.
Obwohl es bei Rezensionen eigentlich nicht meine Art ist, das Inhaltsverzeichnis wiederzugeben, finde ich es bei Sachtiteln dennoch sehr hilfreich, um einen Überblick des Inhalts zu bekommen:
Inhalt
I Vampirismus oder die Gier nach Leben
Fledermäuse und andere Vampire aus dem Tier- und Naturreich * Kannibalen, Blutsauger und Werwölfe * Ferne Länder, hungrige Götter, durstende Vampire * Vampire in Antike und Abendland * Die Vampirpanik im 18. Jahrhundert
II Der Vampir als literarische Fiktion
Ursprünge des Vampirgenres * Vampirismus und romantische Gattung * Bram Stokers Dracula * Dracula und Frankenstein: Ein Vergleich * Der Vampir als Trivialfigur und Kinderschreck * Die Wiederkehr der Untoten und die Chronik der Vampire
III Der Vampir als pathologische Gestalt
Tote, Untote und Scheintote * Vampirismus in medizinischer Sicht * Wer wird Vampir? * Fritz Haarmann und andere Totmacher * Die Psyche der Sauger und ihrer Opfer * Der Vampirismus in satanischen Kulten
IV Der "Blutsauger" als historische Realität
Zur Psyche des Jäger * Von der Schönheit und dem Schrecken der Macht * Gilles de Rais und die Magie des Bösen * Vlad Tepes - der historische Dracula * Rote Vampire * Deutsche Mythen und die Synchronizität der Wölfe * Ein Planet wird geplündert
V "Blut ist ein ganz besonderer Saft"
Das Blut in der Geschichte * Die Farbe Rot und die Symbolik des Blutes * Erwähltes Blut: Vom Gralsblut bis zum blauen Blut * Vampire und andere Blutfetischisten * Die "Blutgräfin" Elisabeth Báthory oder der Traum von der ewigen Jugend * "Der (Blut) Mythos des 20.Jahrhunderts"
VI "Sex, Crime and Drugs"
Viktorianismus und die Dämonie der Liebe * Der Vampir als Sexsymbol * Blutsaugerinnen, Vamps und Feministinnen * "Der Graf ist ein Verbrecher" * Der "Blutjunkie" und die Wonnen und Qualen der Sucht
VII Der Vampir als Medienstar
Der Vampir in Kunst und Karikatur * Der Bühnenvampir * Der Filmvampir als Kassenmagnet * Gesichter des Schreckens: Die Filmphysiognomien Draculas * Ein Sonderfall: Batman- die Edelfledermaus * Der Vampir in der Werbung und der Vampirismus in den modernen Medien
VIII Vampirismus oder die Sehnsucht nach dem Tode
Nekrophilie und die Ästhetik der Verwesung * Orte des Schreckens * Masken und Metamorphosen des Vampirs * Das Wissen der Vampire * Der Tod der Untoten und ihre Erlösung
Das Inhaltsverzeichnis verspricht einen Rundumschlag zum Thema Vampir, wobei der Autor darauf besteht, daß er auf dem Gebiet der deutschen Vampirforschung sozusagen Neuland betritt, da hier dem Thema das Triviale anhafte. Diesen Vorwurf kann man seinem Buch nun wirklich nicht machen, schon im Vorwort zieht er Parallelen zu Nietzsche und Marx.
Interessant ist der psychoanalytisch geprägte Zugang zum Thema, der immer wieder herauszulesen ist. So wird nicht nur die Symbolik des Blutes erörtert, sondern er geht auch auf den Archetypus Vampir ein und für welche Vorstellungen dieser in den verschiedenen Kulturen steht. Dabei kommt er zu dem Schluß, daß Vampire in sich selbst und in unserer eigenen Wahrnehmung reichlich ambivalente Wesen sind. Sie verkörpern nicht nur Urängste des Menschen, die sich ihren Weg in Alpträumen und Sagen fanden, sondern bietet auch die Faszination des Übermenschen, oder Übervampirs, wie Borrmann es nennt. Ein Wesen, das in der evolutionären Leiter über dem Menschen steht.
Dabei spielt der Vampir nicht nur die Rolle des Verführers und Mörders, er ist gleichsam eine Möglichkeit für den Menschen, sich völlig in die Opferrolle fallen zu lassen. Borrmann vergleicht dies mit Sadomasochismus, wobei der Vampir natürlich den Part des Sadisten übernimmt.
Allerdings schweift der Autor zu sehr ab. Vergleiche zu Werwölfen und Frankensteinmonstern mag man noch ertragen und es mit der Verwandtschaft der Figuren entschuldigen. Man nennt schließlich Dracula, Werwolf und Frankenstein gern in einem Atemzug. Auch das Ausgraben alter Mythen ist spannend zu lesen, denn man stellt nicht alle Tage fest, daß die Vorstellung des Vampirs so alt zu sein scheint wie das Menschengeschlecht. Borrmann landet allerdings teilweise bei bizarren Themen. Er schreibt mit der gleichen Selbstverständlichkeit über Kopfgeldjagd, wie über die ökologische Plünderung unseres Planeten, über den sozialen Vampir (nämlich den Menschen, der seine Mitmenschen "aussaugt", im Sinne von "ausbeuten") wie über die Angst lebendig begraben zu sein. Beim Lesen mancher Kapitel mußte ich das Buch zuschlagen und auf dem Cover nachsehen, ob ich wirklich ein Buch über Vampirismus in der Hand hielt. Für mich war seine Auffassung des Begriffs Vampir zu weit gefaßt. Da will ich Blut fließen sehen, wenn man so will. Aber wenn es seitenlang um Rousseaus Begriffsübertragung auf den gesellschaftlichen Bereich geht, dann möchte ich das einfach in einem anderen Buch lesen.
Wenn auch meiner Meinung nach die Teile über den historischen Dracula oder die Chroniken von Anne Rice (die wirklich nur angeschnitten werden) etwas zu kurz geraten sind, so ist das Buch doch zweifellos ein guter Einstieg, um ein möglichst umfassendes Bild zu gewinnen. Gut gelungen sind die vielen Abbildungen, die meist historisch, sonst kaum zu finden wären.
Michelles Homepage findet ihr unter: http://www.waking-vision.com
Norbert Borrmann: "Vampirismus oder die Sehnsucht nach Unsterblichkeit"
Sachbuch, Hardcover, 368 Seiten
Diederichs 1999
ISBN 3-4240-1351-X
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