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Vampire



John A. Lindqvist

So Finster die Nacht

rezensiert von Thomas Harbach

Der Erfolg der Verfilmung von „Let the Right One in“ hat die Aufmerksamkeit zurück auf den ungewöhnlichen dunklen Thriller aus der Feder des Schweden John Ajvide Linqvist gelenkt. Der Roman ist im Jahre 2004 in der Heimat Schweden erschienen. Die Geschichte einer sehr ungewöhnlichen Freundschaft unter schwierigsten Vorzeichen spielt zu Beginn der achtziger Jahre gekennzeichnet durch eine Verschärfung des Kalten Krieges und der Angst vor dem Atomaren Holocaust in der schwedischen Arbeitersatellitenstadt Blackeberg. Lindqvist selbst ist in dieser unwirtlichen, geplanten Siedlung aufgewachsen und so arbeitet der Autor insbesondere in der ersten Hälfte des umfangreichen, aber stringent dynamischen Romans seine eigene Jugend auf. Im Gegensatz zum Film, der sich deutlich mehr auf die Freundschaft zwischen dem zwölfjährigen Oskar und der im Körper einer zwölfjährigen „gefangenen“ Vampirin Eli konzentriert, ist das vorliegende Buch breiter, aber auch dunkler angelegt. Lindqvist spinnt seinen Bogen von einem vereinsamten, klassischen Scheidungskind mit einer arbeitenden Mutter über die Gewalt der größeren Kinder den Außenseitern gegenüber, Alkohol, Drogen, Arbeitslosigkeit, Prostitution bis zu den zerrütteten Familien und Randexistenzen.

Im Roman selbst fällt der Begriff Vampir zum ersten Mal nach der Hälfte des Plots. Oskar fragt seine neue Freundin, ob sie ein Vampir ist. Diese überlegt sehr lange, bevor sie die Frage verneint. Sie ist anders als andere Menschen, lebt von Blut und ist im Grunde unsterblich, aber als Vampir wie in zahllosen Filmen oder billigen Horrorbüchern sieht sie sich nicht. Bestimmt die erste Hälfte des Buches das langsame Kennenlernen zweier sehr schüchterner, junger Menschen, die zwischen Pubertät – Oskar – und Einsamkeit – Eli – einen neuen Mittelpunkt suchen, dominieren ohne den Spannungsbogen zu negieren oder zu erdrücken die eher klassischen Horrorelemente die zweite Hälfte des Buches. Lindqvist nimmt sich sehr viel Zeit, mit einem auch in der deutschen Übersetzung teilweise melancholisch ironischen Ton seine Heimat zu charakterisieren. Die ausführliche Beschreibung Blackebergs beginnt im unvollständigen Rahmen mit einer Hommage an den Western, an die Gewinnung neuen Landes und der Erschließung durch den Bau von Häusern. Lindqvist macht gleich auf der ersten Seiten unabänderlich klar, dass diese neuen Häuser keine neue Heimat darstellen. Die Plattenbauten werden auf ihren rudimentärsten Zweck reduziert. Sie bestimmen das gleichgültig anonyme Bild einer gewöhnlichen Arbeitersiedlung, deren kulturelles und soziales Leben vom Auf und Ab der Großindustrie bestimmt wird. Und zu Beginn der achtziger Jahre herrschte überall auf der Welt wie in Schweden eine schwere Rezession. Das in dieser Zeit unerklärliche Geschehnisse vor dem unwahrscheinlichsten Hintergrund einer Arbeitersiedlung abgelaufen sind, ist der letzte gegen die Chronologie der Handlung vorgreifende Hinweis. Danach nimmt sich Lindqvist sehr viel Zeit, seinen wichtigsten Protagonisten, den zwölfjährigen Oskar, einzuführen. Er wird von seinen größeren Mitschülern drangsaliert und gequält. Selbstvertrauen verschafft er sich, in dem er im Supermarkt Süßigkeiten stiehlt. Seine Mutter kommt jeden Tag sehr spät nach Hause, er ist nicht selten auf sich alleine gestellt. Lindqvist gelingt es ausgezeichnet, das Schlüsselkind Oskar sehr menschlich, sehr dreidimensional, aber keinesfalls kitschig oder unnatürlich darzustellen. Viele autobiographische Züge in die Figur geflossen sind, lässt sich schwer feststellen, aber zu Oskars größten Wünschen gehört es, die Hinrichtung eines Schurken auf dem elektrischen Stuhl live mitzuerleben. Er ahnt nicht, wie schnell sich sein trotz der Gewalt der Mitschüler beschauliches Leben ändern wird.

Wie schon eingangs beschrieben, fällt der Begriff des Vampirs erst relativ spät im Buch. Ganz bewusst lenkt Lindqvist die Leser mit der ausführlichen Beschreibung der Taten eines wahnsinnigen Massenmörders ab. Die Zusammenhänge werden einem normalen Publikum im Vergleich zu Vampiranhängern erst deutlich später klar. Sehr souverän, wenn auch stellenweise zu konstruiert hinterlässt der Autor nur Hinweise, Mosaikstücke, die sich erst später wie von selbst zu einem morbiden, aber immer stärker faszinierenden Bild zusammenfügen. Die junge Vampirin Eli verfügt mit Hakan wahrscheinlich über den stärksten Renfield Charakter seit vielen Jahren. Im Film deutlich devoter, abhängiger, mit einer hündischen Liebe für Eli, zeichnet der Autor die Figur sehr viel brutaler, egozentrischer und schließlich auch gegenüber Eli seinen Trieben nachgebend. Diese dunkle Seite wird gleich zu Beginn des Buches an Hand von Hakans Besuchen in homosexuellen Bordellen – eine sehr unangenehm beschriebene Szene, welche an die Romane Andre Vacchs erinnert – ans Licht gezerrt. Im Gegensatz zur Verfilmung bringt der Leser nur wenige Sympathien für Hakan auf und kann sich die gegenseitige Abhängigkeit zwischen ihm und Eli kaum vorstellen. Anscheinend hat Lindqvist in seinem Erstling seinen Fähigkeiten als Erzähler hinsichtlich der Charaktere und der Stimmung zu wenig vertraut, um auf die brutalen Exzesse Hakans insbesondere gegen Ende des Handlungsbogens zu verzichten. Deutlich effektiver, wenn auch im Vergleich zu Oskar ein wenig zu einfach gezeichnet, ist die junge Eli. Inzwischen mehr als zweihundert Jahre alt, gefangen in einem im wahrsten Sinne des Wortes asexuellen Körper, mit reichlich Wertgegenständen und Barmitteln ausgestattet und trotzdem wegen ihres jungen Alters immer auf einen „Vater“ angewiesen. Diesen Widerspruch arbeitet der Autor insbesondere in den lesenswerten, nuancierten, pointierten und doch manchmal sehr melancholischen Dialogen hervorragend heraus. Lindqvist entpuppt sich in dieser Hinsicht als erstaunlich routinierter und selbstbewusster Autor, der auf ausführliche Beschreibungen seiner Figuren verzichtet. Kleine Gesten – siehe den bekannten Zauberwürfel – und Dialoge - wie das Gespräch zwischen Eli und Oskar, ob sie jetzt miteinander gehen, ohne das einer von ihnen beiden die wirkliche Bedeutung dieser Frage versteht – machen den Reiz des Romans aus. Eli ist mehr eine tragische Figur, die nur aus der Not heraus, selbst tötet bzw. töten lässt. Im Vergleich zu vielen anderen Vampirtexten gibt ihr der Autor eine elementare emotionale Ebene. Er spielt mit den Klischees des Genres, in dem Lindqvist andeutet, was mit einem Vampir passieren kann, der ohne expliziert ausgesprochene Einladung ein Haus/ eine Wohnung betritt. Es sind diese gelungenen Verbindungen zwischen alt und neu, die aus „So finster die Nacht“ trotz oder gerade wegen manchen Klischees einen derartig guten und vielschichtigen Vampirroman machen. Wer zuerst die hervorragende Verfilmung gesehen hat, kann sich die Gesichter der beiden herausragenden jungen Schauspieler bei diesen Zwiegesprächen vorstellen, wer das Buch isoliert goutiert, erhält vom Autoren ausreichend Spielraum, um sich die beiden ungewöhnlichen Freunde in einem sehr kalten schwedischen November vorstellen.

Trotz eines Umfangs von mehr als sechshundert Seiten lebt „So finster die Nacht“ von zahlreichen Tempowechseln. Die Actionszenen – sowohl wen Oskar gehänselt und von den größeren Jungs bis zum Mordanschlag bedroht wird als auch Elis Attacken auf Oskars Feinde bzw. auf potentielle Opfer – sind rasant, blitzlichtartig, spannend und innovativ erzählt. Nicht selten setzt sich das ganze Bild erst am Ende der Szene in der angeregten Phantasie des Lesers zusammen. Auf der anderen Seite gelingen Lindqvist sehr intensive, sehr dreidimensionale Beschreibungen des gewöhnlichen, nicht einfachen Lebens in der kleinen Arbeitervorstadt. In diesen Sequenzen lässt sich der Autor sehr viel Zeit, erzeugt eine dunkle, eine fast erdrückende Atmosphäre und erfindet eine Handvoll von bizarren, aber möglichen Figuren, durch deren Augen der Leser viele wichtige Aspekte des Buches aus einer im Grunde dritten Perspektive verfolgt. Selbst diese umfangreichen, ruhigen Passagen des Buches sind mit gut geschriebenen und sehr überzeugend übersetzten Dialogen durchzogen, die einen starken Kontrast zu den Handlungen eines modernen Horrorromans bildet. Nicht immer ist es dem Leser klar erkennbar, das Eli zusammen mit ihrem Gehilfen Hakan die „Monster“ sind. Die Grenzen sind fließend und manche Nebenfigur verdient das grausige Schicksal, das ihm der Autor auf den hässlichen Leib schreibt.

Im Gegensatz zur Verfilmung, die wegen den bestechend schönen und atmosphärisch ungewöhnlichen Bildern, den herausragenden Schauspielern und einem etwas gleichmäßigeren Tempo zu den besten Vampir/ Genre Filmen des jetzigen Jahrtausends gehört, ist „So finster die Nacht“ ein ungewöhnlicher, ein sehr gut geschriebener und spannender Horrorroman. Das Buch ragt sicherlich aus der Menge heraus, aber einige leichte Schwächen wie die teilweise zu oberflächliche sich selbst überlassene Charakterisierung wichtiger Figuren und die zu übertrieben unwahrscheinlich beschriebene Gewalt im letzten Drittel des Buches, sowie der teilweise ein wenig zu konfuse, zu ambitionierte Aufbau des Plots lassen es neben der perfekten Verfilmung ein wenig blass erscheinen. Unabhängig von den angesprochenen kleinen Schönheitsfehlern ist „So finster die Nacht“ aber ein beeindruckender, ein sehr souverän geschriebener und autobiographisch gefärbter Erstling. Das Buch ist im wahrsten Sinne des Wortes frisches Blut im Vampirgenre und dürfte ähnlich wie Anne Rices „Interview mit einem Vampir“ oder Elizabeth Kostovas „The Historican“ einen sehr positiven bleibenden Eindruck im Genre hinterlassen.

John A. Lindqvist: "So Finster die Nacht "
Roman, Softcover, 637 Seiten
Bastei- Verlag 2007

ISBN 9-7834-0415-7556

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