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Vampire



Graham Masterton

Bluterbe

rezensiert von Thomas Harbach

Graham Mastertons F√§higkeiten liegen weniger auf seinem erz√§hlerischen Talent, sondern wie wenigen Autoren gelingt es ihm, scheinbar bekannte Pr√§missen aus ungew√∂hnlichen Perspektiven sehr bodenst√§ndig und direkt zu erz√§hlen. Alleine sein wahrscheinlich durch die Verfilmung bekanntester Roman ‚Äěthe Manitou‚Äú wird weniger durch seinen Plot, sondern die Idee, das eine Frau einen D√§mon austr√§gt, im Ged√§chtnis bleiben. ‚ÄěBluterbe‚Äú nimmt viele Elemente der rum√§nischen Sagenwelt auf, vermischt sie mit einem modernen Van Helsing Garn, unterlegt die Handlung mit Bez√ľgen zu Paul Verhoevens ‚ÄěBlack Book‚Äú und erscheint √ľber weite Strecken frisch und unkompliziert. Um die Spannung noch weiter zu erh√∂hen, verzichtet der Autor auf eine stringente Handlung. Scheinbar zusammenhanglos springt die Handlung zwischen den Jahren 1944 und 1957 hin und her. Auf der einen Seite das Familienidyll in New Milford, dass Graham Masterton insbesondere im letzten Drittel des Buches systematisch zerst√∂rt. In den Wirren des Zweiten Weltkriegs treiben die Strigoi ihr Unwesen, Nachkommen der legend√§ren Vampire, die als Schl√§fer von den Nazis in die Widerstandsgruppen eingeschleust werden. Die Opfer werden blutleer und mit offenem
Brustkorb gefunden. Der Geheimdienst der Vereinigten Staaten verpflichtet James Falcon vordergr√ľndig aufgrund seiner arch√§ologischen Schriften. Erst am Ende der Geschichte werden der Leser und Falcon selbst, dass mehr hinter dieser Verpflichtung steht. Zusammen mit einem Bluthund und einem Offizier nehmen sie die Spur auf. In Ihrem Reisegep√§ck befinden sich Silberkugeln aus den Bechern der J√ľnger Jesu, zwei der N√§gel, welche Jesu am Kreuz hielten, Knochens√§gen und Knoblauch. Sp√§ter kommt noch eine sehr seltene Bibel hinzu. Zu den unglaubw√ľrdigsten Passagen des Romans geh√∂rt Falcons ausgesprochene Kontaktfreudigkeit, bevor er die Vampirabk√∂mmlinge t√∂tet. Dabei wei√üt er immer wieder auf die Besonderheit der Waffen hin, ohne das ihre Hintergr√ľnde erl√§utert werden. Theoretisch w√ľrde es auch bedeuten, dass sich die Vampirnachkommen in Rum√§nien inzwischen zu einer Plage entwickelt haben, da sich diese religi√∂sen Insignien in der Hand der amerikanischen Geheimdienste bzw. wahrscheinlich das Vatikans befunden haben. Im umk√§mpften Antwerpen nimmt das Team zum ersten Mal die Spur eines Strigoi mort Duca auf, der die Vampirabk√∂mmlinge erschafft. Bevor sie seiner Habhaft werden, zerst√∂rt eine V2 dessen Versteck. Falcon muss Antwerpen verlassen, weil seine Mutter an einem Herzinfarkt stirbt. Siebzehn Jahre sp√§ter meldet sich der Geheimdienst wieder bei ihm. Der Duca ist in Antwerpen geborgen worden. Mit einem Flugzeug sollte er in die Staaten geschafft werden. Die Maschine wurde abgeschossen und aus dem jetzt gefundenen Wrack konnte er sich befreien. Inzwischen gibt es mehr als 50 Tote in London und Falcon ist der einzige, welcher den Duca mit einer neuen Begleiterin t√∂ten kann.

Graham Masterton zieht mit seinen B√ľchern den Leser von der ersten Seite an in seinen Bann. Das liegt nicht unbedingt an seiner packenden Handlung, welche den Konventionen des Vampirromans allerdings in einem innovativen Gewand folgt. Es ist nicht nur die R√ľckversetzung in die Zeit des Zweiten Weltkriegs, auch die zweite Handlungsebene spielt immerhin f√ľnfzig Jahre in der Vergangenheit. So kann James Falcon bei seiner Ermittlungsarbeit nicht auf modernste Technik zur√ľckgreifen, sondern ist auf den eigenen Verstand angewiesen. Das erh√∂ht in einigen wichtigen Sequenzen die Spannung und macht das Geschehen surrealistischer als er bei einer n√ľchternden Zusammenfassung erscheint. Die einzelnen Komponenten sind bodenst√§ndig: Vampir und Vampirj√§ger stehen sich gegen√ľber. Die wenigen Begegnungen werden von der charismatischen Pers√∂nlichkeit des Unsterblichen beherrscht. Der Vampirj√§ger wird bis zum √Ąu√üersten gefordert und muss im Grunde seine Menschlichkeit aufgeben. Die Folterszenen der Hilfsvampire sind brutal ohne voyeuristisch zu sein. Falcon selbst wird dadurch nicht zum strahlenden Helden, der sich auf eine aussichtslose Mission begibt. Am Ende des Buches hat Masterton die undankbare Aufgabe, Falcons Verhalten umfangreicher zu erl√§utern als es die Logik erfordert. So lebt Falcon in den f√ľnfziger Jahren in den Staaten mit einer Frau zusammen. Auf seiner Mission in England arbeitet er mit einer attraktiven, jungen Frau zusammen. Beide schlafen miteinander und zumindest Falcon verliebt sich unsterblich in sie. Er zeigt aber keine Reue seiner Partnerin in den USA gegen√ľber, sp√§ter wird sie mit dem lakonischen Attribut auseinander gelebt aus dem Plot geschrieben. Diese emotionalen Passagen wirken teilweise zu sperrig und distanziert, hier h√§tte Graham Masterton durchaus die Chance nutzen sollen, mehr √ľber das Seelenleben Falcons Preis zu geben. Das es am Ende des Buches eine ‚Äě√ľberraschende‚Äú Aufl√∂sung f√ľr diese Empfinden gibt, wirkt eher bem√ľht und √∂ffnet die T√ľr f√ľr Fortsetzungen. Duca dagegen reiht sich in die Galerie der klassischen Masterton Antagonisten ein. Sie sind niemals nur b√∂se oder nur verr√ľckt oder nur krank. Sie werden von Instinkten gesteuert. Ganz bewusst bem√ľht sich der Autor, ihnen Tiefe zu geben. Auf den ersten Seiten etabliert er f√ľr beiden Seiten die entsprechenden Standpunkte. Die Figuren bewegen sich in ihren Moralvorstellungen. Ganz bewusst bewertet der Autor diese nicht weiter, sondern stellt sie als Kontraste gegen√ľber. Das Problem sind die Nebenfiguren. Bis auf Duca und Falcon werden diese eher eindimensional, teilweise zu klischeehaft, zu wenig warm charakterisiert. Der Leser soll im Verlaufe der Handlung akzeptieren, dass diese unter Lebensgefahr f√ľr die Menschen k√§mpfen, aber der Autor vergisst, ihnen im Vergleich zu den beiden Hauptprotagonisten eindrucksvolle, markante Z√ľge zu geben. Im Vergleich zu einigen anderen seiner B√ľcher wirken vor allem die weiblichen Figuren √ľberraschend eindimensional und unsympathisch. Insbesondere stimmt die Chemie zwischen Falcon und seiner Begleiterin Jill nicht. Eine wichtige Komponente des Plots. Mit einer √ľberzeugenden, vor allem nuanciert geschriebenen Liebesgeschichte h√§tte das Buch stimmiger und abgerundeter gewirkt, vor allem h√§tte der Leser die vielen nachgeschobenen Informationen besser interpretieren k√∂nnen. Positiv gesehen l√§sst Masterton Jill eine sehr unangenehme Situation mit Duca durchleben, in welcher der Autor Sadismus und Erotik auf routinierte, beeindrucke Weise mischt.

Was ‚ÄěBluterbe‚Äú von unz√§hligen Vampirromanen positive unterscheidet ist der HIntergrund der Vampire. Ganz bewusst beschreibt Masterton die Strigoi als entfernte Verwandte der bekannten Nosferatu, welche √ľber Jahrhundert isoliert in den W√§ldern und Bergen des s√ľdlichen Rum√§niens gelebt haben. Durch die Inzucht haben sie andere St√§rken, aber auch Schw√§chen entwickelt. Sie k√∂nnen sich im Tageslicht bewegen, mit okkulten Medaillons haben sie die M√∂glichkeit, in der Nacht besser zu sehen. Sie haben keine Vampirz√§hne, sie benutzen Messer, um ihre Opfer zu melken. Ihr Stamm teilt sich dann noch in die Strigoi Mort, zu denen Duca geh√∂rt. Sie k√∂nnen ihre K√∂rperformen aufgeben, sind wundersch√∂n und sehr schnell. Ihnen schreibt Masterton fast zu viele Attribute zu und die Chance der Menschen, sie wirklich zu besiegen, ist unbeschreiblich gering. Darum wirkt die abschlie√üende Konfrontation zwischen Falcon und Duca auch fast wie ein Antih√∂hepunkt. Sie kommt √ľberraschend fr√ľh, weil Masterton quasi nach dem Duell noch eine Reihe von scheinbar √ľberraschenden Erkl√§rungen und Hintergrundinformationen einschiebt. Der Leser h√§tte sich die Auseinandersetzung interessanter und pointierter gew√ľnscht. Hier zeigt sich Masterton St√§rke als kompakter Autor, welcher auf geringem Raum sehr viele Handlungsteile miteinander kombiniert.

‚ÄěBluterbe‚Äú ist ein unterhaltsam lesenswertes Buch, dass seinem Untertitel ‚ÄěVampirthriller‚Äú √ľber weite Strecken trotz teilweise vorhersehbaren Aktionen gerecht wird. Die Handlung schreitet rasant voran, die verschiedenen Zeitebenen und ihre Wechselwirkungen machen von Beginn an neugierig. Zwar wei√ü der Leser, dass Falcon zumindest die Ereignisse im Jahre 1944 unbeschadet √ľberstehen wird, aber dessen r√ľcksichtslose Vorgehensweise im barbarischen Krieg bereitet den Leser auf den folgenden kalten Krieg auf kleinster Ebene zwischen den Menschen und den Strigoi vor. Das es eine amerikanische Beh√∂rde gibt, welche die Strigoi heimlich jagt, wirkt dagegen klischeehaft und stereotyp. Plottechnisch hat das Buch auch eine Reihe von √Ąhnlichkeiten mit dem Film ‚ÄěThe Breed‚Äú ( 2001 ). Dessen Handlung spielt allerdings in einer unbestimmten Zukunft und nicht in der Vergangenheit.


Graham Masterton: "Bluterbe"
Roman, Softcover, 240 Seiten
Festa- Verlag 2008

ISBN 3-8655-2076-6

Weitere BŁcher von Graham Masterton:
 - Das Insekt

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