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Thriller



Dan Simmons

Bitterkalt

rezensiert von Thomas Harbach

Mit "Bitterkalt" liegt der zweite Kurtz Krimi aus der Feder Dan Simmons im Festa Verlag auf deutsch vor. Der abschlie√üende dritte Band ist angek√ľndigt. Im ersten Band konnte Dan Simmons den ausschlie√üenden reagierenden Kurtz zu einem modernen Antihelden mit einem im Kern verqueren, aber auf den Leser nachvollziehbaren moralischen Code entwickeln. Seine Devise "fressen oder gefressen werden" wird im vorliegenden Roman weiterentwickelt. Im Vergleich zu Andrew Vacchs Burke fehlt ein moralisierendes Element wie dessen unb√§ndiger Ha√ü auf Kindersch√§nder, der eine Reihe der brutalen Szenen seiner absichtlich provokanten Romane entschuldigen soll. Dan Simmons schl√§gt den Bogen zu den Hardboiled Krimis der sechziger Jahre zur√ľck. In einer Art krimineller Parallelwelt zu einer nichts mehr unter Kontrolle haltenden Ordnungsmacht ist Kurtz im Grunde ein frei anzuheuernder R√§cher.

Im Vergleich zum Auftaktroman hat Dan Simmons die Handlung weiter strukturiert. Verschiedene Spannungsb√∂gen laufen parallel, √ľberschneiden sich im Mittelteil, um dann wieder auseinander zu driften und dann w√§hrend des nat√ľrlich blutigen Finales harmonisch, aber insbesondere in Bezug auf den dominierenden Auftakt zu rasant abgeschlossen zu werden. Eine √§ltere Violinistin bietet Burke, nach einem Serienm√∂rder zu schauen, der sich anscheinend auf j√ľngere Teenager spezialisiert hat. Die Polizei hat zwar die Morde einzelnen erfasst, sieht aber entweder keine richtigen Zusammenh√§nge, obwohl selbst der unbedarfte Leser diese Abwehrhaltung durchschauen kann oder ist unwillig, sich diesem √∂ffentlich unangenehmen Fall zu stellen. Da dieser Handlungsbogen nur ein wichtiger Teilaspekt des ganzen Romans ist, gibt sich Simmons manchmal zu wenig M√ľhe, um √ľberzeugende Ermittlungsarbeit zu beschreiben. Unter dieser Schw√§che litt auch der erste Band. Der Faktor Zufall wird √ľberbetont.
Viel interessanter und aus dem ersten Buch √ľbernommen ist die Auseinandersetzung mit einem Mafia- Boss. Kurtz Verh√§ltnis zu Angelino Farino Ferrara ist ausgesprochen ambivalent. Kurtz hat ohne Frage Respekt vor dem Einfluss des im Gef√§ngnis sitzenden Mafiosi. Er schuldet ihm aus dieser Zeit auch noch reichlich Gefallen, denn innerhalb der Gef√§ngnismauern musste er sich dessen langen Arm beugen. Diese korrupte perverse Hierarchie beschreibt Simmons ausgesprochen lebhaft und unangenehm realistisch. Kaum ist Kurtz in Freiheit und scheint sich nicht mehr an seine aufgezwungenen Verpflichtungen erinnern zu wollen oder zu k√∂nnen, hetzt ihm Ferrara zwei Killer auf den Hals. Anstatt aus dieser Situation Spannung zu generieren, beschreibt Simmons die beiden Attent√§ter im Grunde als unf√§hig. Es erscheint unwahrscheinlich, dass die Mafia au√üerhalb eines fiktiven Romans auf derartig eindimensional klischeehaft beschriebene Auftragsm√∂rder zur√ľckgreifen w√ľrde. Viel gef√§hrlicher sind zwei Polizisten, die ebenfalls von der Mafia bezahlt werden. Sie kennen Kurtz noch aus den Tagen, als er in Buffalo als Detektiv mit Lizenz und Assistentin gearbeitet hat. Einen Aspekt vernachl√§ssigt Dan Simmons aber auff√§llig. Kurtz muss f√ľr seine gef√§hrlichen Auftr√§ge eine Waffe tragen. Er gibt sich sehr viel M√ľhe, die Waffe immer zu verstecken oder leicht wegzuwerfen zu halten. Die beiden ihn beschattenden Polizisten br√§uchten im Grunde nur den richtigen Moment abzupassen, ihn mit der Waffe zu verhaften und ins Gef√§ngnis zur√ľckzubringen, wo er dem Einfluss des Dons nicht entkommen k√∂nnte. Das Eingehen derartiger Risiken sind in einigen Situationen nicht zu verstehen.
Von dieser neben der zu eindimensionalen Charakterisierung mancher Nebenfigur abgesehenen Schw√§che regiert im vorliegenden Band die teilweise √ľbertriebene und deswegen eher unrealistisch erscheinende Gewalt. Kurtz ist ein Mann, der das Gesetz nicht mehr achten muss. Er darf nur keine Unschuldigen t√∂ten, um sich die Sympathien der Vigilantenfans nicht zu verscherzen. Wenn er zwei Mafia Leibw√§chter zu √ľberzeugen sucht, ihm zu helfen, geht er brachial vor und t√∂tet er denjenigen, der √ľber sein Angebot nicht nachdenken m√∂chte. Oder er stellt einen der Attent√§ter vor die Wahl, angeschossen aus dem rasant fahrenden Auto geworfen zu werden oder sein Gl√ľck bei einem Griff ins Lenkrad zu versuchen. Die Aussichten sind in beiden F√§llen schlecht. Nat√ľrlich ist Kurtz ein moralisierender Soziopath; ein selektierender Massenm√∂rder. Er nimmt den √ľberforderten und ausgetricksten Gerichten und Polizeibeh√∂rden, die f√ľr Simmons alle korrupt zu sein scheinen, die Arbeit ab. Er ist Ankl√§ger, Richter und Henker in einer Person. Diese Vorgehensweise ist ohne Frage grenzwertig, da aber alle Opfer ihren Tod verdient haben, kann der Leser Kurtzs Vorgehensweise verstehen. Der Autor bewegt sich immer auf dem schmalen Grad zur geschmacklosen Gewaltpornographie, wobei er sich hinsichtlich sadistischer Exzesse bis auf den M√§dchenserienkiller zur√ľckh√§lt. Wenn Kurtz seine Gegner ein wenig zu stark bedr√§ngt, dann auch nur, weil sie Informationen zur√ľckhalten. Ansonsten w√ľrden sie gleich erschossen werden. Auf der anderen Seite versucht Dan Simmons seinem dominierenden wie dominanten Charakter auch eine weichere Seite zuzuschreiben. Er hat v√§terliche Gef√ľhle f√ľr eine Tochter, die nicht ahnt, dass es ihren Vater √ľberhaupt gibt. Kurtz ist hilfsbereit und bereit, sich f√ľr gef√§hrliche Auftr√§ge auch zu opfern. Er nutzt die Dummheit der Internetgeneration zwar aus, in dem er verschiedene Scheinfirmen zur Geldbeschaffung inklusiv eines Datingservices laufen hat. Aber Kurtz und Simmons machen es deutlich, dass diese einsamen verzweifelten Herzen den Betrug auch verdient haben. Diese moralische Simplifizierung k√∂nnte die Kurtz Romane √ľber das Niveau harter und kurzweiliger Unterhaltung hinaus angreifbar machen. Mit dem Hang zu fast comicartiger √úbertreibung nimmt Simmons seinen Kritikern zumindest teilweise den Wind aus den Segeln.

Nicht nur die winterliche Atmosph√§re Baltimores macht deutlich, dass es ein hartes Leben dort drau√üen ist. Dan Simmons passt die einzigartige Atmosph√§re des sozialen Verfalls zu Beginn des 21. Jahrhunderts sehr gut in die laufende Handlung ein. "Bitterkalt" ist von der Struktur her ambitionierter angelegt als der Auftaktband. Der Leser hat sich an eine Reihe von nicht selten im Hintergrund agierender Figuren gew√∂hnt. Hinzu kommt, dass er Kurtz pragmatisch wie brutale Denkweise inzwischen verstanden, wenn auch nicht immer akzeptiert hat. Wie schon angesprochen wirkt die Kurtz seine Existenz wie Leben bedrohende Handlungsebene authentischer und √ľberzeugender, w√§hrend der eher konstruiert erscheinende Serienkillerfall zu wenig in den eigentlichen Roman integriert worden ist. Der Festa Verlag hat die deutsche Taschenbuchausgabe mit einem einfachen, aber griffigen Titelbild versehen.


Dan Simmons: "Bitterkalt"
Roman, Softcover, 384 Seiten
Festa- Verlag 2013

ISBN 9-7838-6552-2269

Weitere BŁcher von Dan Simmons:
 - Eiskalt erwischt
 - Flashback
 - Helix
 - Im Auge des Winters
 - Terror
 - Welten und Zeit genug

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