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Thriller



Andreas Gruber

Die EngelmĂŒhle

rezensiert von Thomas Harbach

Mit “Die EngelsmĂŒhle” legt der österreichische Autor Andres Gruber nach “Schwarze Dame” seinen zweiten Kriminalroman um den Versicherungsdetektiv und privaten Ermittler Peter Hogart vor. Spielte der erste Roman teilweise noch in Prag, konzentriert sich Andreas Gruber auf seine Wiener Heimat. Zu den stĂ€rksten Passagen des deutlich geradliniger, aber simplifizierter als zum Beispiel “Schwarze Dame” angelegten Romans gehören die Beschreibungen der österreichischen Heimat und ihrer oft mystisch verklĂ€rten Heimat. Peter Hogart gerĂ€t durch einen Anruf seines Bruders an diesen neuen Fall. Dieser ruft Hogart an, weil ein bekannter RĂŒckenmarksspezialist ihm eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen hat. In der gleichen Nacht wird der Spezialist Abel Ostrovsky in seiner Villa am Stadtrand gefoltert und ermordet. Gemeinsam fahren Peter und Kurt Hogart zur Villa. Durch einen Zufall findet Peter Hogart das Versteck einer fehlenden Videokassette. Auf dem Band wird nur eine im Rollstuhl sitzende Frau bei ihren Übungen beobachtet. Das Band ist offensichtlich einige Jahre alt. Parallel erhĂ€lt Peter Ho9gart noch den Auftrag, fĂŒr eine Versicherung zu ĂŒberprĂŒfen, ob ein Großbrand bei einer Krankenkasse nicht doch Brandstiftung gewesen ist. Verzweifelt versucht Hogart die Ermittlungen parallel laufen zu lassen, ohne die ZusammenhĂ€nge zwischen diesen beiden FĂ€llen, einer sich nach dem Mord an Ostrovsky rasant entwickelnden Mordserie, zweier Schwestern und schließlich einem Unfall zu erahnen, der sich vor mehr als zwei Jahren abgespielt hat.

Wie schon angesprochen ist “Die EngelsmĂŒhle” ein deutlich stringenterer Roman. Obwohl sich zu Beginn des Buches mehrere FĂ€lle ĂŒberkreuzen, gelingt es Andreas Gruber erstaunlich routiniert und teilweise souverĂ€n, die einzelnen Fakten zu einem Fall zu verbinden. Der Leser bleibt immer auf Augenhöhe seines Ermittlers, wobei manche Vorgehensweise erstaunlich konstruiert wirkt. So könnte der Verdacht schnell von Peter Hogarts Bruder genommen werden, wenn er sein Alibi Preis geben wĂŒrde. Immerhin muss er zwischen einer GefĂ€hrdung seiner Ehe und einer lebenslangen Haftstrafe wĂ€hlen. Es tauchen weitere belastende Beweise auf, fĂŒr die es nicht immer nachvollziehbare Spuren gibt. So erhĂ€rtet sich der Verdacht, das Kurt Hogart der TĂ€ter sein könnte, weil er in seiner Praxis entsprechende betĂ€ubende und verschreibungspflichtige Medikamente hat, die bei den Morden benutzt worden sind. Da es ausgeschlossen ist, das er der TĂ€ter ist, muss der eigentliche Mörder auch ĂŒber diese ZugĂ€nge verfĂŒgen und vor allem aus dem “Nichts” heraus entschlossen sein, eine falsche Spur ĂŒberzeugend zu legen. In dieser Hinsicht setzt Andreas Gruber PrĂ€missen fest, die seine Charaktere auf den ersten Blick nicht immer erfĂŒllen können. Ein weiterer Schwachpunkt des Buches ist die fehlende Breite der Charaktere. Der Leser traut Andreas Gruber insbesondere nach der LektĂŒre von “Schwarze Dame” nicht zu, das er auf den letzten Seiten einen TĂ€ter aus dem Nichts heraus prĂ€sentiert. Also bleiben im Grunde nicht zwei VerdĂ€chtige, von denen sich in klassischer “Psycho” Manier eine Figur in die TĂ€terpoolposition bewegt. Ab der Mitte des Romans ist der Leser seinem privaten Ermittler deutlich voraus und ahnt spĂ€testens nach einer bergigen Tatortbegehung, wer nur der TĂ€ter sein kann. UnabhĂ€ngig von dieser plottechnischen SchwĂ€che, die nur mit Hilfe weiterer interessanter Figuren ĂŒberdeckt hĂ€tte werden können, gelingt es Andreas Gruber trotzdem, die eigentlichen Ermittlungen und die Suche nach den harten Beweisen interessant und packend zu beschreiben.

Sehr viel interessanter ist die Wiener Umgebung, in welcher sich Andreas Gruber bewegt. Ihm gelingt es, ein morbides, aber faszinierendes Bild der Stadt Wien zu zeichnen. UnauffĂ€llig erlĂ€utert er die Geschichte einzelner GebĂ€ude und zeigt an anderen Stellen den typischen Wiener SchmĂ€h. Die Liebe zu seiner Heimatstadt ist an vielen Passagen des Buches gut abzulesen. Dabei wirkt Andreas Gruber in seiner Vorgehensweise nicht aufdringlich oder wie ein TouristenfĂŒhrer. Wie in seinen bisherigen Arbeiten fĂŒr den Festa- Verlag “Der Judas- Schreiben” und “Schwarze Dame” beschreibt Andreas Gruber - um cineastisch zu sprechen - die Sets liebevoll und diese teilweise sehr detaillierten HintergrĂŒnde gehören immer zu den ausdrucksstĂ€rksten Passagen seiner BĂŒcher. Die teilweise noch zu stark konstruierten Plots reichen an diese bewundernswerte QualitĂ€t noch nicht heran.

Das Entwickeln und im Verlaufe des Plots “Erwecken” von liebenswerten, aber auch exzentrischen Charakteren zeichnet eine Reihe seiner Romane und vor allem seiner Novellen aus. In dieser Hinsicht gehört “Die EngelsmĂŒhle” sicherlich zu Grubers stĂ€rksten Arbeiten. “Schwarze Dame” hat Andreas Gruber sehr cineastisch angelegt und vor allem auf gut beschriebene Actionszenen Wert gelegt. Die Hinweise auf alte Filme - es beginnt mit dem Diebstahl des Wallace Streifens “Der Zinker” , allerdings noch der VHS Videokassette - sind gut gesetzt. Auch wenn Andreas Gruber in der Mitte des Buches die Leser mit Hinweisen auf Tod Brownings “Freaks” abzulenken. Dabei interpretiert der Wiener die Fakten eher eigenwillig. Tod Browning gehörte zu den angesehenen Regisseuren des frĂŒhen Hollywood und verfĂŒgt mit Lon Chaney ĂŒber einen charismatischen und wandlungsfĂ€higen Star. “Freaks” hat Brownings Karriere zerstört, aber es handelt sich nicht wie hier impliziert um einen Regisseur aus dem Nichts heraus, der mit seinem provokativen Film seine Karriere vor ihrer Entstehung beendet. Aber wie schon angesprochen ist dieser Hinweis insbesondere in Hinblick auf die Charaktere eine falsche Spur. “Die EngelsmĂŒhle” erinnert an die klassischen Thriller, welche Alfred Hitchcock ab den fĂŒnfziger Jahren in den USA inszenierte. Die Motive Schuld und Wahnsinn werden von Andreas Gruber eher oberflĂ€chlich untersucht. Die AnsĂ€tze sind vorhanden, aber schnell driftet der Autor in die bekannten Klischees ab und macht es sich in Hinblick auf die HintergrĂŒnde zu einfach. Gruber bemĂŒht sich, abgesehen von seinem aus dem ersten Band bekannten und in “Die EngelsmĂŒhle” weiter herausgearbeiteten Protagonisten Peter Hogart, gute, dreidimensionale Figuren zu entwickeln. So ist sein Bruder Kurt ist ein spießiger, eher langweiliger Ehemann, der in seinem Beruf Erfolg hat, sich ĂŒber seine exzentrische, ihn ganz bewusst provozierende Tochter Ă€rgert und den Sinn des Lebens und seiner mĂ€nnlichen ErfĂŒllung in einer AffĂ€re sucht. Peter Hogart ist zumindest hinsichtlich des Privatlebens und seiner Berufsauffassung das Gegenteil als einsamer Junggeselle, der allerdings gut bei Frauen landen kann - alleine drei ehemalige Beziehungen bzw. Anbahnungsversuche werden in diesem Roman beschrieben -, sich aber nicht sicher ist, ob er nach einer gescheiterten Ehe sich wirklich noch einmal binden möchte. Wo bei Kurt Hogart vordergrĂŒndig Ordnung herrscht, regiert bei Peter Hogart das Chaos. UnabhĂ€ngig davon gelingt es ihm, den Kopf seines Bruders zu retten. Er kann seinen Bruder und dessen Spießigkeit nicht unbedingt ab, aber ihn als Mörder zu verhaften, geht ihm persönlich gegen die Ehre. Diese inneren WidersprĂŒche arbeitet Andreas Gruber sehr gut heraus. Sie geben Peter Hogart als Mensch eine sympathische Tiefe, welche den Roman ĂŒber seine teilweise zu konstruiert erscheinenden Passagen trĂ€gt.

Die Polizisten sind korrupt - das hilft Hogart bei seinen Ermittlungen - oder spießig. Sie sind immer einen Schritt zurĂŒck und versuchen mit Hilfe einer im Grunde nur theoretischen AutoritĂ€t Hogarts Ermittlungen zu behindern bzw. zu stoppen. Die Versicherungsvertreter bis auf die natĂŒrlich ĂŒberdurchschnittlich attraktive direkte Ansprechpartnerin sind verschlagen, heimtĂŒckisch, spießig und besessen, das durch die VersicherungsprĂ€mien verdiente Geld zu behalten. Gruber zeichnet seine Nebenfiguren teilweise bis an die Grenze der Parodie und lockert mit dieser Vorgehensweise seine dunkle Handlung ein wenig auf. Das Problem des vorliegenden Romans sind die potentiellen Antagonisten. Es sind zu wenige und mehr ĂŒber diese Figuren zu beschreiben, hieße die insbesondere Krimilesern bekannte PrĂ€misse zu verraten. Gruber bemĂŒht sich, die entsprechenden Figuren nuanciert zu beschreiben und falsche Hinweise zu legen. Da aber gleich zu Beginn des Buches eine Reihe von Fakten manchmal impliziert, aber ĂŒberdeutlich auf den Tisch kommen, ahnt der Leser schnell, wer der einzige wirkliche TĂ€ter sein muss. Trotz aller Ambivalenz ĂŒberzeichnet Andreas Gruber diese Figur. Sie sticht zu sehr aus dem Plot heraus. Es wĂ€re eine positive Überraschung, wenn der Autor auf den letzten Seiten noch eine ĂŒberraschende Wendung in die Handlung integriert hĂ€tte. Von der Charakterseite her hat er zu wenige Alternativen und kann nur bedingt falsche Spuren legen.

UnabhĂ€ngig von dieser SchwĂ€che ist “Die EngelsmĂŒhle” nicht zuletzt dank Andreas Grubers ausgeprĂ€gten FĂ€higkeiten als ErzĂ€hler eine unterhaltsame und kurzweilige LektĂŒre. Der Roman lebt in erster Linie von Peter Hogart, dem Privatdetektiv zwischen allen Fronten, der diesen Fall wieder mit einer Portion GlĂŒck, Intuition und vor allem dickköpfigen Durchhaltevermögen sowie herauszustellen persönlichem Interesse löst. Der Leser ist schon aus dem ersten Band mit dieser gut gezeichneten Figur vertraut. Geschickt fĂŒgt Andreas Gruber weitere Hintergrundinformationen unauffĂ€llig hinzu und rundet der Protagonisten ĂŒberzeugend ab. Die einzigartige AtmosphĂ€re der Wiener Hauptstadt mit ihrer mannigfaltigen Geschichte gibt dem Buch ein fast einzigartiges Flair, das alleine durch den etwas zu simpel und aus verschiedenen Thrillern zu bekannten Plot nicht ganz zufrieden stellend unterstĂŒtzt wird.


Andreas Gruber: "Die EngelmĂŒhle"
Roman, Softcover, 272 Seiten
Festa Verlag 2008

ISBN 9-7838-6552-0907

Weitere Bücher von Andreas Gruber:
 - Das Eulentor
 - Der fĂŒnfte Erzengel
 - Der Judas-Schrein
 - Rachesommer
 - Schwarze Dame
 - Todesfrist

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