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Thriller



andrew vachss

Der Fahrer

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „The Getaway Man“ legt der amerikanische Anwalt für missbrauchte Kinder und durch seine Romane um den brutalen Antihelden und Detektiv Burke bekannte Andrew Vachss nicht nur seinen ersten serienunabhängigen Roman seit seinem Ausflug in die Welt Batmans vor, sondern erschließt sich selbst und seiner Leserschaft einen neuen, alten Bereich des Hard Boiled detektiv Romans. Wie der Film Noir in erster Linie ein Metier der B- Pictures Hollywoods gewesen ist, sind die schnell herunter geschriebenen Dime Novels als logische Nachfolger der Pulpmagazine am Beginn der Taschenbuchära nur selten von herausragender Qualität. Autoren wie Jim Thompson, John D. MacDonald und David Goodies ragten aus den zahllosen Veröffentlichungen mit ihren nihilistischen, dunklen Stoffen heraus, in denen das alt bekannte Motto „Crime does not pay“ zwar nicht gänzlich auf den Kopf gestellt, aber zumindest sehr weit gedehnt worden ist. In heutiger Zeit gehören Autoren wie Joe Landsdale, Max Allan Collins und Stephen King mit der Neuveröffentlichung von „Blaze“ sowie „the Colorado Kid“ und jetzt auch Andrew Vachss zu einer neuen Generation von Dime Novel Autoren, welche ihre Stoffe nicht mehr unter kommerziellen schwierigsten Umständen niederschreiben, sondern es als Herausforderung ansehen, die alten Zeiten in einem modernen, aber authentischen Gewand wieder zu leben. So ist es beim 2003 in den USA veröffentlichten kurzen Roman „The Getaway Man“ – so wird der Fahrer des Fluchtautos bei Überfällen genannt – keine Überraschung, das die erste Hälfte des hinsichtlich seines Endes überraschend in der Ich- Perspektive geschriebenen Romans Themen aus den Burke- Romanen aufgreift, während die zweite viel interessantere Hälfte des Plots im Grunde eine klassisch zu nennende Kombination aus Jim Thompson Romanen und einer cineastischen Hommage an die coolen, aber unter der Haut sehr empfindlichen Typen aus Walter Hill und Michael Mann Filmen ist.

Eddie hat nur einen Wunsch im Leben. Er möchte Fahrer werden. Kein Rennfahrer, sondern Fluchtautos fahren. Nicht weil er in seinem tiefsten Herzen ein Krimineller ist. Ihn reizt der Augenblick, in dem es auf ihn, auf den Fahrer nach einem Coup drauf ankommt, ob man im Knast landet oder die Beute teilen kann. Andrew Vachss baut seinen Hauptcharakter auf den ersten Blick verblüffend ein, fast naiv auf, um im Verlaufe der stringenten, mehrere Jahre umfassenden und nicht immer wirklich chronologisch erzählten Handlung ein überraschend komplexes psychologisches Profil eines Träumers mit Ambitionen und fehlender Lebenserfahrung zu präsentieren.

Gleich zu Beginn des Buches – für den Leser im Grunde zu einem nicht näher bestimmbaren Zeitpunkt in Eddies Leben – stellt er sich den Lesern vor. Er berichtet von seinen Erfahrungen im Gefängnis, wo er nach mehreren Autodiebstählen wie auch Fahren ohne Fahrerlaubnis seine Strafen absitzt. Er akzeptiert die bedrückende Atmosphäre und berichtet von der sexuellen Gewalt wie auch den strengen Hierarchien distanziert und ohne Emotionen. Über allem steht sein Drang, seine Passion, später Fluchtwagen zu fahren. Zu Beginn seiner Karriere hat Eddie Glück, das der Überlebende eines kriminellen Bruderpaares ihn schütz und als dumm darstellt, damit er nicht auch wegen Mordes an einem Filialleiter angeklagt und hingerichtet wird. Das zweite Mal hat Eddie Glück, als er J.C. trifft. Zusammen mit seinem Komplizen Guss plant das Superhirn J.C. komplexe Straftaten. Er lehrt Eddie, nicht nur auf sich aufzupassen, sondern die wichtigsten Regeln, um gegenüber der Polizei nicht aufzufallen. Vachss nimmt sich unglaublich viel Zeit, Eddie als komplexen, einfach gestrickten, aber sympathischen Charakter zu etablieren. Er ist ehrlich, so weit man es von einem Kleinkriminellen sagen kann. So weißt er als einziger eine Witwe darauf hin, dass der Wagen ihres Mannes – eines örtlichen Pfarrers – trotz des desolaten Zustandes mehr wert ist als Eddie bezahlen kann. Die Ehrlichkeit rührt die Witwe und sie verkauft den Thunderbirds 56 an Eddie, der ihn in mühevoller Eigenleistung zwischen den Coups mit dem Geld aus den Überfällen repariert und wieder herstellt. Eddies Charakter wird nicht nur von seiner Besessenheit dominiert, einer der besten Fluchtwagenfahrer zu werden. Er lehnt Schauspieler mit Ryan O´Neil in der „Driver“ Rolle im gleichnamigen Walter Hill Film ab, während insbesondere Barry Newman in „Vanishing Point“ ihm imponiert. Das nihilistische Ende negiert er, in dem er – in einer der vielen kleinen überraschenden Thesen, die Vachss in die Handlung integriert – in diesem Fahrer jemanden sieht, der zwischen den riesigen Bagger die Fluchtlinie noch erkennen kann. Seine Umgebung manipuliert Eddie und nutzt seine Naivität bis zu einem gewissen Grad aus. Dieser scheinbaren Sicherheit krimineller Familien verschreibt sich Eddie, bis er sich schließlich in Vonda – J.C.s Freundin – verliebt. Es ist nicht nur Eddies sympathische Naivität und seine für die heutige Zeit ungewöhnliche, widerspruchslose Treue, die ihn aus dem geraden und leider teilweise hervor sehbaren Plot herausragen lassen. Vachss bricht keinen Stab über seiner Figur, sondern zeigt auf, das Eddie aufgrund seines Traums keine Alternative zu diesem Leben hatte. Für ihn ist das Verbrecherleben wie für den Leser seine durchschnittliche bürgerliche Existenz. Seine Lebenserfahrung bezieht der Junge aus einer Handvoll Filme – neben „Driver“ und „Vanishing Point“ spielen „Moonshine Highway“ und der einzige, aber elementare Film ohne einen Fahrer „Denn sie wissen nichts, was sie tun – seine ganze Lebenserfahrung und ist hinsichtlich seiner rührend naiven Beziehung zu der lasziven und von Vachss bis zum Klischee stilisierten Vonda vollkommen überfordert. Selbst Gus und J.C. als zwei wichtige, die zweite Hälfte des Buches direkt oder indirekt dominierende Figuren sind eher eindimensional bis lustlos gezeichnet. Der Fokus der Handlung liegt alleine auf Eddie. Der Unterschied zum „Helden“ Burke könnte nicht größer sein. In Burkes Fall überschneidet sich das Gesetz mehr zufällig mit Burkes eigenem Lebenskodex. Burke wird von Andrew Vachss absichtlich bis zum Fürchten überzeichnet, während Eddie im Grunde ein Mensch ist, der keiner Fliege etwas tun kann und nur fahren möchte. Beide kommen aus Randbereichen der Gesellschaft und beide Charaktere leben in der existentiellen Grauzone. Im Gegensatz zum kompromisslosen Burke sucht Eddie direkt oder indirekt Anerkennung und wird zu einer Art modernem Chamäleon. Beide Figuren leiden unter ihrer dunklen, von der eigenen Vergangenheit gebrochenen Psyche. So fliehen beide Männer in gebrochene soziale Lebensgemeinschaften, deren unterschiedliche Bestandteile ihnen die Familie ersetzen. Burke liebt es, seinen Leser die Schatten zu zeigen, die seine einzigartigen, sich immer am Rand zum Psychopathen bewegenden Figuren werden. Während der Autor aber in den Burke- Romanen liebend gerne nur auf den ersten Blick unwichtige Nebenhandlungen, Rückblicke und persönliche Schicksale integriert, hat sich Vacchs bemüht, die Handlung im vorliegenden serienunabhängigen Roman bis zum Exzess zu komprimieren. Kein Dialog scheint überflüssig, keine Actionsequenz zu lang. Zu Lasten dunkler oder nihilistischer Atmosphäre verzichtet der Autor auf lange Beschreibungen oder gar Hintergrundinformationen. Wie in Michael Manns besten Filmen – siehe die Actionszenen in „Heat“ – sind diese Informationen für den Plot überflüssig. Die tragische Geschichte entwickelt sich fast ausschließlich in der Phantasie der Leser, bevor dieser auf den letzten drein Seiten vom Geschehen fast überrollt wird. Hier liegt auch die größte Schwäche des Buches. J.C. ist ein intelligenter und vorsichtig planender Gangster, der alles Mögliche unternimmt, um seien Spuren vom ersten Augenblick an zu verwischen. Die Versuchung, einen letzten sehr erfolgreichen Coup mit derartigen Risiken zu landen, scheint plottechnisch konstruiert. Schon einige Seiten vorher hat Vachss unterstrichen, mit welcher krimineller Energie und brutaler Rücksichtslosigkeit J.C. Schwierigkeiten und Hindernisse beseitigt oder beseitigen lässt. Darum ist es unverständlich, dass J. C. den finalen Überfall nach geplanten Muster weiterführt, als dieser nach den ersten Sekunden aus dem Ruder läuft. Viel gescheiter wäre es gewesen, lästige Fäden gleich abzuschneiden. Die Chance, aus der fehlgeschlagenen Planung doch noch mit heiler Haut herauszukommen, wäre viel größer gewesen. Vachss fehlen die Argumente, J.C.s Handeln für den Leser überzeugend zu erklären. So läuft alles auf die finale Konfrontation zu, die in den letzten beiden, so überraschend wie bestürzenden zwei ZEILEN des Buches kumulieren. Ganz bewusst und sehr routiniert hat Vachss auf diese Auflösung des Plots hingearbeitet. Die Wirkung ist perfekt kalkuliert und rückt „Getaway Driver“ endgültig in den Bereich der erst viele Jahre nach ihrem Erscheinen so geschätzten Dime Novels eines Jim Thompson oder den dunklen Hard Boiled Romanen eines David Goodies oder Cornell Woolrich. Unauffällig, aber sehr geschickt baut Andrew Vachss zahllose Querverweise auf bekannte wie auch weniger bekannte Klassiker des Film Noir, des Hard Boiled Romans und schließlich auch der modernen Gangsterfilme in seinen rasant wie ein Sportwagen geschriebenen Text ein und erhöht dank der Anlehnung insbesondere an die bekannten Hollywoodillusionen die Scheinrealität des Plots. Ein Meisterwerk von ungewöhnlich eindringlicher, aber weder kitschiger noch naiver Intensität, das dem Leser noch lange nach Ende der Lektüre wie auf der Flucht förmlich im Kopf herumfährt.



andrew vachss: "Der Fahrer"
Roman, Softcover, 224 Seiten
Rowohlt Verlag 2008

ISBN 9-7834-9924-7545

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