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Thriller



Ralf Isau

Der Mann, der nichts vergessen konnte

rezensiert von Thomas Harbach

Nach „Die Dunklen“ legt Ralf Isau einen weiteren, dieses Mal deutlich moderner angelegten Thriller vor. In beiden Büchern geht es um Verschwörungstheorien und Verschwörungen, die aus tiefster Vergangenheit Einfluss auf die Gegenwart haben könnten. Es ist allerdings das einzige Element, das die beiden Bücher Isaus miteinander verbindet. Wie es sich für einen Thriller gehört, beginnt der Roman „Der Mann, der nichts vergessen konnte“ mit einem Paukenschlag, denn Tim Labin kann bis auf eine einzige Szene aus seinem Leben nichts vergessen, was er einmal gesehen, gelesen oder gehört hat. Dieser einzige Abend – dem Leser werden die Vorgänge in Form eines Rückblicks ausführlich beschrieben – ist die Ermordung seiner Eltern ausgerechnet an dem Abend, als in der ehemaligen DDR die Grenzbäume aufgingen. Mit knapper Not konnte sich Labin aus dem von den Mördern angesteckten Haus retten. Im Krankenhaus wird seine einmalige Fähigkeit durch ein Schachbuch geweckt, das er von einem Unbekannten geschenkt bekommen hat. Es folgt in Hinblick auf seine Person ein Zeitsprung von fast zwanzig Jahren, in denen Labin zum anerkannten Wissenschaftler und Sprachgenie heranreift. Schachweltmeister ist Labin zu Beginn des Buches auf unsportlichem Wege geworden, weil er die verschiedensten Züge auswendig gelernt hat. Durch einen Zufall lernt Labin die hübsche Wissenschaftlerin JJ kennen. Im Gegensatz zu Labin kennt der Leser einen Teil ihrer Vergangenheit. Sie gehörte zu einer kleinen Elitegruppe von Computerspezialisten und Hackern, die für eine amerikanische Behörde das Netz vor dem aufkommenden Cyberwar sichern sollten. Bei ihren Übungen haben sie verschiedene kommerzielle Ziele angegriffen. Zu den überzeugenden Passagen Isaus Romans gehört sicherlich das Aufzeigen der menschlichen Naivität und des gegenseitigen Vertrauens auch unbekannten Gesprächspartnern gegenüber, die viel effektiver und Zielführender ist als jegliche Spionage. Die Scheinangriffe dieser Gruppe führen schließlich eine amerikanische Versicherung auch in der Realität an den Rand des Konkurses. Nicht zuletzt aufgrund dieser Tatsache löst sich JJ aus der Gruppe und arbeitet zukünftig als anerkannte Dozentin wieder an einer Universität. Ihre Vergangenheit kann sie aber nicht ganz ablegen.

Es tauchen plötzlich Hinweise auf, dass die amerikanische Unabhängigkeitserklärung unvollständig ist und dass die Gründerväter der USA in Wirklichkeit ein anderes Dokument unterschrieben haben. Dieses Dokument könnte den USA nur eine zeitlich begrenzte Unabhängigkeit vom Mutterland England zugestehen. Und diese auch nur gegen regelmäßige Zahlungen aus dem Handelsüberschuss. Nicht auszudenken, wenn diese Vermutung sich beweisen ließe. Labin soll bei der Übersetzung dieser Dokumente helfen, um die USA vor der eigenen unbekannten Vergangenheit zu schützen. Es ist sicherlich kein Zufall, das Labin ausgerechnet mit einem Teil der europäischen Hüter dieses Dokuments verwandt ist, das er im Grunde das einzige Genie ist, das nicht nur die vorhandenen Dokumententeile übersetzen kann, sondern darüber hinaus sich in die attraktive JJ verliebt, verschiedenen Attentaten entkommt und schließlich das Versteck dieses Dokumentes und des ebenfalls dort vergrabenen Schatzes findet. Es ist sicherlich kein Zufall, dass die geheime amerikanische Organisation, welcher JJ angehört hat, plötzlich unter der Führung ihres ehemaligen Chefs wieder an sie herantritt und berechtigte persönliche Interessen verfolgt. Es ist sicherlich kein Zufall, dass Labin zur Zielscheibe von Attentätern wird. Für den bislang in einem intellektuellen Nirvana schwebenden Labin eine neue Erfahrung. Im Verlaufe der turbulenten Ereignisse beginnt er natürlich sehr viel mehr als Kameradschaft für JJ zu empfinden, die sich plötzlich zwischen ihrer Pflicht fürs Vaterland und einem potentiellen Geliebten entscheiden muss.

Ralf Isaus Thriller „Der Mann, der nichts vergessen konnte“ ist mit knapp vierhundertsechzig Seiten ein rasant geschriebener Thriller, der allerdings rückblickend auch vorhersehbar und mechanisch wirkt. Beginnt man die Kritik beim originären Plot, so entpuppt sich das Buch wie einige andere Veröffentlichungen in letzter Zeit als eine kleine Mogelpackung. Wie oft ist in modernen Thrillern die Suche wichtiger als das Ergebnis? Nicht selten sind die letzt endlich gefundenen Erkenntnisse nebensächlich oder werden plottechnisch eher beiläufig abgehandelt. Diese Oberflächlichkeit zeichnet auch Ralf Isaus neusten Roman aus. Am Ende des Buches finden – keine Überraschung – sich die Guten wie auch die Schurken letzt endlich am Versteck der Dokumente ein. Diese werden gelesen, die Informationen, allerdings nicht die Originale an die Weltpresse weitergegeben. Die bestürzenden Erkenntnisse prallen an der sich weiter drehenden Erde im Grunde ab. Politiker treffen sich und vereinbaren, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Die Schurken haben nicht zuletzt aufgrund der Unsicherheit der Märkte in Hinblick auf die Immobilienkrise – daran lässt sich vordergründig erkennen, wie aktuell der Roman sein soll – sehr viel Geld verdient, können es natürlich am Ende des Buches nicht mehr ausgeben. Nur die Prämisse ist faszinierend, im Gegensatz allerdings zu seinem letzten Roman „Die Dunklen“ macht es sich Ralf Isau mit vielen mechanisch integrierten Elementen viel zu leicht und die Auflösung des Plots wirkt viel zu einfach.

In Hinblick auf die Charakterisierung seiner Figuren hat sich Ralf Isau ein wenig mehr Mühe gegeben. Zu Beginn des Buches lernt der Leser den Exzentriker Labin sehr gut kennen. Er ist sich seiner Stärken und menschlicher Schwächen sehr wohl bewusst, nutzt die aus seiner Sicht eher oberflächliche und sensationslüsterne Öffentlichkeit aus, um erstens seine Marotten auszuleben und zweitens genügend Geld zu verdienen, um sein Leben angenehm zu gestalten. Im Verlaufe der Suche nach diversen Hinweisen bzw. der Entschlüsselung der chiffrierten Botschaften „wacht“ Labin quasi aus seinem emotionalen Dornröschenschlaf auf, beginnt sich natürlich in einer wichtigen Szene an den Abend, als seine Eltern ums Leben gekommen sind, zu erinnern. Er setzt seine überdurchschnittliche Intelligenz sehr zielstrebig ein, erwacht als Mann, in dem er sich in JJ verliebt und wächst schließlich im entscheidenden Moment über sich hinaus. Trotzdem gelingt es Ralf Isau nach anfänglich sehr guten Szenen nicht, die Distanz zwischen Charakter und Leser nachhaltig zu überbrücken. Labin wirkt intellektuell zu perfekt, ein wenig zu arrogant, emotional unsicher, aber nicht unheilbar. Seine Partnerin JJ ist natürlich eine sehr attraktive, sehr intelligente Frau, die erst ihren Liebhaber und dann ihren Stiefbruder verliert. Sie ist in Afghanistan geboren worden, bis zum 14. Lebensjahr im muslimischen Glauben erzogen, dann in die Staaten gewechselt und hat sich aus Überzeugung der amerikanischen Organisation angeschlossen. Anscheinend wären geborene Amerikaner zu nationalistisch gewesen. Als rechte Hand ihres Abteilungsleiters hat sie ein kleines Team trainiert, sie kann sehr gut schießen und ist auch in Selbstverteidigung fast unüberwindbar. Anfänglich findet Labin als Kollegen interessant, aber nicht attraktiv. Später verliebt sie sich natürlich in den Mann, die beiden kommen sich näher. Wäre JJ nicht ebenfalls intelligent und attraktiv, könnte der zynische Leser von einer Kombination aus Verstand und Hand sprechen. Im Gegensatz zu Labin hat Ralf Isau sie nicht so eindimensional vorhersehbar gezeichnet und ihr zumindest eine emotionale Zwickmühle aufgebürdet. Mit dem Fortschreiten ihrer Beziehung zu Labin – so muss sie sich natürlich zwischen Mann und angeblich Vaterland entscheiden – verliert sie deutlich an Charisma. Dr. Emil W. Kogan ist Jahrelang ihr Mentor gewesen, er stiftet sie auch an, wegen des geheimnisvollen Code, Labin um Hilfe zu bieten. Er ist ihr Ansprechpartner und Vorgesetzter bei der amerikanischen Behörde gewesen. Ohne zu viel vorweg zu nehmen, er ist auch der einzige wirklich obskure Charakter und am Ende überrascht es niemanden, das es ihm schon lange nicht mehr um die Verteidigung der amerikanischen Staaten vor das System stürzenden Enthüllungen geht, sondern nur noch um Geld. Erinnerungen an den Film „Sneakers- die Lautlosen“ kommen auf. Ralf Isau hat sich ein wenig zu sehr von dem Streifen in Hinblick auf große Teile seines Plots inspirieren lassen.

Weiterhin schließt sich in Kogans Figur der Kreis für Labin. Auch wirkt die Wendung, welche diese Figur im Verlaufe des Romans erfährt, nicht immer überzeugend. In den ersten Kapiteln, in denen der Wissenschaftler sein Team auf ihre elementare Stellung in einer computerisierten Verteidigungsstrategie vorbereitet, überzeugt er als intellektueller Anführer und vor allem Mann, der fast zynisch mit beiden Beinen auf dem Boden steht und die Chance/ Risikoverhältnisse sehr gut abwägen. Ginge es ihm nur um Geld, könnte er mit tatsächlichen Attacken das System viel effektiver aus den Angeln heben als umständlich nach der richtigen Unabhängigkeitserklärung – dem klassischen plottechnischen MacGuffin – zu jagen. Als er gegenüber JJ und Labin sein eigentliches Ziel offenbart, kann der aufmerksame Leser nur schmunzeln. Dieses Ziel hätte er im Verlaufe des Plots mehrmals angesichts der von Ralf Isau immer wieder eher oberflächlich zitierten Unruhen an den Kapitalmärkten außerhalb der Gerüchte um eine andere Unabhängigkeitserklärung mit diversen Verpflichtungen erreichen können. Wie auch Labin verliert Kogan im Verlaufe des Plots an Format und wird zu einem ehr langweiligen Schurken degradiert. Alle anderen Nebenfiguren decken diverse Klischees des modernen Thrillers ab, wirken eindimensional und nur selten wirklich mit Einfühlungsvermögen gezeichnet.

Ralf Isaus „Der Mann, der nichts vergessen konnte“ ist kein schlechtes Buch, es ist allerdings auch kein gutes Buch. Wer seine Thriller mit einer interessanten Prämisse dann geradlinig, um nicht sogar von simpel zu sprechen entwickelt mag, wird an der eher leichten und die Aufmerksamkeit nicht immer fordernden Lektüre seine Freude haben. Ralf Isaus Stil ist angenehm flüssig zu lesen, die Dialoge sind überzeugend geschrieben, eine Reihe von Szenen verfügen über solide geschriebene Cliffhangar und die einzelnen Spannungsbögen innerhalb der übergeordneten Suche nach dem wichtigen Dokument sind gut gesetzt. Aber es fehlt der Geschichte das Herz, die Emotionen. Vergleicht der Leser den Roman mit seinem letzten ebenfalls im Piper Verlag erschienenen Buch „Die Dunklen“, fällt „Der Mann, der nicht vergessen konnte“ sowohl plottechnisch als auch intellektuell stark ab. Vor allem gelingt es Ralf Isau nicht, die grundlegende Idee einer Kolonie USA mit einer begrenzten Autonomie wirklich überzeugend in unserer aus den Angeln gehobenen Realität mit der kurzen Lunte an einem gigantischen Pulverfass zu extrapolieren. Diese fehlende Entschlossenheit ist das größte unentschuldbare Manko dieses Buches.

Ralf Isau: "Der Mann, der nichts vergessen konnte"
Roman, Hardcover, 462 Seiten
Piper 2008

ISBN 9-7834-9270-1419

Weitere Bücher von Ralf Isau:
 - Die Dunklen
 - Die zerbrochene Welt

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