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Thriller



Wolfram Fleischhauer

Der gestohlene Abend

rezensiert von Thomas Harbach

Wer glaubt, das Wolfram Fleischhauer mit seinem bislang sechsten längeren Werk einen klassischen Campus- Roman abliefert, der irrt sich. Schuld und Sühne, Verantwortung und Vertuschung sind die großen Themen des vorliegenden, sehr stringenten Buches. Aber auch Autobiographisches fließt im letzten Kapitel wie das Schließen einer Moebius- Schleife in die Geschichte des jungen Ich- Erzählers und Gaststudenten an einer der renommiertesten amerikanischen Universitäten in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts ein. Auf den ersten Blick irritiert die Rückversetzung der Geschichte um eine fast eine Generation. Erst in letzten Kapiteln offenbart sie sich als literarische Notwendigkeit, um aufzuzeigen, dass es erstens um direkte Begegnungen und deren Einflüsse auf das eigene Denken geht und zweitens Fleischhauer auf sehr geschickte Weise die Erfahrungen dreier zwanzigjähriger junger Männer aus zwei sehr unterschiedlichen Zeiten impliziert miteinander verbindet. Auch wenn das Ende des Buches ein wenig zu pathetisch belehrend ist und die intelligenten Denkanstösse Fleischhauer teilweise mit dem Holzhammer zu unterstreichen sucht, ist „Der gestohlene Abend“ vom rückblickend ungewöhnlich passenden Titel bis zur intellektuellen Diskussion in einer Art integriertem Epilog ein spannender Thriller, eine etwas hölzerne Liebesgeschichte und vor allem eine Auseinandersetzung mit einer Zeit, die alles passend macht und das Schlechte solange zerredet, bis die Fragmente unkenntlich sind.

Im Gegensatz zu vielen seiner bisherigen Romanen fließen die Vergangenheit - verschüttet, versteckt, aber nicht auslöschbar - und die Gegenwart zusammen und bilden die kraftvolle, diskussionswürdige und vor allem zeitlose unaufdringliche Botschaft. Noch mehr als „Das Buch, in dem die Welt verschwand“ oder „Die Schule der Lügen“ lässt sich der Inhalt des vorliegenden Buches an seinen vier wichtigsten Protagonisten festmachen, von denen eine Figur expliziert das Geschehen dominiert, ohne selbst in Erscheinung zu treten. Nur alte Videoaufzeichnungen und seine Thesen lassen ihn allgegenwärtig erscheinen. Im Mittelpunkt steht aber der Student und spätere Simultanübersetzer - Fleischhauer ist Konferenzdolmetscher - Matthias. In den achtziger Jahren studiert er als Austauschschüler an der Eliteuniversität Hillcrest in Kalifornien. Anfänglich hat er es schwer, die richtigen wichtigen Kurse zu belegen. Er ist alleine und einsam. Im Verlaufe der Handlung wird sich Matthias nicht nur verlieben, sondern wichtiger Eckpunkt einer nur auf den ersten verhängnisvollen Dreiecksgeschichte werden. Matthias ist die Figur, die immer wieder für den Leser stellvertretend über den Tellerrand schaut und die verschiedenen theoretischen Dogmen, Theorien und schließlich Agitationen teilweise gegen den eigenen Willen aus einem unbeirrbaren Gerechtigkeitsgefühl extrahiert und vor allem kommentiert. Im Epilog hat der Leser das unbestimmte Gefühl, als sei viel von Fleischhauer selbst in diese Figur eingeflossen. Dabei geht es dem Autoren weniger um einen wichtigen Protagonisten in seinem Roman, sondern um einen jungen, intelligenten Menschen, der quasi aus einer Außenseiterperspektive letzt endlich den Stein ins Rollen bringt. Sicherlich eine doppelte und augenfällige Ironie, das Matthias als Deutscher die brüchige falsche Fassade, auf welcher in den USA ganze Karrieren aufgebaut worden sind, durchschaut. Durch die Ich- Erzählerperspektive rückt der Leser sehr eng an die Figur heran, kommt ihr fast intim nahe ohne sie wirklich zu kennen. Matthias wird dominiert von Emotionen, aber auch unterkühlter Logik. Es ist erstaunlich, das der Autor in dem etwas pathetisch klischeehaften Abspann erst seinem Charakter die Augen vor der Realität und der Scheuklappendenkweise einer anderen wichtigen Figur verschließt, um dann mittels eines Zaubertricks Matthias die Möglichkeit zu geben, die ganze Geschichte von der ersten Begegnung in der Schwimmhalle mit einem atemberaubend schönen Mädchen zu beschreiben. Diese Möbiusschleife ist ungewöhnlich souverän und stabil geflochten und überdeckt manche zu mechanische Konstruktion im Verlaufe der zweiten Hälfte des Romans. Dank Matthias lernt der Leser angesichts des Gesamtumfangs des Buches das angenehme Collegeleben in den USA in den letzten Zügen des Kalten Krieges kennen. So verliebt sich Matthias sehr schnell in Janine Taille, die Freundin eines der Elitestudenten David. Obwohl sie über weite Teile des Buches eher einen die einzelnen Spannungssequenzen bindenden Charakter hat, manipuliert Fleischhauer in ihrer Figur den Leser. Erst am Ende entpuppt sie sich als mehr als nur hübsches Beiwerk. Sie wird stellvertretend die Masse vertreten, die sich in ihrer teilweise dogmatischen Denkrichtung und ihrer bequemen Nische nicht beeinflussen lassen möchte. Welche die Vergangenheit als „Jugendsünde“ abtut und im Grunde nur im jetzt lebt. Dieser Bruch erfolgt spannungstechnisch vielleicht ein wenig zu scharf, aber Fleischhauer braucht einen zweiten Katalysator, um den Roman zumindest dramaturgisch spannend beenden zu können. Als Figur ist Janine teilweise in der ersten Hälfte zu eindimensional, zu hübsch, zu liebenswert beschrieben worden. Das macht die Veränderung gegen Ende des Plots krasser, aber nicht unbedingt überzeugender. Vor allem bietet der Autor seinen Lesern zu wenige Argumente an, die expliziert auf Janine Tailles Geisteshaltung zugeschnitten sind. Da gibt es auf dem noch überschaubaren Campus andere Figuren, die für eine derartig stoisch realitätsfremde und den Intellekt über die Tat hebende Geisteshaltung eher in Frage kommen. Der Elitestudent David wird aufgrund der Liebesaffäre zwischen Janine und Matthias auf den ersten Blick der natürliche Ebenbuhler Matthias. Sehr geschickt spielt der Autor fast satirisch mit den Elementen der Jugendklamotte, des klassischen Campusroman, um dann plötzlich Matthias und damit dem Leser eine neue Welt zu öffnen. David hat sich mit einem brillanten Vortrag und der intellektuellen Destruktion seiner Tutorin die Aufmerksamkeit und den Hass des Lehrkörpers und vieler Studenten gesichert. Jetzt sucht er den Kontakt zu Matthias und möchte ihm einen Abend stehlen. Mit der Reise in eine surrealistische, klassisch amerikanische Traumlandschaft verdunkelt sich der Plot des Romans. Eine schreckliche Tat bringt das Campusleben durcheinander und lässt Matthias rückblickend zufrieden stellend aufgebaut nach einem dunklen Geheimnis suchen, das ihn zu einem anderen, im Grunde erwachsenen Menschen machen wird, seine Liebe zu Janine einer Belastungsprobe unterzieht und vor allem die Vergangenheit des Naziterrors plötzlich in einem bis dato friedlichen kleinen amerikanischen Universitätsstädtchen wieder aufflammen lässt. Wer auf den ersten Blick nur an eine klassische Vergangenheitsbewältigung bzw. Vertuschungsgeschichte denkt, wird auf den letzten Seiten sehr positiv überrascht. Über diesem geradlinigen und packenden Plot steht die Lehre de- Vanders, eines der intellektuellen Literaturpäpste der USA. Je weniger der Leser im Vorwege über diese Thesen erfährt, desto effektiver funktioniert das Ende des Buches. Im Grunde stellt Fleischhauer viele Ansätze seines Romans „Das Buch, in dem die Welt verschwand“ auf den Kopf, um seine Leser und zumindest kurze Zeit die Öffentlichkeit zu schockieren. Zu den Eckpunkten seines Buches gehört die auf den ersten Blick provozierende Idee, das ein Jude Bücher verbrennt. Am Ende des Buches erkennt der Leser, das der Intellektuelle im Grunde mächtiger und hinterhältiger ist als der Soldat. Er kann die Realität zu einer Fiktion machen, die sich beliebig analysieren und philosophisch interpretieren lässt. Am Ende bleibt nichts mehr übrig als eine Idee. Keine Tat, keine Täter, keine Opfer. Zu den stärksten Passagen des Romans gehört Fleischhauer intellektuelle, lesenswerte, aber niemals angehobene oder zu theoretische Auseinandersetzung mit diesen Gedanken. Dabei packt der Autor seine Ideen in eine beängstigend gut beschriebene Realität, in welcher selbst „Tim und Struppis“ Vater Herge plötzlich in einem anderen Licht erscheint. Dabei will Fleischhauer seine Leser weder belehren noch manipulieren. Er öffnet ihnen stellvertretend durch Matthias die Augen, konfrontiert sie mit anderen Ideen und zeigt im übertragenen Sinne auf, wie heute mit der Vergangenheit umgegangen wird. Wie man sie manipulieren und biegen kann, bis die Wahrheit nicht mehr erkennbar ist und man sich wieder in falscher Sicherheit wiegen kann. Dabei befriedigt Fleischhauer im Vergleich zu Christian von Ditfurths „Lüge eines Lebens“ nicht alle Fragen seiner Leser. Im Grunde ist die Entdeckung einer braunen Vergangenheit nur ein Katalysator für das Hinterfragen einer ganzen literaturwissenschaftlichen Bewegung. Für das Hinterfragen des Gewissens einer ganzen Nation, im übertragenen Sinne sogar der ganzen Welt.
Es wirkt auf den ersten Blick ein wenig übertrieben, das ein Mensch zum Vertuschen der eigenen Vergangenheit eine These - zynisch gesprochen, eine Doktrin - erschaffen hat, die seine als Jugendlicher verfassten Arbeiten im Grunde auf eine irreale Ebene schiebt. Von dieser irrealen Ebene ausgehend wird die Realität verbogen, bis es schließlich keine Schuldigen mehr gibt. Zurück bleiben, wie Fleischhauer in seinem nihilistischen Epilog unterstreicht, nur die Opfer. Es wird an sie gedacht, aber die Täter haben diese Existenzebene zu Gunsten neuen Ruhms und neuen Glanzes schon lange verlassen. De Vander wird von Fleischhauer teilweise ein wenig zu grotesk überzeichnet, unnötig zu opportunistisch beschrieben. Alleine der inhaltliche Sprengstoff in seinen Thesen und die damit einhergehende Verdummung einer ganzen Generation von Intellektuellen hätte für diesen Plot ausgereicht. Vielleicht wirkt es auf den ersten Blick ein wenig zu vorhersehbar, das ausgerechnet ein Deutscher Zivilcourage zeigt. Aber um sich vor Angriffen in dieser im Grunde zu simplifizierten Richtung zu schützen, wird Matthias gegen Ende des Buches zu einem staunenden Beobachter, der zumindest den kurzzeitigen Sockelsturz eines Idols miterleben kann, der aber auch zynisch erkennen muss, das die Zeit positiv wie negativ alle Wunden nicht zu heilen, sondern einfach nur unter den Teppich zu kehren scheint. Das macht den Roman ungemein zeitlos und insbesondere gegenwärtig so verstörend aktuell.

„Der gestohlene Abend“ ist ein packendes Buches. Intellektuell herausfordernd und doch spannend bodenständig geschrieben. Viele der Schwächen der teilweise zu arg konstruierten Handlung in „Die Schule der Lügen“ werden durch eine flüssigere, aber auch intimere Erzählstruktur behoben. Der Leser braucht ein wenig Geduld, bis aus diesem leicht zu lesenden Campusroman wirklich eine intellektuelle Auseinandersetzung auf einem ungewöhnlich hohen literarischen Niveau wird. Erst rückblickend offenbart sich dem Leser, wie sorgfältig der Hintergrund der Geschichte aufbereitet worden ist und wie sehr der Autor sein Publikum, sein zahlendes Publikum zu einem freieren Denken auffordert. Dabei zeigt Fleischhauer, das es nur einer Handvoll von Menschen gelingt, diesen letzt entscheidenden Schritt zur Eigenständigkeit zu machen. Ob sie dabei glücklicher sind, lässt der Autor dank eines fehlenden Happy Ends offen. Aber zumindest jeden Tag in den Spiegel können sie schauen.

Wolfram Fleischhauer: "Der gestohlene Abend"
Roman, Softcover, 364 Seiten
Piper Verlag 2009

ISBN 9-7834-9225-4960

Weitere Bücher von Wolfram Fleischhauer:
 - Das Buch, in dem die Welt verschwand
 - Die Schule der Lügen
 - Torso

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