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Thriller



Christian von Ditfurth

Das Moskau Spiel

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „Das Moskau- Spiel“ legt Christian von Ditfurth einen Spionagethriller aus der Zeit der letzten Tage des kalten Krieges – für dessen Ende der Historiker sowohl eine plausible, wirtschaftliche untermauerte wie auch eine spekulative These präsentiert – vor, der um aktueller zu erscheinen über eine in der Gegenwart spielende und eher konstruiert wirkende zweite Handlungsebene verfügt.

Das Buch beginnt mit einem insbesondere in den achtziger Jahren erschreckenden Szenario. Ein Fehlalarm in einem der Computer des russischen Frühwarnsystems hätte beinahe den Dritten Weltkrieg ausgelöst. Diese Szene ist Katalysator für die erste in den achtziger Jahren des letzten Jahrtausends spielende Handlungsebene. Sprung in die Gegenwart. Der beste Mann des BND – wie sowohl Klappentext als auch die ersten Seiten verbal zu verdeutlich suchen – Scheffer ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen, der von der Initiierung bis zur Durchführung nach nichts anderem als ein Mord ausschaut. Christian von Ditfurth benötigt schon seine ganze Routine als Autor, um aus dieser Prämisse heraus im Grunde für den späteren Handlungsverlauf unnötigerweise Spannung herauszuholen. Der BND schickt – auch hier wird die Glaubwürdigkeit ausgesprochen strapaziert – Theo Martenthaler, um die Formalien zu regeln. Theo Martenthaler ist der Sohn eines ausgesprochen talentierten Agenten, der welch ein Zufall ebenfalls mit Scheffer in der wichtigen letzten Phase des kalten Krieges in Moskau zusammengearbeitet hat. Ohne zu viel zu verraten, stellen sich rückblickend beim Leser eine Reihe von Fragen. Wenn der Arm des russischen Geheimdienstes wirklich glaubwürdig über fast eine Generation reicht, warum ist Theo Martenthaler nicht sofort als „passives“ Racheobjekt einbezogen worden? Sollte die Absicht gewesen sein, die letzten unbekannten Gegenspieler hinter den Kulissen mit Scheffers „Hinrichtung“ aus der Reserve zu locken, sind alle Spielsteine auf dem Moskauer Schacbrett richtig positioniert worden. Alleine es fehlt aus Glaubwürdigkeitsgründen der Vollzug. Ginge es nicht um eine endgültige Tilgung einer alten Schuld, macht die Ermordung Scheffers wenig Sinn. Egal wie der aufmerksame Leser den teilweise eher phlegmatischen Gegenwartsplot dreht, er wirkt im Vergleich zur viel interessanten Vergangenheitshandlung ausgesprochen bemüht. Auch die vielleicht implizierte Idee, das sich Vater und Sohn angesichts einer ähnlichen „Mission“ ähnlich verhalten, die gleiche Charakterzüge zeigen und zumindest ohne größere Emotionen sich mit Frauen – einmal Einheimische, einmal Botschaftsangehörige – einlassen wird eher unterkühlt extrapoliert als zu einem fixen Bestandteil des auf der emotionalen Ebene nicht ganz zufriedenstellend entwickelten Plots gemacht.

Bevor Theo Martenthaler nach Moskau fliegt und dort gleich einen unerklärlichen Anfängerfehler begeht, besucht er seinen Vater Henri. Dieser hat sich seit vielen Jahren in seinem Haus verbarrikadiert. Dieser Besuch weckt nicht nur Erinnerungen an die Moskauer Zeit, der Vater informiert alte unfreiwillige Kameraden in Moskau, das anscheinend jemand die alten Rechnungen zu begleichen sucht. Die Wahrscheinlichkeit, dass die in Russland verbliebenen Männer es nicht schon längst registriert haben, ist ausgesprochen gering. Mit diesem Besuch setzt die zweite wie schon angesprochen interessantere Handlungsebene ein. Henri Martenthaler wird nach Moskau versetzt. Das Moskau zwischen der Breschnew und Gorbatschow Ära, die Zeit der Doppelabkommens, die Phase des Wettrüstens. Offiziell Pressevertreter soll er als BND Agent spionieren. Er ahnt nicht, dass die Agenten des KGB schon lange ein Auge auf ihn geworfen haben.
In von Ditfurths Stachelmann- Krimis spielt immer die Vergangenheit eine ausgesprochen wichtige Rolle, deren nicht selten negativer Einfluss auf die Gegenwart im Grunde überall spürbar ist. Mit dem Historiker Stachelmann hat Christian von Ditfurth einen Kriminalisten wider Willen erschaffen, dessen Hartnäckigkeit schließlich die manchmal auch von ihm und seinen Arbeiten zumindest angestoßenen Mordtaten aufklärt. In seinen Alternativweltgeschichten zeigt der Autor auf, wie sich die Welt vom Punkt der Veränderung aus historisch ausgesprochen fundiert recherchiert entwickelt. „Das Moskau-Spiel“ liegt zwischen diesen beiden Eckpunkten seines bisherigen literarischen Werkes. Im Mittelpunkt – direkt wie indirekt – steht das eine Jahr, das Tschernenko das höchste Staatsamt in der UdSSR inne gehabt hat. Ein letztes Mal ist – zumindest in Christian von Ditfurths Version – ein alter „Hardliner“ an die Macht gewählt worden, bevor mir Gorbatschow schließlich das Ende der UdSSR und des kalten Krieges eingeläutet worden ist. Die zugrundeliegende Spekulation ist faszinierend und vom Historiker Christian von Ditfurth ausgesprochen gut extrapoliert worden. Auch ohne die in der Gegenwart spielende Handlung hätte „Das Moskau- Spiel“ als Kalter Kriegs Thriller ausgesprochen gut funktioniert. Die Gegenwartsebene lenkt nicht nur von den politischen Winkelzügen sowohl des russischen, des amerikanischen als auch des deutschen Geheimdienstes ab, sie relativiert einzelne Elemente dieses intensiven beschriebenen Konfliktes.
Im Vergleich zu vielen klassischen Agententhrillers malt Christian von Ditfurth positiv gesprochen auch nicht schwarz und weiß. Bis auf den amerikanischen Geheimdienst und den fast psychopathisch eindimensional überzeichneten Ehrgeizling, der folgerichtig scheitern muss, bemüht sich der Autor, sowohl die deutschen als auch die russischen Protagonisten ausgesprochen differenziert und vielschichtig zu beschreiben. In Bezug auf die deutschen Agenten – Vater und Sohn – sowie die sich ihrer Sonderrolle bewussten Mitglieder der deutschen Behörden in Moskau hätten die Beschreibungen noch etwas detaillierter, emotionaler und im kommunikativen Zusammenspiel vielschichtiger ausfallen können. Im Vergleich zum wehleidigen und inzwischen zu karikiert dargestellten Stachelmann stellen insbesondere Henri Martenthaler als John le Carre artige Interpretation eines Agenten, der in der Kälte gewesen ist, sowie der erfahrene Scheffer die interessantesten Figuren da. Mit Theo Martenthaler lernt der Zuschauer die Gefahren, aber auch Schwierigkeiten des Agentendaseins in einer ideologisch wie technisch veränderten Welt förmlich von der Pike auf kennen. Tricks, Täuschungen und Betrug sind alltäglich, ohne das Motive hinterfragt werden. In Bezug auf die Gegenwartsebene stellen sie den interessantesten Teil des Buches da. Auf der russischen Seite zeichnet der Autor ein erstaunlich vielschichtiges Portrait insbesondere der Offiziere, die sich der wachsenden Verantwortung für die zivile Bevölkerung in einem atomaren Wettrüsten mit nur einem einzigen, sich momentan abzeichnenden Ausgang bewusst sind und neben der Bereicherung des eigenen Bankkontos den zumindest theoretischen Weltfrieden anstreben. Es wird viel geraucht und natürlich getrunken, wobei Theo Marienthaler schon einem sich gerade erholenden Heimalkoholiker verdächtig nahe kommt. Im Verlaufe der Verwicklungen greift von Ditfurth diese Charakterschwäche immer wieder auf, macht aber zu wenig aus dieser Schwachstelle.
Nicht jede Aktion bzw. Reaktion insbesondere der deutschen Agenten ist wirklich bis zum letzten durchdacht und der Rückfall in Klischees des Agentenromans für die schlagkräftige Ausgangsprämisse und den nihilistischen Epilog negieren manche der schon angesprochenen positiven Strömungen. Am Ende der Lektüre wird der Leser das Gefühl haben, der Plot hätte durchaus kompakter und ein wenig intensiver erzählt werden können. Stellenweise fehlt dem Roman der Schwung und das liegt nicht nur an der notwendigen Extrapolation inzwischen von der neueren Geschichte verschütteter oder in Vergessenheit geratener Fakten.
In Bezug auf das Gesamtkonzept und die über mehrere Ebenen schließlich zusammenlaufende Handlung ist „Das Moskau- Spiel“ Christian von Ditfurths bislang ambitioniertester Roman. Der Autor bemüht sich, ein historisch möglichst akkuratestes Bild dieser Zeit zu zeichnen.
Die Balance zwischen notwendigen Erklärungen – sie enden mehr als einmal fast schon in Belehrungen in diesem Fall des historisch nicht so bewanderten Lehrers und nicht dem jeweiligen Gesprächspartner, der über das Wissen schon verfügen muss – und Monologen ist nicht zum ersten Mal in Christian von Ditfurths Weg nicht ganz geglückt. Selbst in den achtziger Jahren etwa im Alter seiner Figuren – sowohl Theo Martenthaler in der Gegenwartsebene als auch Henri Martenthaler in der Vergangenheitsebene scheinen Mitte dreißig zu sein – sind die Portraits deutlich bodenständiger und die Emotionen seiner Charaktere weniger aufgesetzt und distanziert. Die Dialoge erscheinen deutlich natürlicher, weniger gestelzt als in manchem seiner Parallelweltthriller. In Bezug auf die einzelnen Handlungsbögen wirken einige der plottechnischen Wendungen nicht ganz überzeugend, zu sehr auf den Effekt hin konzipiert als integriert. Ihm gelingt es aber sehr positiv, ein lebendiges Bild der achtziger Jahre, der letzten Exzesse des Kalten Krieges zu zeichnen, in deren Verlauf das gegenseitige Misstrauen und das potentielle „Todrüsten“ des Kontrahenten die Wahrscheinlichkeit eines Atomkrieges nach der Korea - bzw. Kuba- Krise drastisch erhöht haben. Es spricht für den Historiker Christian von Ditfurth, das in dieser Hinsicht „Das Moskau- Spiel“ exzellent funktioniert und einen nachhaltigen Eindruck im Leser hinterlässt. Um diese Verstrickungen wieder nach mehr als dreißig Jahren in Gang zu setzen, agiert der Autor leider ein wenig unglaubwürdig bis überambtioniert und negiert den ausgesprochen positiven Eindruck seines unterhaltsamen und lesenswerten Romans teilweise unnötig wieder.

Christian von Ditfurth: "Das Moskau Spiel"
Roman, Hardcover, 448 Seiten
Kiepenheuer & Witsch 2010

ISBN 9-7834-6204-2603

Weitere Bücher von Christian von Ditfurth:
 - Das Dornröschen- Projekt
 - Das Luxemburg-Komplott
 - Die Akademie
 - Labyrinth des Zorns
 - Lüge eines Lebens
 - Schatten des Wahns

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