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Thriller



Robert Harris

Der Ghostwriter

rezensiert von Thomas Harbach

Es gibt keinen klar zu spezifizierenden Moment in Robert Harris neuem und von Roman Polanski verfilmten Thriller „The Ghost“, an dem der Leser erkennt, das er nicht die Geschichte eines Geistes – der Originaltitel ist deutlich passender und mehrdeutiger als die „Verdeutschung“ mit „Ghost Writer“ – liest, sondern zweier, vielleicht sogar drei verlorenen Seelen. Im letzten Drittel nimmt der Roman, obwohl sich die Handlung bis dato auf eine psychologische Studie und keine auffälligen Actionszenen konzentriert, an Fahrt auf und fügt die Punkte, die bislang offen vor den Augen des Betrachters gelegen haben, von ihm aber nicht richtig zugeordnet werden konnten, zu einem verstörenden Gesamtbild zusammen, in dem es um mehr als Reichtum und Ruhm geht. Die Dualität der Ereignisse – der Ghostwriter muss sich in die Persönlichkeit der portraitierten Person einfinden, der Premierminister muss eine Politik vertreten – lässt die Spannung bis zum nihilistischen und sehr überzeugend konstruierten Ende nicht nur steigern, ohne Beweise zu liefern suggeriert der Autor eine phantastische These, die vielleicht gar nicht so weit von unserer Realität mehr entfernt ist.

Es ist Robert Harris erster nah an der Gegenwart und noch näher an seiner britischen Heimat angesiedelter Thriller. „Fatherland“ bzw. „Enigma“ setzen sich mit der Nazivergangenheit in Form eines geradlinigen Thrillers bzw. einer „Was wäre wenn“ Geschichte auseinander. „Archangel“ spielt in Russland und seine beiden römischen Epen trotz politischer Gegenwartsbezüge in einer längst vergangenen Epoche. „The Ghost“ spielt klar und deutlich auf Tony Blair und seine Politik insbesondere gegenüber den Vereinigten Staaten im Kampf gegen den Terror nach dem 11. September an. Nicht zufällig erinnert der smarte charismatische Adam Lang in seinen Gesten und seinen Monologen ebenso an Blair wie die starke Frau im Hintergrund nach der langjährigen First Lady modelliert worden ist. Aus dramatischen Gründen muss Robert Harris eine Anklage vor dem Tribunal der Menschenrechte in Den Haag einfügen, deren Grundlage eine von Adam Lang genehmigte Entführung britischer Staatsbürger in Pakistan zu Gunsten des amerikanischen Geheimdienstes ist. Der ehemalige und von Lang entlassene Außenminister hat ihn angezeigt.
Adam Lang hält sich zu diesem Zeitpunkt in den USA auf und lässt seine Memoiren von einem Ghostwriter schreiben. Der erste Ghostwriter hat sich anscheinend selbst umgebracht, in der Nacht von der Fähre gesprungen. Obwohl später Zweifel an dieser Tatsache aufkommen. Langs Verlag, der immerhin einen Vorschuss von zehn Millionen Dollar bezahlt hat, solange Lang unmittelbar nach seinem politischen Rücktritt noch heiß ist, braucht einen Nachfolger. Auftritt des Ich- Erzählers, welcher dem Leser über den ganzen Roman hinweg als einzige Identifikationsfigur zur Verfügung steht, der aber anonym bleibt. Die im Grunde die Spannung negierende Ich- Erzählerperspektive umgeht Richard Harris mit den letzten Zeilen seines Romans und unterstreicht die souveräne Ausnahmestellung dieses absolut faszinierenden wie lesenswerten Buches. Im Gegensatz zu Harris, der bevor er sich mit „Fatherland“ auf die Bestsellerlisten katapultierte langjährig als scharfzüngiger politischer Kommentator in Großbritannien gearbeitet hat, ist der neue Ghostwriter für den Job im Grunde ungeeignet. Bislang hat er sich mit dem Schreiben, dem Ghosting von Autobiographien drogenabhängiger Popstars oder minder populärer Fussballer über Wasser gehalten, aber niemals ein eigenes Buch geschrieben. Er versteht nichts von Politik, was sich zumindest vom anderen Lager kurzfristig berechnend positiv auf seine Naivität auswirkt. Zu Anfang vom Charisma Langs gefangen, soll er das fast fertig gestellte Manuskript seines toten Vorgängers aufpeppen und zum Leben erwecken. Schnell entdeckt der Ghostwriter erste leichte Widersprüche zwischen Langs immer wieder rekapitulierten Geschichten und den von seinem Vorgänger ausgegrabenen Fakten. Keine wichtigen Unterschiede, aber sie führen den Ghostwriter auf Spuren, die ihm verdeutlichen, das der Tod seines Vorgängern vielleicht doch kein Selbstmord oder Unfall gewesen ist.

Robert Harris hat als politischer Beobachter nicht nur die Wahl Tony Blairs aus unmittelbarer Nähe verfolgt, sondern im Zuge verschiedener politischer Kampagnen immer stärker beobachtet, das sich die Politiker mehr und mehr von den Folgen ihrer politischen Entscheidungen vor allem im Leben danach abschotten. Hinzu kommt, das Lang den modernen Politiker verkörpert, dem die Partei im Grunde egal ist, Hauptsache er ist an der Macht. Dabei ist lang kein sympathischer Charakter. Dem Ghostwriter gelingt es, die noch latent vorhandene Energie, den Enthusiasmus und vielleicht sogar die Hoffnung, mit seiner Politik etwas Gutes zu bewirken, einzufangen und ein vielschichtiges Portrait eines Mannes zu zeichnen, der sich am Ende des Buches ebenfalls als eine Art Geist entpuppt. Geschickt baut Robert Harris die erste Hälfte des Buches um ihn herum auf. Weckt Zweifel an seiner Loyalität Großbritanniens gegenüber, beschreibt einen politischen naiven nach dem Ruhm der Bühne gierenden jungen Studenten, der schließlich nicht zuletzt dank der Hilfe seiner Frau Premierminister wird. Erst auf den letzten Seiten nach der einzigen wirklich dramatischen und im Grunde aus dem Nichts kommenden sehr brutalen Sequenz - alle anderen Szenen könnten als Paranoia- Fantasien abgetan werden – zieht Robert Harris den Schleier von der Persönlichkeit Langs und zeigt einen gänzlich anderen Menschen, dessen Lebensgeschichte fast tragisch wirkt, der zu einer Marionette anderer Mächte reduziert worden ist. Dieser stimmungstechnische Wandel wird von Robert Harris souverän vollzogen und gibt dem Roman auf den letzten Seiten nicht nur eine politische Aktualität, sondern eine melancholische Grundstimmung, die zynisch konsequent im dunklen Ende gipfelt.

Obwohl der Roman im gegenwärtigen London spielt und im Vergleich zu „Fatherland“ keine Alternativwelt aufgebaut worden ist, hat der Leser das Gefühl, als würde er in eine leicht veränderte Parallelwelt schauen. Langs London wird immer wieder von Bombenanschlägen erschüttert – obwohl die Tendenzen in Richtung muslimische Anschläge gehen, hat der außen stehende Beobachter das Gefühl, in die Hochphase der IRA Aktivitäten in London zurück versetzt worden zu sein -, der Politiker ist ein früh gescheiterter Schauspieler, der scheinbar losgelöst von seiner Partei oder gar dem Parlament das Land alleine aufgrund seines Charismas und geschickter Manipulation durch Dritte reagiert und in den Krieg gegen den Terror geführt hat. Natürlich ist Lang nach Blair gezeichnet, natürlich drückt Robert Harris seine Enttäuschung, seine Wut und stellenweise seine Frustration über den USA hörigen Lang/ Blair aus, aber die Implikationen am Ende des Buches können ebenso wenig auf den realen Politiker übertragen werden wie die fehlenden politischen Alternativen. „The Ghost“ ist mehr ein Roman über den politischen Sumpf; die gängige Praxis, Verantwortung zu delegieren oder delegiert zu bekommen und die eigenen Entscheidungen bei Schwierigkeiten nicht zu rechtfertigen. Es ist ein Buch über die „Sieger“, welche Geschichte auf dem Rücken ihrer Opfer schreiben. Es ist eine zynische Abrechnung mit einer mediengeilen Öffentlichkeit, die sich nicht mehr für den Menschen hinter der öffentlichen Fassade interessiert, sondern die Fassade per se liebt; es ist eine Betrachtung der augenblicklich nur noch auf das schnelle Geld ausgelegten Verlage, denen Qualität unwichtig ist und in deren Fahrwasser talentierte Autoren wie der ich- Erzähler den Weg des geringsten und angenehmsten Widerstands wählen und dabei gut leben können. Obwohl der Ich- Erzähler schließlich auf die Veröffentlichung seiner Erkenntnisse verzichtet und sich möglichst schnell aus dieser aus seiner Sicht verlogenen Szene verabschiedet, hat er mit der kurzzeitigen Einnahme einer Position, der Übernahme einer Meinung seine bisherige Existenz auf den Kopf gestellt. „The Ghost“ ist ein ungewöhnlich geradliniger, von Robert Harris sehr intensiv und packend geschriebener Thriller mit aktuellen politischen Bezügen und intelligenten Implikationen, der sich rasant liest und erst nach Ende der Handlung im Kopf des Lesers sein Unwesen treibt und ihn zum Nachdenken anregt.

Robert Harris: "Der Ghostwriter"
Roman, Softcover, 400 Seiten
Heyne- Verlag 2010

ISBN 9-7834-5350-3809

Weitere Bücher von Robert Harris:
 - Aurora
 - Enigma
 - Vaterland

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