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Thriller



Peter Straub

Okkult

rezensiert von Thomas Harbach

Mit "Okkult" - im Original "A Dark Matter" - kehrt Peter Straub nach einer Pause von mehreren Jahren auf die B├╝hne mit einem psychologischen Thriller zur├╝ck, der von der Konzeption her seinen "Blue Rose" Geschichten ├Ąhnelt. Die offensichtliche Identifikationsfigur des Lesers, in diesem Fall der Schriftsteller und das erkennbare Alter Ego Peter Straubs Lee Harwell, kehrt in die eigene Vergangenheit zur├╝ck und untersucht die Ereignisse einer Sommernacht des Jahres 1966, in der eine Beschw├Ârung durch den selbst ernannten Guru Spencer Mallon furchtbar schief gegangen und eine verst├╝mmelte Leiche, einen verschwundenen Jungen sowie eine Handvoll verst├Ârter und ├╝ber die Ereignisse schweigender Teenager zur├╝ck gelassen hat. ├ťber diesen kargen Plot hinaus versucht sich Peter Straub Absolutismen wie dem "B├Âsen" zu n├Ąhern, ohne Grenzen zu ├╝berschreiten oder Meinungen vor zu fertigen. Auf der anderen Seite f├╝hrt Harwells Quest im Grunde nicht zu neuen Erkenntnissen. Viel schlimmer. Im Vergleich zu Straubs fr├╝heren Arbeiten zerf├Ąllt der ansonsten souver├Ąn und absichtlich in Episoden aus unterschiedlichen Perspektiven erz├Ąhlte Plot in seine Bestandteile und l├Ą├čt den Leser eher frustriert als befriedigt zur├╝ck.

Lee Harwell hat ein erfolgreicher Schriftsteller, der unter einer Schreibblockade leidet. Seine Verleger und Agenten raten ihm, ein Sachbuch zu schreiben. Sein neues Manuskript steckt auf der zehnten Seite trotz einer Vielzahl von Notizen fest. Vor einigen Jahren hat er von einem in Rente gegangenen Polizisten dessen unver├Âffentlichte Untersuchungen ├╝ber einen Serienm├Ârder ersteigert. Die Morde haben sich in Harwells Heimatstadt zu getragen. Hinzu kommt, dass ein Verwandter des potentiellen M├Ârders an dem abendlichen Ritual teilgenommen hat. Erstaunlicherweise relativieren die Aufzeichnungen des Polizisten das Potential dieses Abends, in dem schon vorher vom ultimativen B├Âsen gesprochen wird, dass einige Menschen in sich tragen.

Als gleichzeitig einer der in dieser Nacht beteiligten "Dilly" Olson aus dem Gef├Ąngnis entlassen wird und Harwells Frau Lee "Der Aal" Truax als ebenfalls an dieser Nacht beteiligte ihren Mann auffordert, Olson bei sich aufzunehmen, beginnt der Schriftsteller mit seiner Recherche, in der Hoffnung, einen Plot f├╝r ein neues Buch zu finden.

Lee Harwell ist dabei der geeignete Beobachter und Erz├Ąhler. Er kennt alle Mitglieder dieser verschworenen Gemeinschaft inklusiv des Gurus Mallon pers├Ânlich. Mit vier der jungen Leute ist er sogar intim befreundet gewesen. Im Gegensatz zu den anderen Mallon J├╝ngern hat er dem Guru von Beginn an mi├čtraut und seine leeren Dogmen, sowie seinen Hang zu sexuellen Gef├Ąlligkeiten seiner J├╝nger abgelehnt. Lee Harwell ist auch das einzige Mitglied dieser Gruppe, das es gesellschaftlich "geschafft" hat. Er hat sp├Ąter die mit drei├čig Jahren langsam erblindete Lee Truax zur Ehefrau genommen. Das wahrscheinlich ihr Augenlicht in dieser Nacht irreperabel zerst├Ârt worden ist, ist eine der Informationen, die Peter Straub routiniert und teilweise sadistisch die Aufmerksamkeit seiner Leser fordernd in die laufende aus zwei Zeitebenen - Gegenwart und subjektive R├╝ckblicke ins Jahr 1966 - bestehende Handlung einstreut.

Im Gegensatz zum am Ende nicht befriedigenden Thriller Spannungsbogen untersucht Peter Straub das zuf├Ąllige Bilden von kleinen Cliquen genauso minuti├Âs und verwundert wie die Ver├Ąnderung, die in Menschen ├╝ber einen langen Zeitraum von fast vierzig Jahren vor sich geht. Nicht selten verschmelzen Lee Harwell und Peter Straub zu einer Pers├Ânlichkeit. Es ist vielleicht zu fr├╝h, von einem Altersroman des inzwischen neunundsechzig Jahre alten Amerikaners zu sprechen, aber die Lebenserfahrung, die Souver├Ąnit├Ąt des Alters sprechen aus manchem Dialog. Im Gegensatz zum weiterhin kindlich kindischen Stephen King und seinem Hang, literarisch vieles bis alles auszuprobieren und Ideen aus den Anf├Ąngen seiner Schriftstellerei wie in "Die Arena" auszuwalzen und zu extrapolieren, zieht sich Peter Straub fast in sich selbst zur├╝ck. Die Ereignisse dieser einen Nacht wirken eher wie ein Katalysator, nicht unzufrieden zur├╝ckzublicken, da er bei der Suche nach seinen alten Bekannten vielen gestrauchelten Frauen und M├Ąnnern begegnet.

"Dilly" Olson ist vielleicht der J├╝nger gewesen, der Mallon am l├Ąngsten gefolgt ist. Er hat sich als Trittbrettfahrer im esoterischen Bereich versucht, bevor er mit einer Art Kettenbrief schlie├člich den Beh├Ârden aufgefallen ist. Wie alle anderen Figuren beschuldigt er mit keinem Wort, keinem Satz Mallon f├╝r die schrecklichen Vorg├Ąnge dieser Nacht. Insbesondere in der Gegenwartsebene wirkt dieses beredte Schweigen ein wenig aufgesetzt, da sich Lee Harwell auch zu keiner Position durchringen kann. Auch "Boats" Boatmann verf├╝gt ├╝ber eine kriminelle Vergangenheit. Im Gegensatz zu Olson organisierte er schon vorher seinen Lebensunterhaltung mit kleinen Diebst├Ąhlen. Boatmann ist vielleicht die am schw├Ąchsten ausgestaltete Figur. Straub versucht in ihm Ambivalenz auszudr├╝cken, was aber r├╝ckblickend zu wenig ausgearbeitet erscheint. "Hootie" Bly ist der Benjamin der Gruppe. Ein unschuldiger, naiver Junge, der schlie├člich dem Wahnsinn verfallen ist. Er kann sich mit seiner Umwelt nur noch durch Zitate aus B├╝chern verst├Ąndigen. "Hootie" verf├╝gt erstaunlicherweise ├╝ber ein fast fotographisches Ged├Ąchtnis. Um nicht fr├╝hzeitig die Ereignisse zu enth├╝llen, muss Peter Straub diese Figur ins verbale Abseits dr├Ąngen. Meredith Bright hat es mit Einschr├Ąnkungen wie Lee Harwell ebenfalls geschafft. Sie ist die Frau eines einflussreichen Politikers, der Ambitionen auf das Pr├Ąsidentenamt hat. Meredith Bright ist immer noch eine attraktive atemberaubend sch├Âne Frau. Die Begegnung zwischen Lee Harwell und ihr ist im Grunde f├╝r den ganzen Roman aussagekr├Ąftig. Anf├Ąnglich wird Harwell von ihrer Sch├Ânheit im Alter fast geblendet. Je l├Ąnger er sich mit ihr unterh├Ąlt, desto genauer sieht er die Falten, die Narben von den Sch├Ânheitsoperationen. Meredith Bright schlie├čt mit ihm einen Pakt, der Faust w├╝rdig w├Ąre. Sie gibt ihm die meisten Informationen ├╝ber diese Nacht unter der Bedingung, dass Harwell ihren Namen ├Ąndert. So hofft sie, einen m├Âglichen Skandal mit einer Mischung aus Offenheit und Vertuschung von ihm Mann und dessen Ambitionen fernzuhalten. Sie ist aber auch unterk├╝hlt, ambitioniert, opportunistisch und r├╝cksichtslos.
Den Kreis schlie├čt mit Lee "Der Aal" Truax Harwells Frau, die ├╝ber zwei Drittel des Romans abwesend ist. Trotz ihrer Behinderung hat sie Karriere gemacht. Sie bewegt sich ohne Harwells Hilfes auf Fachkongressen und in Aussch├╝ssen. Sie ist intelligent, sch├Ân, selbst bewusst. Wie es sich f├╝r einen Peter Straub Roman geh├Ârt, hat der selbst verliebte Ehemann durch eine Aff├Ąre das emotionale Band zwischen den Ehepartnern durchschnitten. Trotzdem bleiben sie zusammen.

Lee Harwell selbst ist kein klassischer Held. Er ist ein Autor, der aus den Episoden genauso ein Buch schreiben will wie es Peter Straub mit Lee Harwells Untersuchungen tut. Als stummer Beobachter aus der Ferne hat er die Verwandlung seiner Freunde unter Mallons Einfluss billigend in Kauf genommen. Impliziert hat der Leser das Gef├╝hl, als bedauere Harwell seinen damals fehlenden Mut, der ihn nicht an der Sitzung teilnehmen lie├č. Er kann dieses "Vers├Ąumnis" nicht mehr ├Ąndern und versucht mit seiner Geschichte eine Art Rechtfertigung zu schreiben. Er ist ein abgerundeter Charakter, der trotzdem nicht mit sich zufrieden ist. Inzwischen hat er seine vielen Fehler und Schw├Ąchen erkannt. Er ist aber zu alt, gegen sie an zu arbeiten. Im Grunde ist Harwell der dreidimensionalste, der am meisten ├╝berzeugende Charakter der Geschichte. Hootie wird das Mitleid der Leser auf sich ziehen, w├Ąhrend Mallon der klassische Verf├╝hrer ist. Leider ist Mallon wie alle Figuren des Romans bis auf Harwell attraktiv und aus der Menge herausstechend, was eine Reihe von Beschreibungen unsch├Ân relativiert. Auch der insbesondere gegen Ende ├╝berhastet gezogene Vergleich mit Alan Ladds ÔÇ×ShaneÔÇť aus dem gleichnamigen Film bzw. der literarischen Vorlage hinkt, da Mallon von seinem Gurugehabe fasziniert ist, w├Ąhrend Shane vom T├Âten die Nase voll hat und sich nach einer Familie und einem eigenen Haus sehnt.

Positiv wird Mallon aber auch nicht auf einen eindimensionalen Verf├╝hrer reduziert. Er ist ein Opportunist, ein Verf├╝hrer. Immerhin zieht er schon seit einigen Jahren von einem Campus zum n├Ąchsten. Der Bogenschlag zu den wilden sechziger Jahren zwischen Vietnamkrieg und Sommer der Liebe, zwischen Drogenexzessen und Demonstrationen, zwischen Kommunismus und Kapitalismus wirkt auf den ersten Blick rudiment├Ąr. Auch verzichtet Peter Straub auf jegliche Theorien, wie diese Zeit die wichtigsten Protagonisten ├╝ber das im Mittelpunkt stehende Ereignis hinaus gepr├Ągt haben k├Ânnten. Im Verlaufe der einzelnen R├╝ckblenden wird diese f├╝r Peter Straub pr├Ągende Zeit allgegenw├Ąrtiger. Dadurch erscheint auch die Zeit zug├Ąnglicher. Es ist sicherlich kein Zufall, dass Stephen King in seinem ÔÇ×11/22/63ÔÇť sich ebenfalls den Jahren zugewandt hat, in dem Amerika zum ersten Mal seine Unschuld verloren hat. W├Ąhrend King das Thema zentralisierter angegangen ist, wirkt es im vorliegenden Buch eher wie ein Randeffekt: notwendig, aber nicht entscheidend. Bis auf die eine Demonstration, welche Mallons nach Horoskopen ausgerichteten Zeitplan an diesem Abend um knapp eineinhalb Stunden anscheinend mit katastrophalen Folgen nach hinten verschiebt. Das Ritual selbst wirkt eher wie ein Drogentrip. Das einzige ├╝bernat├╝rliche Element ist die Warnung an Harwell, einen bestimmten Flug zu nehmen, der auch prompt abst├╝rzt.

Peter Straub hat sich an einer Variation von Kurosawas "Rashomon" oder den ersten Staffeln von "Lost" versucht. In beiden Filmen wird ein Ereignis aus unterschiedlichen Perspektiven verschieden beschrieben. Im Gegensatz zu "Rashomon" folgt Straub eher der "Lost" Variante, in welcher die Suche interessanter als die L├Âsung am Ende des Regenbogens ist. Dabei geht der Gehalt der einzelnen, miteinander ├╝ber die Rahmenhandlung verbundenen Vignetten weit ├╝ber die Ereignisse des Sommerabends im Jahre 1966 hinaus. Immer wieder schwingt auch Wehmut hinsichtlich der verschenkten Leben mit. Es f├Ąllt Peter Straub aber teilweise ungew├Âhnlich schwer, diesen Pfaden zu folgen und ÔÇ×OkkultÔÇť noch breiter anzulegen als es plottechnisch der Fall ist. Damit wird auch einiges an Potential verschenkt, das er in Romanen wie ÔÇ×KokoÔÇť noch auf eindringliche, nicht zu Lasten der Spannung gehende Art und Weise gehoben hat. Vor allem der Einfluss des unbewiesenen ├ťbernat├╝rlichen wirkt ein wenig zu absolut formuliert. Es gibt keinen in der Gruppe, der die Wahrnehmung als Illusion, als Ergebnis eines Rausches abqualifiziert hat. Wie in einigen anderen Horror Romanen erscheint es unwahrscheinlich, das so unterschiedliche Charaktere wirklich ├╝ber Jahrzehnte ├╝ber die Ereignisse des Abends absolutes Schweigen auch gegen├╝ber dem Partner bewahrt haben k├Ânnten. Selbst wenn ein Autor/Ehemann wie Lee Harwell in erster Linie in seiner abgeschlossenen fiktiven Welt lebt, aus der er nur zwischen den einzelnen B├╝chern auftaucht.

Die vielleicht gr├Â├čte Schw├Ąche eines auf der Charakterebene ├╝berwiegend ├╝berzeugenden, stringent strukturierten Romans ist, das er sich zu sehr auf ein Geheimnis konzentriert, das Peter Straub nicht zufriedenstellend offen legen kann oder will.

Peter Straub: "Okkult"
Roman, Softcover, 560 Seiten
Heyne- Verlag 2012

ISBN 9-7834-5343-5902

Weitere BŘcher von Peter Straub:
 - Esswood House
 - Hellfire Club- Reise in die Nacht
 - Schattenstimmen

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