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Thriller



Robert Harris

Aurora

rezensiert von Thomas Harbach

Nach seinem Alternativweltdebütroman “Fatherland” und dem im Zweiten Weltkrieg spielenden “Enigma” verschlägt es den Briten Robert Harris mit seinem dritten Mitte der neunziger Jahren entstandenem Thriller “Archangel” in ein Russland, das politisch nach dem Fall der kommunistisch- sozialistischen Herrscher weder gefestigt ist, noch ganz die teilweise erdrückenden Fesseln der eigenen Vergangenheit ablegen kann. Der deutsche Titel „Aurora“ gibt die Zwiespältigkeit des Originaltitels nur unzulänglich wieder: Archangel kann sowohl für einen Erzengel stehen als auch die Stadt Archangelsk.

Der eigentliche Aufhänger des Romans ist ein kleines Notizbuch, das angeblich Stalin gehört haben sollte. Diese Information wird dem Historiker Dr. C.R.A. „Fluke“ Kelso zugespielt, der zum ersten Mal seit seinem Studium sich auf einem Kongress in Moskau aufhält. Der Informant ist ein alter Soldat, der Augenzeugen von Stalins letzten Stunden geworden ist. Zusammen mit dem Funktionär Beria, der sich als legitimer Nachfolger Stalins gesehen hat, stahl er die Unterlagen aus dem Privatsafe und hat sie auf einem Grundstück vergraben. Inzwischen sind mehr als fünfzig Jahre vergangen und aus einem anfänglich nicht näher erläuterten, nachträglich aber die souveräne Konstruktion des Romans unterstreichendem Motiv offeriert er jetzt diese Unterlagen dem eher unorthodoxen und in Fachkreisen umstrittenen Kelso, um der Nachwelt die Augen über den großen Führer zu öffnen. Durch das Verschwinden des Informanten wird die Jagd nach dem Tagebuch eröffnet. Dabei ist sich Robert Harris in Person seiner Charaktere bewusst, das Sensationalismus wie bei den angeblichen Hitler- Tagebücher (über dieses Thema hat Robert Harris ein aufschlussreiches Sekundärwerk geschrieben) vermieden werden soll. Während es Kelso um Ehre und in zweiter Linie um Geld geht, hat der ihn begleitende amerikanische Journalist O´Brien ein ganz anderes Interesse. Was die beiden sehr unterschiedlichen Männer anfänglich nicht ahnen, hat auch der russische Geheimdienst Gespräche Kelsos überwacht und ist sich zusammen mit zu vielen anderen Männern der möglichen Brisanz des Materials ganz bewusst. Gleichzeitig hat sich einer der höheren erzkonservativen Offiziere fast eine halbe Milliarde US Dollar unter den Nagel gerissen, mit denen er die labile postkommunistische Regierung auf der politischen wie militärischen Ebene in arge Bedrängnis bringen kann. Es fehlt anscheinend nur noch das Streichholz, um zahlreiche Brandherde zu entzünden.

Das erste Drittel des Buches bestimmt weniger die Jagd nach dem Notizbuch, sondern vielschichtige Positionsbestimmungen. Robert Harris hält sich hinsichtlich einer kritischen Beurteilung der russischen Verhältnisse nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion weitgehend zurück. Obwohl Geheimdienst und Militär allgegenwärtig sind, konzentriert er deren Aktionen auf die opportunistischen Interessen einzelner Gruppen innerhalb der unübersichtlichen Behördenmoloche. Dadurch wird das Gefühl einer allgegenwärtigen Bedrohung aufs Rudimentärste reduziert und der Eindruck manchen Kalten Kriegs Thrillers im Grunde negiert. Moskau ist auf der einen Seite die Stadt der Oligarchen, die ihre monetäre Macht in den wie Pilze aus dem Boden schießenden Nachtclubs zur Schau stellen. Prostitution, Alkohol, Drogen. Alles moderne negative Zeiterscheinungen, die die russische Hauptstadt im Eiltempo einholen. Zwischen diesen Extremen bewegt sich Kelos teilweise sehr naiv. Kaum hat er von der möglichen Existenz Stalins Notizbuch erfahren, beginnt er es entgegen jeglicher Thrillerkonzeption jedem Menschen zu erzählen, der er in erster Linie während der Konferenz mehr oder minder aktiv in die Arme läuft. Hinzu kommt, dass der natürlich dreimal verheiratete, in seinem beruflichen Leben sich auf einem Irrweg befindliche, selbstzweifelnde, neurotische, etwas arrogante und unsympathische Kelos zwischen Entdeckung des Notizbuches und der beginnenden Jagd eine kurze Lebenskrise durchlebt. Diese augenscheinlich hinsichtlich ihrer emotionalen Wirkung überzogenen geschriebenen Szenen verlangsamen den sich schon nach einem sehr guten Auftakt phlegmatisch entwickelnden Plot noch mehr. Mit dem amerikanischen Journalisten O`Brien hat Robert Harris noch mehr in die Klischeekiste gegriffen. Etwas zugänglicher gezeichnet als der eigentliche Protagonist bilden die beiden Männer ein derartig auffälliges Duo, das es selbst dem dümmsten Dorfpolizisten auffallen muss.
So müssen O´Brien und Kelos mit dem Auto – einem japanischen Geländewagen – von Moskau nach Archangelsk fahren. Dabei sind sie unter Zeitdruck, da die militärisch abgeschirmte Hafenstadt in Nordrussland in wenigen Tagen wieder vom ewigen Eis eingeschlossen wird. Erstaunlicherweise haben sie aber nur Benzin für die Hinfahrt mitgenommen. O´Brien selbst hat Angst, dass ihm billiger Kraftstoff unterwegs angedreht wird. In einer militärisch wichtigen Stadt dagegen wäre es leichter, für die Rückfahrt zu tanken. Ihr ominöser Verfolger – hier zeichnet Robert Harris ein erstaunlich ambivalentes Bild – fliegt ihnen später mit einem Privatjet nach.
Am Ende des Buches spielen die hier präsentierten Prämissen keine Rolle mehr. Da fahren die Züge wieder pünktlich und Kelos/ O´Brien können sie sogar ohne weitere Kontrollen nutzen. Die bedrohliche Atmosphäre einer allgegenwärtigen militärischen Präsenz, eines Überwachungsstaates wird von Harris auf den letzten Metern zu wenig ausgenutzt. Hier verschenkt der Autor sehr viel Potential. Ein Alptraum reicht nicht aus, um den Spannungsbogen hoch zu halten.

Noch bevor die Protagonisten allerdings Archangelsk erreichen, sind schon einige Geheimnisse des Notizbuches entschlüsselt worden und geben dem Roman eine gänzlich andere, nicht uninteressante Richtung. Der Versuch mittels zwanzig fehlender, heraus getrennter Seiten aus dem Notizbuch die Spannungsschraube weiter anzuziehen, schlägt fehl. Wie die beiden Protagonisten und kurze Zeit später ihre Überwacher weiß der Leser, in welche Richtung der Plot sich bewegen wird. Die einzige offene Frage ist, ob und welchen Einfluss die Ereignisse in den frühen fünfziger Jahren noch auf die Gegenwart haben.
Kaum in Archangelsk angekommen, nimmt der Plot schließlich rasant an Fahrt auf. Das gipfelt allerdings in einer sehr unwahrscheinlichen Actionsequenz, in welcher Harris Anleihen bei Filmen wie „Beim Sterben ist jeder der Erste“ genommen hat. Kaum hat der Leser zusammen mit den wichtigsten Protagonisten diese Klippe umschifft, öffnet sich der Vorhang für das ganze Spektakel und zeigt die Verbindungen zwischen den eiskalten Verschwörungen und den kontinuierlich manipulierten cineastisch effektiv, aber romantechnisch ein wenig zu belehrend auf. Natürlich hat Harris noch ein letztes As im Ärmel, dessen Effektivität allerdings unter der mangelnden Charakterisierung insbesondere der weiblichen Nebenfiguren leidet. Während O´Briens – hohe Einschaltquoten – und Kelos Motivation – er sieht sich als Primus inter Pares der modernen Stalinforschung – fundiert von Robert Harris untermauert worden sind, wirkt Zinaidas Handeln zu konstruiert, zu wenig überzeugend emotional untermauert. Es hinterlässt auch den Eindruck, als habe Robert Harris eine klassische „Was wäre, wenn“ Geschichte schreiben und sich auf den letzten Metern vor weiterreichenden fundamental wie politisch unterlegten Gedankenmodellen drücken wollen. Diese Vorgehensweise nimmt der souveränen Exposition ihre Wirkung und befriedigt insbesondere das intellektuelle Publikum zu wenig.
Wie schon im nicht ganz plottechnisch zufriedenstellenden „Vaterland“ und auch im besser strukturierten „Enigma“ erweist sich Robert Harris trotz der angesprochenen, nicht wenigen Schwächen als interessanter Thrillerautor. Das Buch ist sehr gut recherchiert und Harris gelingt, ohne zu belehren in Ansätzen eine faszinierende Fiktion zu entwerfen. Der Plot ist sehr cineastisch angelegt und wirkt teilweise deswegen zu oberflächlich. Die BBC hat das Buch als Fernsehserie adaptiert und diese Zielrichtung scheint Harris schon in der Schreibweise angestrebt zu haben. Einzelne Kapitel werden sehr effektiv auf einen klassischen Cliffhangar hin geschrieben. So gehört das Auftreten einer geheimnisvollen, natürlich dunkel bemantelten Persönlichkeit im Augenblick des Auffindens des Notizbuches ins Reich des Thrillerklischees. Oder die Ausschaltung einer Handvoll Elitekämpfer der russischen Armee. Ob Afghanistan, Rambo oder der schon angesprochene John Bormann Thriller „Beim Sterben ist jeder der Erde“ Pate gestanden hat, darf der Leser selbst entscheiden. Diese Sequenz gipfelt leider in der emotionalen Wandlung einer der verstörensten und besten Figuren des Buches. Auch hier geht Robert Harris auf Nummer sicher und glättet die vorher aufgeworfenen Ecken/ Kanten seiner Handlung zu sehr.
Im Vergleich zu anderen Thrillerautoren wie John le Carre agiert Robert Harris nicht nur in dieser Sequenz zu bodenständig, zu wenig wirklich provokativ. Die Figuren sind eher eindimensional gezeichnet und die Auflösung des Buches ist eine Mischung aus intelligenter Planung und klischeehafter Ausführung. Die Grundidee ist aber lesenswert und hebt „Archangel“ ein wenig aus der Masse der modernen Politthriller heraus. Die Verbindung zwischen realen Fakten und Fiktion ist allerdings nicht so effektiv und Ziel fördernd eingesetzt wie bei Robert Harris „Enigma“ oder seinem späteren „Pompeiji“



Robert Harris: "Aurora"
Roman, Softcover, 464 Seiten
Heyne Verlag 2006

ISBN 9-7834-5343-2093

Weitere Bücher von Robert Harris:
 - Der Ghostwriter
 - Enigma
 - Vaterland

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