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Thriller



Robert Harris

Enigma

rezensiert von Thomas Harbach

In seinem ersten Alternativweltthriller „Fatherland“ entwickelte Robert Harris eine Welt, in der Nazideutschland den Zweiten Weltkrieg gewonnen hat. Die bedrückende Atmosphäre hat der Brite in seinen zweiten Thriller „Enigma“ übertragen. Nur befindet sich insbesondere Großbritannien noch im Konflikt mit Nazideutschland, wobei Robert Harris seinem Vorbild John le Carre folgend den Kampf aus der Sicht der Geheimdienste beschreibt. Geknackte Codes, abgefangene Nachrichten, erbeutete Enigma- Maschinen, Tricksen und Täuschen sind zumindest Robert Harris geradlinigem Roman folgende wichtiger und entscheidender als Truppenstärke. Dabei rechnet der Brite wie auch in seinen anderen beiden spektakulären Thrillern mit der Politik ab. Während in „The Ghost“ der britische Premiere schließlich zu einer Marionette reduziert wird und in „Fatherland“ dem ehrlichen parteilosen deutschen Kommissar durch Zufall der Schlüssel zu einem Geheimnis in die Hände fällt, das in der Gegenwart des Lesers keine Überraschung, sondern Ausdruck der unmenschlichen rassenfeindlichen nationalsozialistischen Politik ist, differenziert Robert Harris in „Enigma“ ein wenig zu platt zwischen dem Teufel und dem Beelzebub. Natürlich geht es bei den Arbeiten an den Enigma- Maschinen und deren im Grunde fast nicht zu entschlüsselnden Codes um die Vorherrschaft an den Fronten. Um Spannung zu erzeugen, agiert Robert Harris auf zwei Ebenen. Drei große Geleitzüge sind aus den Staaten mit lebens- und kriegsnotwendigen Gütern aufgebrochen. Deutsche U- Boote drohen den Konvoi im Frühjahr 1943 zu vernichten und damit die Vorsorgung Großbritanniens über den Atlantik generell in Frage zu stellen. Unter großem Zeitdruck müssen die Spezialisten in Bletchley Park an einer Entschlüsselung der deutschen Codenachrichten arbeiten, um den Konvoi zu schützen. Zweitens scheint es in der Zentrale der britischen Antispionageeinheit – einem weitläufigen Gelände, auf dem tausende von Menschen beiderlei Geschlechts ameisengleich an Bruchstücken von tausenden von täglich aufgefangenen Feindesnachrichten arbeiten – zumindest einen aktiven Spion zu geben.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der brillante wie exzentrische Kryptoanalytiker Tom Jericho. Ein geradliniger junger Mann, der den amerikanischen Verbündeten die verschwindend geringe Wahrscheinlichkeit, den Code rechtzeitig zu knacken, expliziert erläutert und damit seine Vorgesetzten brüskiert. Ein junger Mann, der eine kurze intensive Affäre mit der sehr attraktiven wie anscheinend auch flatter-/ lasterhaften Claire zu überwinden hat. Er kann nicht verstehen, wie sich erstens eine derartig auffällig schöne blonde Frau in ihn „verlieben“ kann und wie sie ihn plötzlich zu Gunsten anderer Männer fallen lässt. Bei seinen Nachstellungen findet Tom Jericho vier unentschlüsselte Funksprüche der deutschen Wehrmacht in ihrem Zimmer. Weiterhin begegnet Jericho einem bislang ihm unbekannten Mann, der in Claires Zimmer etwas sucht. Claire erscheint auch plötzlich nicht mehr zum Dienst und bleibt verschwunden. Ist sie vielleicht eine Spionin, welche den Deutschen mitteilt, wie weit die Briten ihren Funkverkehr inzwischen mitlesen können? Zusammen mit der eher unauffälligen, aber intelligenten Hether – Claires bisheriger Mitbewohnerin – macht er sich an eigene Ermittlungen und droht selbst als Spion verhaftet zu werden.

Wie in „Fatherland“ gibt sich Robert Harris ausgesprochen viel Mühe, die Arbeitsatmosphäre insbesondere in dem weit verzweigten Labyrinth Bletchley Park intensiv und überzeugend zu beschreiben. Nicht selten handelt es sich um Freiwillige, die manchmal tagelang vom Tageslicht abgeschottet in den notdürftigen aufgestellten und kaum beheizten Baracken die Codes der deutschen Wehrmacht zu entschlüsseln suchen. Dabei beschreibt Harris sowohl die Eitelkeiten zwischen den Verbündeten als auch die ständige Überwachung durch übereifrige, nicht an die Front geschickte Soldaten sowie den ständigen Druck, den die Vorgesetzten ausüben. Manche Binnenstruktur kommt vielleicht etwas zu kurz und angesichts des gewaltigen Geländes finden Tom Jericho und seine Mitwisserin manchen roten Faden zu schnell und ohne zu große Mühe, aber Robert Harris gelingt es scheinbar solide recherchiertes, aber vor allem überzeugendes Bild der damaligen Verhältnisse. Wie John le Carre zeigt Robert Harris im Grunde die Quadratur des Kreises. Mit primitivsten Mitteln Erfolge zu erringen, welche der Gegner und die breite Öffentlichkeit gar nicht erfahren darf. Die Jagd nach einem Vorteil, der vielleicht nur für wenige Tage oder gar Stunden besteht. Sowohl bei Harris und le Carre ist die Welt der Geheimdienste sachlich und bodenständig beschrieben worden, weit weg vom Charisma, aber auch der Brutalität der Fleming´schen James Bond Romane. Hinzu kommt in der quasi doppelten bis dreifachen Verbindung die zumindest aus Jerichos Perspektive zufriedenstellende Auflösung des Plots, die das Mißtrauen der Geheimnisse gegen die eigenen Leute genauso unterstreicht wie den Verlust der eigenen Identität als Schläfer. Auf den ganzen Plot bezogen wirkt diese zusätzliche Auflösung teilweise ein wenig zu überambtioniert, funktioniert aber auf eine unerklärliche Art und Weise.

Neben den sehr guten Hintergrundbeschreibungen ist es die kriegspolitische Situation, welche „Enigma“ zu einem interessanten, wenn auch nicht unbedingt wirklich konsequenten Buch macht. Wie in „the Ghost“ mit dem Kampf gegen den Terror, ist Information nicht gleich Information. So beschreiben die vier in Claires Wohnung versteckten Nachrichten keine militärische Aktion oder geben Hinweise auf die zukünftige Operationen deutscher Truppen, sie enthalten viel mehr politischen Sprengstoff, an dem die inzwischen überlebenswichtige Koalition mit den Russen angesichts deren Kriegsverbrechen gegen ehemalige Verbündete Großbritannien scheitern könnte und scheitern müsste. Diese Informationen sind von den militärisch wie politisch verantwortlichen Vorgesetzten zum Wohle des Kriegsausgangs unterdrückt worden. Auf der anderen Seite wird lange diskutiert, ob man für das höher zu bewertende Ziel, die Codes der Enigma Maschinen auf lange Sicht und für die Deutschen nicht erkennbar zu knacken, einen ganzen Konvoi mit mehr als zehntausend Soldaten und einer unbekannten Zahl von Zivilisten opfern sollte. In beiden Fällen zeigt Robert Harris die zynische Realität eines inzwischen unmenschlichen und gegen alle Konventionen verstoßenden Krieges, wobei sich der Autor erstaunlicherweise mit Vorurteilungen zum Beispiel aller Deutschen zurückhält und in den wenigen impliziert aus deutscher Perspektive mittels übermittelter Nachrichten beschriebenen Szenen sachlich, distanziert bleibt. Genauso stellt er das Knacken der Codes als Arbeit dar. Stellenweise fokussiert der Autor die Handlung zu sehr auf die Einzelleistung Tom Jerichos, der eben über den Funken Genie und Exzentrik sowie hinsichtlich Claires Verschwinden über eine persönliche Antriebsfeder verfügt, um gegen die Uhr schließlich erfolgreich eine im Kern nicht zu lösende Aufgabe zu schaffen. Das wirkt nur auf den ersten Blick wirklich überzeugend, aber nicht immer konsequent und rückblickend logisch. Michael Adpted hat 2001 in seiner Adaption des Buches mit Kate Winslett in der Hauptrolle diese zu stringente Struktur der Romanvorlage noch einmal intensiviert und Nebenkriegsschauplätze so gut wie eliminiert. Auf der anderen Seite verzichtet Robert Harris bis auf wenige Szenen auf Fußangeln des Spannungsromans und versucht die Handlung eher auf einer psychologischen, denn auf einer actionorientierten Ebene zu entwickeln. Der Showdown ist obligatorisch ein wenig actionorientierter, aber als Kammerspiel vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs mit seiner im Grunde „Zwei Fronten“ Mentalität – Politik und Kampf – packt Robert Harris Roman nach einem etwas phlegmatischen und statischen Beginn seiner Leser.

Wie in „Fatherland“ und Gegensatz zu seinen späteren Arbeiten wie „The Ghost“ oder auch „Archangel“ ist die größte Schwäche „Enigmas“ die Beschreibung der handelnden Protagonisten. Claire bleibt im Grunde eine Fremde. Nur in wenigen Szenen wird sie eher oberflächlich beschrieben und der Leser kann nicht ganz nachvollziehen, warum sie bei Tom Jericho wirklich einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Auf der anderen Seite muss der Autor allerdings auch die Möglichkeit implizieren, dass Claire Tom Jericho nur wegen seiner Analyse- Fähigkeiten bzw. geheimer Informationen umgarnt. Ihre Freundin Hether – im Film sehr gut von Kate Winslett verkörpert – dagegen muss sowohl das „graue Maus“ Image pflegen als auch auf einer intellektuellen Ebene einen soliden Gegenpol zu Tom Jericho bilden. Die Umsetzung gelingt Robert Harris nur phasenweise. Nicht selten beschreibt er sie zu farblos, obwohl sie plottechnisch durchaus eine wichtige Rolle spielt. Den weiblichen Figuren hätte etwas mehr Profil gut getan. So berührt Claires Schicksal die Leser abschließend zu wenig. Tom Jericho wird als exzentrisches Genie voller Selbstmitleid, anfänglich etwas melancholisch, wahrscheinlich zum ersten Mal richtig verliebt und enttäuscht beschrieben, der allerdings die Heuchelei seiner Vorgesetzten nicht ertragen kann. Auf der anderen Seite betrachtet er die Kriegsführung als eine Art mathematische Gleichung, in der am Ende nur das positive Ergebnis zählt. So ist er für den Gesamterfolg bereit, die Seeleute auf den Schiffen des Konvois zu opfern, um den neuen Enigma Code zu knacken. Anfänglich scheint Robert Harris hinsichtlich seines wichtigsten Protagonisten noch ein wenig unentschlossen, im Verlaufe der Ermittlungen gewinnt Tom Jericho an Profil, wird aber auch als Charakter auf einen intellektuellen Tüftler „reduziert“, um schließlich am Ende des Buches wenn nicht als strahlender, aber zumindest als Held zu erscheinen.

Stilistisch verzichtet Robert Harris insbesondere bei den Hintergrundbeschreibungen auf den belehrenden, zu viele Nebensächlichkeiten erklärenden Tonfall „Fatherland“. Er schreibt sehr kompakt, die über den Plot hinausgehenden Informationen sind gut in die Handlung integriert. Zusammengefasst ist „Enigma“ ein unterhaltsamer, nur phasenweise und dann nicht bis zum konsequenten Ende durchkonzipiert zum Nachdenken anregender Thriller mit einer zynischen nicht nur durch den Krieg zu erklärenden Weltsicht, der auf einem gehobenen Niveau die Arbeit der Geheimnisse beleuchtet und die Last der Verantwortung hinsichtlich der in Kauf zu nehmenden Opfer klar herausarbeitet, um das Gesamtziel zu erreichen.

Robert Harris: "Enigma"
Roman, Softcover, 379 Seiten
Heyne- Verlag 1996

ISBN 9-7834-5311-5934

Weitere Bücher von Robert Harris:
 - Aurora
 - Der Ghostwriter
 - Vaterland

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