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Thriller



Neal Stephenson

Error

rezensiert von Thomas Harbach

Neal Stephensons auf Deutsch zu einfach getitelter Roman „Error“ – der englische Titel „Reamde“ ist der Name des Virus, den jugendliche chinesische Hacker in ein virtuelles Simulationsspiel eingeflochten haben – Thriller ist eine interessante Variation zu seinem letzten Science Fiction intellektuellem Spiel „Anathem“. Ein moderner, trotz eines mehr als tausend engbedruckte Seiten umfassenden Plots rasant geschriebener Roman, der weniger seine Stammleser stimulieren als Stephenson ein erweitertes Publikum präsentieren wird. Die virtuelle Spielwelt und die von Terroristen und russischen Mafiamitgliedern dominierte Realität sind die beiden Ebenen, auf denen sich seine anfänglich in ihren individuellen Elfenbeintürmen gefangenen Figuren bewegen müssen. Für viele seiner Charaktere ist es ein unterschiedlicher Reifeprozess. Es fehlt die Verbindung zu griechischen Philosophen, zu summerischen Mythen oder gewagten globale ökonomischen Theorien, auch wenn Stephenson in Bezug auf den letzten Punkt keine gänzlich neuen provozierenden Ideen präsentieren kann.

Auch wenn es sich auf den ersten Blick enttäuschend anhört, „Error“ ist ein moderner Thriller und Wirtschafts- und Computerkriminalität sowie einer politisch eher oberflächlichen Auseinandersetzung mit den Aspekten des nicht mehr zu kontrollierenden politischen Terrorismus, der weniger von Organisationen wie Al Kaida gesteuert, sondern von einzelnen intelligenten Fanatikern in die USA getragen wird.
Der Roman beginnt und endet wie schon angesprochen am heiligsten Feiertag neben Weihnachten: Erntedankfest. Die weit verzweigte und nicht zuletzt dank es Spieleentwicklers Richard vermögende Familie Forthrast trifft sich in dessen gigantischen, Schloss ähnlichen Haus im Niemandsland zwischen Kanada und den USA. Fast alle Mitglieder schießen mit unterschiedlichsten Waffen - hier erhält der Leser beiläufig eine für den Rest des Romans wichtige Einführung in unterschiedliche Waffentypen wie Glocks oder die in den USA inzwischen mehr als umstrittenen halbautomatischen Sturmgewehre - in einen kleinen Fluss. Nicht um ihre gegenseitigen Aggressionen auszuleben, sondern als eher zweifelhaftes befreiendes Erkenntnis dem amerikanischen Traum gegenüber, den insbesondere Richatd Forthrast als Kriegsdienstverweiger und Drogenschmuggler in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts opportunistisch gelebt hat. Am Ende des Romans nach Dutzend von Toten und kontinuierlichen Verfolgungsjagden um die halbe Welt und über die von ihm entwickelte Spielerde wird er ein anderes Verhältnis zu den furchtbaren Wirkungen der Waffen haben, auch wenn er in erster Linie aus Notwehr nur die klassischen Bösen getötet hat. Mit der Schließung dieses nicht nur zeitlichen Kreises ist Richard im Grunde zu einem Mann geworden, der seine Heimat zu verteidigen gelernt hat. Die Zwischentöne dieses Romans sind insbesondere nach dem 11. September erstaunlich patriotisch und einhergehend martialisch, wobei die Amerika bedrohenden Islamisten - er nennt sie kontinuierlich „Djihadisten“ - auch noch von einem überdurchschnittlich intelligenten wie rücksichtslosen farbigen Amerikaner angeführt werden. Zynisch gesprochen könnte Stephenson hier einen doppelten Alptraum für die dominierenden Weißen an die Wand malen: eine Revolution aus sich selbst heraus unter der grünen Fahne des Islams, während die chinesischen Hacker die brüchigen Wände des Cyberamerikas durchlöchern. Diese rassischtischen Elemente negiert der Autor wieder, in dem eine der handelnden Figuren eine junge Farbige ist, die vom Forthrast Klan als Waise aufgenommen worden ist und die russische Mafia zwar als rücksichtslos und brutal beschrieben, aber eher an die Vorbilder aus „Der Pate“ angelehnt entwickelt worden ist. In der Theorie sind die Russen mächtige Geschäftsleute mit entsprechendem Ehrencodex, der gebrochen zum Tod führt.

Von der Struktur her ist „Error“ wie schon angesprochen mit mehr als eintausend Seiten ein umfangreicher, aber nur vordergründig komplexer Roman, der in erster Linie unter seinem nicht im Detail, aber im Groben vorhersehbaren Ende leidet.
Zwei Konzepte führt Stephenson schon während der Familienfeier in die laufende Handlung ein, die mehr oder minder Plot bestimmend sind. Richard hat nach einem unruhigen, durch WIKIPEDIA Gerüchte dem Leser nahe gebrachten Leben die Spielwelt T`Rain entwickelt, die inzwischen zu einem Multimillionendollarkonzern geworden ist. Stephenson nimmt sich Zeit, die Besonderheiten dieser detaillierten Welt mit Fortschreiten des Plots zu beschreiben. Ein exzentrischer wie ehemals fetter Fantasy- Autor hat die Hintergründe entwickelt, seine Nicht Zula als Geophysikerin die Authentizität der Welt. Als „Gott“ und Spielführer der mächtigsten Figur auf dieser Welt - ein Symbol, das Stephenson in der zweiten Hälfte des Buches förmlich verschenkt - hat - scheint er alles unter Kontrolle zu haben. Da in dieser Welt vieles nur gegen in verschiedenen Gegenden gefundenes Gold funktioniert, hat Richard nicht nur ein ökonomisches System entwickelt, sondern vor allem einen Weg gefunden, dieses virtuelle Gold auch in der Realität nutzbar zu machen. Chinesische Hacker haben diese Nischen ausgenutzt und blockieren mit einem neuem Virus - Reamde - deren Computer. Sie müssen den Gegenwert von USD 73,-- an bestimmten schwer zugänglichen Stellen der Spielewelt abladen, um ihre Maschinen wieder zu starten. Ein für die Spieler sehr ärgerliches, aber für die jungen Chinesen sehr lukratives Geschäft, da die einzelnen Summen unter der Verfolgungsgrenze der Behörden sind. Innerhalb kürzester Zeit haben sie mehrere Millionen Dollar an Gold an verschiedenen Stellen deponiert, die mittels Transformation über verschiedene Stellen und Zahlungssystemen wie Western Union in echtes Geld umgewandelt werden können. Dieses Entziehen von Zahlungsmitteln aus dem fiktiven Wirtschaftskreislauf ist der zweite Ausbruch der Spieler gegen die Kontrollen der Schöpfer. Zum ersten Mal hat Richard diese Veränderungen durch die Integration neuer, eher künstlicher Kostüme verfolgen können.
Während des oben angesprochenen Familientreffens stellt Zula ihrem Onkel ihren neuen Freund Peter vor, der mit gestohlenen Kreditkartendaten seine Industrieimmobilie in einem heruntergekommenen Stadtteil von Seattle zu halten sucht. Diese Daten verkauft er während der Feier einem amerikanischen Geschäftsmann. Zum Übertrag dieser Daten braucht Peter einen USB Stick von Richard, auf dem sich der Virus Reamde befindet. Da der Geschäftsmann auch Spieler ist, wird dessen Computer genauso wie die Backup Lösung blockiert. Er kann die Daten nicht rechtzeitig seinen russischen Mittelsmännern übergeben. Als diese höflich bestimmt in Seattle nach den Hintergründen dieser Verzögerung fragen, töten sie den Geschäftsmann und zwingen Peter sowie die zufällig ebenfalls anwesende Zula, nach den Hackern zu suchen. Die IP Adresse führt sie nach China, wohin die Russen mit ihren Geiseln und einem ungarischen Computerspezialisten umgehend aufbrechen.
In China splittert Stephenson die Handlungsebene noch ein drittes Mal auf. Im Gebäude der Hacker lebt auch ein amerikanisches Islamist, der gerade einen Terroranschlag auf die USA plant und von einer assimilierten CIA Agentin überwacht wird. Als das russische Mafiakommando die falsche Wohnung stürmt und die Terroristen bedroht, kommt es zu einer ersten Katastrophe, die in verschiedenen Verfolgungsjagden zurück in die USA gipfelt.

Betrachtet der aufmerksame Leser die fortlaufende Handlung dieses trotz seines Umfangs gut strukturierten und intelligent ausbalancierten Thrillers, denn wird er auf eine Reihe von Zufällen stoßen, die sich als strukturelle Basis vieler Thriller immer wieder wiederholen. So werden wichtige Figuren nicht selten in letzter Sekunde gerettet. Natürlich sterben auch eine Reihe von Unschuldigen, aber Stephenson macht sich einen Spaß daraus, die manchmal erstaunlich differenziert aufgebauten Schurken von einem Augenblick zum Nächsten auszulöschen, während er der Handvoll „Helden“ immer wieder Rettungen in letzter Sekunde gewährt. Das diese Rettungen nur subjektiv sind und die Gefahrenpunkte sich nur verschoben haben, steht auf einem anderen Blatt. Es lässt sich trefflich diskutieren, ob eine Rettung durch einen afrikanisch- amerikanischen Terroristen einen Fortschritt gegenüber einem russischen Söldner darstellt. Mit diesen insbesondere in der zweiten Hälfte des Romans ermüdenden Aktionen einher geht eine interessante Wandlung einiger Figuren. So wird der russische Söldner eher zu einem Helden, weil er sich ins einer Ere gekränkt fühlt und lieber der Frau - einer amerikanischen Agentin - hilft, die ihn gerettet hat. Liebe kennt in diesem Buch keine Grenzen und so endet „Error“ auch mit zahlreichen Happy Ends. Um es vorweg zu nehmen, Stephenson gelingen einige spektakuläre Actionszenen im kleinen Rahmen - die chinesischen Hacker, die wie Bergziegen sich an der Hauswand abseilen; der abstürzende Hubschrauber und letzt endlich auch die finale Auseinandersetzung in den amerikanisch - kanadischen Bergen -, welcher der Autor durch geschickte Manipulation der Erwartungshaltung seiner Leser vorbereitet, aber es findet sich im vorliegenden Thriller des Buches wenig, was man nicht vorher anders wo gelesen hat.
Die Stärken des Buches sollten auf drei anderen Ebenen liegen: die Charakterisierung der zahlreichen Protagonisten; die Integration der gegenwärtigen technischen Entwicklungen in die laufende Handlung die Erschaffung der fiktiven, aber angesichts von Millionen von Spielern interessanten virtuellen Welt.
Fängt man mit der virtuellen Welt an, so erläutert Stephenson mehrmals, welche Mühe sich Richard und seine Angestellten gegeben haben, um T´Rain einzigartig zu machen. Neben einer komplexen Ökonomie die Idee verschiedener kriegerischer Auseinandersetzungen, die Gruppendynamiken bedingen. Ein reichhaltiger, zu kommerziellen Zwecken genutzter Hintergrund und schließlich die typische Möglichkeit, sich bestimmte Fähigkeiten auf den Reisen zu „kaufen“. Aber angesichts der Prämisse kommt T´Rain nicht nur zu kurz, die Idee des Transformation von virtuellem Gold in den realen Wirtschaftskreislauf wird im Verlaufe des Buches eher fallen gelassen. Das schließlich ein Zwitterhacker Marlon – er tut es für die auf der Flucht befindlichen fast mittellosen Chinesen und steht Richard doch freundlicher gegenüber – diesen gordischen Knoten auflöst, ist typisch für den vorliegenden Roman, in dem die Expositionen nicht immer mit den Auflösen mithalten können.
Die technischen Entwicklungen sind vielleicht das am meisten überzeugende Element des Romans, in dem Stephenson Aspekte seiner vor der „Barock“ Trilogie verfassten Arbeiten adäquat, aber nicht mehr so provozierend brillant in einen zugänglicheren Text umsetzen kann. Während die GPS Idee der totalen Überwachung und damit einhergehend auch der Manipulation des überwachenden gut entwickelt ist, wirkt es bizarr, wenn die Protagonisten aus scheinbar unerschöpflichen Geldmitteln Jets – in erster Linie die Russen – mieten oder mit dem Hubschrauber in unwirtliche kanadische Weiten schwirren. Das die Durchleuchtungsgeräte an den Flughäfen inzwischen keine Herausforderungen für die modernen Terroristen darstellen wird genauso herausgearbeitet wie der durchlöcherte goldene Käfig China, der beim illegalen Ein- wie Ausreisen eher ein fiktives Hindernis darstellt. Der Waffenfetischismus ist eine Verbeugung vor dem modernen Actionkino, wie vieles an „Error“ im Grunde drehbuchtauglich erzählt worden ist. Am vierten Tag dauert die Auseinandersetzung zwischen Spionen, der attackierenden Mafia, den chinesischen Hackern und schließlich den erstmalig in die Handlung eingeführten Terroristen fast zweihundert Seiten. Wie in einem Drehbuch verbindet Stephenson routiniert und stellenweise inspiriert die einzelnen Handlungsebenen und manipuliert sein Publikum. Am Ende freut man sich über einen aalglatten Thriller und vergisst einen Moment, welcher Autor dieses Buch geschrieben hat. Wird man sich dieser Tatsache bewusst, drängt sich ein Gefühl der inhaltlich intellektuellen Leere auf. Viele intellektuell stimulierende Idee wie die Kombination von virtueller Irrealität und irrationaler Realität verlieren sich im von Stephenson allerdings souverän gesteuerten Handlungsgeflecht. Die Idee des GPS als totales Überwachungsinstrument mit dem Hang zu einer eigenen „Persönlichkeit“ im ironischen Sinne ist faszinierend und wird effektiv, aber letzt endlich nicht die Handlung bestimmend eingesetzt. Sonst wäre der Roman früher zu Ende.
Vor allem der Brückenschlag zu seinen Figuren funktioniert nicht. Obwohl Richard über eine halbkriminelle Vergangenheit und Jagderfahrung verfügt, scheint Zulas einziger Überlebensinstinkt in ihrem Aufwachsen in Afrika zu bestehen. Trotzdem gelingt es ihnen mehrfach, verschiedene Handschellen zu knacken oder aus eher schwierigen Situationen nicht zuletzt mehrfach dank „Deus Ex Machina“ Lösungen zu fliehen. Der Leser findet keinen richtigen Unterschied zwischen den professionellen Sicherheitsfachleuten ausgebildet für spezielle Aufgaben insbesondere der russischen Mafia, den islamistischen Terroristen, der FBI Agentin oder dem kurzweilig agierenden MI6 Team sowie den normalen Protagonisten. Amerika scheint laut Stephensons Roman ab einer bestimmten Einkommensklasse wehrhafter denn je zu sein. Es ist kein Wunder, dass mit Richard und Zula inklusiv ein wenig Unterstützung von den wenigen überlebenden Spezialisten und der eigenen Familie Amerika vor einem brutalen, wahrscheinlich mit einer schmutzigen Waffe durchgeführten Anschlag beschützen.
„Error“ muss im Gesamtrahmen von Stephensons Werk als Brückenschlag von seinen ersten frühen Cyerthrillern die „Barock“ Trilogie oder „Anathem“ ignorierend zu kommerzielleren Werken verstanden werden. Stephenson ist deutlich kommerzieller geworden. „Errror“ ist trotz der angesprochenen Schwächen und manchmal zu auffällig konstruierten Zufälligkeiten ein umfangreich immer noch rasanter, manchmal ins Belehrende abdriftender Thriller. Dieser Schwäche ist sich der Autor mittels einiger selbstironischer auf das gegenwärtige Actionkino als „Schule des Lebens“ verweisender Bemerkungen bewusst. Es fällt ihm aber keine Alternative ein und das ist angesichts des Potentials des Autoren ernüchternd bis enttäuschend. So ist „Error“ kein typischer Neal Stephenson mehr. Das wird seine Stammleser wahrscheinlich eher enttäuschen, während Neueinsteiger und bislang frustrierte Interessierte erkennen, dass sich der intellektuelle Horizont des Autoren den Erwartungen einer breiteren Schicht anpassen.

Neal Stephenson: "Error"
Roman, Hardcover, 1024 Seiten
Manhattan 2012

ISBN 9-7834-4254-6923

Weitere Bücher von Neal Stephenson:
 - Anathem

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