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Thriller



Michael Crichton

Next

rezensiert von Thomas Harbach

Michael Crichtons 2007 erschienener Roman „Next“ sollte sein letztes Buch werden. Der Autor greift in „Next“ wie in „Welt in Angst“ ein sehr populäres Thema auf, das schon in spekulativer Form die Grundlage für seine beiden ungeheuer populären und verfilmten „Jurassic Park“ Roman gebildet hat: Genforschung und Gentechnik. Im Gegensatz allerdings zu den seinen bislang alleine vom Spannungsbogen getriebenen und mit ausreichend Hintergrundinformationen versehenen Romanen wie „The Adromeda Strain“ oder „Prey“ geht es Michael Crichton weniger darum, die Gefahren der Forschung an einer Geschichte zu erzählen, sondern im Grunde vor den Lesern ein Füllhorn von Ideen, Thesen und persönlichen Schicksalen auszubreiten. Vom ersten Augenblick an öffnet Michael Crichton immer weitere Handlungsbögen und führt bis kurz vor dem Ende des Romans neue, aber nicht immer unbedingt wichtige Protagonisten ein. Auf den letzten fünfzig Seiten versucht er die einzelnen Stränge wieder einzufangen und die einzelnen Ebenen des Buches entweder konsequent oder zumindest für den Leser überdenkenswert abzuschließen. Die Schwäche des Buches ist die Unentschlossenheit, alle Ideen wirklich konsequent bis zum teilweise makaber dunklen Ende zu extrapolieren. Weiterhin erschafft Michael Crichton mit sehr viel Liebe zu überzeugenden Details eine Reihe von interessanten Charakteren, um sie nicht zuletzt aufgrund der stetig wachsenden Komplexität des Plots entweder in den Hintergrund abzuschieben oder sogar zu vergessen.

Gleich zu Beginn des Buches führt Michael Crichton den Privatdetektiv und Kopfgeldspezialisten Vasco Bordon ein, der zusammen mit seiner beruflichen Partnerin einen jungen Wissenschaftler observiert. Dieser hat unerlaubterweise Zellen aus einem Labor gestohlen und will sie auf einer riesigen Gentechnikkonferenz anscheinend einem Auftraggeber überbringen. Als ihm die Häscher zu nahe auf den Leib rücken, bringt sich der Junge um, während seine Zellen inzwischen verbunden sind. Im Verlaufe des Buches wird in einer der am meisten subversiven und kontroversen Passagen Bordon Jagd auf eine junge Frau und ihr Kind machen, da ihre Stammzellen angeblich einem großen Biokonzern gehören. Wie geschickt der Aufbau des Buches konstruiert ist, merkt der Leser im nächsten Kapitel. Frank Burnet ist von einer schweren Krebserkrankung überraschenderweise genesen. Sein behandelnder Arzt hat die Zellen und Gewebeproben für drei Milliarden Dollar im übertragenen Sinne – soviel wäre es Medikament wert – an einen Biotechnologiekonzern verkauft, dessen Inhaber der Junge aus dem ersten Kapitel auf der Messe begegnet ist. Das obligatorische Gerichtsverfahren verliert Frank Burnet und ist plötzlich nicht mehr der Besitzer seiner Körperzellen. Sowohl den als Abfall titulierten entnommenen Gewebeproben als auch den Zellen, die sich noch in seinem Körper befinden. In diesem Handlungsabschnitt geht der Jurist Michael Crichton sehr ins Detail. Neben den beschriebenen zwei Gerichtsprozessen finden sich teilweise über mehrere Seiten erstreckend theoretische Abhandlungen, die jeglichen moralischen Vorstellungen widersprechen. Aber sehr fundiert und natürlich entsprechend provozierend legt Michael Crichton die sehr unterschiedlichen Standpunkte dar und fordert sehr expliziert eine neue Gesetzgebung für diese schöne neue Welt. Obwohl Frank Burnets Schicksal in sehr vielen Abschnitten des Romans verankert ist, gelingt es Michael Crichton nicht, diese im Grunde elementare Handlungsebene für einen aufmerksamen Leser zufrieden stellend zu beenden. Zu stark stört das alles wird gut Argument der zweiten Gerichtsinstanz. Zu sympathisch ist der Richter, zu eindimensional und vor allem zu klischeehaft sind in diesem Fall die Antagonisten charakterisiert. Eine weitere Handlungsebene demontiert Michael Crichton mit seiner deutlich spürbaren Unentschlossenheit. Im Dschungel von Zentralsumatra wird ein Menschenaffe gefunden, der einen Fotografen in mehreren Sprachen beschimpft. Das Opfer eines illegalen Genexperiments. In den USA muss ein Forscher seiner Familie seinen „Sohn“ vorstellen, den Schimpansen Dave, dessen genetischer Code mit Stammzellen des Forschers gemischt worden ist. Er kann sprechen und will natürlich wie ein Mensch agieren. Die Familie, insbesondere die schockierte Ehefrau nimmt den Affen bei sich auf, während die bigotten Nachbarn und schließlich auch die Schulhofschläger mit Hass und Gewalt reagieren. Ein sprechender Papagei wird schließlich entführt und als Attraktion von mehreren sehr unterschiedlichen Menschen durch die USA geschleppt. Auch wenn Michael Crichtons auf dieser Handlungsebene sowohl aktuelle als auch soziale Konflikte anspricht, überzeugt die Häufung der sich in kleinen Variationen wiederholenden Elemente nicht. Ein Affe hätte insbesondere im Vergleich zu den anderen Handlungsebenen vollkommen ausgereicht.

Die Idee, verschiedene Facetten des Themas zu präsentieren und teilweise kontrovers zu kommentieren, ist sicherlich gelungen. „Next“ ein kein klassischer Roman, sondern der Bilderbogen einer sehr dunklen Zukunft. Michael Crichton hat sich sehr intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt und der Roman ist solide recherchiert. Dabei bemüht sich der Autor hinsichtlich der Chancen wie auch Risiken dieser Technik um ein objektives Bild. Was den Roman teilweise sehr schwer zu goutieren macht, ist seine persönliche Abneigung gegen Wissenschaftler, Ärzte und schließlich auch die Obrigkeit in Form vom Richtern, Polizisten oder Politikern. Nicht selten beschreibt er sie als rücksichtslose Opportunisten und egozentrische machtgierige Diktatoren, die ihre kleinen Biotechnologiefirmen als Gelddruckmaschinen missbrauchen. Wer mit dreißig nicht Millionär ist, hat etwas falsch gemacht. Nur wenige Figuren sind wirklich zugänglich beschrieben. Dann sind es meistens die etwas naiven Durchschnittsmenschen, die ihren Halbgöttern in weiß vertrauen, oder die Rechtsanwältin, die sich plötzlich mit Verschlagenheit und einem gewissen Maß an Rücksichtslosigkeit gegen die Kopfgeldjäger zu wehren beginnt. Diese Charakterisierungen sind teilweise doch sehr rudimentär und klischeehaft. Auf der anderen Seite sind die Antagonisten alle eindimensional, klischeehaft und vor allem viel zu eindimensional rücksichtslos beschrieben. Der Leser kann sich kaum vorstellen, dass diese Figuren eine Vergangenheit – unabhängig von der eher fragwürdigen Zukunft – haben und sieht sie nur im eher einseitigen Jetztzustand. Michael Crichton hat sie auf ihre Handlungen reduziert. Ihm gelingt es nicht immer sehr konsequent, ihre Motivationen wirklich überzeugend herauszuarbeiten. Dadurch verlieren ihre Handlungen an Effektivität und eine Reihe der kontroversen Punkte – wie das Recht an der eigenen Zelle angesichts einer Vielzahl von Patenten auf das menschliche Genom - werden auf dem Niveau einer Soap abgehandelt. Teilweise macht es sich der Autor aber angesichts der menschlichen Handlungsweisen zu einfach und versucht den Genen im Vergleich zur Erziehung zu viel Macht zuzuschieben.

Der schnelle Wechsel zwischen den einzelnen Szenarien vermittelt zumindest auf den ersten Blick einen global orientierten Ansatz. Wer genau hinter die Kulissen schaut, wird in erster Linie Amerikaner und amerikanische Probleme erkennen, die zwar wie im Dschungel von Sumatra ein wenig globalisiert werden, aber Michael Crichtons Schlachtfeld im positiven wie negativen Sinne ist seit einigen Romanen Corporate Amerika. Im Vergleich zu seinen sehr gut geschriebenen früheren Thrillern wie „The Andromeda Strain“, in dem es um ein möglicherweise außerirdisches Virus gegangen ist, beschreibt Michael Crichton nicht mehr die potentiellen Folgen dieser Entwicklungen und extrapoliert kleine Katastrophen. Dieses Fehlen einer dynamischen und vor allem konsequenten Handlung macht die Lektüre seiner neuen Romane nicht einfach. Viel mehr neigt er dazu, über diese Thema zu referieren und predigt teilweise seine Meinung zu sehr. Er will mit seinen Büchern provozieren und die Diskussionen über diese Themen in Gang bringen bzw. am Laufen zu halten. Das schafft der Autor in erster Linie, in dem er seine Figuren eine sehr einseitige und stellenweise provozierende Position einnehmen lässt. Diese Vorgehensweise ist legitim und verleiht dem Buch eine gewisse Schärfe. Michael Crichton macht dann allerdings den Fehler, seinen Figuren eine mehr oder minder reinigende Katharsis zuzustehen oder sie mittels eines Gottesgerichts“ – wie einer plötzlichen, unheilbaren Krankheit – zu Grunde zu richten. Diese Vorgehensweise wirkt polemisch und negiert die guten Positionen, die der Autor auf einigen hundert Seiten teilweise sehr detailliert und vor allem sehr überzeugend aufgebaut hat. Mit seinem Nachwort, das sich teilweise wie ein politische Rede liest, hinterfragt der Autor nicht mehr die vom ihm aufgestellten Thesen, sondern unterstreicht, das eine Auseinandersetzung mit diesem Thema nur aus einer, seiner extremen Position heraus erfolgen kann. Es empfiehlt sich, das nur zu Beginn wirklich faktisch überzeugend geschriebene Nachwort auszulassen. „Next“ ist nicht Michael Crichtons bestes Buch. Der Versuch, Autoren wie Thomas Pynchon oder Tom Wolfe mit ihren exzellent geschriebenen und vor allem strukturell herausragenden Romanen zu imitieren, ist gescheitert. Unabhängig von den angesprochenen Schwächen des Romans hinsichtlich der Charakterisierung und der einzelnen nicht zufrieden stellend abgeschlossenen Handlungsebenen greift der Autor in diesem seinem letzten Buch aber ein wichtiges Thema auf und informiert teilweise sehr drastisch seine Leser über die nicht immer offensichtlichen Risiken und seltener Chancen der Gentechnik.

Michael Crichton: "Next"
Roman, Softcover, 544 Seiten
Blanchvalet 2008

ISBN 9-7834-4246-6726

Weitere Bücher von Michael Crichton:
 - Airframe
 - Beute
 - Der große Eisenbahnraub
 - Gold
 - Timeline
 - Welt in Angst

Leserrezensionen

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