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Thriller



Michael Crichton

Welt in Angst

rezensiert von Thomas Harbach

Mit “State of Fear” aus dem Jahre 2004 legt Michael Crichton seinen sicherlich besten Thriller seit “Jurassic Park” vor. In seinen bodenständig modernen Romanen hat Michael Crichton von Beginn an die blinden Wissenschaftler inklusiv ihres Sendungsbewusstseins genauso kritisieret wie den schmalen Grad, auf dem politische Lobbyisten auf Stimmenfang im Verlaufe der Jahre gewandelt sind. Crichtons Mißtrauen nicht nur vor der eher belanglosen und opportunistischen Politik wie auch Anwälten in jeglicher Richtung zeigt sich im vorliegenden Roman. Sicherlich gibt es nicht viele Anwälte wie den jungen Evans, die gleich drei im Grunde perfekte Anschläge auf ihr Leben abwehren können. Im ewigen Eis gefangen, von künstlich ausgelösten Tsunamis bedroht und schließlich Opfer eines der letzten Kannibalenstämme auf Neu Guinea. Alle drei Szenen sind brillant und spannend geschrieben, aber Crichtons eher verzweifelt bemühter Versuch, dem Actiongenre zu folgen und den nächsten Paukenschlag größer, unwahrscheinlicher und imposanter anzulegen, geht spätestens nach der zweiten Action ins Leere. Was eigentlich als Höhepunkt des Buches angelegt ist, erzeugt im Leser nur noch Leere. Da sind Evans, der geheimnisvolle Kenner und zwei junge Frauen im Lager der terroristisch veranlagten Kannibalen gefangen, ein Schurke ist schon filetiert und verspeist worden, als in Karl May Manier ihr Zelt aufgeschnitten wird und eine lange aus der Handlung verschwundene Figur aus dem Nichts heraus die Befreiung startet. Der schmale Grad zwischen überzeugender Action und Lächerlichkeit wird hier eindeutig in die falsche Richtung verlassen. Das der verschwundene und augenscheinlich durch einen Selbstmord ums Leben gekommene Milliardär und bislang Umweltschützer im Roman noch eine weitere Rolle spielen muss, legt Crichton so breit und auffällig an, das dieses überraschende Element ihre Wirkung gänzlich verfehlt. Auf diesem manchmal sehr langen Weg zu einem bemühten Showdown reiht Crichton dialoglastig eine Reihe von mehr oder minder überzeugenden Szenen an sich, deren Kern den Versuch beinhaltet, das bisherige Denken der Menschen auf den Kopf zu stellen. Die glaube Erwärmung gibt es in der propagierten Form nicht. Genauso wie sich eine Erwärmung an manchen Stellen der Erde - insbesondere in den neuen urbanen Molochen wie New York - feststellen lässt, kühlen andere Teile der Erde ab. Sollte es sich bei dem Thema globale Erwärmung nur um einen neuen Milliardencoup in diesem Fall der Umweltschützer handeln, die aus einzelnen Katastrophen und mittels unbestätigten Computerhochrechnungen das Ende der Zivilisation herbeireden? Crichton versucht seine provozierenden Thesen mittels diverser Computergrafiken zu unterlegen. Diese geballte, aber faszinierende Informationsflut trifft auf den einzigen Charakter - den jungen Rechtsanwalt Evans -, mit dem sich der Außenstehende Betrachter in Ansätzen identifizieren kann. Sein Weltbild wird stellvertretend für die Leser auf den Kopf gestellt. Um aus dieser Prämisse einen Spannungsbogen zu machen, fügt Crichton Mitglieder einer militanten Umweltschutzorganisation hinzu, die mittels sorgfältig geplanter Anschläge während einer globalen Umweltschutzkonferenz die Gefährlichkeit der globalen Erwärmung demonstrieren wollen. Dabei reicht das Spektrum von einem ab gesprengten Eisberg über ein gewaltiges Gewitter über einem der Nationalparks an einem Feiertag bis zu einer Reihe von künstlichen erzeugten Flutwellen. Nur Kenner und Evans können als “Mission Impossible” Inkarnationen in Nadelstreifen nacheinander die verschiedenen Attentate entweder verhindern oder zumindest einschränken. Dabei schließt sich der Bogen zum Glaubwürdigkeitsproblem, auf das zu Beginn der Besprechung eingegangen worden ist. Die Idee der Ökoterroristen ist von Michael Crichton nicht unbedingt überzeugend in den Roman integriert worden. Es ist unwahrscheinlich, das vier gewaltige künstlich ausgelöste Katastrophen vor allem in einer Welt nach dem 11. September keine Spuren hinterlassen. Keine Hinweise auf die gekauften Materialen und schließlich keine Informanten. Akzeptiert der Leser diese Prämisse als möglich, wirken die Taten an sich eher wie faule Kompromisse. Einer von Crichtons besten und spannendsten Romanen “Andromeda” bezog seine innere Dramatik alleine aus der Tatsache, das der Leser bis auf den cineastischen Countdown dem Treiben einer Handvoll von Wissenschaftlern und ihren Studien am lebenden Objekt folgen mußte und vor allem folgen konnte. Alleine die Theorie, das es eine globale Erwärmung in der oft zitierten Form geben könnte, sondern einzelne Faktoren ganz bewusst falsch extrapoliert werden, um so einer Umweltschutzlobby Millionen bzw. Milliarden in die Hände zu spielen, hätte für einen spannenden Thriller ausgereicht. Selbst Antagonisten, die alle rechtliche Mittel ausschöpfen, um Evans von seiner zufälligen aufgenommen Spur zu bringen, hätten ausgereicht. Die Attentate mit dem Tintenfischgift gehen dem Leser sicherlich unter die Haut, aber schon Evans zeigt, das es keine absolute sichere Tötungsmethode ist. Zumindest verzichtet Crichton auf das Klischee vom lebendig Begrabenen.

Als potentieller Bestseller auserkoren wirkt vieles von Michael Crichton sehr zielstrebig und vor allem kommerziell erfolgreich, aber nicht immer harmonisch oder gar überzeugend konstruiert. Als interessante und vor allem diskussionswürdige These bis auf den eher geschmacklosen Vergleich mit dem Genozid liefert Crichtons sehr umfangreicher und trotzdem rasant mittels solider Dialoge die Handlung vorantreibender Roman eine Reihe von sehr nuancierten Ansätzen und Ideen. Im Vergleich zu seinen anderen Spätwerken wie “Prey” oder noch auffälliger “Next” verzichtet der Autor über weite Strecken des Buches auf einen manipulierenden auf die emotionale Ebene des Lesers zielenden Stil und ausführliche sehr belehrend geschriebene Hintergrundinformationen. Die verschiedenen Fakten werden fast ausschließlich in Form von Diagrammen und Statistiken präsentiert, deren Aussagekraft sicherlich diskutiert werden kann und dessen Aussagen aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden können und müssen. Crichton fügt seinen Zitaten immer die entsprechenden Quellenangaben hinzu. Wer sich intensiver mit dem Thema auseinandersetzen will, kann also entsprechende Recherchen unternehmen. Globale Erwärmung als Fortsetzung des Kalten Krieges, um die Völker der Welt unter Kontrolle zu halten. Eine auf den ersten Blick absurde These, die Crichton in den besten Passagen des Buches überzeugend und vor allem subversiv intelligent an gekonnt herausgesuchten Beispielen extrapoliert. Im Kern ist “State of Fear” sicherlich eines seiner besten neuen Bücher. Nur der Mantel erinnert teilweise doch zu stark an den Crichton des 21. Jahrhunderts, der zu wenig seinen Instinkten und zu sehr den Formeln für erfolgreiche Bestsellerautoren vertraut. Wie fast alle Crichton Romane leidet auch “State of Fear” insbesondere in der hier besprochenen Originalausgabe unter eher eindimensionalen und teilweise fast klischeehaft verzerrt dargstellten Charakteren. Insbesondere der bisherige Schreibtischtäter Evans wächst an der Seite von zwei natürlich sehr attraktiven, aber auch eigenständigen und intelligenten Frauen über sich hinaus und leistet im Grunde Unglaubliches. Diese wie schon erwähnt gut geschriebenen, aber in dieser geballten Form eher leer wirkenden Actionszenen sprechen in erster Linie das Flughafen und Bahnhofslesepublikum an, erzeugen über den ganzen Roman betrachtet aber eine spürbare “Leere” im Plot. Im Vergleich zu “Prey” und “Next” überwiegen allerdings die Stärken und machen den Roman nach einem eher sperrigen und wie ein schludrig geschriebener Agententhriller wirkenden Anfang zu einer interessanten, provokanten und rasant geschriebenen Lektüre. Eine Generation früher hätte Michael Crichton aus diesem Stoff einen Thriller gemacht, der wirklich unter die Haut geht und den Leser atemlos die Seiten umblättern lässt.

Michael Crichton: "Welt in Angst"
Roman, Softcover, 608 Seiten
Goldmann Verlag 2006

ISBN 9-7834-4246-346

Weitere Bücher von Michael Crichton:
 - Airframe
 - Beute
 - Der große Eisenbahnraub
 - Gold
 - Next
 - Timeline

Leserrezensionen

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