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Thriller



Akif Piriniµci

Die Damalstür

rezensiert von Thomas Harbach

Akif Pirinµci ist nicht selbst heute noch in erster Linie durch seinen Katzenkrimi „Felidae“, die Fortsetzungen und die Zeichentrickverfilmung in Deutschland bekannt. In der Zwischenzeit hat er eine Reihe von sehr unterschiedlichen Romanen verfasst. „Die Damalstür“ erschien 2001 im Rahmen des Goldmann Verlages und ging rückblickend auch im Rahmen seines inzwischen umfangreichen Gesamtwerkes unter. Das liegt vielleicht auch in der Tatsache begründet, dass „Die Damalstür“ mehr als eine „Was wäre wenn?“ Geschichte, mehr als eine Zeitreisestory, mehr als ein grotesk überdrehter Krimi, aber aufgrund des zu weichen Ende mit einer eher enttäuschenden Auflösung keine gänzlich zufriedenstellende Auseinandersetzung mit den elementaren Themen wie Liebe, Zufriedenheit und eingeschränkt Glück im Leben.

Dabei ist die Prämisse durchaus interessant. Alfred Seichtem ist ein Lebenskünstler, der mit seinen vierzig Jahren als unorthodoxer Maler den Gipfel der Kunstwelt nach einem langen Anlauf erstürmt hat. Genauso schnell ist er – in Rückblenden wird es enthüllt – durch eigene Maßlosigkeit, Alkohol, Frauengeschichten und Arroganz wieder heruntergestürzt. Inzwischen ist er geschieden, sein zweijähriger Sohn Patrick bei einem Unfall ums Leben gekommen und er verbringt seine Tage und Nächte alkoholumnebelt. Eines Morgen nachdem er als letzter Gast die Stammkneipe verlassen hat, macht er in der Nähe seiner ehemaligen Luxusvilla durch einen Zufall eine eigentümliche Entdeckung. Sein Blick streift eine Seitengasse, deren Existenz er bislang nicht wahrgenommen hat. Am Ende der Gasse scheint ein helles, weißes Licht. Dahinter ist eine Tür, die ihn die eigene Vergangenheit führt. Seichtem durchschreitet sie und findet sich plötzlich zehn Jahre in der Vergangenheit wieder. Ausgerechnet in dem Augenblick, in dem er zusammen mit seiner Frau die neue Luxusvilla bezogen hat. Ausgerechnet in dem Augenblick, in dem er sich als zukünftiger König der Welt gefüllt hat. Verwirrt sucht Seichtem nach Verlassen der Gasse seine geschiedene Frau auf. Gemeinsam schmieden sie den Plan, in die Vergangenheit einzutauchen und im Augenblick ihres Triumphes sich eine zweite Chance zu nehmen. Dafür müssen aber die jüngeren Ichs getötet werden. Seichtem ahnt nicht, dass mit den beiden Morden eine Kette von Zufällen angestoßen wird, deren Gewichtigkeit er nicht im Entferntesten ahnen konnte.

Der Roman lässt sich thematisch schwer aufteilen bzw. einordnen. Zu Beginn ist es eine klassische Verlierergeschichte, wobei der Autor ganz bewusst darauf verzichtet, dem Leser Mitleid mit seiner Hauptfigur zu suggerieren. Trotz einer Reihe von lakonischen Bemerkungen wirkt die Selbstkritik zu sporadisch eingesetzt und zu wenig Ziel führend. Eine mögliche, aber nicht zufriedenstellende Erklärung liefert die eigentliche Pointe dieses Romans, auf die aber nicht näher eingegangen werden soll. Ganz bewusst konfrontiert der Autor seine Figuren hinsichtlich des Themas Neuanfänge mit auch moralischen Schwierigkeiten. Seichtem und Ida sind nicht in der Lage, ihr Leben selbst wieder in den Griff zu bekommen. Um noch einmal von vorne anfangen zu können, müssen sie im übertragenen Sinne moralisch ganz tief sinken: auch wenn es nur das eigene Ich ist, müssen sie jeweils einen Menschen ermorden. Diese Hürde ließe sich nicht zuletzt dank geschickter Argumentation Idas noch überwinden. Kaum haben sie aber die Voraussetzungen geschaffen, um zehn Jahre früher unbeschwert neu zu beginnen, häufen sich an zwei Fronten die Probleme. Zum einen gegenüber den Mitmenschen, denn die beiden Morde sind nicht glatt gegangen. Mehr und mehr Zeugen müssen eliminiert werden. Die Krimihandlung inklusiv der Vierer- Umzugsbande, den misstrauischen Nachbarn, welche schwer bewaffnet auf eine Party gehen und den sicherlich nicht zufällig an Inspektor Columbo erinnernden Kommissar ist interessant aufgebaut. Der Leser fiebert förmlich mit, welche Katastrophe in erster Linie Seichtem mit seinen sicheren Plänen wieder auslösen wird. Je irrealer die Handlung wird, je verrückter Seichtem agiert, desto mehr befürchtet der Leser eine nicht zufriedenstellende Auflösung. Der angebliche Showdown abends auf gepackten Koffer mit einer Bargeldübergabe und natürlich den Auftreten des Ermittler ist plottechnisch sehr geschickt konstruiert, exzellent abgestimmt und an die schwarze Komödie „Kleine Morde unter Freunden“ erinnernd gut gelöst. Aber leider nicht das Ende des Buches.

Weitere und sicherlich vom Autoren in den Vordergrund gerückt Probleme treten auf der emotionalen Ebene auf. Alleine eine Zeitreise zehn Jahre in die Vergangenheit unabhängig vom Mord am eigenen ich heilt weder die zukünftigen Probleme noch lässt sie Menschen theoretisch den Ballast der dunklen Jahre abwerfen. In diesem Fall haben die emotionalen Altlasten sehr unterschiedliche Auswirkungen. Während Ida insbesondere in der ersten Hälfte des Buches der dynamischere und rücksichtslosere Teil des Ehepaars ist und in der Vergangenheit besser zurückrecht kommt, leidet Seichtem nicht nur unter seinem schlechten Gewissen, sondern kann insbesondere sein zukünftiges Versagen nicht ablegen. Neben dem Alkoholismus kommt das berufliche wie künstlerische Versagen hinzu. Immer am Rand zu Mimose und mit Hypochondersymptomen reichlich beschert ist die Charakterisierung der Figur eine enge Gradwanderung zwischen laufendem Klischee und tragischem Menschen. Seichtem ist ein klassischer Verlierertypus, der das eigene Glück mit Füßen tritt. Diese Selbsterkenntnis kommt nicht spät, sondern leider zu spät. Dabei gibt er sich im Gegensatz zu allen anderen Figuren des Buches am ehesten selbst schuld und wirkt deswegen als moralischer Sieger in einem Plot voller Verlierer. Das liegt aber auch in der Tatsache begründet, dass Pirinci sich auf Seichtem als einzigen wahren Erzähler – das Buch ist aber nicht in der Ich- Perspektive geschrieben – konzentriert. Rückblickend ein kleiner Irrweg, den der Autor absichtlich wählt, um seine Leser noch ein wenig mehr abzulenken. Ida dagegen ist als Figur zu eindimensional, zu überdreht, zu zickig, zu emotionslos bzw. in der Gegenwartsebene zu wenig nuanciert beschrieben als das sie ein Gegengewicht zu Seichtem bilden könnte. Viele der Nebenfiguren sind dagegen mit viel Liebe zum Detail beschrieben. Der Leser hat das Gefühl, als könne er ihnen in der nächsten Kneipe oder beim nächsten Umzug begegnen. Die Beschreibungen sind ungewöhnlich genau und Pirinµci hat viel Spaß, ihnen möglichst schwere Steine in den Weg zu legen.

„Die Damalstür“ ist aber auch ein Roman, der eine zweite Lektüre verlangt. Nicht weil der verschlungene Plot so unübersichtlich erzählt worden ist. Nicht weil der Stil des Autoren trotz seiner Überdurchschnittlichkeit so faszinierend ist, das man sich wie bei einem Thomas Mann an der Sprache nicht satt lesen kann. Sondern weil man den Text hinsichtlich eines möglichen literarischen „Betruges“ untersuchen möchte. Diese Vorgehensweise ist sicherlich eine Gradwanderung, aber die Auflösung des Plots erfordert es. Der Wahnsinn der Handlung steigert sich. Erster Höhepunkt nach der unglücklichen Doppeleinzugsnacht ist die Party, auf der Seichtem das Geheimnis der Straße und ihrer Bewohner erfährt. Dem Leser bleibt nicht anders übrig, als zu schmunzeln und sich Seichtem überraschtes Gesicht vorzustellen. Zumindest das Schweigen der neuen Nachbarn hinsichtlich der seltsamen Ereignisse in Seichtems Garten macht jetzt Sinn. Im Verlaufe der Handlung scheint der Plot mehr und mehr ins Surrealistische abzudriften. Die einzelnen Komponenten scheinen immer noch Bestandteile eines Puzzles zu sein, dessen Gesamtbild sich dem Betrachter, dem Leser verschließt. Aber die Teile scheinen nicht mehr fugenlos ineinander zu passen. Souverän ohne die Aufmerksamkeit des Lesers auf diese Tatsache zu lenken scheint Piriniµci eine zweite implizierte Handlungsebene in seinen Roman einzuweben. Am Ende muss der Autor diese nebulöse Ebene wieder verlassen. Der Übergang wirkt ein wenig zu kitschig und kommt vor allem nach einem furiosen Showdown viel zu abrupt. Vor allem entpuppt sich die eigentliche Damalstür, die Idee einer zweiten Chance als kleine Illusion. Diese wenig befriedigende Auflösung nimmt der vorliegenden Geschichte sehr viel von seiner Faszination. Rückblickend weigert sich Pirinµci dem Leser wirklich überzeugende Antworten auf die Frage zu geben, ob Menschen eine potentielle zweite Chance auch wirklich ergreifen können und würden oder ob sie an ihrer eigenen Vergangenheit nur scheitern können. Bis auf diese ausweichende Haltung der elementarsten Frage des Buches gegenüber liest sich der vorliegende Roman über weite Strecken ausgesprochen unterhaltsam mit einer komischen, aber nicht klamaukartigen Unternote. Zumindest impliziert weist Piriniµci aber darauf hin, dass ein Neuanfang nur aus dem Herzen und nicht der Geldbörse kommen kann. Mit dieser versöhnlichen Geste schließt eine anfängliche interessante und vor allem über weite Strecken furios geschriebene Geschichte für den aufmerksamen, mitdenkenden Leser auf einer versöhnlichen Note.

Akif Piriniµci: "Die Damalstür"
Roman, Softcover, 384 Seiten
Goldmann Verlag 2003

ISBN 9-7834-4245-5256

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