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Thriller



Thomas Thiemeyer

Nerba

rezensiert von Thomas Harbach

Mit ‚ÄúNebra‚ÄĚ liegt der inzwischen vierte Wissenschaftsthriller aus der Feder Thomas Thiemeyers als Hardcover im Droemer Knaur Verlag vor. Im Gegensatz zu exotischen Orten wie Afrika in seinem Erstling ‚ÄúReptilia‚ÄĚ f√ľhrt Thomas Thiemeyer seine Protagonistin Hannah Peters in erster Linie in den Harz um die Zeit der insgesamt 500. Walpurgisnacht. Die Arch√§ologin Hannah Peters ist dem Leser schon aus Thiemeyers angesprochenem Erstling ‚ÄúReptilia‚ÄĚ genauso bekannt wie John Evans, ihr kurzzeitiger Freund und Kollege. Der Leser braucht nicht unbedingt Vorkenntnisse, um die verschiedenen Anspielungen auf die Abenteuer um die Medusa im tiefsten Afrika zu verstehen. Erstaunlicherweise extrapoliert Thomas Thiemeyer auch sehr wenig die schon im ersten Buch verfestigten Charakterz√ľge seiner beiden wichtigsten Protagonisten.

Der Roman beginnt - wie es sich f√ľr moderne Thriller geh√∂rt - mit einer dynamischen, actionorientierten Szene. Vier Jugendliche, die sich auf einer Klassenfahrt im Harz von ihrer Gruppe in eine H√∂hle abgesetzt haben, werden von fremdartigen menschen√§hnlichen Kreaturen au√üer Gefecht gesetzt, gefesselt und sollen schlie√ülich als Menschenopfer dienen. W√§hrend ein M√§dchen auf einem archaischen Altar hingerichtet wird, k√∂nnen die drei anderen Jugendlichen in letzter Sekunde entkommen. Wie weit sich Thomas Thiemeyer mit seinem inzwischen vierten Roman als Schriftsteller weiterentwickelt hat, zeigt die Souver√§nit√§t, mit welcher er aus diesem stakkatoartigen Auftakt im Verlaufe des Romans mehr macht. Was als Schocksequenz gedacht ist, wird sp√§ter zu einem integralen Bestandteil des Plots. Nicht unbedingt an allen Stellen √ľberraschend, aber zumindest erfrischend konsequent. Nach dem Prolog blendet die Handlung zu Hannah Peters √ľber, die den Auftrag erhalten hat, die geheimnisvolle Himmelsscheibe von Nerba zu untersuchen und der Forschung neue Impulse zu geben. Auf einer kurzen, aber nicht √ľberzeugend wirkenden Dienstreise nach √Ągypten - in modernen Zeiten h√§tte das alles per Mail oder Internet besprochen werden k√∂nnen, so hoch sind selbst die Budgets der Forschungsinstitute in Sachen- Anhalt nicht - erf√§hrt Hannah Peters einige Hinweise auf eine m√∂gliche Verbindung zwischen der Himmelsscheibe und der √§gyptischen Kultur, sp√§ter wird ihr noch eine anonyme E- Mail mit der Frage zugespielt, ob sie wirklich glaube, die Himmelsscheibe so einzigartig. Im Museum angekommen erf√§hrt sie, dass ihr Forschungsauftrag nicht verl√§ngert wird. Se hat nur noch wenige Wochen, um neue Erkenntnisse zu erlangen. Eine wage Theorie ist, das die Himmelsscheibe evtl. das Gebiet um den Brocken aus der Luft dargestellt abbilden k√∂nnte. Aufgrund des nachgewiesenen Alters der Himmelscheibe im Grund eine unglaubw√ľrdige Theorie. Trotzdem entschlie√üt sich Hannah Peters, in den Harz zu reisen und selbst auf Feldsuche zu gehen. Hier lernt sie mit Michael einen attraktiven Rechtsanwalt und Junggesellen kennen, der sich nicht nur f√ľr die arch√§ologische Geschichte des Harzes interessiert, sondern ihr sehr viel von den Sagen und Mythen dieser Gegend erz√§hlen kann. Auf einem Ausflug besteigen die Beiden eine geheimnisvolle und fast unbekannte H√∂hle. Hannah verf√§llt sehr schnell dem Charme ihres intelligenten Gastgebers, auch wenn der geheimnisvolle Million√§r Stromberg zusammen mit ihrem Freund John Evans eigene Ziele verfolgen. Auf einer weiteren Handlungsebene werden einige unschuldige Menschen von unbekannten Kreaturen angegriffen und get√∂tet. Die Spuren, welche die Angreifer hinterlassen, verwirren die Genetiker der Polizei.

‚ÄúNerba‚ÄĚ ist ein sehr ambivalentes Buch. Sicherlich geh√∂rt Thomas Thiemeyer zu den erfrischenden neuen Talenten des alleine durch das Angebot √ľberfrachteten Genre des Wissenschaftsthrillers. In Thomas Thiemeyers Fall sogar des arch√§ologischen Wissenschaftsthrillers. Immer an der Grenze zu den Indiana Jones Abenteuern mit ihrer Mischung aus mystischem Unglauben, Schuldbefreiender Action und gut recherchierten Hintergrundinformationen. In seinem letzten Roman ‚ÄúMagma‚ÄĚ griff der Autor auf einen leider sehr altbackenen Plot zur√ľck, dem er keine neuen Impulse geben konnte. ‚ÄúNerba‚ÄĚ n√§hert sich dem Klischee in manchen Sequenzen sehr bedenklich an, aber bis auf das zu cineastische und √ľbertriebene Ende gelingt es Thomas Thimeyer immer wieder rechtzeitig, den Bogen noch einmal zu kriegen. Das Buch wei√üt eine Reihe von St√§rken, aber auch inzwischen markanten Schw√§chen aus. Zu den Schw√§chen geh√∂rt die oft unterdurchschnittliche Charakterisierung seiner Figuren. Sie wirken oft zu h√∂lzern, zu extrem gezeichnet. In seinem Werk gibt es im Grunde kein Grau. Mit extrem soll nicht gut und b√∂se definiert werden, sondern eher die Tatsache angesprochen werden, dass sich Thomas Thiemeyer manchmal zu sehr bem√ľht, die Figuren interessant zu gestalten und dabei vergisst, das die meisten Menschen eher durchschnittlich sind. Zwar bem√ľht sich der Autor, den einzelnen Protagonisten einen entsprechenden Hintergrund zu geben, oft wirkt dieser aber zu bem√ľht. Diese Eindimensionalit√§t wirkt sich vor allem im letzten Viertel des Buches drastisch aus, als in einigen pathetisch sentimentalen Szenen der Bezug zwischen Leser und Protagonisten eher rudiment√§r ist. Insbesondere Hannah Peters wirkt teilweise zu distanziert gezeichnet. Thomas Thimeyer scheitert als Autor, als er seine Protagonistin als Frau zwischen zwei M√§nnern zu zeigen sucht. Da wird auch dialogtechnisch manchmal zu sehr in die Klischeekisten gegriffen. Ebenfalls schwach ist das Ende des Romans, das in typischer Indiana Jones Manier zu viel auf einmal will. Es w√§re sinnvoller gewesen, nicht alle Fragen zu beantworten. Eine gewisse Ambivalenz h√§tte die Spannung deutlich besser gehalten als das hier pr√§sentierte Ende, das einem drittklassigen Horrorroman entsprungen sein k√∂nnte, aber insbesondere hinsichtlich der aufgebauten Pr√§misse einfach nur entt√§uscht. Das die Protagonisten sich trotz der zahlreichen Opfer aus dieser Situation retten k√∂nnen, n√∂tigt Thomas Thiemeyer eine Reihe von plottechnischen Konstruktionen ab. Diese hemmen den Fluss der Handlung und lassen das Buch schwerf√§lliger und vor allem altert√ľmlicher erscheinen als das vom Autoren urspr√ľnglich sicherlich geplant worden ist. Ein bisschen pathetische Moral gegen die Umwelts√ľnden wird auf den letzten Seiten des Buches noch zur Befriedigung des Mainstreampublikums eingeflochten und das war es. Das ist viel zu wenig. Hier h√§tte sich Thomas Thiemeyer ein deutlich mehr ambitioniertes Ende aussuchen m√ľssen. Das wirkt alles zu glatt, auch wenn Hannah Peters mit ihren neuen Freunden mehrmals beinahe ums Leben kommt. Dem nicht zufrieden stellendem Ende setzt Thomas Thiemeyer mit einem wirklich pathetischen Epilog die Krone auf. Zu viel Schmalz. Vor allem, wenn der Leser ber√ľcksichtigt, das Hannah Peters schon in ihrem ersten Abenteuer sehr viel erleben durfte und musste. Die Dialoge stellen nicht immer ganz zufrieden. Teilweise sehr glatt und distanziert, dann wieder realistisch und gut zu lesen. Wie in einer Wundert√ľte ist sehr viel von allem dabei und hinterl√§sst in dieser Mischung keinen g√§nzlich zufrieden stellenden Eindruck.

Zu den St√§rken nicht nur diesen Romans geh√∂rt Thomas Thiemeyers F√§higkeit, zu unterrichten und zu erz√§hlen. Er bietet seinem Publikum in einer erstaunlich unaufdringlichen Art sehr viele Hintergrundinformationen an. Diese werden ausgesprochen gut in die laufende Handlung integriert und erweitern den Horizont in einer sehr angenehmen Art und Weise. Insbesondere hinsichtlich der Himmelsscheibe von Nerba ist es nach kurzer Zeit f√ľr den Leser nicht mehr zu unterscheiden, was wirklich noch Fakt ist und wo schon die Fiktion beginnt. Die Erl√§uterungen sind sehr plastisch, die Spekulation hinter der eigentlichen Handlung sehr √ľberraschend und vielschichtig. In dieser Hinsicht geh√∂rt ‚ÄúNerba‚ÄĚ zu den am meisten Zufriedenstellenden Arbeiten aus seiner Feder. Ebenfalls sehr gut gelungen ist dem Autoren die Atmosph√§re. Die Geschichte spielt √ľberwiegend in einem vielen Lesern vertrauten bzw. eher zug√§nglichen Gebiet - dem Harz - als zum Beispiel das tiefste Afrika in ‚ÄúReptilia‚ÄĚ. Diese Vertrautheit nutzt Thomas Thiemeyer, um eine g√§nzlich andere Seite dieser Region zu beschreiben. Tief im Aberglauben verwurzelt, voller Mythen und Sagen spannt der Autor im Grunde den Bogen von den Hexenverfolgungen bis zum Zweistromland. Ihm gelingt es, eine dunkle, bedrohliche und trotzdem zug√§ngliche Atmosph√§re zu beschreiben. Immer wenn sich Thomas Thiemeyer von seinem nicht immer wirklich zufrieden stellenden Plot l√∂st und entweder Hintergrundinformationen vermittelt, sondern mittels griffiger Bilder einfach die einzigartige Stimmung des Harzes einzufangen sucht, beginnt ‚ÄúNerba‚ÄĚ zu leben.

Wie bei ‚ÄúMagma‚ÄĚ stellt die Lekt√ľre des Buches den Leser nicht g√§nzlich zufrieden. Die St√§rken und Schw√§chen sind sehr stark ausgepr√§gt. Insbesondere die Kompromisse hinsichtlich der teilweise gegen Ende √ľberzogenen Handlung hinterlassen beim Leser einen zwiesp√§ltigen Eindruck. Im Vergleich zum deutlich schw√§cheren Roman ‚ÄúMagma‚ÄĚ stellt der vorliegende Thriller trotzdem eine klare Steigerung dar. Wer gerne eine weitere, phantastische Spekulation zur Geschichte der immer noch von Geheimnissen umgebenen Himmelsscheibe von Nerba lesen m√∂chte, wird zumindest oberfl√§chlich solide, wenn auch nicht brillant unterhalten. Wer gerne Thomas Thiemeyer als Autoren kennen lernen m√∂chte, wird immer noch mit ‚ÄúReptilia‚ÄĚ am Besten fahren.

Thomas Thiemeyer: "Nerba"
Roman, Hardcover, 506 Seiten
Droemer Knaur 2009

ISBN 9-7834-2666-2908

Weitere BŁcher von Thomas Thiemeyer:
 - Das verbotene Eden - Logan und Gwen
 - Das verbotene Eden: David und Juna
 - Der gl√§serne Fluch
 - Der Palast des Poseidon
 - Die Stadt der Regenfresser
 - Korona
 - Magma
 - Medusa
 - Reptilia

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