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Thriller



Lawrence Block

Grifter´s Game

rezensiert von Thomas Harbach

Schon in dem ebenfalls im Rahmen der Hard Case Crime veröffentlichten “The Girl with the long green Hair” hat sich Lawrence Block mit dem Thema des Grifters, des Kleinkriminellen auseinandergesetzt, der sich in erster Linie von Taschenspielertricks und Betrügereien lebt. Der vorliegende Roman ist in vielerlei Hinsicht ein interessanter Gegenentwurf mit einem deutlich zynischeren, für die damalige Zeit ohne Frage provozierenden Ende.

Joe Marlin ist ein attraktiver Mann in den mittleren Jahren, der in erster Linie von reichen einsamen Frauen lebt, die er ausnimmt. Zu Beginn des Romans erleidet er eine Niederlage. Er trifft auf sein weibliches Pendant, das in ihm einen großen Fang gewittert hat. So muss er vor Bezahlung der hohen Hotelrechnung fluchtartig die Stadt verlassen. Ein neuer Ort, ein neues Glück. Da er für ein neues Hotel dringend Gepäck braucht, um wieder die Zeche prellen zu können, stiehlt er am Bahnhof drei teuer aussehende Koffer. Im Hotel stellt er fest, dass diese neben schlecht sitzender Kleidung reines Heroin im Gegenwert von mehreren hunderttausend Dollar enthalten. Als sich am Ende noch die im gleichen Hotel lebende Mona ihm schöne Auge macht und von ihrem gefühllosen, reiche Mann berichtet, der weniger an seine Frau als an Geschäfte denkt, beschließt Joe Marlin, seine Prinzipien über Bord zu werfen und ein Verbrechen zu begehen, an das er bislang nicht gedacht hat: Mord.

Wie in vielen seiner anderen Krimis erzählt Lawrence Block die Geschichte ausschließlich aus der Ich- Erzählerperspektive. Die Intimität mit dem über weite Strecken opportunistischen, aber auch sympathischen Kleinkriminellen wird dem Leser im letzten Abschnitt zum Verhängnis, wenn der kühl berechnende Joe Marlin sich seine ihm zustehende Belohung auf eine derartig brutale wie abgebrühte Art und Weise holt, das man nicht mehr von einer klassischen Liebesgeschichte im Hardboiled Sinne sprechen kann. In den schwarzweiß Krimis werden die hinterhältigen Frauen entweder mit Gefängnis oder einer Kugel bestraft, aber niemals in eine derartige Abhängigkeit getrieben. Natürlich handelt Joe Marlin aus einer Mischung aus verletzter Ganovenehre und Egoismus entsprechend. Im Vergleich zu vielen anderen Gangstern oder manchem Detektiv hat er von Anfang an keine Moralvorstellungen. Er sieht sich weniger als Gigolo oder Callboy, auch wenn er diesem Beruf vielleicht am nächsten kommt, sondern als freier Unternehmer, der zumindest in der Theorie selbst entscheiden kann, in welche Richtung ihn der monetäre Wind treibt. Sein Handeln ist konsequent, wobei er sich der jederzeitigen Ergreifung und Bestrafung bewusst ist. Verfügt er über kurzzeitig ausreichende Mittel für seinen sehr gehobenen Lebensstil, agiert er arrogant und von oben herab. Er schaut auf die einfachen Menschen nieder, die im Gegensatz zu ihm mit ehrlicher Arbeit ihr Geld verdienen. Auf der anderen Seite ist er intelligent genug, sich ihre kurzzeitigen Dienste mit überdurchschnittlichen, aber nicht zu auffallenden Trinkgeldern zu suchen. Lawrence Block nimmt sich viel Zeit, den aus heutiger Sicht im Grunde unmöglichen Lebensstil des Grifters zu beschreiben. Während “The Girl with the long green Hair” aus der Planung des perfekten Verbrechens im Stile von Filmen wie “Der Clou” bestand, agiert Joe Marlin sehr viel zielstrebiger, aber auch simpler. Er plant den Mord an Monas Ehemann sehr präzise und sucht die Schuld an das organisierte Verbrechen abzuwälzen. Auf der anderen Seite verfolgt er seine “eigenen” Presseartikel voller Stolz. Während die gebrochenen Figuren in “The girl with the long green Heart” auch von einer Frau aufs Kreuz gelegt werden und ihr eigentlicher Coup ebenfalls durch einen Mord unterbrochen wird, erleidet Joe Marlin nach erfolgreich verübter Tat Schiffbruch. Im Gegensatz zu den plötzlich eines Mordes verdächtigen Kollegen, die verzweifelt ihren Betrug rückgängig zu machen und quasi anders herum abzuwickeln suchen, um die Polizei nicht auf sich zu lenken, ergreift Joe Marlin die Initiative, nachdem er erfahren hat, dass Mona ihn aufs Kreuz gelegt hat.
Strukturtechnisch lassen sich die beiden Grifter Romans Blocks ohne Probleme miteinander vergleichen. Eine lange Exposition, in welcher der Leser die jeweiligen Ich- Erzähler und wichtigsten Protagonisten kennen lernt. Während “The Girl wich the long green Heart” geschickt Rückblicke mit der Gegenwartshandlung verbindet, stellt sich Joe Marlin seinem Publikum in Media Res vor. Dadurch wirkt der Auftakt von “Grifter´s Game” schlanker. Der Mittelteil besteht aus der Planung des Verbrechens bzw. des Umgarnens des willigen Opfers, bevor das letzte Drittel vom Verbrechen dominiert wird, das in dieser Form nicht ganz bis zu Ende zufrieden stellend durchgeplant worden ist.
Polizei spielt in Blocks Grifterromanen keine entscheidende Rolle. Sie sind ein imaginäres Drohmittel im Hintergrund. Es finden zwar Befragungen statt, aber die Ganovenehre verbietet es, auf die Polizisten hinsichtlich möglichen Konsequenzen oder der Idee einer Rache zurückzugreifen. Die Isolation von der dem Leser vertrauten Ordnung gibt den Romanen einen fast surrealistisch realistischen Hintergrund. Die Handlung wird in eine Art kriminelle Parallelwelt verlegt, die eine unglaubliche Faszination auf die Leser ausübt, zu der sie aber keinen Zutritt haben.
Neben dem dominierenden Joe Marlin verfügt “Grifter´s Game” nur über eine einzige weitere dominierende Figur: Mona, die dem Roman bei seiner Erstveröffentlichung 1961 seinen Namen gegeben hat. Als Charakter ist ihre Entwicklung erstaunlich. Ob sie das Verbrechen von langer Hand geplant hat oder Joe Marlins Diebstahl der Koffer eine perfide Gottesfügung gewesen ist, bleibt handlungstechnisch offen. Sie ist eine erotisch sehr anziehende Frau, die es gewohnt ist, ihren Körper einzusetzen- sie ist aber nicht die reiche Geliebte, die alles mit sich machen lässt. Das sie am Ende dieses Opfers bringen muss, ist die schon mehrfach angesprochene zynische Variante. Wie alle Frauen in Blocks Grifter Romanen ist die Attraktivität mit einer emotionalen Kälte und Rücksichtslosigkeit gepaart, die an die faszinierenden Frauen der Film Noir erinnert und sie in sexueller Hinsicht ohne Frage übertrifft.
Der kurzzeitige Wandel von einer benutzten Frau zu einer Dame, die kauft/ benutzt, ist faszinierend und wird leider von Lawrence Block eher in einer Nebenszene expliziert dargestellt. Aufgrund seines komprimierten Erzählstils und der Notwendigkeit, das Tempo des Romans insbesondere im letzten Drittel hochzuhalten, gehen einige faszinierende Nebenkriegsschauplätze, die den Roman ungewöhnlich modern erscheinen lassen, verloren.
Im Gegensatz zu dem ehrgeizigen normalen Bürger ist das Opfer hier ein Krimineller. Viele Autoren würden den Drogenschmuggel von Monas Ehemann als Entschuldigung und Erklärung her nehmen. Ein Verbrecher, der aufgrund des Leids, das das Heroin anrichtet, auf jeden Fall und unabhängig von seiner Frau den Tod verdient hat.

“Grifter´s Game” scheint wie schon angesprochen der simplere der beiden bislang in der “Hard Case Crime” Reihe veröffentlichte Roman zu sein. Im Gegensatz zum komplizierten wie komplexen Betrugsplan von “The Girl wich the long green Hair” sind es die Zwischentöne, die aus dem vorliegenden Krimi ein perfides psychologisches Kammerspiel machen. In Bezug auf die einzelnen Abhängigkeiten der wichtigsten Charaktere untereinander - der erstaunlich passiv erscheinende Ehemann vervollständigt das Beziehungsdreieck nur in der Theorie - ist das vorliegende Buch nicht nur ein zynisches Portrait von Habgier und Rücksichtslosigkeit, sondern eine moderne auf verschiedenen ebenen funktionierende Rachegeschichte, deren Ende dem Leser angesichts der zynischen Schlussworte sehr lange im Gedächtnis bleiben wird.

Lawrence Block: "Grifter´s Game"
Roman, Softcover, 205 Seiten
Hard Case Crime 2004

ISBN 9-7808-4395-3497

Weitere Bücher von Lawrence Block:
 - Killing Castro
 - The Girl with the long green Heart

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